Egon Schiele, radikaler Zeichner

Egon Schiele liegende Frau

Egon Schiele ist einer der bedeutendsten und radikalsten Zeichner des 20. Jahrhunderts. Er erhob die Zeichnung zur autonomen Kunstform. Zwei 85 Jahre in Privatbesitz befindliche Werke bietet das Dorotheum im November an.

Am 28. Oktober 2018 jährt sich der Todestag von Egon Schiele zum 100. Mal. In der Auktion „Klassische Moderne“ am 21. November bietet das Dorotheum schon heuer zwei bedeutende Zeichnungen des großen Protagonisten der Wiener Moderne an, die mehr als 85 Jahre in privatem Familienbesitz waren.

Egon Schiele

1917 ist eines der künstlerisch reichsten Jahre Schieles. Trotz Kriegsgeschehens und seiner Aufgaben als Bewachungssoldat für russische Kriegsgefangene kann Schiele weiter seiner künstlerischen Arbeit nachgehen und an internationalen Ausstellungen teilnehmen. Gemeinsam mit Albert Paris Gütersloh wird er schließlich beauftragt, die Kriegsausstellung 1917 im Prater zu organisieren.

Parallel dazu entstehen zahlreiche Porträts und Aktdarstellungen, darunter viele von seiner Frau Edith und ihrer älteren Schwester Adele. Zu diesen Aktzeichnungen zählt auch das in der Auktion im November präsentierte Blatt der „Liegenden Frau“ von 1917. Ob es sich bei der Dargestellten um Adele handelt, muss im Bereich der Spekulation bleiben. Unbestritten demonstriert die „Liegende Frau“ aber, wie sehr Schiele hier, wie in allen seinen Aktzeichnungen, mit hergebrachten Traditionen bricht und sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Hinsicht neue Wege beschreitet.

Die Position des Künstlers als versteckter Beobachter, wie sie die französischen Protagonisten der Aktmalerei wie Edgar Degas oder Henri de Toulouse-Lautrec suggerieren, die ihre Modelle bei alltäglichen Verrichtungen, beim Baden, Entkleiden oder beim Schlafen, zeigen, wird bei Schiele aufgegeben, die Dargestellte aus jedem räumlichen Umfeld herausgelöst. Selbst Gustav Klimt zeigt seine Modelle als ihrer Sexualität hingegebene Wesen mit geschlossenen Augen, die den Künstler nicht zu bemerken scheinen.

Egon Schiele Liegende Frau
Egon Schiele Liegende Frau, 1917 Gouache, schwarze Kreide auf Papier, 45 x 29,7 cm, Schätzwert € 700.000 – 1.200.000

Die liegende Frau – ein autonomes Kunstwerk

Schieles Liegende hingegen präsentiert sich dem Zuschauer, macht die aktive Beziehung zwischen Maler und Modell deutlich. Die Rolle des Betrachters ist bewusst einkalkuliert, der Vorgang des Ansehens wird zum Thema. Schieles Akte – die „Liegende Frau“ wie auch seine anderen Darstellungen von Frauen in den unterschiedlichsten Posen und Positionen – sind bewusste Inszenierungen von Körper und Sexualität: Schiele macht die Erotik zum Bildgegenstand und erhebt damit die erotische Aktzeichnung, die in der Kunstgeschichte bisher vor allem die Funktion einer Studie hatte, zum autonomen Kunstwerk.

Faszinierend ist auch der formale Aspekt: das raffinierte Linienspiel, die diffizilen Verkürzungen und Überschneidungen, Schieles Blickregie, die mitunter die Grenzen des Zeichenblattes sprengt.

Bedeutender radikaler Zeichner

Zu Recht wird Schiele als einer der bedeutendsten und radikalsten Zeichner des Jahrhunderts gesehen, wie auch der große Sammler und Schiele-Spezialist Rudolf Leopold festhält: „Das bildnerische Mittel, das sich Schiele zunächst schuf und mit dem er zuerst seine künstlerische Eigenart, ja Meisterschaft bewiesen hat, war die persönliche Linie. Dabei hat Schiele auch die Methode des Hervorhebens und Weglassens zu hoher Kunst entwickelt. Wie nicht bald einem anderen Graphiker ist es Schiele gelungen, mit der Zeichnung allein – und hier oft nur mit Umrissen – sowohl Formsituationen als auch Emotionen mitzuteilen. Für den Zeichner Schiele steht die einzigartige Sonderstellung innerhalb des Expressionismus außer Frage. Von keinem anderen ist die Linie so virtuos und ausdrucksvoll zugleich gestaltet worden: schneidend hart und anschmiegsam – konstruktiv oder fragil – spröd, nervös, wie kritzelnd oder gespannt – intermittierend oder heftig ausfahrend.“

Egon Schiele Frauenkopf
Egon Schiele Frauenkopf, 1918 schwarze Kreide auf Papier, 46,3 x 29,5 cm Schätzwert € 200.000 – 300.000

… und der Kopf einer Frau

Der „Kopf einer Frau“ aus der gleichen Sammlung, der ebenfalls zur Auktion gelangt, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie es Schiele gelingt, mit wenigen Strichen, mit Hervorheben und Weglassen Emotionen einzufangen.

Dieses Frauenporträt ist mit 1918 datiert. Schiele plant, in diesem Jahr mit Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Arnold Schönberg, Anton Hanak und Peter Altenberg eine „Kunsthalle“ ähnlich der Secession zu gründen. Das Projekt scheitert aber an den mangelnden finanziellen Mitteln. Am 6. Februar 1918 stirbt Gustav Klimt.

Schieles Durchbruch

Den großen Durchbruch für Schiele, auch den größten finanziellen Erfolg bedeutet die Ausstellung der Wiener Secession im gleichen Jahr; die Österreichische Galerie im Belvedere erwirbt das Gemälde „Edith Schiele sitzend“, der erste und einzige Museumsankauf eines Schiele-Bildes zu Lebzeiten des Künstlers. Schieles Werke finden nun großes Ansehen und viele Sammler. Schiele kann ein weiteres Atelier mieten und will eine Kunstschule gründen, schmiedet zahlreiche Pläne: die Gründung des Sonderbundes mit Geschäftsstelle in der Wiener Innenstadt, neue Ausstellungen, die Ausstattung eines Mausoleums mit Malereien zu den Themen „Religion, Weltbegriff, Lebensmühen, Tod, Auferstehung, ewiges Leben“.

Der Ausbruch der Spanischen Grippe im Wien der letzten Kriegstage setzt allen Plänen ein Ende: Edith Schiele stirbt am 28. Oktober, nur drei Tage später, erst 28 Jahre alt, erliegt auch Egon Schiele der Krankheit.

Das Jahr 1918 bringt nicht nur den Untergang der Donaumonarchie und das Ende der alten Weltordnung, mit dem Tod von Gustav Klimt, Egon Schiele, Kolo Moser und Otto Wagner geht auch eine bahnbrechende Periode der österreichischen Kunstgeschichte zu Ende.

Information: Elke Königseder, Expertin für moderne und zeitgenössische Kunst

AUKTION

Klassische Moderne
21. November 2017, 18 Uhr
Palais Dorotheum Wien

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