Lot Nr. 620


Gerhard Richter *


Gerhard Richter * - Zeitgenössische Kunst, Teil 1

(Dresden 1932 geb.)
Portrait Karl-Heinz Hering, 1968, rücks. signiert und datiert Richter 68, am Keilrahmen betitelt Dr. Hering, Öl auf Leinwand, 87 x 67 cm, ger., Werkverzeichnis: 197–6, (PP)

Provenienz:
Friedrich Petzel Gallery, New York
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Düsseldorf, K20 Grabbeplatz, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Gerhard Richter, 12. Februar – 16. Mai 2005;
München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, (Gerhard Richter), 4. Juni – 20. August 2005;
Tel Aviv, The Genia Schreiber University Art Gallery, Prima Facie, 27. Dezember 2015 – 1. April 2016

Literatur:
A. Zweite, Gerhard Richter. Werkverzeichnis 1993–2004, Düsseldorf, Richter Verlag, 2005, erwähnt S. 14, 257, mit Abb. S. 135;
S. Gronert, Gerhard Richter: Portraits, Ostfildern, Hatje Cantz Verlag, 2006, Bildtafel 10, mit Abb.

„Ein Foto, sofern es nicht von einem Kunstfotografen ‚gestaltet‘ ist, ist einfach das beste Bild, das ich mir denken kann. Es ist perfekt, es ändert sich nicht, es ist absolut, also unabhängig, unbedingt, es hat keinen Stil. Das Foto ist das einzige Bild, das wahrhaft informieren kann, auch wenn es technisch mangelhaft und das Dargestellte kaum erkennbar ist. Ein gemalter Mond ist gänzlich uninteressant, ein fotografierter ergreift alle.“ Gerhard Richter im Jahr 1966 auf die Frage, was ihn veranlasst habe, nach Fotos zu malen.
(vgl. Gerhard Richter, Arbeiten 1962-1971, Katalog, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1971)

Das heitere und zugleich malerisch äußerst spannende Portrait Karl-Heinz Hering entstammt Gerhard Richters früher Schaffensphase der verwischten schwarz-weiß Bilder. In seiner umfassenden Studie zur zentralen Werkgruppe der Portraits ordnet der Kunsthistoriker Stefan Gronert das Bild gemeinsam mit Arnold Bode (1964) und den Portraits Schmela (1964) jenen frühen Bildnissen Richters zu, die Ausstellungsmacher und Künstler zeigen, und bezeichnet es zugleich als das „malerisch sicher interessanteste Bild“ dieser Gruppe.

Das Bild zeigt den langjährigen (1961-1986) Vorsitzenden des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf, dessen Karriere eine umfangreiche Dokumentation von Marie-Louise Otten nachvollziehen lässt. Karl-Heinz Hering organisierte 1971 die erste große Einzelausstellung Richters im Kunstverein und war ebenso mitverantwortlich für die erste umfassende Retrospektive im Jahre 1986, die in Kooperation mit der Kunsthalle Düsseldorf organisiert und nach Düsseldorf auch in Berlin, Bern und Wien gezeigt wurde.

Die Dankbarkeit Richters geht noch 25 Jahre später aus einem Glückwunschschreiben zum 65. Geburtstag des Dargestellten hervor. Das Glückwunschschreiben wurde auf einem Foto, das als Vorstudie zu dem Gemälde von 1968 diente, niedergeschrieben (Abbildung in Marie-Louise Otten: 30 Jahre Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen mit Karl-Heinz Hering. Ratingen, Schwarzbach Presse, 1998. S. 195).
„Es ist jedoch nicht als Auftragsarbeit entstanden, sondern vermutlich aus freien Stücken und geht wohl auf Aufnahmen zurück, die Richter im Zusammenhang der Düsseldorfer Creamcheese-Bar machte. (...)

Wichtig ist das Gemälde Portrait Karl-Heinz Hering nun eher aus künstlerischen, denn aus biografischen Gründen. Es handelt sich um eine radikale malerische Reflexion einer fotografischen Vorlage, bei der sich das Posenhafte des Passfotomotivs im übersteigerten Lächeln des Dargestellten zeigt. Das Gesicht ist nur mehr eine lachende Fratze, während die Malerei die Leinwand keineswegs ganzflächig bedeckt, sondern – anders als in den vielen durch einen weißen Rand erzeugten Anspielungen auf Amateurfotografien jener Zeit – in geradezu wilden Zügen ausfranst. Was auf den ersten Blick als unvollendet erscheint, erweist sich als eine ins beinahe Groteske gesteigerte Artifizialität.“
(Stefan Gronert, Das Portrait des Abbilds, in: Gerhard Richter. Portraits, hrsg. v. Stefan Gronert, Ostfildern: Hatje Cantz, 2006 S. 94 f.)

01.06.2016 - 19:00

Schätzwert:
EUR 400.000,- bis EUR 600.000,-

Gerhard Richter *


(Dresden 1932 geb.)
Portrait Karl-Heinz Hering, 1968, rücks. signiert und datiert Richter 68, am Keilrahmen betitelt Dr. Hering, Öl auf Leinwand, 87 x 67 cm, ger., Werkverzeichnis: 197–6, (PP)

Provenienz:
Friedrich Petzel Gallery, New York
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Düsseldorf, K20 Grabbeplatz, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Gerhard Richter, 12. Februar – 16. Mai 2005;
München, Städtische Galerie im Lenbachhaus, (Gerhard Richter), 4. Juni – 20. August 2005;
Tel Aviv, The Genia Schreiber University Art Gallery, Prima Facie, 27. Dezember 2015 – 1. April 2016

Literatur:
A. Zweite, Gerhard Richter. Werkverzeichnis 1993–2004, Düsseldorf, Richter Verlag, 2005, erwähnt S. 14, 257, mit Abb. S. 135;
S. Gronert, Gerhard Richter: Portraits, Ostfildern, Hatje Cantz Verlag, 2006, Bildtafel 10, mit Abb.

„Ein Foto, sofern es nicht von einem Kunstfotografen ‚gestaltet‘ ist, ist einfach das beste Bild, das ich mir denken kann. Es ist perfekt, es ändert sich nicht, es ist absolut, also unabhängig, unbedingt, es hat keinen Stil. Das Foto ist das einzige Bild, das wahrhaft informieren kann, auch wenn es technisch mangelhaft und das Dargestellte kaum erkennbar ist. Ein gemalter Mond ist gänzlich uninteressant, ein fotografierter ergreift alle.“ Gerhard Richter im Jahr 1966 auf die Frage, was ihn veranlasst habe, nach Fotos zu malen.
(vgl. Gerhard Richter, Arbeiten 1962-1971, Katalog, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 1971)

Das heitere und zugleich malerisch äußerst spannende Portrait Karl-Heinz Hering entstammt Gerhard Richters früher Schaffensphase der verwischten schwarz-weiß Bilder. In seiner umfassenden Studie zur zentralen Werkgruppe der Portraits ordnet der Kunsthistoriker Stefan Gronert das Bild gemeinsam mit Arnold Bode (1964) und den Portraits Schmela (1964) jenen frühen Bildnissen Richters zu, die Ausstellungsmacher und Künstler zeigen, und bezeichnet es zugleich als das „malerisch sicher interessanteste Bild“ dieser Gruppe.

Das Bild zeigt den langjährigen (1961-1986) Vorsitzenden des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf, dessen Karriere eine umfangreiche Dokumentation von Marie-Louise Otten nachvollziehen lässt. Karl-Heinz Hering organisierte 1971 die erste große Einzelausstellung Richters im Kunstverein und war ebenso mitverantwortlich für die erste umfassende Retrospektive im Jahre 1986, die in Kooperation mit der Kunsthalle Düsseldorf organisiert und nach Düsseldorf auch in Berlin, Bern und Wien gezeigt wurde.

Die Dankbarkeit Richters geht noch 25 Jahre später aus einem Glückwunschschreiben zum 65. Geburtstag des Dargestellten hervor. Das Glückwunschschreiben wurde auf einem Foto, das als Vorstudie zu dem Gemälde von 1968 diente, niedergeschrieben (Abbildung in Marie-Louise Otten: 30 Jahre Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen mit Karl-Heinz Hering. Ratingen, Schwarzbach Presse, 1998. S. 195).
„Es ist jedoch nicht als Auftragsarbeit entstanden, sondern vermutlich aus freien Stücken und geht wohl auf Aufnahmen zurück, die Richter im Zusammenhang der Düsseldorfer Creamcheese-Bar machte. (...)

Wichtig ist das Gemälde Portrait Karl-Heinz Hering nun eher aus künstlerischen, denn aus biografischen Gründen. Es handelt sich um eine radikale malerische Reflexion einer fotografischen Vorlage, bei der sich das Posenhafte des Passfotomotivs im übersteigerten Lächeln des Dargestellten zeigt. Das Gesicht ist nur mehr eine lachende Fratze, während die Malerei die Leinwand keineswegs ganzflächig bedeckt, sondern – anders als in den vielen durch einen weißen Rand erzeugten Anspielungen auf Amateurfotografien jener Zeit – in geradezu wilden Zügen ausfranst. Was auf den ersten Blick als unvollendet erscheint, erweist sich als eine ins beinahe Groteske gesteigerte Artifizialität.“
(Stefan Gronert, Das Portrait des Abbilds, in: Gerhard Richter. Portraits, hrsg. v. Stefan Gronert, Ostfildern: Hatje Cantz, 2006 S. 94 f.)


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst, Teil 1
Datum: 01.06.2016 - 19:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 21.05. - 01.06.2016