Sammlerin im Portrait: Interview mit Angelika Taschen

Buchverlegerin Angelika Taschen als Interieurgestalterin. Ein Interview mit der Kosmopolitin und Stilexpertin über die Notwendigkeit von Schönheit und Kunst jenseits von Behübschung.

Angelika Taschen auf der Karl-Marx-Allee © Sandra Semburg / Knesebeck Verlag

Sie haben schon in einigen Städten weltweit gelebt und sind viel gereist. Zeigt sich bei allen Orten trotz aller Verschiedenheit eine Gemeinsamkeit?

„Metropolen – wie etwa London, New York oder Berlin, also Städte, in denen ich mich oft aufhalte – sind Creative Hubs, Melting Pots. Ich glaube, viele neue Lebensformen, Ideen und Trends gehen von solchen Megacitys aus.  Allerdings kommen im letzten Jahrzehnt die größten Veränderungen nicht aus einer dieser Städte, sondern aus dem Silicon Valley. „

Verbinden Sie Wien eher mit „Wien um 1900“ oder sehen Sie Wien als moderne Stadt? Es gibt ja Initiativen wie die Vienna Art Week, die auch die starke Zeitgenossen-Szene zeigen will.

„Das kulturelle Erbe von Wien und auch jenes von Paris lastet schwer – was ich als Romantikerin sehr schön finde. Aber Wien im 21. Jahrhundert, da wirken schon Kräfte dagegen, aus der Geschichte heraus. Es ist nicht wie in Berlin, wo alles mehrmals zerstört und wieder neu aufgebaut wurde, wobei immer mehr Freiheit entsteht, Neues zu gestalten. Aber aus Wien kommt jemand wie Franz West, den ich sehr verehre. Seine Anti-Haltung, die formlosen Klumpen seiner Skulpturen, deren Aussage „Ich will nichts gestalten“ – auch das ist ein Sich-Beziehen auf die Geschichte.“

 

Ihre beiden Firmen heißen Angelika Books und neuerdings auch Angelika Interiors. Wie kam es dazu?

„Fast 25 Jahre habe ich als Cheflektorin und Verlegerin Bücher im Taschen Verlag gemacht und dabei einen großen Erfahrungsschatz gesammelt. Mit meinem kleinen Verlag arbeite ich nun neben eigenen Büchern an auf unterschiedliche Kunden und Verlage zugeschnittenen Buchprojekten. Dabei hatte ich in den vergangenen Jahren immer auch große Lust, noch einmal etwas Neues anzufangen. Es hat allerdings ein wenig gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist, dass ich mit meinem Know-how in Kunst, Architektur und Design und meinem Gespür für Atmosphäre, für Licht, Blickachsen und Räume einfach das machen sollte, was mir schon seit Jahrzehnten leidenschaftlich Spaß macht.“

 

Wieso haben Sie nicht schon früher Interior gemacht? Bei Ihren Interessen liegt das ja auf der Hand.

„Die Idee kam erst, als ich eine neue Wohnung einrichtete. Ich gerate da jedes Mal in eine Art Rauschzustand, grabe und recherchiere nach Stoffen, Bodenbelägen, Möbeln, Lampen, aber auch Armaturen, Vasen und Geschirr – so lange, bis ich das Passende gefunden habe. Freunde haben mich immer schon um Rat gebeten, wenn es um Einrichtungsfragen ging. Ich bin aber nicht der klassische Interieur-Dekorateur, der vor allem darauf achtet, dass die Muster des Teppichs zu den Kissen und zum Vorhang passen. Ich will vielmehr die spezifische Wirkung der Räume und des Lichtes herausarbeiten und zu diesem Zweck präzise diejenigen Möbel und Objekte und auch Kunst finden, die nicht nur hübsch anzusehen sind, sondern sozusagen auch eine Geschichte mit einzubringen haben; und natürlich gestalterische Qualität. Es geht mir dabei vor allem um den Prozess des Suchens und des Findens für den jeweiligen Kunden und einen spezifischen Ort.“

 

In Ihrer Berliner Wohnung sieht man viele Objekte, die an der Schnittstelle von Kunst und Design stehen: eine Lampe von Pae White, den Weltempfänger aus Beton von Isa Genzken, eine Porzellan-Blumenvase in Hundeform von Jeff Koons … Diese Zwischenformen scheinen Ihnen besonders zuzusagen. Aber auch klassische Gemälde nehmen offenbar einen speziellen Platz ein.

„Ein Gemälde oder eine Fotoarbeit soll bei mir zum Hauptakteur werden – ganz anders als bei der Petersburger Hängung. Ich habe einige wenige Wände in der Wohnung, an denen ich ab und zu umhänge, aber ich füge nie etwas hinzu. Die Grenzen zwischen Kunst und Design sind nicht mehr so eng wie früher.“

 

Mit den später weltberühmten Fotografen Juergen Teller und Wolfgang Tillmans haben Sie deren erste Bücher produziert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

„Mit Künstlern zu arbeiten ist für mich das Schönste, weil immer inspirierend. Ich höre oft von Leuten: „Der ist so schwierig“, dann weiß ich immer schon: „Das ist ein gefundenes Fressen für mich!“ Leute sind oft gar nicht so schwierig, wenn sie merken, dass man sie versteht. Von Juergen Teller habe ich zwei, drei Fotos im „Stern“ gesehen, ihm einen Brief geschrieben, ihn dann in London getroffen und dort das Buchprojekt vereinbart. Die Fotos von Wolfgang Tillmans habe ich auf Rat eines Freundes in der Kölner Galerie Daniel Buchholz entdeckt, wo er seine erste Ausstellung hatte, und war sofort verliebt. Es waren für mich bis heute wesentliche Begegnungen. Von beiden Künstlern habe ich Fotos bei mir hängen.“

 

Mit Modedesigner Rick Owens „kuratierten“ Sie kein Buch, sondern eine Ausstellung seiner Möbelentwürfe.

„Dieser Mann – genial! Ich kenne ihn noch aus Los Angeles. Ich war häufig im Les Deux Café seiner Frau Michèle Lamy zu Gast, dem damals angesagten Restaurant in Hollywood, wo man sich sah. Ihr großer Erfolg kam aber erst nach dem Umzug der beiden nach Paris. Auf die Möbelentwürfe von Rick Owens stieß ich dann bei der Produktion meines „New Paris Interior“-Buches, für das ich Owens’ Haus fotografieren ließ. Da entstand die Ausstellungsidee, die dann 2010 in Berlin realisiert wurde. Allerdings waren die Berliner Besucher vielleicht noch nicht reif für seine Möbel: Man sammelte schöne Stühle aus den 1960er-Jahren, kanonisierte Formen –  und dann kommt Rick Owens und macht Möbel, die einfach nicht einzuordnen sind. Es wurden jedenfalls sehr wenige Möbel verkauft.“

 

Gerti Draxler, Designexpertin des Dorotheum, offeriert seit rund zehn Jahren ebenfalls zeitgenössische Hybride von Kunst und Design in ihren, wie sie es nennt, „kuratierten Auktionen“.

„Die Grenzen zwischen Kunst und Design, aber auch zwischen Mode und Kunst verschwimmen. Kunst ist jetzt nicht mehr allein den Happy Few vorbehalten, aber zeitgenössisches Design besitzt durchaus noch Potenzial. Erst von Mitte der 1990er an sammelte man modernes Design auch, und es gab erste Auktionen dazu. Das hat mich von Anfang an interessiert. Eines der ersten Bücher, die ich für den Taschen Verlag realisierte, war 1989 „Möbeldesign im 20. Jahrhundert“ – da habe ich Feuer gefangen.“

 

Welche Rolle spielen Auktionshäuser?

„Jedes Haus hat etwas Eigenes zu bieten. Im Dorotheum suche ich etwa Wiener Werkstätte. Schöne Loos-Möbel, die ich beim Fotografieren des Covers für das Dorotheum-Magazin ja aus nächster Nähe in der Villa Müller in Prag sah, haben etwas Zeitloses. Ich entdeckte im Dorotheum auch bereits wunderbare Dagobert-Peche- oder Lobmeyr-Leuchter. Ganz zu schweigen von den Möbeln von Franz West, die ich vom ersten Augenblick an nur toll fand. Obwohl wir in einer globalisierten Welt leben, ist es doch interessant, welche unterschiedlichen Akzente Auktionskataloge aus Frankreich, London, Kalifornien, Deutschland oder Österreich setzen.“

 

Ihr Credo beim Einrichten?

„Ich bin für Eklektizismus. Ich mische gerne: klassische Sachen, etwa ein gutes Bauhaus-Möbel, mit Zeitgenössischem wie einer Lampe von Ronan und Erwan Bouroullec.“

 

Editing – also Dinge herauszuarbeiten – wird immer bedeutender in einer Welt, in der alles verfügbar ist, wo man sich aber angesichts der Fülle schwer orientieren kann.

„Unbedingt! Das erklärt auch den Boom der Concept Stores. Man muss so viel wissen, um die richtigen Dinge zu finden. Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren fast ausschließlich mit Design, Kunst und Architektur. Auch jemand wie Raf Simons oder Marc Jacobs hat eine tolle Kunst- und Designsammlung. Denn gute Mode hat immer mit einem Wissen über den eigenen Tellerrand hinaus zu tun. Da sind viele kulturelle Ebenen dahinter. Jede Kollektion beschäftigt sich ja auch mit den Themen der Gegenwart. Nicht die Frage Rüschen- oder Bleistiftrock zählt, sondern hier geht es um andere Dinge – solange es sich um gutes Design handelt! Ich habe das Glück gehabt, mich seit der Kindheit mit den schönen Dingen, den Künsten, beschäftigen zu können.“

 

Die Notwendigkeit von Ästhetik und das menschliche Grundbedürfnis nach Schönheit thematisiert Herta Müller in ihrem jüngsten Buch „Mein Vaterland ist ein Apfelkern“, in dem sie im Gegensatz dazu die programmierte Hässlichkeit im Kommunismus vorführt, versinnbildlicht in der „sozialistischen Vitrine“.

„Schönheit ist ein Grundbedürfnis. Und hat beileibe nicht nur mit der Oberfläche zu tun hat. Etwas ist schön, wenn es durchdrungen, integer, tief empfunden wirkt.“

 

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Das Gespräch führte Doris Krumpl, ehemalige Kulturjournalistin, seit 2004 Pressesprecherin des Dorotheum.
(Der Artikel erschien im Dorotheum myART MAGAZINE Nr. 05/2015)

Angelika Taschen © Anna Kovačič

Angelika Taschen

Die Kunsthistorikerin ist eine Kapazität in den Bereichen zeitgenössische Kunst, Design, Architektur und Interior Design. In fünfter Generation in eine Bonner Buchhändlerdynastie geboren, entschied sich Angelika Taschen nach dem Studium für eine Karriere im Verlagswesen. Nach fast 25 Jahren als Verlegerin und Herausgeberin einer großen Anzahl von Büchern und vielen Bestsellern für den Taschen Verlag verlegte sie ihren Lebensmittelpunkt von den Hollywood Hills nach Prenzlauer Berg. Neben Buchprojekten für verschiedene Verlage wie zum Beispiel „Der Berliner Stil“ für den Knesebeck Verlag berät sie von Berlin aus kommerzielle und private Kunden in sämtlichen Aspekten des Interior Design. contact@angelikataschen.com

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