James Dyson: Mister (Miss-)Erfolg

Erfinder & Sammler im Interview

Er bewegt ebenso neu wie gewinnbringend Luft – in Staubsaugern, Handtrocknern, Föns: Erfinder Sir James Dyson, Mastermind des nach ihm benannten weltweiten Technologie-Imperiums, im Gespräch mit dem Dorotheum myART MAGAZINE über sein Faible für Malerei, die Schönheit eines Harrier-Jets und über Scheitern als Chance.

James Dyson im Mini Cooper

Dorotheum myART MAGAZINE: Viele Kinder träumen davon, Erfinder zu werden. Nur die wenigsten werden es tatsächlich. Wie kommt das?

James Dyson: Kinder haben unendlich viel Fantasie. Auf gewisse Weise sind sie ja alle Erfinder und bringen ständig neue Ideen hervor. Kein Wunder also, dass sie dieses Berufsbild anspricht. Wenn sie älter werden und zur Schule gehen, stoßen sie an Grenzen, wo zuvor keine waren. Sie bekommen Regeln diktiert, die sie in ihrer Kreativität hemmen. Und plötzlich rückt der Traum vom Erfinder in weite Ferne, weil zu technisch, zu schwierig, zu langweilig … Deshalb habe ich meine Stiftung ins Leben gerufen, die James Dyson Foundation. Ich will die Wahrnehmung junger Menschen verändern, sie ermutigen, Ingenieure zu werden. Die Stiftung vergibt auch den James Dyson Award, der junge Leute zu kreativen Lösungen für Alltagsprobleme anspornt.

Welcher Beruf schwebte Ihnen als Kind vor?

Ich habe immer mit Begeisterung gezeichnet, hatte aber keinen Schimmer, was ich einmal werden wollte. Also ging ich meiner Leidenschaft nach – ganz zum Leidwesen meines Berufsberaters übrigens, der einen aufstrebenden Immobilienmakler in mir sah.

Welche Vorbilder haben den jungen James Dyson besonders geprägt?

In meinem ersten Studienjahr am Royal College of Art besuchte ich Vorlesungen von Anthony Hunt, der die London Waterloo Station geplant hat. Er weckte mein Interesse für Brückenbau, Kragbalken und Baustatik. Durch Anthony lernte ich einen Ingenieur kennen, der mich wie kaum ein anderer inspirierte: Buckminster Fuller, ein Pionier im Bereich geodätischer Kuppeln. Er wurde in seinen Anfangsjahren als „Träumer“ belächelt, hielt aber selbst dann an seinen Ideen fest, wenn sie der gängigen Meinung widersprachen. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Für Sie zählt Neugier mehr als Erfahrung. Ihre Ingenieure sind durchschnittlich 26 Jahre alt. Was haben die Jungen den Alten voraus?

Bei Dyson ist Querdenken gefragt. Damit gehen wir an Dinge heran, die nicht funktionieren, die Frustration erzeugen. Junge Menschen machen sich diese Herangehensweise zu eigen – schließlich haben sie noch nicht gelernt oder gesagt bekommen, was richtig und was falsch ist.
Ich habe ein tolles Team von mehr als 3.000 klugen Jungingenieuren um mich, die Hälfte von ihnen in Großbritannien. Nichtsdestoweniger suchen wir neue Ingenieure, um unsere Weltführerschaft bei Elektromotoren, Robotertechnik und Elektronik auszubauen und die Forschung im Bereich Geräuschunterdrückungstechnik voranzutreiben.

Wie schaffen Sie selbst es, neugierig offen und „naiv“ zu bleiben?

Durch Scheitern! Scheitern ist bei Dyson ausdrücklich erwünscht, damit unsere Ingenieure Dinge ausprobieren und kreative Lösungen suchen. Wir wollen keine Denkschablonen, die den Gestaltungsprozess hemmen. Durch kleine Teams mit relativ flachen Hierarchien fördern wir außerdem gemeinschaftliche Denkprozesse.

Was hat es mit den schwarzen und roten Büchlein auf sich, die Ihre Ingenieure gleich am Anfang in die Hand gedrückt bekommen?

Es geht vor allem darum, dass keine Geheimnisse nach außen dringen. Wir haben allein im Jahr 2014 1,5 Milliarden Pfund (nach aktuellem Kurs rund 1,75 Milliarden Euro, Anm.) in Zukunftstechnologien investiert. Dyson besitzt über 3.000 Patente für mehr als 500 Erfindungen. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Entwicklungen unter Verschluss bleiben, ehe wir sie auf den Markt bringen. Die schwarzen und roten Büchlein leisten einen kleinen Beitrag dazu. Sie werden in einem Archiv sicher aufbewahrt und verlassen nie das Firmengelände. Das haben wir schon bei der Entwicklung des DC01­ Staubsaugers so gehandhabt. Mir ist wichtig, dass unsere Ingenieure ihre Ideen jederzeit niederschreiben können. Man kann nie wissen, wann und wo man eine Eingebung hat. Meiner Idee, einen neuartigen Staubsauger zu entwickeln, ging jahrelanger Frust beim Saugen voraus. Die Lösung – die kommt einem meist spontan und unerwartet.

Künstliche Intelligenz und Roboter sind schwer im Kommen. Stephen Hawking hat gemeint, dass Maschinen schon bald den Menschen als führende Spezies ablösen könnten. Sehen Sie das auch so? Und wenn ja: Wie sehr beunruhigt Sie diese Vorstellung?

Uns geht es vor allem darum, durch revolutionäre Technik Probleme zu lösen, die andere gern ausblenden. Dafür braucht es einen optimistischen Blick in die Zukunft.

Bei Dyson verschmelzen Design und Funktionalität. Mal abgesehen von Range Rover und Moulton-Fahrrad: Welche modernen oder historischen Erfindungen und Produkte haben Sie nachhaltig beeindruckt oder inspiriert?

Wir schreiben alljährlich den James Dyson Award aus, um jungen Menschen mit bahnbrechenden Ideen eine Plattform zu bieten. Jedes Jahr sind bemerkenswerte Einsendungen dabei – von einfachen bis zu komplexeren Projekten. Die wichtigste Anforderung ist: Die Erfindung muss ein Problem lösen. 2014 wurde zum Beispiel ein aufblasbarer Inkubator entwickelt, um die Sterberate von Frühchen in Flüchtlingslagern zu senken. Der Brutkasten ist einfach, günstig und rettet Leben – kurz: eine wunderbar simple Problemlösung.

Sie sind leidenschaftlicher Kunstsammler. Was fasziniert Sie an Kunstwerken? Müssen sie neben ästhetischen auch funktionelle Anforderungen erfüllen?

Kunst ist per se schön. Ich bin ein großer Bewunderer David Hockneys und weiß ein schönes Gemälde zu schätzen. Aber Kunst manifestiert sich nicht immer in Bildern. An unserem Hauptsitz in Malmesbury sind wir von einzigartigen, bahnbrechenden Ikonen der Design ­Geschichte umgeben, unter anderem von einem Harrier­-Jet und einem Bell Hubschrauber. Das soll unsere Ingenieure beflügeln. Für mich sind es Kunstwerke.

Ikonen der Designgeschichte wie dieser Jet sollen Dyson-Ingenieure beflügeln: Kantine in der Firmenzentrale Malmesbury, England.

Auf welche Weise inspiriert Kunst Ihre Arbeit, vor allem Kunst im engeren Sinn, nicht in Form von funktionellem Design? Welchen Wert hat für Sie das Handwerk?

Nach unserer Philosophie kann nur etwas schön sein, was auch funktioniert. Man verliert sehr schnell das Interesse an Dingen, die zwar das Auge ansprechen, aber ihre eigentliche Aufgabe nicht erfüllen. Deshalb kommt bei uns Funktion vor Form.

Was macht der Mann da? Über die neuartige Saugkraft von Sir Dysons Erfindung staunt selbst die Queen.

Sir James Dyson

ist weltberühmter Erfinder, Designer und Ingenieur. Geboren 1947 im britischen Norfolk, absolvierte der leidenschaftliche Liebhaber der Malerei das Studium der Ingenieurswissenschaften am Londoner Royal College of Art. Seinen ersten großen Erfolg landete Dyson mit dem beutellosen Staubsauger mit Vakuumtechnik (Dual-Zyklon-Tchnologie). Er kam 1993 auf den Markt – nach 15 Jahren Entwicklung und rund 5.000 Prototypen. In seiner Autobiografie „Sturm gegen den Stillstand“, 2004, („Against the Odds“, 1997) beschreibt Dyson, der auch Kunst und Design sammelt, seinen Weg. Der Firmensitz und die Entwicklungsabteilung mit über 3.000 Ingenieuren und Wissenschaftlern liegt in Malmesbury, Südwestengland. Der „König der Fehlschläge“ zählt mit seinem Familienunternehmen, das ihn langfristig planen lässt und einen großen Teil des Vermögens in Entwicklung und Forschung steckt, zu den 1.000 reichsten Menschen der Welt.

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