Sich allem mit unvoreingenommener Neugier zu nähern, als ob man ein Wesen vom Mars wäre – dieser Ratschlag eines Mentors begleitet Rem Koolhaas sein Leben lang. Der Architekt und Theoretiker im Interview mit dem Dorotheum myART MAGAZINE über das Kunstsammeln, die Rolle von Öffentlichem und Privatem, und warum er keine Mondkolonien plant.
Dorotheum myART MAGAZINE: Ihre Nähe zur Kunstszene reicht bis zu Ihren Anfängen als Journalist und Drehbuchautor zurück. Können Sie diese Reise näher beschreiben?
Rem Koolhaas: Mein ästhetisches Empfinden wurde in den Sechzigerjahren durch das äußerst innovative Programm des Stejdelik-Museums in Amsterdam geprägt. Die ZERO-Bewegung hat mich am meisten angesprochen.
Hat das auch damit zu tun, dass Sie in einem nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerbombten Rotterdam aufwuchsen? Mussten auch Sie bei null anfangen?
Da gibt es definitiv einen Zusammenhang.
Salvador Dalí und der Surrealismus haben Sie in den frühen Jahren des Office for Metropolitan Architecture (OMA) geprägt. Waren Sie – wie in „The House of Dr. Koolhaas“ angedeutet – tatsächlich von der Begegnung mit Dalí enttäuscht?
Ganz und gar nicht. Was mir an ihm am besten gefällt, ist nicht die Kunst, es sind die Schriften – zum Beispiel „Das Geheime Leben des Salvador Dalí“. Seine paranoisch-kritische Methode aus den Dreißigerjahren ist ein außerordentlich kluger Ansatz der Weltbetrachtung. Ich traf ihn mehrmals in New York, wo ich in den Siebzigerjahren lebte. Diese Begegnungen waren sehr wichtig für mein erstes Buch, „Delirious New York“. Mit Dalís Methode kann man seine Vorstellungen und sein Verständnis von der Welt ablegen und die Realität in einem neuen, einzigartigen Licht betrachten.
Können Sie etwas näher auf diese Begegnungen eingehen?
Jeden Mittwoch gab Dalí einen Empfang im St. Regent’s Hotel. Danach unterhielten wir uns immer. Er hatte eine interessante Sicht der Stadt, beschrieb sie als modern und altmodisch zugleich.
Wie haben Sie von den Treffen erfahren?
Die Leute waren damals sehr zugänglich, auch Warhol. An meinem ersten Abend in New York sah ich mir einen seiner Filme an. Andy Warhol war im Kino und interviewte Candy Darling.
Ihre berufliche Laufbahn begannen Sie als Filmkritiker. Welchen Einfluss haben Filme heute auf Ihre Arbeit?
Ich sehe mir allwöchentlich ein paar Filme an und lasse mich davon inspirieren. Jedes Genre hat seinen Reiz. Kürzlich habe ich „Marty Supreme“ gesehen und war sehr enttäuscht: Der Film ist brutal, grausam und nervig. „La Grazia“ von Paolo Sorrentino war toll. Aber natürlich haben mich die Filme von Fassbinder, Antonioni und Pasolini stark beeinflusst. Sie waren ebenso wichtig für mich wie die Sozialisierung durch ZERO. Durch sie entdeckte ich, der ich aus dem konservativen Holland stammte, so etwas wie Modernität, das Gefühl, modern zu sein. Dieses völlig neue Empfinden verdankte ich unter anderem dem Film.
Sie interessieren sich auch für Mode, arbeiten seit Jahrzehnten mit Prada zusammen, haben die Räumlichkeiten der Fondazione und Landschaften für Modeschauen entworfen. Ihre vielfältigen Konzepte reichen von modernistischen Laufstegen bis hin zu Räumen mit suprematistischen Kunstfellböden. Wie gehen Sie dabei vor?
Zunächst kommen ein paar Vorgaben von Miuccia Prada, und seit 2020 auch von Raf Simons – zum Beispiel die Grundstimmung, manchmal auch Widersprüchliches wie „ein Mädchen auf dem Fahrrad und die 20er-Jahre“. Mit der Zeit haben wir gelernt, uns ohne Worte zu verstehen. Es ist ein sehr interaktiver Prozess, durch den ich fast so etwas wie ein Bühnenbildner geworden bin.
Von welchen Kunsträumen werden Sie angezogen?
Ich mag große Räume, allen voran die Eremitage in Sankt Petersburg. Sie ist unglaublich spannend und vielfältig. Ich mag aber auch kleine Räume wie das Bayeux Museum.
Sie kaufen auch Kunst. Würden Sie sich als Sammler beschreiben? Worin liegt für Sie der Reiz des Kunstkaufs?
Ich bin ganz bestimmt kein Sammler. Ich habe keine Sammlung, lediglich eine Reihe von Werken, mit denen es sich wunderbar lebt; das sind hauptsächlich Gemälde. Ich habe mich nie groß um Finanzen gekümmert. Deshalb suche ich entweder Maler aus, die zum gegebenen Zeitpunkt nicht besonders nachgefragt sind, oder Werke, die für einen Künstler untypisch sind. Zum Beispiel habe ich im Dorotheum ein Bild von Giacomo Balla aus dem Jahr 1926, das war nach seiner futuristischen Phase, erstanden. Wenn ich es Freunden zeige, erraten sie nie, von wem es stammt. Mir gefällt, dass es nicht unerschwinglich teuer war und als untypisches Bild umso interessanter ist.
Viele Sammler suchen stattdessen nach typischen Arbeiten. Bei Ihnen würde man zum Beispiel einen Hang zu konstruktivistischer und abstrakter Kunst vermuten.
Ich bin nicht so leicht einzuordnen. Auf mich treffen nur sehr wenige Zuschreibungen zu.
Haben Sie sich immer schon mit Kunst umgeben?
Nein, dazu fehlte schlicht das Geld, das zur Gänze in meine Architektur floss. Diesen Luxus kann ich mir erst seit Kurzem leisten.
Kunst, Mode, Design, Stadtplanung, Architektur – sehen Sie sich als Vertreter des Gesamtkunstwerks?
Meine Arbeit fühlt sich an wie eine Aneinanderreihung verschiedener Disziplinen. Der Zusammenhang ergibt sich aus der Frage: „Was ist Öffentlichkeit?“ Diese Frage liegt all meiner Tätigkeit zugrunde. In Anbetracht der zunehmenden Verbreitung der vielen neuen Technologien muss die Architektur sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren: öffentliche Räume und ein Gefühl der Öffentlichkeit schaffen. Aber auch das private Leben und private Räume sind wichtig für Kontinuität.
Sie haben im Lauf Ihrer langen Karriere nur wenige Privathäuser realisiert – vielleicht eines in zehn Jahren.
Für einen Architekten ist es sehr bereichernd, Orte zu schaffen, die auch vom Leben des Kunden geprägt sind, der dadurch gleichsam zum Partner wird.
Das zeigt Ihr jüngstes Privatprojekt, das Austrian House in Zell am See, ein längliches Haus in Hanglage, umgeben von Wohnhäusern im Alpinstil. Angeblich wurden vor Baubeginn rund 150 Entwürfe diskutiert. Laut Bauherr sind Sie sogar einmal unangekündigt aufgetaucht und haben einen ganzen Tag im Haus verbracht, um das Licht und die Baumaterialien zu studieren. Haben Sie auch bei der Innengestaltung eng mit dem Eigentümer zusammengearbeitet?
Wir haben uns abgesprochen und dann hat er meist selbst ausgesucht – zum Beispiel einen Couchtisch von Superstudio bei der Design-Auktion im Dorotheum. Der Tisch musste gut zum weißen Beton passen. Wir suchen nach Stücken, die eine bestimmte Farbe und Strukture aufweisen.
Sie haben sich nie in eine Schublade stecken lassen, haben den Begriff des Wolkenkratzers, des Konzertsaals, des Concept Stores und der Bibliothek neu definiert. Was kommt als nächstes? Sind Satellitenwohnungen oder Mondkolonien à la Koolhaas zu erwarten?
Wenn ich gefragt werde – warum nicht? Aber bis dahin bin ich mit meiner irdischen Architektur ausgelastet und schreibe laufend. Nächstes Frühjahr bringe ich ein neues Buch heraus.
Würden Sie auch Architektur für virtuelle Realität entwerfen?
Definitiv nicht. Soziale Medien nehmen einen großen Teil unseres Lebens ein – als Ergänzung, manchmal aber auch als Ersatz. Umso wichtiger werden Orte, an denen wir zusammenkommen können. Für mich sind neue Möglichkeiten entscheidend, wie das 2022 fertiggestellte Taipei Performing Arts Center. Es verfügt über drei Bühnen, die zu einem riesigen Theater umfunktioniert werden oder – wie jüngst für eine Buchmesse – einen großen Raum bilden können, dessen atemberaubendes Ambiente und Öffentlichkeitsgefühl es so noch nie gegeben hat. Das muss man erlebt haben.
Die traditionelle Vorstellung von der italienischen Piazza – da hat mich zum Beispiel die 2024 fertiggestellte Simone Veil Bridge in Bordeaux mit ihrer großzügigen Überbreite beeindruckt. Wie denken Sie darüber?
In Europa muss der Wirtschaftlichkeit halber alles bloß praktisch sein. Auf dieser Brücke kann man beobachten, wie der öffentliche Raum Gestalt annimmt.
Wenn Sie auf Ihre vielfältige, architektonisch bisweilen widersprüchliche Laufbahn zurückblicken, was bereuen Sie und worauf sind Sie besonders stolz? Oder lässt sich die Frage so nicht beantworten?
Nicht wirklich. Ich habe das Privileg, über zwei Büros zu verfügen: ein Architekturbüro, das von Aufträgen abhängig ist, und eines für Forschung, wo ich fast völlig unabhängig schalten und walten kann. Das kommt mir sehr gelegen. Im einen hat man mir unglaublich viel ermöglicht, im anderen habe ich selbst sehr viel ermöglicht – da ist kein Platz für Reue.
REM KOOLHAAS
stellt vieles infrage und viele Fragen. Etwa jene, wie Jane Austen ein Datacenter beschreiben würde. Der 1944 in Rotterdam geborene und in Indonesien aufgewachsene Gesamtkunstwerker begann als Journalist und
Filmkritiker, ehe er zu einem der wohl einflussreichsten Architekten weltweit avancierte. Koolhaas – und mit ihm sein 1975 gegründetes und heute neben Rotterdam auch in New York, Hongkong und Australien beheimatetes Büro OMA (Office for Metropolitan Architecture) – hebt die Grenzen zwischen Architektur, Städtebau, Schreiben und Forschung auf. Publikationen des brillanten Theoretikers, vor allem „Delirious New York“ und „S,M,L,XL“ (mit Bruce Mau), veränderten den Diskurs über Urbanismus und Städteplanung sowie die Sichtweise darauf. Zu den bekanntesten Bauten des Pritzker-Preisträgers 2000 zählen die niederländische Botschaft in Berlin (2003), die Seattle Public Library (2004), die Casa da Música Porto (2005), der als Hochhaus-Schleife angelegte CCTV-Tower für das chinesischen Staatsfernsehen in Peking (2012), die „Vertical City“ De Rotterdam (2013) und die Fondazione Prada in Mailand (2018). Eines der insgesamt nur sechs von dem Harvard-Professor entworfenen Privathäuser, das Austrian House in Zell am See, wurde 2023 fertiggestellt.