Lot Nr. 404


James Ensor *


(Ostende 1860–1949)
„Baptême de masques“, ca. 1925–30, signiert J. Ensor, am Keilrahmen betitelt Le baptême de Masques, rückseitig signiert J. Ensor, Öl auf Leinwand, 60 x 70 cm, ger., (PP)

Expertise:
Ensor Advisory Committee, Gent, 26.10.2015

Provenienz:
Simone Breton, Galerie Furstenberg (1954–1965), Paris
Europäische Privatsammlung – dort erworben
Die Erben

Das vorliegende, durch ein Foto aus der Zeit (siehe unten) inspirierte Werk stellt eine heitere Szene – eine Art Maskerade – dar, deren Protagonisten Mitglieder der Familie Nahrath, Ernest Rousseau Jr., James Ensor (mir einer Husarenmütze), sowie zwei weitere unidentifizierte sind. Später heiratete eine Tochter Naraths Ernest Rousseau Jr.

In diesem Werk kommen alle künstlerischen Prinzipien Ensors zur Geltung: das Licht, das die Perlmuttfarben verstärkt, das Bestreben nach Moderne, die Masken, durch die die Realität verschwimmt und letztendlich seine Selbstdarstellung als Marionette einer Maskerade.

Das Motiv lag Ensor offenbar am Herzen, hatte er doch schon 1891 eine zweite Version mit dem Titel „Réunion de masques (Mascarade)“ erstellt. Von „Baptême des masques, 1891“ existieren zwei spätere Ausführungen, von denen nur eine verzeichnet und mit „1937“ datiert ist.

Das vorliegende Werk, um 1925–1930 stellt hingegen eine Neuentdeckung dar.

James Ensor wird 1860 in der belgischen Stadt Ostende geboren. Dieses kleine Fischerdorf erlangt erst 1834 eine gewisse Bekanntheit, als König Leopold I. es zu seinem Sommerwohnsitz erwählt. In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich der Ort zu einem sehr beliebten Seebad.

Dort betreibt die Familie Ensor einen Souvenir- und Kuriositätenladen. Der Laden sichert das Auskommen und der zukünftige Maler wächst umgeben von „Muscheln, Spitze, ausgestopften seltenen Fischen, alten Büchern, Druckgrafiken, Waffen, Porzellan, inmitten eines unüberschaubaren Sammelsuriums bunt zusammengewürfelter Gegenständen” auf (Brief von Ensor an Louis Delattre, 4. August 1898) (…)

Diese ungewöhnliche Umgebung wird den Maler, wie er später gesteht, maßgeblich und nachhaltig beeinflussen: „Meine Kindheit wurde durch wunderbare Träume geprägt und ein Besuch im Laden der Großmutter, auf der sich der Glanz der Muscheln farbenfroh widerspiegelte, inmitten der prachtvollen Spitzenarbeiten, merkwürdigen ausgestopften Tiere und schrecklichen Waffen irgendwelcher Barbaren flößte mir große Angst ein (...) gewiss trug diese außergewöhnliche Umgebung zur Entwicklung meiner künstlerischen Fähigkeiten bei” (…)

Ab 1880 wird Ensor in seine Heimatstadt Ostende mit Ausnahme einiger Reisen nach London, in die Niederlande oder Paris und wiederholter Aufenthalte in Brüssel, bis zu seinem Lebensende bleiben. (…)

Ensor fertigt Landschaftsbilder, Stillleben, Bildnisse sowie Genreszenen mit seiner Schwester, Mutter und Tante an. (…) Er setzt sich für die Liberalisierung von Kunstausstellungen ein und bemüht sich darum, einer neuen Bewegung den Weg zu bereiten. Er ist unter anderem an der Gründung der Gruppe Les XX [Les Vingt] beteiligt, die in Kürze innerhalb der avantgardistischen Malerei eine wichtige Rolle spielen wird. Ensor, der an der Nordseeküste aufgewachsen ist, begeistert sich für die Wirkung des Lichts.

Die in den Gläsern schillernde Flüssigkeit und die Lichtreflexe auf dem Spiegel der Austernesserin, lassen schon deutlich das Interesse des Malers für die Wirkung des Lichts erkennen. Es bedeutet für ihn das Gegenteil der Linie, die wiederum der „Feind des Genies” ist und „nicht in der Lage ist, schöne und große Gefühle wie Leidenschaft, Unruhe, Kampf, Schmerz, Begeisterung, Poesie auszudrücken (...)”.

Aufgrund seines Interesses für das Licht versuchen manche Kritiker eine Parallele zum französischen Impressionismus zu ziehen. Doch Ensor weist diesen Vergleich vehement zurück: „Zu Unrecht wollte man mich in die Kategorie der Impressionisten, der Plein-Air-Maler, die eine Vorliebe für helle Töne haben, einordnen. Erst ich habe die Form des Lichts, die dadurch entstehenden Verzerrungen erfasst (…)” versichert er 1899.

Von sich überzeugt entwickelt er seine Recherchen weiter und verleiht dem Licht eine einigende und spirituelle Kraft. Zur Moderne seiner ersten Sujets kommt eine mystische Dimension hinzu. Seine Landschaften haben mit der äußeren Realität immer weniger gemein, sie werden zu Darstellungen des ursprünglichen Chaos, die dank göttlicher Eingebung entstanden sind. (...)

Im Jahr 1887 sterben sein Vater und seine Großmutter, denen er sehr zugetan war. Diese Ereignisse prägen Ensor nachhaltig und führen zu einem Wendepunkt in seiner Karriere und seinem künstlerischen Ansatz.

Masken und Skelette, die schon seit 1883 in seinem Werk auftauchen, spielen von 1887 an eine herausragende Rolle. Er nimmt sogar einen Teil seiner Bilder von Anfang 1880 wieder auf, um sie mit diesen Motiven zu bevölkern. Die Masken und Skelette erinnern natürlich an die merkwürdige Atmosphäre des Ladens der Familie und an die Karnevaltradition von Ostende, doch ihnen kommt auch eine symbolische Bedeutung zu. Die ersten Bilder verbergen und übertreiben eine Realität, die der Maler als zu hässlich und grausam empfindet, während auf den folgenden die Nichtigkeit und Absurdität der Welt im Vordergrund steht.
(Musée d’Orsay, Paris, James Ensor)

31.05.2016 - 19:00

Erzielter Preis: **
EUR 1.022.500,-
Schätzwert:
EUR 300.000,- bis EUR 500.000,-

James Ensor *


(Ostende 1860–1949)
„Baptême de masques“, ca. 1925–30, signiert J. Ensor, am Keilrahmen betitelt Le baptême de Masques, rückseitig signiert J. Ensor, Öl auf Leinwand, 60 x 70 cm, ger., (PP)

Expertise:
Ensor Advisory Committee, Gent, 26.10.2015

Provenienz:
Simone Breton, Galerie Furstenberg (1954–1965), Paris
Europäische Privatsammlung – dort erworben
Die Erben

Das vorliegende, durch ein Foto aus der Zeit (siehe unten) inspirierte Werk stellt eine heitere Szene – eine Art Maskerade – dar, deren Protagonisten Mitglieder der Familie Nahrath, Ernest Rousseau Jr., James Ensor (mir einer Husarenmütze), sowie zwei weitere unidentifizierte sind. Später heiratete eine Tochter Naraths Ernest Rousseau Jr.

In diesem Werk kommen alle künstlerischen Prinzipien Ensors zur Geltung: das Licht, das die Perlmuttfarben verstärkt, das Bestreben nach Moderne, die Masken, durch die die Realität verschwimmt und letztendlich seine Selbstdarstellung als Marionette einer Maskerade.

Das Motiv lag Ensor offenbar am Herzen, hatte er doch schon 1891 eine zweite Version mit dem Titel „Réunion de masques (Mascarade)“ erstellt. Von „Baptême des masques, 1891“ existieren zwei spätere Ausführungen, von denen nur eine verzeichnet und mit „1937“ datiert ist.

Das vorliegende Werk, um 1925–1930 stellt hingegen eine Neuentdeckung dar.

James Ensor wird 1860 in der belgischen Stadt Ostende geboren. Dieses kleine Fischerdorf erlangt erst 1834 eine gewisse Bekanntheit, als König Leopold I. es zu seinem Sommerwohnsitz erwählt. In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich der Ort zu einem sehr beliebten Seebad.

Dort betreibt die Familie Ensor einen Souvenir- und Kuriositätenladen. Der Laden sichert das Auskommen und der zukünftige Maler wächst umgeben von „Muscheln, Spitze, ausgestopften seltenen Fischen, alten Büchern, Druckgrafiken, Waffen, Porzellan, inmitten eines unüberschaubaren Sammelsuriums bunt zusammengewürfelter Gegenständen” auf (Brief von Ensor an Louis Delattre, 4. August 1898) (…)

Diese ungewöhnliche Umgebung wird den Maler, wie er später gesteht, maßgeblich und nachhaltig beeinflussen: „Meine Kindheit wurde durch wunderbare Träume geprägt und ein Besuch im Laden der Großmutter, auf der sich der Glanz der Muscheln farbenfroh widerspiegelte, inmitten der prachtvollen Spitzenarbeiten, merkwürdigen ausgestopften Tiere und schrecklichen Waffen irgendwelcher Barbaren flößte mir große Angst ein (...) gewiss trug diese außergewöhnliche Umgebung zur Entwicklung meiner künstlerischen Fähigkeiten bei” (…)

Ab 1880 wird Ensor in seine Heimatstadt Ostende mit Ausnahme einiger Reisen nach London, in die Niederlande oder Paris und wiederholter Aufenthalte in Brüssel, bis zu seinem Lebensende bleiben. (…)

Ensor fertigt Landschaftsbilder, Stillleben, Bildnisse sowie Genreszenen mit seiner Schwester, Mutter und Tante an. (…) Er setzt sich für die Liberalisierung von Kunstausstellungen ein und bemüht sich darum, einer neuen Bewegung den Weg zu bereiten. Er ist unter anderem an der Gründung der Gruppe Les XX [Les Vingt] beteiligt, die in Kürze innerhalb der avantgardistischen Malerei eine wichtige Rolle spielen wird. Ensor, der an der Nordseeküste aufgewachsen ist, begeistert sich für die Wirkung des Lichts.

Die in den Gläsern schillernde Flüssigkeit und die Lichtreflexe auf dem Spiegel der Austernesserin, lassen schon deutlich das Interesse des Malers für die Wirkung des Lichts erkennen. Es bedeutet für ihn das Gegenteil der Linie, die wiederum der „Feind des Genies” ist und „nicht in der Lage ist, schöne und große Gefühle wie Leidenschaft, Unruhe, Kampf, Schmerz, Begeisterung, Poesie auszudrücken (...)”.

Aufgrund seines Interesses für das Licht versuchen manche Kritiker eine Parallele zum französischen Impressionismus zu ziehen. Doch Ensor weist diesen Vergleich vehement zurück: „Zu Unrecht wollte man mich in die Kategorie der Impressionisten, der Plein-Air-Maler, die eine Vorliebe für helle Töne haben, einordnen. Erst ich habe die Form des Lichts, die dadurch entstehenden Verzerrungen erfasst (…)” versichert er 1899.

Von sich überzeugt entwickelt er seine Recherchen weiter und verleiht dem Licht eine einigende und spirituelle Kraft. Zur Moderne seiner ersten Sujets kommt eine mystische Dimension hinzu. Seine Landschaften haben mit der äußeren Realität immer weniger gemein, sie werden zu Darstellungen des ursprünglichen Chaos, die dank göttlicher Eingebung entstanden sind. (...)

Im Jahr 1887 sterben sein Vater und seine Großmutter, denen er sehr zugetan war. Diese Ereignisse prägen Ensor nachhaltig und führen zu einem Wendepunkt in seiner Karriere und seinem künstlerischen Ansatz.

Masken und Skelette, die schon seit 1883 in seinem Werk auftauchen, spielen von 1887 an eine herausragende Rolle. Er nimmt sogar einen Teil seiner Bilder von Anfang 1880 wieder auf, um sie mit diesen Motiven zu bevölkern. Die Masken und Skelette erinnern natürlich an die merkwürdige Atmosphäre des Ladens der Familie und an die Karnevaltradition von Ostende, doch ihnen kommt auch eine symbolische Bedeutung zu. Die ersten Bilder verbergen und übertreiben eine Realität, die der Maler als zu hässlich und grausam empfindet, während auf den folgenden die Nichtigkeit und Absurdität der Welt im Vordergrund steht.
(Musée d’Orsay, Paris, James Ensor)


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kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Klassische Moderne
Datum: 31.05.2016 - 19:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 21.05. - 31.05.2016


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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