Lot Nr. 615 -


Gerhard Richter *


Gerhard Richter * - Zeitgenössische Kunst, Teil 1

(Dresden 1932 geb.)
Abstraktes Bild (894–14), 2005, rücks. betitelt, signiert, datiert 894–14 Richter 2005, Öl auf Alu-Dibond, 30 x 44 cm, (PP)

Provenienz:
Marian Goodman Gallery, New York
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
New York, Marian Goodman Gallery, Gerhard Richter: Abstract Paintings, 7. November 2009 – 9. Januar 2010, Ausst.-Kat. Nr. 8, mit Abb.

Gerhard Richters Abstraktes Bild (894-14) macht seinen für diese Werkgruppe typischen malerischen Prozess des wohlüberlegten Zufalls nachvollziehbar. Der Vorgang der Entstehung des Bildes ist deutlich erkennbar – die satt aufgetragene und mit einer Rakel quer über das Bild gezogene Ölfarbe – und paradoxerweise zugleich verschleiert. Die Struktur aus waagerecht verwischten Linien und Farbschlieren zeugt einerseits vom ungesteuerten Aufeinandertreffen der Farben, ihrer Materialität und Textur, und lässt sich andererseits als Ergebnis einer intendierten Komposition lesen. Die Palette aus farbig durchzogenem Grau, das am unteren Bildrand und auf der Seite mit hellem Grün durchsetzt ist, vermittelt Ruhe und Harmonie.

(…) die Verwendung der Rakel wird deutlich zu einer Arbeitstechnik, die am komplett anderen Ende dessen zu verorten ist, als dem, was die Zufallstechniken, die im Rahmen des surrealistischen Erbes des Automatismus entstanden waren, noch versprochen hatten: Fing er zunächst die Arbeit an jeder Leinwand mit seltsamen Proben zu verschiedensten Formen gestischer Abstraktion an, so als würde er einen Katalog der surrealistischen Vermächtnisse abarbeiten, so scheint Richter gegen Ende seine Arbeit am Gemälde beinahe wörtlich zu vollstrecken, indem er mit einem riesigen Gerät Farbe über einen scheinbar sorgsam geplanten und bemalten Untergrund recht. In horizontalen und vertikalen Zick-Zack-Linien fährt er mit diesem eher roh anmutenden Werkzeug das Bild auf und ab und erlangt dadurch eine radikale Verminderung seiner taktilen Steuerung und seines händischen Geschicks, wodurch suggeriert wird, dass die Tilgung malerischer Detailhaftigkeit ebenso essentiell für die Schaffung seiner Arbeit ist, wie die Kennzeichnung mit Spuren, die den Entstehungsprozess erkennbar machen. So entsteht eine unheimliche und zutiefst verunsichernde Dialektik zwischen Artikulation und Tilgung, mitten im Kern der bildnerischen Schöpfung selbst. Und dadurch öffnet sich der Blick, der uns vermeintlich zu Zeugen einer Kluft zwischen Negation und Zerstörung macht und gleichzeitig das Hervortreten betörender, farbenfroher und struktureller Lichtblicke ermöglicht.
(Benjamin Buchloh, The Chance Ornament. Aphorisms on Gerhard Richter’s Abstractions, in: Artforum, Februar 2012, S. 173)

„Das fing 1976 an mit kleinen abstrakten Bildern, die mir erlaubten, all das zu machen, was ich mir vorher verboten hatte: einfach willkürlich etwas hinzusetzen, um dann zu merken, dass es nie willkürlich sein kann. Dies geschah, um mir eine Tür zu öffnen. Wenn ich nicht weiß, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willkür und Zufall eine wichtige Rolle.“
Gerhard Richter im Interview mit Sabine Schütz 1990 in: Gerhard Richter Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2008, S. 256.

01.06.2016 - 19:00

Schätzwert:
EUR 200.000,- bis EUR 300.000,-

Gerhard Richter *


(Dresden 1932 geb.)
Abstraktes Bild (894–14), 2005, rücks. betitelt, signiert, datiert 894–14 Richter 2005, Öl auf Alu-Dibond, 30 x 44 cm, (PP)

Provenienz:
Marian Goodman Gallery, New York
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
New York, Marian Goodman Gallery, Gerhard Richter: Abstract Paintings, 7. November 2009 – 9. Januar 2010, Ausst.-Kat. Nr. 8, mit Abb.

Gerhard Richters Abstraktes Bild (894-14) macht seinen für diese Werkgruppe typischen malerischen Prozess des wohlüberlegten Zufalls nachvollziehbar. Der Vorgang der Entstehung des Bildes ist deutlich erkennbar – die satt aufgetragene und mit einer Rakel quer über das Bild gezogene Ölfarbe – und paradoxerweise zugleich verschleiert. Die Struktur aus waagerecht verwischten Linien und Farbschlieren zeugt einerseits vom ungesteuerten Aufeinandertreffen der Farben, ihrer Materialität und Textur, und lässt sich andererseits als Ergebnis einer intendierten Komposition lesen. Die Palette aus farbig durchzogenem Grau, das am unteren Bildrand und auf der Seite mit hellem Grün durchsetzt ist, vermittelt Ruhe und Harmonie.

(…) die Verwendung der Rakel wird deutlich zu einer Arbeitstechnik, die am komplett anderen Ende dessen zu verorten ist, als dem, was die Zufallstechniken, die im Rahmen des surrealistischen Erbes des Automatismus entstanden waren, noch versprochen hatten: Fing er zunächst die Arbeit an jeder Leinwand mit seltsamen Proben zu verschiedensten Formen gestischer Abstraktion an, so als würde er einen Katalog der surrealistischen Vermächtnisse abarbeiten, so scheint Richter gegen Ende seine Arbeit am Gemälde beinahe wörtlich zu vollstrecken, indem er mit einem riesigen Gerät Farbe über einen scheinbar sorgsam geplanten und bemalten Untergrund recht. In horizontalen und vertikalen Zick-Zack-Linien fährt er mit diesem eher roh anmutenden Werkzeug das Bild auf und ab und erlangt dadurch eine radikale Verminderung seiner taktilen Steuerung und seines händischen Geschicks, wodurch suggeriert wird, dass die Tilgung malerischer Detailhaftigkeit ebenso essentiell für die Schaffung seiner Arbeit ist, wie die Kennzeichnung mit Spuren, die den Entstehungsprozess erkennbar machen. So entsteht eine unheimliche und zutiefst verunsichernde Dialektik zwischen Artikulation und Tilgung, mitten im Kern der bildnerischen Schöpfung selbst. Und dadurch öffnet sich der Blick, der uns vermeintlich zu Zeugen einer Kluft zwischen Negation und Zerstörung macht und gleichzeitig das Hervortreten betörender, farbenfroher und struktureller Lichtblicke ermöglicht.
(Benjamin Buchloh, The Chance Ornament. Aphorisms on Gerhard Richter’s Abstractions, in: Artforum, Februar 2012, S. 173)

„Das fing 1976 an mit kleinen abstrakten Bildern, die mir erlaubten, all das zu machen, was ich mir vorher verboten hatte: einfach willkürlich etwas hinzusetzen, um dann zu merken, dass es nie willkürlich sein kann. Dies geschah, um mir eine Tür zu öffnen. Wenn ich nicht weiß, was da entsteht, also kein festes Bild habe wie bei einem Foto, das ich abmale, dann spielen Willkür und Zufall eine wichtige Rolle.“
Gerhard Richter im Interview mit Sabine Schütz 1990 in: Gerhard Richter Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2008, S. 256.


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst, Teil 1
Datum: 01.06.2016 - 19:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 21.05. - 01.06.2016