Lot Nr. 19


Hieronymus Bosch, Nachfolger


Die Hölle,
Öl auf Holz, 124 x 97,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Alvares, Lissabon (laut einer Notiz von M. J. Friedländer im Friedländer Foto-Archiv)

Literatur:
M. R. De Vrij, Jheronimus Bosch. An Exercise in Common Sense, Amsterdam 2012, Kat. B. 19.10

Die hier vorliegende Höllendarstellung basiert auf gewissen Motiven des rechten Flügels des um 1500 entstandenen Triptychons Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch (Museo del Prado, Madrid), wegen der Darstellung von Musikinstrumenten auch die Musikalische Hölle genannt. Hier werden diverse Musikinstrumente zu Folterinstrumenten umgewandelt, mit denen die Sünder in der Hölle malträtiert werden. Der obere Bildteil zeigt, ähnlich wie auf dem Gemälde des Prado, eine ruinenartige Stadtlandschaft. Im Dunkel der Nacht erhellen Feuerschein und andere Lichtquellen auf gespenstische Weise die Szenerie.

Hieronymus Boschs Motivik blieb auch nach dem Tod des Meisters im Jahr 1516 ungemein populär. Von dieser regelrechten Mode zeugen zahlreiche im 16. Jahrhundert angefertigte Kopien und Paraphrasen, wobei die rechte Tafel des Garten der Lüste-Triptychons eine besonders beliebte Motivquelle darstellte. Auch im vorliegenden Bild sind mehrere Motivgruppen des Madrider Höllenflügels zu einer neuen Einheit zusammengefügt. Die Darstellung folgt den Originalmotiven detailliert, variiert aber vereinzelt ihre Farbigkeit und ergänzt sie um Einfälle wie den Geldbeutel in der linken unteren Bildecke, den geflügelten Dämon mit der Flagge links von der zentralen Drehleier, die Figur unterhalb des Messers, die das Ende der Flagge mit dem Kröten-Emblem ergreift, sowie den feurigen Höllenschacht am unteren Bildrand. In kompositioneller Hinsicht unterscheidet sich die Tafel freilich von dem Madrider Vorbild: Zunächst ist das Format des Bildes stärker querrechteckig und die Horizontlinie ist herabgesenkt, ferner sind die Motivgruppen neu angeordnet, wobei auch die ursprünglichen Größenverhältnisse nicht immer ganz beibehalten wurden. Auch hinsichtlich der Malweise bestehen Unterschiede zu dem Madrider Triptychon. Während die mit wenigen deckenden Pinselstrichen ausgeführten Hintergrundmotive der malerischen Ausführung ihrer Vorbilder durchaus nahestehen, unterscheiden sich die Motive des Vorder- und -mittelgrunds von ihren Garten der Lüste-Pendants, die in stärkerem Maße ein lasierender Farbauftrag und eine plastische Modellierung kennzeichnen.

Die Komposition des vorliegenden Bildes kehrt detailgetreu wieder in einem Gemälde (siehe G. Unverfehrt, Hieronymus Bosch, Die Rezeption seiner Kunst im frühen 16. Jahrhundert, Berlin 1980, Kat. 150; De Vrij 2012, Kat. B. 19.14; RKD Nr. 51984) sowie in einer Tafel, die sich bis 1940 im Besitz von Walter Paech befand (siehe G. Unverfehrt, op. cit., Kat. 150; De Vrij 2012, Kat. B. 19.13). In beiden Bildern sind allerdings am unteren Bildrand eine nackte männliche Figur und oben ein bärtiger Mann mit einer weiteren männlichen Figur auf dem Schoß ergänzt. Hierdurch erfährt die Komposition eine Umdeutung zu einer Darstellung des reichen Mannes in der Hölle, der Lazarus in Abrahams Schoß erblickt (Lk 16, 23). Da die beiden Tafeln mit 125,5 x 98 bzw. 124 x 96 cm nahezu exakt dasselbe Format aufweisen wie das vorliegende (124 x 97,5 cm große) Bild, dürften sie alle in derselben Werkstatt entstanden sein. Dasselbe gilt bezüglich einer weiteren in der Literatur genannten Paraphrase des rechten Garten der Lüste-Flügels, die ebenfalls Maße von 125,5 x 98 cm aufweist (siehe G. Unverfehrt 1980, Kat. 161d/d; De Vrij 2012, Kat. B. 19.15).

Gerd Unverfehrt datiert die Paech-Tafel um 1540/50 (siehe G. Unverfehrt, op. cit., S. 221). Mit dieser Datierung steht die Malweise des vorliegenden Bildes im Einklang, die auf eine Entstehung um die Mitte des 16. Jahrhunderts hindeutet.


Zusatzabbildung:
Hieronymus Bosch, Nachfolger, Die Hölle (mit den zusätzlichen Figuren des Tundalus und der Dreifaltigkeit), RKD Nr. 51984
© RKD - Niederländisches Institut für Kunstgeschichte

Experte: Damian Brenninkmeyer Damian Brenninkmeyer
+43 1 515 60 403

damian.brenninkmeyer@dorotheum.at

18.10.2016 - 18:00

Erzielter Preis: **
EUR 527.600,-
Schätzwert:
EUR 200.000,- bis EUR 300.000,-

Hieronymus Bosch, Nachfolger


Die Hölle,
Öl auf Holz, 124 x 97,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Alvares, Lissabon (laut einer Notiz von M. J. Friedländer im Friedländer Foto-Archiv)

Literatur:
M. R. De Vrij, Jheronimus Bosch. An Exercise in Common Sense, Amsterdam 2012, Kat. B. 19.10

Die hier vorliegende Höllendarstellung basiert auf gewissen Motiven des rechten Flügels des um 1500 entstandenen Triptychons Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch (Museo del Prado, Madrid), wegen der Darstellung von Musikinstrumenten auch die Musikalische Hölle genannt. Hier werden diverse Musikinstrumente zu Folterinstrumenten umgewandelt, mit denen die Sünder in der Hölle malträtiert werden. Der obere Bildteil zeigt, ähnlich wie auf dem Gemälde des Prado, eine ruinenartige Stadtlandschaft. Im Dunkel der Nacht erhellen Feuerschein und andere Lichtquellen auf gespenstische Weise die Szenerie.

Hieronymus Boschs Motivik blieb auch nach dem Tod des Meisters im Jahr 1516 ungemein populär. Von dieser regelrechten Mode zeugen zahlreiche im 16. Jahrhundert angefertigte Kopien und Paraphrasen, wobei die rechte Tafel des Garten der Lüste-Triptychons eine besonders beliebte Motivquelle darstellte. Auch im vorliegenden Bild sind mehrere Motivgruppen des Madrider Höllenflügels zu einer neuen Einheit zusammengefügt. Die Darstellung folgt den Originalmotiven detailliert, variiert aber vereinzelt ihre Farbigkeit und ergänzt sie um Einfälle wie den Geldbeutel in der linken unteren Bildecke, den geflügelten Dämon mit der Flagge links von der zentralen Drehleier, die Figur unterhalb des Messers, die das Ende der Flagge mit dem Kröten-Emblem ergreift, sowie den feurigen Höllenschacht am unteren Bildrand. In kompositioneller Hinsicht unterscheidet sich die Tafel freilich von dem Madrider Vorbild: Zunächst ist das Format des Bildes stärker querrechteckig und die Horizontlinie ist herabgesenkt, ferner sind die Motivgruppen neu angeordnet, wobei auch die ursprünglichen Größenverhältnisse nicht immer ganz beibehalten wurden. Auch hinsichtlich der Malweise bestehen Unterschiede zu dem Madrider Triptychon. Während die mit wenigen deckenden Pinselstrichen ausgeführten Hintergrundmotive der malerischen Ausführung ihrer Vorbilder durchaus nahestehen, unterscheiden sich die Motive des Vorder- und -mittelgrunds von ihren Garten der Lüste-Pendants, die in stärkerem Maße ein lasierender Farbauftrag und eine plastische Modellierung kennzeichnen.

Die Komposition des vorliegenden Bildes kehrt detailgetreu wieder in einem Gemälde (siehe G. Unverfehrt, Hieronymus Bosch, Die Rezeption seiner Kunst im frühen 16. Jahrhundert, Berlin 1980, Kat. 150; De Vrij 2012, Kat. B. 19.14; RKD Nr. 51984) sowie in einer Tafel, die sich bis 1940 im Besitz von Walter Paech befand (siehe G. Unverfehrt, op. cit., Kat. 150; De Vrij 2012, Kat. B. 19.13). In beiden Bildern sind allerdings am unteren Bildrand eine nackte männliche Figur und oben ein bärtiger Mann mit einer weiteren männlichen Figur auf dem Schoß ergänzt. Hierdurch erfährt die Komposition eine Umdeutung zu einer Darstellung des reichen Mannes in der Hölle, der Lazarus in Abrahams Schoß erblickt (Lk 16, 23). Da die beiden Tafeln mit 125,5 x 98 bzw. 124 x 96 cm nahezu exakt dasselbe Format aufweisen wie das vorliegende (124 x 97,5 cm große) Bild, dürften sie alle in derselben Werkstatt entstanden sein. Dasselbe gilt bezüglich einer weiteren in der Literatur genannten Paraphrase des rechten Garten der Lüste-Flügels, die ebenfalls Maße von 125,5 x 98 cm aufweist (siehe G. Unverfehrt 1980, Kat. 161d/d; De Vrij 2012, Kat. B. 19.15).

Gerd Unverfehrt datiert die Paech-Tafel um 1540/50 (siehe G. Unverfehrt, op. cit., S. 221). Mit dieser Datierung steht die Malweise des vorliegenden Bildes im Einklang, die auf eine Entstehung um die Mitte des 16. Jahrhunderts hindeutet.


Zusatzabbildung:
Hieronymus Bosch, Nachfolger, Die Hölle (mit den zusätzlichen Figuren des Tundalus und der Dreifaltigkeit), RKD Nr. 51984
© RKD - Niederländisches Institut für Kunstgeschichte

Experte: Damian Brenninkmeyer Damian Brenninkmeyer
+43 1 515 60 403

damian.brenninkmeyer@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister
Datum: 18.10.2016 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 08.10. - 18.10.2016


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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