Lot Nr. 618


Georg Baselitz *


(Deutschbaselitz/Sachsen 1938 geb.)
Hinterglas, 1997, rücks. betitelt, signiert und datiert G. Baselitz 19. VIII. 97, mit „Privat“ und Richtungsangabe beschriftet, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm, ger., (AR)

Wir danken Herrn Detlev Gretenkort vom Georg Baselitz Archiv für seine freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung des vorliegenden Werkes.
Die vorliegende Arbeit ist im Georg Baselitz Archiv unter der Archiv-Nr. GB/M 1997.08.19 registriert.

Provenienz:
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Imperia, Villa Faravelli, Georg Baselitz e Benjamin Katz, Attori a rovescio, 22. Mai – 10. September 2005, Ausst.-Kat. S. 30–31 mit Abb.
Lugano, Georg Baselitz, Museo d’Arte Moderna, 6. Mai – 23. September 2007 (auf der Rückseite Klebezettel), Ausst.-Kat. S. 95 mit Abb.

Kunst ist tiefgehend und vulgär – es ist eine Erschütterung.
(Georg Baselitz)

Nachdem er drei Jahre lang an Ölgemälden gearbeitet hatte, mit der Intention die Organizität der Figuren aufzulösen und ihre Unversehrtheit zu zerrütten, beschloss Georg Baselitz 1969, das gemalte Subjekt auf den Kopf zu stellen. Dies war eine von jenen Gesten, die eine unauslöschbare Spur, nicht nur im Leben des Künstlers, sondern auch in der Kunstgeschichte hinterlassen.
In der westlichen Kultur, aber auch in der restlichen Welt, besonders betreffend die Auffassung der Verwendung einzelner bildsprachlicher Elemente, wurde das Bild immer in seiner konventionellen Form präsentiert, indem das Subjekt auf der Bildoberfläche aus einer anthropologischen Sicht gemäß den Koordinaten Oben und Unten ausgerichtet wurde.
Die subversive Geste des Auf-den-Kopf-Stellens des Bildes trug eine gänzlich unterschiedliche emotionale Bedeutung in sich als jene, die das bildnerische Werk Baselitz’ bis zum damaligen Zeitpunkt ausgezeichnet hatte. Eine noch nie dagewesene Entschlossenheit ist in diesen Werken spürbar, gepaart mit einem gleichzeitig ruhigen und abnormalen Ausdruck, wie man ihn von Menschen kennt, die einen großen Schritt vorwärts getan und eine andere Dimension des Ausdrucks betreten haben.
Es muss wie ein lebensnotwendiges Erwachen für Baselitz gewesen sein, einen Künstler, der seit Langem auf der Suche nach einem Weg aus seiner Sackgasse der figurativen Malerei hinaus war, und auf der er jede Möglichkeit ausgeschöpft hatte, das Figürliche in der Nachkriegszeit nach Francis Bacon und Willem de Kooning zu retten.
Baselitz’ Zugang ist dennoch weder eine umgekehrte Perspektive, noch eine bizarre Öffnung oder „Auf-dem-Kopf“-Vision […], sondern vielmehr eine konzeptionelle Invertierung, die sich aus einer der Abzweigungen der neuen Räumlichkeit ableitete, welche, von Pollock bis Lucio Fontana, den jungen Baselitz dazu verleitet hatte, anzunehmen, dass der Durchbruch in der Kunst nur mentaler oder ideologischer Natur sein konnte.
[…] Sowohl in seiner bildhauerischen als auch malerischen Produktion, die Baselitz seit jenem Schicksalsjahr 1969 schuf, lies er niemals davon ab, sein schöpferisches Inventar neuen Schaffensprozessen auszusetzen. Die neuesten Zyklen seiner Arbeit zeigen daher noch nie dagewesene Modalitäten, die es zur Aufgabe haben, die Anforderungen, derer Baselitz sich seither bewusst ist, sichtbar zu machen. Nach dem Jahr 1995 unterlag seine Malerei einer Invasion von Bildformen und ikonographischen Programmen, ausgelöst durch Erinnerungen an seine persönliche Geschichte ebenso wie an sein familiäres Umfeld und seine Freunde.
[…] Baselitz’ Vorstellungskraft explodiert auf der Leinwand in einer unaufhaltbaren Flut. […] Es ist offensichtlich, dass die Bilder den Verstand des Malers durchfluten, der sie festhält, sie aufschreibt, sie fotografiert mit dem bloßen Augen, oder, wenn man so will, mit einem Geist frei von allen Sorgen, und sie unverzüglich wieder über den Leinwänden ausgießt, mit einer noch größeren Geschwindigkeit dank den hochverdünnten Farben.
[…] Was die Gemälde der letzten Jahre auszeichnet, ist auch die außergewöhnliche Freiheit des Künstlers, der sich seiner Ausdrucksmittel nun voll und ganz bewusst ist und nun noch hemmungsloser scheint.
[…] Dank seines akrobatischen Crescendos modaler Interaktionen, die er in einer Reihe anderer Arbeiten entwickelte, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Baselitz bahnbrechende Veränderungen in der Dekonstruktion des Bildes und der Malerei an sich erreichte, indem er sie von ihrer Plastizität erlöste und daran arbeitete, das Bildmaterial so leicht und transparent zu machen wie die ätherische Textur jener Bilder, die zwischen Schlaf und Wachzustand entstehen.
Bruno Corà, Georg Baselitz: Backward, Forward, Upside Down, Everywhere, in the Painting (in Rainer Michael Mason [Hrsg.], „Georg Baselitz“, Katalog der Ausstellung im Museum Moderner Kunst, Lugano, 6. Mai – 23. September 2007)

01.06.2016 - 19:00

Erzielter Preis: **
EUR 259.200,-
Schätzwert:
EUR 180.000,- bis EUR 260.000,-

Georg Baselitz *


(Deutschbaselitz/Sachsen 1938 geb.)
Hinterglas, 1997, rücks. betitelt, signiert und datiert G. Baselitz 19. VIII. 97, mit „Privat“ und Richtungsangabe beschriftet, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm, ger., (AR)

Wir danken Herrn Detlev Gretenkort vom Georg Baselitz Archiv für seine freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung des vorliegenden Werkes.
Die vorliegende Arbeit ist im Georg Baselitz Archiv unter der Archiv-Nr. GB/M 1997.08.19 registriert.

Provenienz:
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Imperia, Villa Faravelli, Georg Baselitz e Benjamin Katz, Attori a rovescio, 22. Mai – 10. September 2005, Ausst.-Kat. S. 30–31 mit Abb.
Lugano, Georg Baselitz, Museo d’Arte Moderna, 6. Mai – 23. September 2007 (auf der Rückseite Klebezettel), Ausst.-Kat. S. 95 mit Abb.

Kunst ist tiefgehend und vulgär – es ist eine Erschütterung.
(Georg Baselitz)

Nachdem er drei Jahre lang an Ölgemälden gearbeitet hatte, mit der Intention die Organizität der Figuren aufzulösen und ihre Unversehrtheit zu zerrütten, beschloss Georg Baselitz 1969, das gemalte Subjekt auf den Kopf zu stellen. Dies war eine von jenen Gesten, die eine unauslöschbare Spur, nicht nur im Leben des Künstlers, sondern auch in der Kunstgeschichte hinterlassen.
In der westlichen Kultur, aber auch in der restlichen Welt, besonders betreffend die Auffassung der Verwendung einzelner bildsprachlicher Elemente, wurde das Bild immer in seiner konventionellen Form präsentiert, indem das Subjekt auf der Bildoberfläche aus einer anthropologischen Sicht gemäß den Koordinaten Oben und Unten ausgerichtet wurde.
Die subversive Geste des Auf-den-Kopf-Stellens des Bildes trug eine gänzlich unterschiedliche emotionale Bedeutung in sich als jene, die das bildnerische Werk Baselitz’ bis zum damaligen Zeitpunkt ausgezeichnet hatte. Eine noch nie dagewesene Entschlossenheit ist in diesen Werken spürbar, gepaart mit einem gleichzeitig ruhigen und abnormalen Ausdruck, wie man ihn von Menschen kennt, die einen großen Schritt vorwärts getan und eine andere Dimension des Ausdrucks betreten haben.
Es muss wie ein lebensnotwendiges Erwachen für Baselitz gewesen sein, einen Künstler, der seit Langem auf der Suche nach einem Weg aus seiner Sackgasse der figurativen Malerei hinaus war, und auf der er jede Möglichkeit ausgeschöpft hatte, das Figürliche in der Nachkriegszeit nach Francis Bacon und Willem de Kooning zu retten.
Baselitz’ Zugang ist dennoch weder eine umgekehrte Perspektive, noch eine bizarre Öffnung oder „Auf-dem-Kopf“-Vision […], sondern vielmehr eine konzeptionelle Invertierung, die sich aus einer der Abzweigungen der neuen Räumlichkeit ableitete, welche, von Pollock bis Lucio Fontana, den jungen Baselitz dazu verleitet hatte, anzunehmen, dass der Durchbruch in der Kunst nur mentaler oder ideologischer Natur sein konnte.
[…] Sowohl in seiner bildhauerischen als auch malerischen Produktion, die Baselitz seit jenem Schicksalsjahr 1969 schuf, lies er niemals davon ab, sein schöpferisches Inventar neuen Schaffensprozessen auszusetzen. Die neuesten Zyklen seiner Arbeit zeigen daher noch nie dagewesene Modalitäten, die es zur Aufgabe haben, die Anforderungen, derer Baselitz sich seither bewusst ist, sichtbar zu machen. Nach dem Jahr 1995 unterlag seine Malerei einer Invasion von Bildformen und ikonographischen Programmen, ausgelöst durch Erinnerungen an seine persönliche Geschichte ebenso wie an sein familiäres Umfeld und seine Freunde.
[…] Baselitz’ Vorstellungskraft explodiert auf der Leinwand in einer unaufhaltbaren Flut. […] Es ist offensichtlich, dass die Bilder den Verstand des Malers durchfluten, der sie festhält, sie aufschreibt, sie fotografiert mit dem bloßen Augen, oder, wenn man so will, mit einem Geist frei von allen Sorgen, und sie unverzüglich wieder über den Leinwänden ausgießt, mit einer noch größeren Geschwindigkeit dank den hochverdünnten Farben.
[…] Was die Gemälde der letzten Jahre auszeichnet, ist auch die außergewöhnliche Freiheit des Künstlers, der sich seiner Ausdrucksmittel nun voll und ganz bewusst ist und nun noch hemmungsloser scheint.
[…] Dank seines akrobatischen Crescendos modaler Interaktionen, die er in einer Reihe anderer Arbeiten entwickelte, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass Baselitz bahnbrechende Veränderungen in der Dekonstruktion des Bildes und der Malerei an sich erreichte, indem er sie von ihrer Plastizität erlöste und daran arbeitete, das Bildmaterial so leicht und transparent zu machen wie die ätherische Textur jener Bilder, die zwischen Schlaf und Wachzustand entstehen.
Bruno Corà, Georg Baselitz: Backward, Forward, Upside Down, Everywhere, in the Painting (in Rainer Michael Mason [Hrsg.], „Georg Baselitz“, Katalog der Ausstellung im Museum Moderner Kunst, Lugano, 6. Mai – 23. September 2007)


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst, Teil 1
Datum: 01.06.2016 - 19:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 21.05. - 01.06.2016


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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