James Francis Edward Stuart: Der König, der keiner war

Nicolas de Largillières Porträt des James Francis Edward Stuart als Prince of Wales ist eine bedeutende Wiederentdeckung, war es doch bisher nur von einem Stich Gérard Edelincks bekannt. Es zeugt von den politischen und religiösen Wirren der Zeit und zeigt, wie Kunst die politische Propaganda unterstützte.

Mehr als 200 Jahre hatte die Königsfamilie Stuart Schottland bereits regiert, als Jakob VI. 1603 unter dem Namen Jakob I. Königin Elisabeth I. auf dem englischen Thron ablöste. Fortan waren Schottland, England und Irland unter einer Krone vereint.

Jean-François de Troy Prinz James Francis Edward Stuart 1688–1766 Sohn von Jakob VII. bzw. II., 1701
Jean-François de Troy Prinz James Francis Edward Stuart 1688–1766 Sohn von Jakob VII. bzw. II., 1701

Der Sohn und Nachfolger Jakobs I., der glücklose Karl I., wurde hingerichtet. Großbritannien und Irland waren daraufhin kurzzeitig Republiken, bis die Stuarts 1660 unter Karl II. wieder die Herrschaft übernahmen. Nach Karl II. bestieg dessen Bruder als König Jakob II. von England und Irland (gleichzeitig Jakob VII. von Schottland) den Thron. Ihm wurden nach dreieinhalbjähriger Herrschaft die politischen Grabenkämpfe zwischen Katholiken und Protestanten zum Verhängnis: Die Geburt seines ältesten Sohnes Prince James Francis Edward Stewart am 10. Juni 1688 im Londoner St James’s Palace – er ist hier als Dreijähriger zu sehen – löste eine schwere Krise aus. Als Sohn Jakobs II. von England und dessen zweiter Ehefrau, der Katholikin Maria von Modena, hatte James Francis Edward Anspruch auf die Thronfolge in England, Schottland und Irland. Seine unerwartete Geburt fünf Jahre nach der Heirat seines Vaters Jakob II. verstörte viele Protestanten, die mit Prinzessin Maria II. als Thronfolgerin gerechnet hatten: Die Tochter Jakobs II. aus erster Ehe mit Anne Hyde war wie ihre jüngere Schwester Anna protestantisch erzogen worden.

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Solange die Möglichkeit bestand, dass eine der bei den protestantischen Prinzessinnen die Erbfolge antritt, betrachteten die Gegner des Königs seine Herrschaft als vorübergehenden Missstand. Mit der Geburt eines Sohnes aber war die mutmaßliche protestantische Thronfolgerin ausgebootet; es drohte eine katholische Herrschaft. Jakobs tolerante Religionspolitik, seine Bemühungen um Lockerung des Strafrechts für Katholiken und seine engen Verbindungen zum katholischen Frankreich stießen in höchsten politischen Kreisen auf Ablehnung. Hochrangige englische Protestanten verbündeten sich nun mit dem niederländischen Statthalter Wilhelm von Oranien, der mit Jakobs ältester Tochter, Prinzessin Maria, verheiratet war. Wilhelm landete im November 1688 mit einer großen Invasionsflotte in England und vertrieb Jakob II. nach geringer Gegenwehr und gewonnener Schlacht.

Am 9. Dezember schmuggelte Maria von Modena, als Wäscherin verkleidet, ihren sechs Monate alten Sohn James nach Frankreich. Der Junge wuchs im Schloss Saint-Germain-en-Laye nahe Versaille auf, das sein Cousin Ludwig XIV. dem vertriebenen Jakob II. als Exilresidenz zur Verfügung gestellt hatte. Seine Familie wurde vom „Sonnenkönig“ hofiert und war häufig zu Gast in Versailles, wo man ihn wie einen herrschenden König behandelte.
Wilhelm und Maria wurden im Februar 1689 im Zuge einer Revolution zu König und Königin von England, Schottland und Irland. Damit waren alle Pläne vereitelt, den Katholizismus in Großbritannien und Irland wieder zur Staatsreligion zu machen. Für die katholische Bevölkerung waren die sozialen und politischen Folgen verheerend: Sie verlor das Wahlrecht und sämtliche Offizierspatente in der Armee, bekam über ein Jahrhundert lang keinen Sitz im Parlament. Monarchen durften weder katholisch sein noch durften sie Katholiken heiraten.

Sir Godfrey Kneller / John Smith Prinz James Francis Edward Stuart, 1688–1766 Sohn von Jakob VII. bzw. II., 1688
Sir Godfrey Kneller / John Smith Prinz James Francis Edward Stuart, 1688–1766 Sohn von Jakob VII. bzw. II., 1688. Der Stich veranschaulicht die Massenferti- gung von Porträts des im Exil lebenden und von den Jakobiten unterstützten Königshau- ses Stuart. Der Besitz solcher Bilder stand in Großbritannien und Irland unter Strafe.

Nach dem Tod seines Vaters beanspruchte James Francis Edward Stewart als James III. den englischen und als James VIII. den schottischen Thron. Er wurde zwar von Spanien, dem Kirchenstaat und Frankreich als König anerkannt, nicht jedoch in England selbst: Nach dem Tod seiner Halbschwester Königin Anna und der Weigerung, zum Protestantismus zu konvertieren, verlor er alle Rechtsansprüche. An seiner Statt wurde 1714 der deutschsprachige Protestant Kurfürst Georg I. Ludwig von Hannover, ebenfalls ein Cousin James’, als George I. Oberhaupt des wenige Jahre davor gegründeten Königreiches Großbritannien.

Das vorliegende Bild zeigt die vielfältige Kunstproduktion rund um den Hofstaat der Stuarts im französischen Exil. Ganz und gar majestätisch gehalten, war es zweifellos dazu angetan, James’ englischen Gegenspieler in den Schatten zu stellen. Nicht auszumalen, wie Leben und Kultur in Großbritannien und Irland sich entwickelt hätten, wenn er je im Land seiner Geburt regiert hätte! Denn unter anderen Umständen wäre ihm eine der längsten Regentschaften in der britischen und irischen Geschichte vergönnt gewesen – vom Ableben seines Vaters im Jahr 1701 bis zu seinem eigenen Tod 1766.

Erfahren Sie mehr zu dem Gemälde und seiner spannenden Geschichte, einem Game of Thrones in England könnte man fast sagen, im Dorotheum-Video!

 

 

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