Fernand Huts oder DER MODERNE PROMETHEUS

Charismatisch, sympathisch, intelligent und äußerst faszinierend, ist Fernand Huts einer der erfolgreichsten Belgier und Liebkind der Presse. Dabei nimmt er sich nie ein Blatt vor den Mund. Ganz nebenbei ist er auch einer der größten Kunstliebhaber und Mäzene Flanderns. Vor Kurzem hat Huts angekündigt, jedes Jahr Fördermittel in der Höhe des gesamten Museumsbudgets der flämischen Regierung für eigene Kulturprojekte zur Verfügung zu stellen.

Auf die Frage, wie alles begonnen habe, hat uns der Selfmade-Mann bereitwillig seine unglaubliche Lebensgeschichte erzählt:
Bereits sehr früh, in den 1970er-Jahren, gründete ich mit all meinen Ersparnissen und jenen meiner Frau einen Gemüse- und Lebensmittelhandel. Ich setzte mich jahrelang intensiv mit diesem Wachstumsmarkt auseinander, verkaufte das – inzwischen florierende – Unternehmen und wurde Teilhaber des Hafenlogistik-Unternehmens Katoen Natie, einer mittelgroßen Genossenschaft mit 60 Angestellten. Durch Modernisierungsmaßnahmen, Innovationen und eine kluge Nischenstrategie haben wir daraus einen Weltkonzern mit 13.000 Mitarbeitern gemacht. Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für Kunst. Kunst ist für mich die Seele des Volkes, der Nährboden individueller und unternehmerischer  Kreativität, der Inbegriff des Spielerischen.

„Das Spiel ist die Mutter der Kreativität und Kreativität ist die Mutter von Innovation.“

Wie alle halbwegs gut situierten Mittelstandsunternehmer begann ich irgendwann, völlig unbefangen, im großen Stil prächtige Landschaftsbilder zu sammeln, wie sie etwa die flämische Laethemer Schule hervorgebracht hat. Ich besuchte Kunstgeschichte-Vorlesungen und lernte einen Experten für koptische und antike Textilien kennen. Der große Erfolg von Katoen Natie erlaubte es meiner Frau und mir, mit dem Spiel ernst zu machen und eine der weltweit herausragenden Sammlungen in diesem Bereich aufzubauen; am Hauptsitz des Unternehmens in Antwerpen ist mittlerweile eine Dauerausstellung zu sehen.

Nachdem Katoen Natie nun auch international tätig war, verbrachten wir stets einen Teil des Jahres im Ausland – genauer gesagt in Lateinamerika, wo die dortige Kunstlandschaft unsere Umgebung beeinflusste. Damit war der Grundstein für eine weitere Sammlung gelegt: Jahrelang erwarben wir lateinamerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts, lernten bedeutende lateinamerikanische Künstler kennen und freundeten uns sogar mit einigen von ihnen an. So kamen wir an einzigartige Stücke und entwickelten in der Auseinandersetzung damit ein tiefes Verständnis für den wechselseitigen Einfluss unser beider Kulturen. Dank dieser erfolgreichen Begegnung von Nord und Süd gibt es in unserem Unternehmensgelände im Hafen von Antwerpen etliche beeindruckende Werke von Künstlern wie dem Bildhauer Pablo Atchugarry zu bestaunen, mit dem uns eine enge Freundschaft verbindet.

Wir interessierten uns für lateinamerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts, aber auch für belgische und westeuropäische Nachkriegskunst. Das war die Geburtsstunde einer großen Sammlung von COBRA-Werken und äußerst eindrucksvollen zeitgenössischen Skulpturen, allen voran eine monumentale Variante des Brabo-Brunnens von Wim Delvoye.

Mir wurde klar, dass die – man kann es nicht anders sagen – ruhmvolle Geschichte Flanderns und sämtliche Formen der Kunst, die sie hervorgebracht hat, sowohl in Belgien als auch international stark unterschätzt sind. Dadurch war mein Interesse an Alten Meistern geweckt. Sie zu sammeln bietet einen großen Vorteil: Man hat kaum ernst zu nehmende Konkurrenz und kommt immer wieder an grandiose Werke von großen Meistern, die zum Schnäppchenpreis zu haben sind. Nachdem ich immer schon ein Faible für Nischen hatte, schritt ich also zur Tat. 2014 ersteigerten wir im Dorotheum ein herrliches Gemälde, das in der demnächst stattfindenden Ausstellung „Golden Times“ einen zentralen Platz einnehmen wird, stellt es doch, wie ich finde, eine gute psychologische Landkarte meines Gehirns dar: „Der Narrenhandel“ von Frans Verbeeck ist einfallsreich, komplex, vielfältig, unverfroren und voller überraschender Details. Kein wahrer Kunstliebhaber könnte je daran vorbeigehen, ohne überwältigt zu sein.

Frans-Verbeeck, Der-Narrenhandel, Öl auf Leinwand, Auktion Alte Meister, Oktober 2014
Frans Verbeeck, Der Narrenhandel, Öl auf Leinwand, Auktion Alte Meister, Oktober 2014

Die Spielwiese der Kunst

Beim Kunstsammeln ging es uns nie um das Besitzen. Vielmehr eröffnete sich uns damit eine fantastische Spielwiese, und schon das Spielen allein bereicherte unsere Projekte ungemein. Überhaupt geht es immer und überall ums Spiel: Es ist die Mutter der Kreativität, und die Kreativität ist die Mutter der Innovation. Im geschäftlichen Kontext fiel uns irgendwann auf, dass Menschen äußerst positiv reagieren, wenn sie bei der Arbeit von Kunst umgeben sind. Wir haben diese Erkenntnis bei der Planung unserer Geschäftsflächen, Verbindungsgänge und Büros berücksichtigt, die vor Kunst nur so strotzen. Das zieht kreative Menschen an und beflügelt ihren Einfallsreichtum. Ein Gebäude auf diese Weise zu errichten und auszustatten, kostet rund 30 Prozent mehr als in herkömmlicher Bauweise. Doch jeder im Unternehmen findet, dass das eine Investition ist, die sich lohnt.

Neulich habe ich zwei wichtige Entscheidungen getroffen:
Die erste bestand darin, unsere Sammlungen in eine Stiftung mit dem treffenden Namen Phoebus einzubringen. Dort sollen sie für alle Zeit bestehen – unabhängig von meinem Schicksal und jenem meiner Frau, meiner Kinder und Katoen Naties.
Zum Zweiten beschloss ich, etwas gegen die chronische Unterfinanzierung der Kunstwelt und ihrer Akteure zu tun. Zu jammern und mit dem Finger auf andere zu zeigen liegt mir nicht, also habe ich die Entscheidung getroffen, jedes Jahr rund acht Millionen Euro in Kunstprojekte zu investieren, die mich begeistern.

Die Kunstwelt steckt voller kreativer Köpfe mit tollen Ideen, die aber förmlich in den Einrichtungen ersticken, für die sie arbeiten. Man nimmt ihnen dort jegliche Möglichkeit, Bedeutendes zu schaffen. Sollen sie doch mit ihren Ideen zu mir kommen – nur her mit ihnen!

Projekte

Allerdings haben die Projekte, die wir im Auge haben, fünf Voraussetzungen zu erfüllen: Sie müssen wissenschaftlich fundiert sein, sich modernster Methoden bedienen, kreativ, bereichernd und von einem gesunden Unternehmensgeist geprägt sein, wie wir ihn selbst natürlich auch mitbringen, und einen direkten Bezug zur Geschichte und Identität Flanderns aufweisen.

Jan Brueghel I, (1568 – 1625), Die Rast an der Windmühle, Auktion Alte Meister, April 2015
Jan Brueghel I, (1568 – 1625), Die Rast an der Windmühle, Auktion Alte Meister, April 2015

Ich weiß nicht, wie oft ich im Ausland in Buchhandlungen war, deren Regale sich unter der Fülle historischer und kunsthistorischer Bücher über unsere geografischen Nachbarn bogen, aber nur drei oder vier schmale Bände über Flandern enthielten. In Anbetracht unserer reichen Kulturgeschichte muss sich das ändern. Gleichzeitig sollten neue Projekte auch innovativ sein und unseren aktuellen Wissensstand erweitern.

Katharina Van Cauteren, Buchcover
Katharina Van Cauteren, Buchcover
Ferdinand Huts, Photograph by Marc Gysens
Fernand Huts, Foto: Marc Gysens

Eines unserer Projekte ist ein geistreiches und sehr erfrischendes Buch von Katharina Van Cauteren.

Darin geht es um den gescheiterten Versuch zweier Habsburger Statthalter der Südlichen Niederlande – nämlich der spanischen Infantin Isabella Clara Eugenis und ihres österreichischen Gemahls Erzherzog Albrecht VII. –, über ihren Hofmaler an die Kaiserkrone zu gelangen: Er sollte hochrangige Entscheidungsträger mithilfe von Kitsch dazu bringen, sie auf den Thron zu hieven. Parallel zur Publikation zeigt das M – Museum Leuven eine Ausstellung zum Thema. Besagter Hofmaler, Hendrick De Clerck, ist mittlerweile vom Radar der Kunstwelt verschwunden; mit dem Buch und der Ausstellung wird sich das ändern.

Franz Pourbus II. Werkstatt Bildnisse Philip II. von Spanien und seiner Gemahlin Margarete von Österreich. Auktion Alte Meister, Oktober 2015
Franz Pourbus II. Werkstatt Bildnisse Philip II. von Spanien und seiner Gemahlin Margarete von Österreich. Auktion Alte Meister, Oktober 2015

Ein anderes Projekt ist die bereits erwähnte Ausstellung „Golden-Times“. Sie handelt vom Aufstieg Flanderns und Antwerpens im 15. und 16. Jahrhundert zu einer globalen, kosmopolitischen Wirtschaftsmacht und vom plötzlichen Ende dieser Blütezeit.

Im Zentrum der Schau wird Verbeecks im Dorotheum erworbenes Gemälde „Der Narrenhandel“ stehen. Die Ausstellung wird voraussichtlich im Juni 2016 in Gent eröffnet.

So spricht ein Mann, der eine Nische gefunden und mit eiserner Beharrlichkeit, verspielter Kreativität und konsequentem Innovationsdrang ein riesiges Firmenimperium aus dem Boden gestampft hat. Kunst und Kultur liefern ihm Inspirationen und Ideen für geschäftliche Aktivitäten und das Engagement für seine Kultur und sein Land. Dafür scheut er keine Mühen und ist bereit, große Opfer zu bringen.
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von Wilfried Van Gaver
und Honorine D’Ursel

(myART MAGAZINE Nr. 07/2016)

Information:
Wilfried Van Gaver ist Sales Officer für Alte Meister in der Brüsseler Repräsentanz des Dorotheum.
Honorine d’Ursel leitet die Brüsseler Repräsentanz des Dorotheum.

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