Passt im besten Sinn in keine Schublade: Maria Lassnig (1919–2014)

Späte Wertschätzung, große Erfolge und ein Buchtipp

Arbeiten von Maria Lassnig stehen derzeit am Kunstmarkt hoch im Kurs. Das Dorotheum hält den Weltrekordpreis für eines ihrer Gemälde und hatte in der Auktion „Zeitgenössische Kunst“ am 25. November 2015 zwei bedeutende Bilder im Angebot, welche es beide unter die Top 10 der Auktion schafften. Kürzlich ist Sepp Dreissingers vom Dorotheum unterstützter Foto- und Interviewband zur Künstlerin erschienen.

Buch und Film von Sepp Dreissinger

Maria Lassnig, Gespräche & Fotos, Sepp Dreissinger, Wien 2015
Maria Lassnig, Gespräche & Fotos, Sepp Dreissinger, Wien 2015

Im neuen Foto- und Interviewband des u. a. durch einen Band über Thomas Bernhard international bekannten und renommierten Fotografen und Filmemachers Sepp Dreissinger  bekommt die Person und Künstlerin Lassnig deutliche Konturen. Rund 100 Fotos der Künstlerin dokumentieren Dreissingers „beliebtestes Fotosujet seit 2001“. Ein großes Interview mit Lassnig und rund 20 Gespräche mit Lassnig nahestehenden Menschen – u. a. mit ihrem Förderer Hans Ulrich Obrist, Galeristin Gabriele Wimmer (Ulysses), mit dem Sammler Helmut Klewan – nähern sich ebenfalls dieser starken Künstlerpersönlichkeit. Insgesamt ist das Buch, auch mit der 35-minütigen filmischen Dokumentation über Maria Lassnig,  ein bedeutendes Zeugnis einer jahrelangen  professionell-freundschaftlichen Beziehung, welches  auf ausdrücklichen Wunsch von Maria Lassnig entstanden ist.

Maria Lassnig, Gespräche & Fotos aufgezeichnet von Sepp Dreissinger, erschienen im Album Verlag, 2015 (ISBN 978-3-85164-193-6)

Die Künstlerin

Maria Lassnig © Sepp Dreissinger 2007
Maria Lassnig © Sepp Dreissinger 2007

Ihre Karriere begann erst als über Sechzigjährige, gebührende Preise für Gemälde kamen erst ganz am Lebensende ebenso wie der Goldene Löwe von Venedig 2013 für ihr Lebenswerk. Maria Lassnig, das erkennt man weltweit spätestens seit ihrem Tod 2014, zählt zu den bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr künstlerischer Weg  führte von  der Avantgardegalerie Nächst St. Stephan in Wien über Paris – wo sie André Breton und Paul Celan traf – nach New York und  als erste weibliche Universitätsprofessorin im deutschsprachigen Raum – wieder nach Wien.

Der Stil

Unnachahmlich vereinte Maria Lassnig Figürliches und Abstraktes, Körperlichkeit und psychische Zustände und warf nicht nur in hunderten Selbstporträts ein ganz neues Licht auf die Innenwelt der Außenwelt.  Ihren seit 1949 entwickelten „Körperzustandsbildern“ steht die Künstlerin stellvertretend mit ihrem eigenen Körper als sichtbare Außenwelt vor diesen bildlichen Schilderungen menschlicher Innenwelten. Kunstkritiker Kristian Sotriffer beschrieb dies in einem Gespräch mit Lassnig wie folgt: „Sie sind sozusagen die Schale, die Welt auffängt, und durch Sie wird sie wieder hinausprojiziert. Maria Lassnig als Durchlaufmittel, als Körper, der das Fühlen und Denken in Malerei umsetzt und sich damit eigentlich auch Welt aneignet, durch das Selbstbeobachten, Selbstempfinden.“

Lassnig im Dorotheum

Da die immense Bedeutung der Künstlerin und die Qualität ihrer Bilder erst spät, aber spätestens seit der Herausgabe der Tagebücher durch Kurator Hans Ulrich Obrist, international ins Blickfeld geriet, war Lassnigs Rolle am Kunstmarkt zunächst klein gewesen. In den vergangenen Jahren ließen Spitzenpreise von Lassnig-Arbeiten aufhorchen. Das Dorotheum konnte 2014 mit dem 1985 entstandenen Großformat „Der Wald“ den Weltrekordpreis von 491.000 Euro erzielen. Im selben Jahr reussierten ebenfalls ein „Stillleben mit rotem Selbstporträt“ mit 477.800 Euro, ein Bischof mit 320.200 Euro und die 1951 entstandene Arbeit „Zweiteilig“ für 93.750 Euro.

Maria Lassnig, “Der Wald”, 1985, Weltrekordpreis € 491.000
Maria Lassnig, “Der Wald”, 1985, Weltrekordpreis € 491.000

In der Dorotheum-Auktion Zeitgenössische Kunst am 25. November 2015 lassen zwei Ölbilder aus den 1960er Jahren aufhorchen: das abstrakt-konzeptuelle „Selbstporträt als Auto“, welches für 344.600 Euro  den Besitzer wechselte und das farbintensive „Zwei Figuren“, dieses ging für 341.202 Euro.  Die charakteristische Farbigkeit ihrer Bilder hat die wortgewaltige Künstlerin beschrieben und neuartig definiert: „Krebsangstfarben, Schmerzfarben, Druckfarben, Spannungsfarben, Dehnungsfarben, Kälte- und Wärmefarben…“

Maria Lassnig,„Selbstporträt als Auto“, 1963, Schätzwert € 130.000 - 220.000
Maria Lassnig,„Selbstporträt als Auto“, 1963, Schätzwert € 130.000 – 220.000
Maria Lassnig, „Zwei Figuren“, 1962, Schätzwert € 130.000 - 180.000
Maria Lassnig, „Zwei Figuren“, 1962, Schätzwert € 130.000 – 180.000

 

 

Abbildungen oben:
Foto Maria Lassnig © Sepp Dreissinger, 2006
Maria Lassnig, „Selbstporträt als Auto“, 1963
Maria Lassnig, „Bischof“, 1962
Maria Lassnig, „Der Wald“, 1985
Maria Lassnig, „Stillleben mit rotem Selbstportrait“, 1970

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