Imperiales Erbe

Die mehr als 300-jährige Geschichte des Dorotheum ist eng mit jener des Habsburger-Reiches verbunden. Besonders drei Kaiser waren es, die das Auktionshaus entscheidend prägten

Von Michaela Strebl-Pühringer

Joseph I. (1678–1711) und das Dorotheerstift um 1730.
Joseph I. (1678–1711) und das Dorotheerstift um 1730.

DER GRÜNDER

Der Gründer des Dorotheum, Joseph I., war ein vielseitig begabter und hochintelligenter junger Mann: Er beherrschte sieben Sprachen perfekt, war ausgebildeter Architekt und wie sein Vater Leopold I. ein begeisterter Musiker. Zeitgenossen schildern ihn als ausgesprochen attraktiv, abenteuerlustig, draufgängerisch und waghalsig. Bereits mit neuen Jahren wurde er zum König von Ungarn gekrönt, 1705 nach dem Tod seines Vaters zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gewählt. Mit Prinz Eugen an seiner Seite war Joseph I. im Spanischen Erbfolgekrieg erfolgreich, was ihm den Beinamen „der Sieghafte“ eintrug. Als barocker Herrscher und neuer Sonnenkönig plante Joseph mit dem Bau von Schönbrunn Versailles zu übertreffen, politisch trieb er zahlreiche Reformen voran, setzte sich für eine Abschaffung der Robot des Frondienstes, ein, straffte die Verwaltung, erneuerte das Steuerwesen. Er ließ die von den Türken verwüstete Josefstadt neu aufbauen, das Kärntertortheater errichten, die große Glocke der Stephanskirche, die Pummerin, gießen und gründete 1707 das heutige Dorotheum – damals hieß es noch „versatz- und Fragamt“. Das kaiserliche Gründungspatent sah eine Funktion als Auktionshaus, Pfandinstitut mit sozialem Auftrag nach dem Vorbild des italienischen „mons pius“ und Vermittlungsbörse von Mobilien, Immobilien und Dienstpersonal vor. Bereits vier Jahre später, mit erst 33 Jahren, starb Joseph I., wenige Tage, nachdem er an den Schwarzen Blattern erkrankt war.

Gründungspatent des Versatz- und Fragamts vom 14. März 1707.

DER NAMENSGEBER

Joseph II., ältester Sohn Maria Theresias, trat für einen aufgeklärten Absolutismus ein. in seiner nur zehnjährigen Regierungszeit in den Habsburgischen Erblanden (1780–1790) setzte er Reformen rasch um: eine Vereinheitlichung der Verwaltung, Abbau von Privilegien, Reformierung des Rechtswesens, Verbesserung von Sozial- und Gesundheitswesen, Verabschiedung des Toleranzpatentes für Religionsfreiheit, Säkularisierung „beschaulicher“ Orden … Aus heutiger Sicht leitete Joseph II. bahnbrechende Neuerungen ein, damals waren die Änderungen vielen zu radikal.

Joseph II. (1741–1790) Gemälde von Josef Hickl 18. Jahrhundert.

Als „Volkskaiser“ mischte sich Joseph II. gerne unerkannt unter die Leute und soll, verkleidet als einfacher Bürger, auch das Dorotheum inspiziert haben. in jedem Fall kümmerte sich der Kaiser persönlich um die Angelegenheiten des Hauses, sorgte für die Öffnung der ursprünglich nur sehr Wohlhabenden zugänglichen Institution für alle Bevölkerungsschichten und für einen reglementierten Ablauf des Auktionsbetriebs. Bei der Wahl eines neuen Standortes widersetzte er sich den anderslautenden Vorschlägen seiner Beamtenschaft und wählte eine noble, beim Adel beliebte Adresse in Hofburg-Nähe: 1787 überließ er den Unternehmen die Räumlichkeiten des von ihm aufgelassenen Augustiner-Chorherren-Stiftes mit der Kirche zur hl. Dorothea. Sie gab der Institution ihren heutigen Namen: Dorotheum.

DER BAUHERR

Kaiser Franz Joseph I. war der am längsten regierende Habsburger Monarch. In seiner mehr als 60-jährigen Amtszeit von 1848 bis 1916 führte er die Donaumonarchie von den Revolutionsjahren bis in die Jahre des Ersten Weltkriegs. Während dieser Zeit, in der Ringstraßenära, erhielt Wien ein neues Gesicht. An der Stelle der alten Stadtmauer und des Glacis entstand eine mächtige Prachtstraße mit eindrucksvollen Prunkbauten im historischen Stil, die das Stadtbild entscheidend prägten.

Das neu erbaute „Versatz-, Versteigerungs- und Verwahrungs-Amt“. Lithografie nach einer Zeichnung von Franz Freiherr von Krauß, 1901.

Auch das in unmittelbarer Umgebung der Ringstraße gelegene Dorotheum wurde neu errichtet, davor wurden die alten Klostermauern geschliffen. Erich Graf Kielmansegg, Statthalter von Niederösterreich und Innenminister, ließ im kaiserlichen Auftrag ein Auktionspalais bauen und orientierte sich dabei an internationalen Vorbildern. Der ausgewählte Architekt, Emil Ritter von Förster, entwarf einen Monumentalbau in barocker Tradition, mit herrschaftlicher Einfahrt, gleich 13 Auktionssälen, Repräsentations- und Ausstellungsräumen sowie einem eindrucksvollen Festsaal mit Galerie und imperialen Insignien, dem Franz Joseph Saal.

Schon damals waren die Innenausstattung und die klimatisch optimalen Kellerdepots hoch modern. Am 12. November 1901 nahm der Kaiser, umgeben vom österreichischen Hochadel, persönlich die feierliche Eröffnung vor.

Auch heute noch bietet das Palais das attraktive Ambiente für die Präsentation der großen internationalen Auktionen des Dorotheum. Das älteste Auktionshaus der Welt ist damit wohl auch eines der schönsten.

Auktionsszenen damals …
… und heute.

Michaela Strebl-Pühringer ist Kunsthistorikerin, Germanistin und Werbekauffrau.
Sie leitet die Marketing-Abteilung des Dorotheum. 

(myART MAGAZINE Nr. 01/2013)

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