Die geöffnete Künstlerschachtel gibt den Blick frei auf ein buntes Durcheinander aus Schmetterlingen aus Plastik, Pailletten und Metall, Glitzersteinchen und muschelförmigen Formen. Die Objekte sind auf eine anatomische Illustration der Eileiter und Eierstöcke aus dem Anatomieatlas Traité complet de l’anatomie de l’homme von Jean Marc Bourgery aus dem frühen 19. Jahrhundert appliziert.
Daniel Spoerri arbeitet nicht mit den klassischen Mitteln der Malerei oder Modellierung, sondern inszeniert reale Alltagsgegenstände, die zu sogenannten "Fallenbildern" (tableaux pièges) werden: In ihnen werden Dinge in dem Zustand fixiert, in dem sie vorgefunden wurden oder vorgefunden worden sein könnten ("falsche Fallenbilder"). Es sind zufällige Konstellationen, die durch das Fixieren in einen dauerhaften Zustand überführt werden.
Die Fundstücke in der Schachtel bieten einen fragmentarischen Ausschnitt der Wirklichkeit. In ihrer Isolation verweisen sie auf eine Realität, die nur noch bruchstückhaft greifbar ist. Dieser Gedanke lässt sich mit Walter Benjamins Überlegungen zur Spur verbinden: Die Spur zeigt an, dass etwas geschehen ist, doch das Ereignis selbst bleibt unsichtbar. Die Objekte bewahren Spuren von Handlungen, ohne diese vollständig zu erzählen. Geschichte erscheint damit nicht als lineares Narrativ, sondern als Konstellation von Fragmenten, die erst durch die Betrachtung miteinander in Beziehung treten.
Dieser eingefrorene Moment bündelt Vergangenheit und Gegenwart in einer einzigen, scheinbar banalen Fundstelle. Spoerri selbst verglich seine künstlerische Inszenierungen mit archäologischen Funden, die bruchstückhaft ein Bild vergangener Kultur und Lebensformen widergeben.
Frühwerke aus der Privatsammlung Essl Teil 2
17. März 2026, 14 Uhr
Besichtigung
10. – 17. März 2026
Kontakt
20c.paintings@dorotheum.at
+43-1-515 60-386