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Frans Verbeeck
Lot Nr. 33 
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Frans Verbeeck

(Mechelen um 1510–1570)
Der Narrenhandel,
Öl auf Leinwand, 135 x 188 cm, gerahmt

Provenienz:
Kunsthandel, Mailand, 1967;
Schweizer Privatsammlung, 1973;
von dort erworben durch Gianni Cellé, Mailand;
Filippo Franco, Brüssel, 1977;
von dort durch den jetzigen Besitzer aus Flandern erworben

Ausgestellt:
Florenz, 5a Biennale Mostra Mercato Internazionale dell’ Antiquariato, 1967, S. 843;
Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Jheronymus Bosch, 2001;
Mechelen, Museum Het Zotte Kunstkabinet, De Zotte Schilders, 2003;
Sint-Niklaas, Stedelijke Museum, Lof der Zotheid. Hekeling van de menselijke Zwijgershoek, 2006

Literatur:
A. Wied, „Een onlangs ontdekt schilderij van Frans Verbeeck“, in: Antiek, 1980, S. 214-216;
P. Vandenbroeck, „Het schildergeslacht Verbeeck. Voorlopige werkkataloog“, in: Jaarboek van het Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen 1981, S. 31-60; S. 55-57, Nr. 14a;
I. Kockelbergh, The Fascinating Faces of Flanders through Art and Society, Antwerpen 1998, S. 274/75, Nr. D68;
P. Vandenbroeck, Hieronymous Bosch: The wisdom of the riddle, in: Hieronymus Bosch: The Complete Paintings and Drawings, Rotterdam und Amsterdam 2001, S. 100–193;
J. Op de Beeck, De Familie Verbeeck. Een raar schildergeslacht uit Mechelen, in: De zotte schilders. Moraalridders van het penseel rond Bosch, Bruegel en Brouwer, Mecheln 2003, S. 88–93, Nr. 5

Erst mit der Publikation im Jahr 1980, erhielt das vorliegende Gemälde endlich die Aufmerksamkeit, die ihm aufgrund seiner außerordentlich hohen Qualität und stilistischen Einzigartigkeit sowie seiner vielschichtigen Ikonografie gebührt. Das Bild lässt sich ohne Vorbehalt neben die Werke von Größen wie Pieter Brueghel den Älteren und Hieronymus Bosch einreihen.

Alexander Wied, der das Original eingehend untersuchte, schreibt:

„Das außergewöhnliche Bild ist bereits zweimal, 1980 und 2003 (siehe Literatur), unter dem Namen Frans Verbeeck publiziert worden. Am ausführlichsten erforscht hat die Verbeeck-Familie Paul Vandenbroeck, zuerst in dem großen Aufsatz aus dem Jahre 1981 (siehe Literatur) und dann in weiteren Artikeln. 2003 erschien das Katalog-Buch zur Ausstellung De Zotte Schilders, in dem Jan op de Beeck ein ganzes Kapitel der Familie Verbeeck gewidmet hat und in dem auch Der Narrenhandel ausführlich besprochen wurde (siehe Literatur).

Zum Verbeeck-Problem führt Vandenbroeck (1981) aus: „Aus den Quellen (1) tritt deutlich zum Vorschein, dass in Mecheln im 16. Jahrhundert verschiedene Maler mit dem Namen Frans Verbeeck und verschiedene mit dem Namen Jan (Hans) Verbeeck gelebt haben; diese hatten ebenfalls eine Anzahl von Werkstattgehilfen. Die Texte beweisen auch die Existenz noch anderer Künstler aus der Familie Verbeeck, die offensichtlich eine weitverzweigte Malerdynastie war“. Vandenbroeck hat auch ein vorläufiges Werkeverzeichnis erstellt und nebst den Zeichnungen (die zum Teil schon von Giorgio Faggin (2) entdeckt und publiziert worden waren) 16 Gemälde zusammengebracht, die aufgrund weitgehender kompositorischer, stilistischer und ikonografischer Verwandtschaften der „Gruppe Verbeeck“ zugeschrieben werden können. „Daher“, so Vandenbroeck, „erscheint es vorläufig unsinnig, über ‚Frans‘ oder ‚Jan‘ Verbeeck zu reden und die hier genannten Werke einem dieser Künstler zuzuschreiben“. Nichtsdestoweniger wurde das Bild zuletzt im Ausstellungskatalog De Zotte Schilders (2003) wieder als Frans Verbeeck publiziert, dieses Mal mit dem Zusatz „de Oude“, d.h. dass man das Werk einem älteren Frans Verbeeck zugewiesen hat. Der Katalog teilte in seiner Liste die Werke auf zwei Generationen auf und kam inklusive der Werkstattarbeiten auf insgesamt 33 Gemälde und 37 Zeichnungen.(3)

In Mecheln war die Wasserfarbenmalerei auf Leinwand zuhause; diese diente teils als Ersatz für die teureren Tapisserien, zum Teil war es billige Kunst-handels-ware. Karel van Mander schrieb in seinem Schilderboeck (Haarlem 1604) in der Lebensbeschreibung des Hans Bol, dass in Mecheln 150 solche Ateliers bestanden (von denen er im übrigen nicht viel hielt). Hans Bol und Lucas und Marten van Valckenborch kamen aus diesem Milieu, Brueghel hat dort kurz an einem Altargemälde gearbeitet, und die Malerfamilie Verbeeck hat in Mecheln gelebt. Die Technik der Wasserfarben- bzw. Temperamalerei auf Leinwand hat den Nachteil der Vergänglichkeit, daher sind die meisten dieser Arbeiten verloren oder nur schlecht erhalten, so auch die Leinwandbilder der Verbeeck-Gruppe. Vorliegendes, überwiegend in Öltechnik ausgeführtes Gemälde hat den Vorteil einer sehr guten Erhaltung.

Zum Bild:

Die auf den ersten Blick unverständliche, vielfigurige Darstellung bedarf einer Erklärung.

In einer offenen, wiesenbegrünten Landschaft, unter einem großen Baum, wird mit kleinen Männchen gehandelt; diese sind zum Teil durch ihre Kappen und Schellen als Narren zu erkennen. Rechts im Bild eine Schenke, links eine Meeresküste mit Schiffen. Die ganze Szenerie ist durchsetzt mit Händlern und Käufern, die mit winzigen Narren beschäftigt sind; Närrchen en miniature (phantastische Verkleinerungen, die an Jonathan Swifts Gullivers Reisen erinnern) werden, wie Handelsware, feilgeboten und gekauft. Die Absurdität dieser Vorgänge kann nur als Allegorie zu verstehen sein. Sie verbildlicht wohl, dass menschliche Torheit immer im Umlauf und somit unausrottbar ist. Das Bild kann also allegorisch als Satire auf die Narrheit der Menschen verstanden werden.

Dieses Sujet, die Verspottung menschlicher Torheit, und seine eigenartige, szenisch ausschweifende Umsetzung ins Bild weicht von den bisher bekannten Themen der Verbeeck-Gruppe ab, die hauptsächlich, so weit erhalten, in Bauernhochzeiten, Versuchungen des Heiligen Antonius und, nur in einem Beispiel, einer Gula-Allegorie, der Fresssucht, bestehen. Abweichend von den übrigen „Tüchlein“ der Verbeecks ist auch das ungewöhnlich große Format und die Verwendung von Ölfarben im Unterschied zu der sonst ausschließlich verwendeten Temperatechnik. Die Ikonografie des Bildes ist äußerst komplex und kann hier nur in groben Zügen besprochen werden. Eine detaillierte Untersuchung wurde eingehend in dem schon zitierten Ausstellungskatalog De Zotte Schilders (Mecheln 2003) besorgt.

Ein paar Hauptszenen seien herausgegriffen:

Im Vordergrund sitzen Kaufleute an einem Tisch und wiegen kleine Narren, während ein Wanderkrämer und seine Frau aus einem Sack und aus Körben kleine Narren anbieten. Der Krämer ist wie mit einer Trense geschirrt und hat an der Stirn einen kleinen Narren sitzen, der mit dem Hammer auf die bekannte Steinoperation anspielt. Die operative Entfernung eines Steins aus der Stirn war ein von Hieronymus Bosch ausgehendes Bildthema, das im 16. und 17. Jahrhundert in zahlreichen Darstellungen und Variationen verbreitet war. Die Botschaft ist simpel: Es ist unmöglich, Dummheit operativ zu entfernen.(4) Im Hintergrund links ein weiterer Krämer, der unter einem Baum sitzt, weiters eine Waage unter einer Bedachung, auf der Narren gewogen werden, auf Wagen und sogar per Schiff werden kleine Narren als Nachschub herangebracht.

Im Mittelgrund rechts steht ein Mann an einem Tisch, der Narren verkauft, und bei der Herberge steht wieder ein Wanderkrämer mit Narren.Anregung oder Anleitung zu vielen anspielungsreichen, rebusartigen Details findet man in den satirischen Reimtexten der Rhetorikergilden, der sogenannten „rederijkers“ (vergleichbar etwa den heutigen Karneval- und Faschingsrednern), in denen Untugenden und Torheiten aufs Korn genommen wurden. Die in vorliegendem Bild angebrachten Schrifttäfelchen könnten kurze Sentenzen aus solchen „rederijker“-Texten beinhalten, sind aber leider nicht lesbar. Der Klerus bzw. der Katholizismus bekommt auch etwas ab: Das Liebespaar rechts am Bildrand sind als Mönch und Nonne erkennbar, dem Kloster entsprungen und frönen der Liebesnarretei. Ebenso närrisch ist links von der Hauptszene ein Pilgerpaar, das in Anbetung vor einem alten Narrenpaar niederkniet. Die Närrin säugt und füttert einen kleinen Narren mit Brei.

Zahlreiche weitere Anspielungen auf satirische Texte und hintersinnige Bedeutungen findet man in dem zitierten Katalog von 2003, die aus Platzgründen hier nicht wiedergegeben werde können. Nur ein Beispiel: Über dem Reigentanz rechts im Hintergrund hängt ein Käfig mit einem Narren, der auf einem großen Ei sitzt, aus dem ein kleiner Narr schlüpft: ein Verweis auf das Sprichwort „men mag geen zot eieren laten uitbroeden“, d.h. „Man lasse keinen Narren Eier ausbrüten, Narren brüten nur wieder Narren aus.“

Eine um einige Details reduzierte und etwas verkleinerte Werkstattkopie (102 x 158 cm, mit der Provenienz aus der Sammlung Hellberg, Stockholm 1938) (5) kam am 16. Oktober 2007 (Lot 38) im Dorotheum in Wien zur Auktion. Sie reicht in der malerischen Qualität nicht an das vorliegende Exemplar heran. Dieses nun bildet den Prototyp der Komposition und ist als ein Hauptwerk des Hauptmeisters dieser Malerfamilie anzusehen, der wahrscheinlich Frans Verbeeck geheißen hat.

Die kunsthistorische Positionierung der Werkgruppe Verbeeck liegt (auch zeitlich) zwischen Bosch und Brueghel. Die Kunst der Verbeecks kann in ihrer stilistischen Eigenart und selbständigen, reichen Ikonografie unabhängig neben das Werk dieser großen Meister gestellt werden. Sie geht, wie Vandenbroeck betont – im Gegensatz zu den Bosch-Nachfolgern Pieter Huys und Jan Mandyn – weder direkt auf Bosch noch auf Brueghel zurück. Die Verbeecks schufen so eine Bildwelt sui generis, die in ihrer Seltsamkeit in der zeitgenössischen niederländischen Malerei keine Parallele hat und uns mit ihren manchmal bis ins Skurrile und Karikaturhafte gesteigerten Menschentypen aus der flämischen Folklore überrascht und erstaunt. Das gut erhaltene Bild zeigt beispielhaft die hohe Qualität, die die meist ruinösen Wasserfarben-Bilder der Verbeeck-Gruppe nur mehr erahnen lassen.“

Wir danken Alexander Wied für den Katalogeintrag.

Anmerkungen:
(1) Karel van Mander 1604, Emmanuel Neeffs 1876 und Hyacinthe Coninckx 1903 u.1909.
(2) Giorgio T. Faggin, „Tra Bosch e Bruegel: Jan Verbeeck“, in: Critica d’Arte, Nr. 108, 1970, S. 53–65.
(3) Jan Op de Beeck, „De Familie Verbeeck. Een raar schildersgeslacht uit Mechelen“, in: De Zotte Schilders, Mecheln 2003, S. 45–54; S. 51–53.
(4) Siehe dazu Koldeweij et al. 2001, S. 149 mit weiterführender Literatur.
(5) Im Katalog-Buch Alte Gemälde aus der Sammlung Ivar Hellberg (Stockholm), Malmö 1938, wird der Name Frans Verbeeck schon geäußert und zwar von Gustav Glück und Max J. Friedländer, der das Vorwort des Buches schrieb.

Experte: Damian Brenninkmeyer

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+43 1 515 60 200

DETAILS ZUR AUKTION

Alte Meister
Datum: 21.10.2014, 17:00
Auktionsort: Palais Dorotheum Wien
Besichtigung: 11.10. - 21.10.2014
Auktionator:

**Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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