Lot Nr. 648


Fabio Mauri *


(Rom 1926–2009)
„Lettere o Alfabeti“, 1972, variazioni 2004, rückseitig signiert: Schermo in balsa „Lettere o Alfabeti“ 1972 variazioni 2004 Fabio Mauri, TNT-Textil, Holz, Lack, Eisen, 71 x 43 x 5 cm, (MCC)

Fotozertifikat:
Studio Fabio Mauri, Rom, Archiv-Nr. 125

Provenienz:
Atelier des Künstlers, Geschenk an den gemeinnützigen Verband Fondazione CittàItalia, Rom, dort im Rahmen der am 28. September 2006 in Rom gehaltenen Benefizauktion vom jetzigen Besitzer erworben
Privatsammlung, Italien

Ausgestellt:
Rom, L’Arte di amare l’arte, 30 Artisti a sostegno della Fondazione CittàItalia, Palazzo Corsini, September 2006

Fabio Mauri ist einer der Meister der italienischen Avantgarde.
Er war ein eklektischer Künstler, der sich für Theater, Film und Literatur interessierte, und der zwanzig Jahre lang an der Kunstakademie in L’Aquila Ästhetik des Experimentierens unterrichtete.
Gemeinsam mit Pasolini gründete er 1942 das Literaturmagazin „Il Setaccio“ und 1967 mit Umberto Eco, Edoardo Sanguineti und Angelo Guglielmi das Kulturmagazin „Quindici“. Später folgte das Magazin für Kunstkritik „La Città di Riga“, welches er 1976 gemeinsam mit Alberto Boatto, Jannis Kounellis, Maurizio Calvesi und Umberto Silva gründete. Mauris erste Ausstellung in der Galleria Aureliana in Rom im Jahr 1955 wurde von seinem Freund Pier Paolo Pasolini präsentiert.
Gegen Ende des Jahres 1957 schuf der Künstler seine ersten „Schermi“ (Bildschirme) als eigenständige Interpretation monochromatischer Arbeit, deren Bestrebung es war, das Zeichen gleich Null zu setzen, wodurch sich auch die anderen fortschrittlichen Künstler der damaligen Zeit auszeichneten. Mauris monochromatische Arbeiten ließen auch bereits seinen Diskurs über Film erahnen. Der Bildschirm war die neue, wahrhaftige „symbolische Form“ für die Welt und Mauri verstand diese Tatsache ganz klar und unmittelbar.
Das Objekt ist ein ganz eindeutiger Hinweis auf Fernsehen und Film, die Symbole unserer multimedialen Gesellschaft. Mit seinen Bildschirmen begibt sich Mauri jenseits jeglicher ideologischer Geständnisse. Anders als in der Bildindustrie, sind seine Bildschirme leer und weiß (1957–1960) und stellen den Raum für jede mögliche Projektion dar, bei der die Worte „The End“ niemals verblassen. Der Bildschirm wird als greifbare Form des Gedächtnisses und des Gewissens betrachtet, in der die Projektionen Interpretationen der Realität auslösen: jede Projektion impliziert eine individuelle Handlung, eine unvollständige Wahrnehmung der Realität, das Aufgreifen neuer Elemente aus der Umwelt. Die Erinnerung ist der Wahrnehmung vorgelagert, demnach projiziert der Blick einer Person eigentlich ihre Erinnerung auf die Realität und modifiziert dabei gleichzeitig ihre inneren Bilder durch einen Vergleich mit der Realität. Die Darstellung Mensch-Welt/Bildschirm-Projektor schafft ein Verständnis für das individuelle Schicksal und dessen Dialogpartner, oder temporäre Widersprecher, wie Politik, Kultur und Gefahrenquellen (…). Mauris Annäherung stellt das Gegenteil des invasiven visuellen Markts des neuen Millenniums dar, was ein weiteres bedeutendes Merkmal ausmacht: eine obsessive, gründliche Analyse, welche durch Erfahrung bestätigt wird.
Der Schritt von der Malerei in die Aktion ist unvermeidlich. Die Idee reicht über die Grenzen der Leinwand hinaus bis zu den Handlungen einer Vergangenheit, die noch bewältigt werden muss und wohl immer unzumutbar bleibt. Dies bildet die Grundlage für die Performances der 1970er Jahre, wie „Che cos’è il fascismo“ („Was ist Faschismus“) (in den Stabilimenti Safa Platino in Rom, 1971), „Ebrea“ („Jüdin“) und „Gran Serata Futurista 1909–1939“ („Eine futuristische Grand Soirée 1909–1939“). Sein Filmdebüt fand 1975 in Bologna statt. „Intellettuale – Il Vangelo secondo Matteo di/su Pier Paolo Pasolini“ („Intellektuell. Das 1. Evangelium – Matthäus von/über Pier Paolo Pasolini“) wurde erstmals im Rahmen der Eröffnung der Galleria Comunale d’Arte Moderna gezeigt. Die Ausstrahlung erfolgte auf dem kurzen äußeren Treppenaufgang, der zur Gallerie führte, während die Ausstellung, die von Franco Solmi kuratiert wurde und sich der Dada Bewegung widmete, im Inneren des Museums gezeigt wurde.
Mauri platzierte Pasolini auf einem erhöhten Stuhl vor der Tür. Der Dichter wurde in einen „menschlichen Bildschirm“ verwandelt. Sein Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ wurde auf ihn projiziert. Die Lautstärke des Soundtracks, die im Vergleich zu den kleindimensionierten Bildern unproportional hoch war, verstärkte das Gefühl von Orientierungslosigkeit, das die Aktion sowohl beim Publikum als auch bei Pasolini selbst auslöste, radikal. Fünfzehn Fotografien von Antonio Masotti dokumentierten diese Aktion und wurden weltweit bekannt.
Dora Aceto, Studio Fabio Mauri, Rom

01.06.2016 - 19:00

Erzielter Preis: **
EUR 125.000,-
Schätzwert:
EUR 100.000,- bis EUR 120.000,-

Fabio Mauri *


(Rom 1926–2009)
„Lettere o Alfabeti“, 1972, variazioni 2004, rückseitig signiert: Schermo in balsa „Lettere o Alfabeti“ 1972 variazioni 2004 Fabio Mauri, TNT-Textil, Holz, Lack, Eisen, 71 x 43 x 5 cm, (MCC)

Fotozertifikat:
Studio Fabio Mauri, Rom, Archiv-Nr. 125

Provenienz:
Atelier des Künstlers, Geschenk an den gemeinnützigen Verband Fondazione CittàItalia, Rom, dort im Rahmen der am 28. September 2006 in Rom gehaltenen Benefizauktion vom jetzigen Besitzer erworben
Privatsammlung, Italien

Ausgestellt:
Rom, L’Arte di amare l’arte, 30 Artisti a sostegno della Fondazione CittàItalia, Palazzo Corsini, September 2006

Fabio Mauri ist einer der Meister der italienischen Avantgarde.
Er war ein eklektischer Künstler, der sich für Theater, Film und Literatur interessierte, und der zwanzig Jahre lang an der Kunstakademie in L’Aquila Ästhetik des Experimentierens unterrichtete.
Gemeinsam mit Pasolini gründete er 1942 das Literaturmagazin „Il Setaccio“ und 1967 mit Umberto Eco, Edoardo Sanguineti und Angelo Guglielmi das Kulturmagazin „Quindici“. Später folgte das Magazin für Kunstkritik „La Città di Riga“, welches er 1976 gemeinsam mit Alberto Boatto, Jannis Kounellis, Maurizio Calvesi und Umberto Silva gründete. Mauris erste Ausstellung in der Galleria Aureliana in Rom im Jahr 1955 wurde von seinem Freund Pier Paolo Pasolini präsentiert.
Gegen Ende des Jahres 1957 schuf der Künstler seine ersten „Schermi“ (Bildschirme) als eigenständige Interpretation monochromatischer Arbeit, deren Bestrebung es war, das Zeichen gleich Null zu setzen, wodurch sich auch die anderen fortschrittlichen Künstler der damaligen Zeit auszeichneten. Mauris monochromatische Arbeiten ließen auch bereits seinen Diskurs über Film erahnen. Der Bildschirm war die neue, wahrhaftige „symbolische Form“ für die Welt und Mauri verstand diese Tatsache ganz klar und unmittelbar.
Das Objekt ist ein ganz eindeutiger Hinweis auf Fernsehen und Film, die Symbole unserer multimedialen Gesellschaft. Mit seinen Bildschirmen begibt sich Mauri jenseits jeglicher ideologischer Geständnisse. Anders als in der Bildindustrie, sind seine Bildschirme leer und weiß (1957–1960) und stellen den Raum für jede mögliche Projektion dar, bei der die Worte „The End“ niemals verblassen. Der Bildschirm wird als greifbare Form des Gedächtnisses und des Gewissens betrachtet, in der die Projektionen Interpretationen der Realität auslösen: jede Projektion impliziert eine individuelle Handlung, eine unvollständige Wahrnehmung der Realität, das Aufgreifen neuer Elemente aus der Umwelt. Die Erinnerung ist der Wahrnehmung vorgelagert, demnach projiziert der Blick einer Person eigentlich ihre Erinnerung auf die Realität und modifiziert dabei gleichzeitig ihre inneren Bilder durch einen Vergleich mit der Realität. Die Darstellung Mensch-Welt/Bildschirm-Projektor schafft ein Verständnis für das individuelle Schicksal und dessen Dialogpartner, oder temporäre Widersprecher, wie Politik, Kultur und Gefahrenquellen (…). Mauris Annäherung stellt das Gegenteil des invasiven visuellen Markts des neuen Millenniums dar, was ein weiteres bedeutendes Merkmal ausmacht: eine obsessive, gründliche Analyse, welche durch Erfahrung bestätigt wird.
Der Schritt von der Malerei in die Aktion ist unvermeidlich. Die Idee reicht über die Grenzen der Leinwand hinaus bis zu den Handlungen einer Vergangenheit, die noch bewältigt werden muss und wohl immer unzumutbar bleibt. Dies bildet die Grundlage für die Performances der 1970er Jahre, wie „Che cos’è il fascismo“ („Was ist Faschismus“) (in den Stabilimenti Safa Platino in Rom, 1971), „Ebrea“ („Jüdin“) und „Gran Serata Futurista 1909–1939“ („Eine futuristische Grand Soirée 1909–1939“). Sein Filmdebüt fand 1975 in Bologna statt. „Intellettuale – Il Vangelo secondo Matteo di/su Pier Paolo Pasolini“ („Intellektuell. Das 1. Evangelium – Matthäus von/über Pier Paolo Pasolini“) wurde erstmals im Rahmen der Eröffnung der Galleria Comunale d’Arte Moderna gezeigt. Die Ausstrahlung erfolgte auf dem kurzen äußeren Treppenaufgang, der zur Gallerie führte, während die Ausstellung, die von Franco Solmi kuratiert wurde und sich der Dada Bewegung widmete, im Inneren des Museums gezeigt wurde.
Mauri platzierte Pasolini auf einem erhöhten Stuhl vor der Tür. Der Dichter wurde in einen „menschlichen Bildschirm“ verwandelt. Sein Film „Das 1. Evangelium – Matthäus“ wurde auf ihn projiziert. Die Lautstärke des Soundtracks, die im Vergleich zu den kleindimensionierten Bildern unproportional hoch war, verstärkte das Gefühl von Orientierungslosigkeit, das die Aktion sowohl beim Publikum als auch bei Pasolini selbst auslöste, radikal. Fünfzehn Fotografien von Antonio Masotti dokumentierten diese Aktion und wurden weltweit bekannt.
Dora Aceto, Studio Fabio Mauri, Rom


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kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst, Teil 1
Datum: 01.06.2016 - 19:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 21.05. - 01.06.2016


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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