Sisi – Die ECHTE Kaiserin

Das Bild zur Verlobung

Schon zu ihren Lebzeiten bildeten sich zahlreiche Mythen um Elisabeth von Österreich-Ungarn, die bis heute den Blick auf die Kaiserin prägen. Die facettenreiche Persönlichkeit „Sisis“ erschließt sich aber vor allem, wenn man sie als Reiterin betrachtet. In diesem Sinn ist es ein Glücksfall, dass im Zuge der Dorotheum-Auktion am 27. April ein Gemälde von Elisabeth hoch zu Ross gezeigt wird, das wie kein anderes das Wesen der Kaiserin authentisch vermitteln kann.

Von Martina Winkelhofer

Sisi – die große Liebe des Kaisers

Bis an ihr Lebensende zog ihn seine „geliebte Engels-Sisi“ in ihren Bann. Und noch weit über ihren Tod hinaus wollte Kaiser Franz Joseph jene bezaubernde Frau vor Augen haben, in die er sich im Sommer des Jahres 1853 Hals über Kopf verliebt hatte. In seinem Schlafzimmer in der Hofburg hing das Gemälde, auf dem die damals fünfzehnjährige Prinzessin Elisabeth in Bayern als Reiterin portraitiert ist – vor Schloss Possenhofen, dem Sommersitz ihrer Eltern am Starnbergersee.

Eine historische Sensation

Nach Franz Josephs Tod am 21. November 1916 ging das Gemälde in den Besitz seiner Nachkommen über. Nun, etwas mehr als 100 Jahre später, sorgt es für eine kleine Sensation. Nicht nur war dieses Portrait der legendären Kaiserin bislang der Öffentlichkeit praktisch vorenthalten (lediglich eine spätere Kopie davon, die sich aber in wesentlichen Details von Original unterscheidet, ist bekannt) – es ist auch dasjenige, das mehr als alle anderen die persönliche Geschichte Sisis wiedergibt.

Kaiserin Elisabeth von Österreich als Prinzessin-Braut zu Possenhofen
Carl Theodor von Piloty und Franz Adam Kaiserin Elisabeth von Österreich als Prinzessin-Braut zu Possenhofen, 1853 Öl auf Leinwand, 128 x 108 cm, erzielter Preis € 1.540.000

Carl Theodor von Piloty und Franz Adam

Gemalt hatten es gleich zwei Meister ihrer Zunft, die beide in enger Beziehung zu Sisis Familie standen: Carl Theodor von Piloty, einer der wichtigsten Vertreter der realistischen Historienmalerei, sowie Franz Adam, der bekannteste Pferdemaler seiner Zeit. Piloty war ein Favorit des bayrischen Königs Ludwig I., Sisis Onkel – dessen Sohn und Nachfolger König Maximilian II. erhob den Münchner Maler sogar in den Adelstand. Zu Franz Adam wiederum hatte Sisis Familie einen persönlichen Bezug: Sowohl ihr Vater Maximilian, als auch ihr Bruder Carl Theodor, der spätere Chef der herzoglichen Linie der Wittelsbacher sammelten Pferdebilder des gefragten Künstlers. Und just in Schloss Possenhofen, das den Hintergrund des Portraits bildet, hingen einige dieser Kunstwerke – die den Besuchern der herzoglichen Familie stets gerne und voll Stolz gezeigt wurden.

Sisis Bild als Verlobungsgeschenk am Weihnachtsabend

Diese künstlerische Koproduktion der beiden Meister – Franz Adam malte das Pferd, Carl Theodor von Piloty die Kaiserbraut und die Szenerie – entstand im Herbst 1853, unmittelbar nach der Verlobung von Prinzessin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl. Das Gemälde war ein Weihnachtsgeschenk – familienintern wurde es auch als „Verlobungsgeschenk“ tituliert – Sisis an ihren Verlobten Franz Joseph. Überreicht wurde es am Weihnachtsabend des Jahres 1853 im herzoglichen Palais in München, an dem zugleich Sisis 16. Geburtstag gefeiert wurde. Der stolze Bräutigam hatte es sich trotz drängender Regierungspflichten nicht nehmen lassen, zu diesem Anlass von Wien nach München zu reisen. In seinem Gepäck befand sich sein Geschenk an Sisi: ein Gemälde, das ihn selbst hoch zu Ross darstellte.

Sisi, die begeisterte Reiterin

Dass eine fünfzehnjährige, unverheiratete Prinzessin zu Pferd portraitiert wurde, war um die Mitte des 19. Jahrhunderts relativ ungewöhnlich. Es ist jedoch davon auszugehen, dass Sisi selbst das Sujet dieses Gemäldes, das sie ihrem Bräutigam als Weihnachtsgabe überreichte, auswählte. Denn erst seit wenigen Monate durfte sie ihre Begeisterung für Pferde und für den Reitsport ausleben. Diese sollte ab nun nicht nur Sisis weiteres Leben maßgeblich bestimmen, sondern sich auch als eine der wenigen Gemeinsamkeiten des an Temperament und Interessen so unterschiedlichen Brautpaares erweisen. Vier Monate vor ihrer Verlobung durfte Elisabeth, nach langem Flehen und vielem Bitten, endlich ihre erste Reitstunde absolvieren. Nach ihrer Firmung Ende April 1853, also ein halbes Jahr vor der Anfertigung des Gemäldes, schrieb sie aufgeregt und voller Stolz an ihre Erzieherin Baronin Luise Wulffen: „Obwohl ich erst drei Stunden gehabt habe, bin ich doch schon auf drei Pferde gekommen und darf von nun an auf der ,Lady’ reiten!“ Dass hier ein Ausnahmetalent mit einer außergewöhnlichen Passion für Pferde reiten lernte, war sowohl ihrer Familie als auch ihren Lehrern schnell klar. Sisi war die geborene Reiterin, sie verfügte über alles, was eine spätere Meisterschaft im Sattel voraussetzt: Sie war schlank und kräftig, wagemutig bis zum Draufgängertum, und sie hatte ein außergewöhnliches Feingefühl für Pferde.

Die Kaiserin als Spitzensportlerin

Kein Portrait fängt das Wesen Elisabeths besser ein und bietet gleichzeitig einen exakteren Ausblick in die Zukunft, als jenes von Piloty und Adam gemalte, das Sisi als blutjunge Amazone darstellt. Wer die historische bzw. authentische Person hinter dem Sisi-Mythos erkennen will, muss sich mit der Reiterin Elisabeth beschäftigen. Der Reitsport brachte Elisabeth die größten persönlichen Triumphe, diente als Möglichkeit zur Flucht aus dem oft als hart empfundenen Hof-Alltag, war Freiheit und Erfüllung, aber auch Trost in tiefen persönlichen Krisen. Aus der leidenschaftlichen jugendlichen Reiterin wurde durch hartes Training und permanente Beschäftigung mit dem Reitsport die beste Damenreiterin ihrer Zeit. Ab ihrem 30. Lebensjahr begann die Kaiserin, das Leben einer Spitzensportlerin zu führen. Sie saß mehr als acht Stunden am Tag im Sattel, ritt Dressur und gehörte zu den wenigen Damen, die bei den gefährlichen Parforcejagden in Großbritannien und Irland nicht nur mithalten konnten, sondern auch als „Königin hinter der Meute“ gefeiert wurden. Übrigens müssen viele Mythen, die sich um den angeblich kapriziösen Schönheitskult Sisis ranken, unter einem völlig neuen Blickwinkel gesehen werden, sobald man die Bedeutung, die der Reitsport für sie hatte, berücksichtigt. So waren etwa Elisabeths seltsame Ernährungsgewohnheiten in den 1870er und 1880er Jahren – sie ernährte sich damals überwiegend von fast rohem Fleisch und Orangen – nicht einer Diät zuzuschreiben, sondern darauf zurückzuführen, dass sie sich bereits an der Ernährung von Profi-Jockeys orientierte.

Kaiserin Elisabeth drang im Reitsport in eine Domäne vor, die eigentlich Männern vorbehalten war. Sie war zu ihren Spitzenzeiten die beste Reiterin Europas. Und als einziger weiblicher Royal des 19. Jahrhunderts hat sie nicht nur in genealogischen Stammtafeln, sondern auch in einer Sportdisziplin ihre Spuren hinterlassen.

Mythos Sisi im Dorotheum

All das wird durch das Gemälde Carl Theodors von Piloty und Franz Adams, das Sisi im Jahr 1853 ihrem Verlobten Franz Joseph unter den Weihnachtsbaum legte, im übertragenen Sinn bereits vorweggenommen. Die Wahl des Sujets dieses Portraits für den Kaiser hätte nicht passender ausfallen können: Das Mädchen, das auf dem Gemälde dargestellt ist, ist bereits jene Frau, die Franz Joseph künftig an seiner Seite haben würde: eine Amazone, die nur auf dem Rücken ihrer Pferde Selbsterfüllung und Freiheit erfuhr. Am 27. April 2017 gelangt dieses Gemälde im Dorotheum zur Versteigerung.

Gemälde des 19. Jahrhunderts
27. April 2017
Palais Dorotheum
Carl Theodor von Piloty und Franz Adam
Kaiserin Elisabeth von Österreich als Braut zu Pferd in Possenhofen 1853

Martina Winkelhofer-Thyri ist Historikerin, Autorin und Expertin für Hof-, Adels- und Alltaggeschichte des 19. Jahrhunderts.

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