Brigitte Kowanz – Licht als Lebensmetapher

Brigitte Kowanz © Maximilian Pramtarov

Brigitte Kowanz nimmt in der jüngeren Kunstgeschichte eine unverwechselbare Position von internationalem Rang ein. Seit den 1980er-Jahren steht Licht als künstlerisches Medium, das sie in Beziehung zum Raum und in Kombination mit Zeichen, Codes und Sprache untersucht, im Zentrum ihrer Arbeit. Licht dient Brigitte Kowanz als Mittel der Überschreitung und Präzisierung, um den konventionellen Bild- und Malereibegriff zu hinterfragen und ein neues, integratives Verhältnis zwischen Werk, Raum und Betrachter zu erzeugen. Gemeinsam mit Erwin Wurm wird Kowanz den Österreichischen Pavillon bei der diesjährigen Biennale von Venedig bespielen.

von GABRIEL ROLAND

Brigitte Kowanz © Maximilian Pramtarov
Brigitte Kowanz © Maximilian Pramtarov

Frau Kowanz, Ihr Vater war ja Fußballer. Wie kam da der Kontakt zur Kunst zustande?

Mein Bruder ist um fünf Jahre älter als ich und hat an der Angewandten studiert. Dadurch war ich früh intensiv mit Kunst konfrontiert. Die Affinität war immer schon da, aber der direkte Kontakt zu Ausstellungen, zur angewandten und zur zeitgenössischen Kunst kam durch meinen Bruder.

Wie hat sich die Situation der Künstler im Vergleich zu damals verändert?

Der Markt hat sich massiv gewandelt. In den 70er-Jahren gab es in Wien im Wesentlichen zwei Avantgarde-Galerien: die Galerie nächst St. Stephan und Grita Insam. Es gab das Museum des 20. Jahrhunderts und die Galerie Krinzinger in Innsbruck. Das war’s.

Das war also eine Veränderung, die vom Markt ausgegangen ist und nicht im Selbstbild der Künstler angefangen hat.

Das kann man, glaube ich, nicht so trennen. Man geht als junger Künstler in Galerien und jobbt bei älteren Künstlern. Da bekommt man einiges vermittelt. Natürlich ist der Wunsch vorhanden, ausschließlich von der Kunst zu leben – die Realität ist zum Teil ganz anders. Gestern hat eine Studentin zu mir gesagt, sie will nicht für andere arbeiten und mit 30 muss sie einfach von ihrer Kunst leben können. Das ist sehr optimistisch und gelingt leider nur sehr selten.

Gab es irgendwann den Zeitpunkt, an dem Sie gemerkt haben, dass die Kunst nicht nur Berufung ist, sondern wirklich auch Beruf werden kann? War das schon während Ihres Studiums?

Es war immer ganz klar, dass Kunst mein ganzes Interesse in Anspruch nimmt. Dass man davon leben kann, war in den 70er-Jahren natürlich nicht selbstverständlich. Wir hatten da völlig andere Einschätzungen als die späteren Generationen. Die bekommen das von unserer Generation auch ganz anders vorgelebt. Damals hatten die Künstler entweder Nebenjobs oder waren Lehrende. Es gab nur ganz wenige, die wirklich völlig frei und unabhängig arbeiten konnten. So habe ich auch während des Studiums schon bei vielen Produktionen mitgearbeitet, Grafikentwürfe und Bücher gestaltet und Ausstellungen mit aufgebaut.

Wie hat sich die Situation der Künstler im Vergleich zu damals verändert?

Der Markt hat sich massiv gewandelt. In den 70er-Jahren gab es in Wien im Wesentlichen zwei Avantgarde-Galerien: die Galerie nächst St. Stephan und Grita Insam. Es gab das Museum des 20. Jahrhunderts und die Galerie Krinzinger in Innsbruck. Das war’s.

Das war also eine Veränderung, die vom Markt ausgegangen ist und nicht im Selbstbild der Künstler angefangen hat.

Das kann man, glaube ich, nicht so trennen. Man geht als junger Künstler in Galerien und jobbt bei älteren Künstlern. Da bekommt man einiges vermittelt. Natürlich ist der Wunsch vorhanden, ausschließlich von der Kunst zu leben – die Realität ist zum Teil ganz anders. Gestern hat eine Studentin zu mir gesagt, sie will nicht für andere arbeiten und mit 30 muss sie einfach von ihrer Kunst leben können. Das ist sehr optimistisch und gelingt leider nur sehr selten.

Aber wird das nicht gerade heute so vorgelebt, dass man unter 30 erfolgreich sein und richtig Geld verdienen kann?

Das gilt nur für ganz wenige. Es erscheint auch oft anders, als es tatsächlich ist. Erfolg und der finanzielle Niederschlag des Erfolgs sind zwei verschiedene Dinge. Ich war wirklich sehr früh erfolgreich – in der Zeit mit meinem damaligen Partner Franz Graf. Aber trotzdem mussten wir immer nebenbei arbeiten. Wir haben bei der Biennale ausgestellt, wir durften an der Triennale teilnehmen und wurden von Kaspar König 1981 eingeladen, unsere Werke in der Ausstellung Westkunst zu zeigen. Wir haben an großen Ausstellungen teilgenommen. Das Interesse des Markts lag aber woanders.

Frau Kowanz, es hat sich ja nicht nur der Markt verändert, sondern auch die Ausbildung zum Künstler. Teilweise werden Künstler ja dazu angeleitet, sich sehr professionell zu verkaufen. Wie ist das in Ihrer Klasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien?

Natürlich hat sich das Studium professionalisiert. Bei meinen Studierenden ist mir die Konfrontation mit der Realität schon sehr wichtig. Damals sind wir da völlig blauäugig rangegangen. Wir hatten keine Ahnung. Das wurde von den Profs auch überhaupt nicht thematisiert. Ich versuche mit meinen Studenten viele Projekte umzusetzen, in denen sie die ganzen Abläufe vom Wettbewerbsstadium bis zur Durchführung kennenlernen. Natürlich spricht man auch über Marketingstrategien. Erst einmal muss aber die Arbeit stimmen, das andere eignet man sich dann an.

Was muss ein Kunststudent mitbringen, damit er wirklich, nicht mit 30, aber vielleicht mit 40 oder 45 von seiner Kunst leben kann?

Das künstlerische Potenzial muss klarerweise vorhanden sein. Aber mittlerweile müssen viele andere Fähigkeiten auch gegeben sein. Er/sie muss im medialen Umgang relativ gut sein, muss gut kommunizieren können und sehr ausdauernd sein, sehr fokussiert. Wichtig ist, zu wissen, dass sich mit Kunst meist nicht viel Geld verdienen lässt. In Österreich gibt es wenige Künstler, die von ihrer Kunst gut leben können. Auffallend ist, dass darunter sehr wenige Frauen sind.

Wenn Künstler nun selbst zu Kommunikatoren werden, wie ändert sich damit die Rolle und das Bild von Kuratoren?

Kuratoren nehmen nach wie vor eine wichtige Rolle ein. Künstler, Galerist und Kurator – jeder deckt einen anderen Aspekt der Kommunikation ab. Zusammen ergänzen sie sich. Für mich war der Austausch mit Galerien und Kuratoren immer wichtig.

Inzwischen interessieren sich viele Künstler für kuratorische Belange und kuratieren Ausstellungen selbst.

Ich mache das ab und zu auch gerne. Es ist spannend, mit fremden Werken Konzepte zu entwickeln. Wir machen einfach gerne Ausstellungen. Am liebsten mit den eigenen, aber auch sehr gerne mit den Werken anderer Künstler. Ausstellungen zu machen, ist einfach das Schönste, was es gibt! Die Jungen haben Off-Spaces, die Atelier und Galerie gleichzeitig sind. Ich denke, das ist ganz wichtig. Das zählt auch zur Vermittlungstätigkeit und Kommunikationsfähigkeit eines Künstlers beziehungsweise einer Künstlerin.

 Wie unterscheidet sich Ihre Herangehensweise an das Thema Licht von anderen Lichtkünstlern wie Dan Flavin oder James Turrell?

Dan Flavin entwickelte seine Installationen in konzeptueller Strenge zu abstrakten Gebilden. James Turrell erzeugt Räume, die mit dem Illusionismus von Fläche operieren. Ich versuche, mit meinen Werken durch die Schichtung von transparenten Flächen wie Glas oder von spiegelnden Flächen Räumlichkeit, also Dreidimensionalität, zu schaffen und mithilfe des Lichts neue, virtuelle Räume zu erzeugen.

Bei einem Fotografen oder einem Maler kann man sich das gut vorstellen, aber wie gehen Sie als Lichtkünstlerin an eine neue Arbeit heran? Wie macht man eigentlich eine Lichtskulptur?

Mittlerweile habe ich einen reichen Erfahrungsschatz angesammelt. (zeigt auf ihren Kopf) Aber es kommt dann doch immer anders. Manchmal stelle ich mir etwas vor und heraus kommt etwas viel Besseres – oder umgekehrt. Meine Arbeiten beginnen mit der Zeichnung. Dann kommt die Vorstellung, wie sich diese Linien in Licht umsetzen lassen, wie sie sich in der Fläche reflektieren und welche Bilder sich daraus ergeben. Dann kommt die Computerarbeit.

Man gewinnt den Eindruck, dass bei Ihnen auch ein forschender, wissenschaftlicher Ansatz vertreten ist.

Ja, natürlich ist es auch Forschung. Eigentlich ist die Vorgangsweise phänomenologisch. Es gibt eine Vorstellung, aber vieles muss man einfach ausprobieren und laborhaft entwickeln. Von einer Arbeit zur anderen weiß man, was es zu entdecken gibt und welche neuen Interessen sich daraus ergeben.

Möchten Sie etwas Bestimmtes beim Betrachter auslösen?

Licht ist die Voraussetzung für Sehen und Erkennen, das Licht selbst können wir aber nur in Verbindung mit Material wahrnehmen. Licht ist energetisch und dynamisch, ist ein Informationsträger. Licht kann sein und nicht sein. Dieses Ein und Aus eröffnet die Möglichkeit, mit Licht zu informieren. Licht ist expansiv und flüchtig, es bleibt nie bei sich – Licht ist eine Lebensmetapher.

Als Betrachter fühlt man sich in Ihre Werke häufig geradezu hineingezogen. Ist das so beabsichtigt?

Der Betrachter begegnet sich durch den Spiegel selbst, während er im Objekt steht. Das ist mehr als nur ein normales Spiegelbild. Bei diesen Arbeiten findet man sich in virtuell erzeugten Räumen wieder. Ich versuche, Betrachterinnen und Betrachter in diesen Räumen mit Philosophie, Sprache und aktuellen sozio-politischen Fragestellungen zu konfrontieren. Das ist eine ganz wichtige Sache. Dazu gesellt sich die naturwissenschaftliche Seite. Die Beobachtung und die Präsenz von Licht sind ja etwas sehr Elementares, das jeder täglich erleben kann.

Gibt es Menschen, die für Sie eine Inspiration sind, vielleicht nicht nur für Ihre Arbeit, sondern auch im Leben?

Es gibt schon eine ganze Reihe an Leuten, die ich sehr schätze. Um mal bei meiner Studienzeit anzufangen: Oswald Oberhuber ist eine ganz wichtige Person für mich gewesen, dann Peter Weibel und Joseph Beuys. Mich interessiert Philosophie. Das ist etwas, womit ich mich ständig auseinandersetze, genauso wie mit Naturwissenschaft.

Was macht es mit einem, wenn man den Anruf bekommt, dass man sein Land auf der größten und bedeutendsten Kunstausstellung, die es gibt, vertreten darf?

Es war schon eine große Überraschung, weil ich nicht mehr damit gerechnet habe. (lacht) Ich hatte mich eigentlich nicht mehr weiter damit beschäftigt. Umso größer war dann aber die Freude darüber. Es wird einem dann nach und nach bewusst, dass diese Nominierung sehr viele positive, aber auch sehr viele schwierige Aspekte mit sich bringt.

Brigitte Kowanz © Maximilian Pramtarov
Brigitte Kowanz © Maximilian Pramtarov

Frau Kowanz, wir haben vor einiger Zeit auch mit Heimo Zobernig über Venedig gesprochen, und er hat gesagt, er habe sich schon Jahrzehnte vorher ganz konkret mit dem Pavillon auseinandergesetzt, falls der Zeitpunkt mal kommen sollte. Haben Sie das auch gemacht?

Nein, überhaupt nicht. Ich mache die Dinge immer erst, wenn sie wirklich aktuell sind. Aber mit dem Gedanken spielt man natürlich schon. So eine großartige Sache machen zu können, ist sicher der Wunsch von jedem Künstler. Aber ich habe mir nie überlegt, was ich konkret machen würde.

War die Kombination mit Erwin Wurm von der Kuratorin Christa Steinle so konzipiert oder kam das von Ihnen?

Die Kuratorin Christa Steinle hat uns beide vorgeschlagen. Es geht darum, wie wir mit Zeitlichkeit und Materialität umgehen: Ich habe ich mich sehr früh von den klassischen Medien abgewandt und begonnen, mit Licht zu experimentieren.

Erwin Wurm und Sie scheinen auf den ersten Blick schon ein ungleiches Paar zu sein.

Wir wurden auch immer wieder darauf angesprochen. Ich muss aber ehrlich sagen, mir ist es lieber, mit jemandem auszustellen, dessen Werk sich stark von meinem unterscheidet. Ich glaube, es wird eine spannende Konfrontation zwischen unseren beiden Beiträgen entstehen.

Wie ist das, wenn man so etwas zu zweit macht? Sprechen Sie sich ab? Korrespondieren die Arbeiten irgendwie miteinander?

Die beiden Beiträge sind völlig unabhängig voneinander. Wir sind natürlich im Austausch über alles, was rundherum passiert. Die Arbeiten stehen aber jeweils für sich. Sie werden trotzdem miteinander korrespondieren. Ich sehe das immer mehr, dass die Entscheidung der Kuratorin, diese beiden Positionen zusammenzubringen, sehr klug war.

Gab es am Anfang einen Punkt, an dem Sie, so wie viele andere, gezweifelt haben, ob das funktionieren wird?

Es war natürlich klar, dass es schwieriger wird, als wenn man den Pavillon alleine hat. Der ist ja schon für einen sehr klein. Er schaut zwar groß aus, ist er aber nicht. Er hat 180 m² und ist für eine ganz andere Kunst gebaut. Ich kenne Erwin Wurm aber schon sehr lange. Wir haben auch schon die Biennale in São Paulo gemeinsam gemacht. Also vor den Kopf gestoßen war ich nicht.

Arbeiten Sie anders in dem Wissen, dass Ihr Werk in den Pavillon kommt?

Ich setze mich immer sehr stark mit den Räumen und dem Kontext auseinander. Und Venedig ist sowieso eine ganz spezielle Situation. Dadurch, dass der Pavillon zu klein für zwei wäre, gibt es jetzt einen Neubau, der direkt andockt. Ich plane eine große Installation, die formal und inhaltlich neue Aspekte zeigt.

Sehen Sie die konkrete Architektur des Pavillons eher als Herausforderung oder als Chance?

Sehr viele Künstler haben sich auf den Pavillon bezogen. Ich habe mit dem Neubau jetzt einen „White Cube“. Das ist ein idealer Ausstellungsraum. Und ich bin eigentlich sehr froh darüber. Meine Arbeit hätte auch im historischen Teil des Pavillons funktioniert, aber so ist es besser.

Ihre Werke beinhalten oft eingeschriebene Worte. Gibt es für Venedig auch schon eine zentrale Botschaft?

Das Konzept steht fest, aber ich möchte dazu noch nicht zu viel verraten. Es dauert nicht mehr lange. Wenn man die Katze zu früh aus dem Sack lässt, ist das nicht gut.

Wie ist das mit den anderen Länderbeiträgen? Beobachtet man, was bei den anderen passiert?

Gar nicht. Also ich weiß von manchen Pavillons, wer ausstellen wird. Das hat mich natürlich interessiert, aber was es da gibt, gar nicht so. Es hat nicht wirklich einen Austausch gegeben. Das wird dann dort vor Ort sein, nehme ich mal an.

Was kommt nach Venedig?

Das wüsste ich auch gerne! Es gibt natürlich vieles, was zu machen ist. Man wird sehen, ob sich die Aufmerksamkeit weiter verstärkt. Im Moment ist das Interesse an meiner Arbeit größer als zuvor. Venedig macht sich da schon bemerkbar.

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Gabriel Roland arbeitet als freier Journalist
für das Kunstjournal Collectors Agenda
collectorsagenda.com

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