Lot Nr. 17


Francesco Pesenti, gen. Il Sabbioneta


Francesco Pesenti, gen. Il Sabbioneta - Alte Meister

(Cremona ca. 1510/1520–1563)
Porträt einer Dame im Profil (Isabella Colonna Gonzaga?),
Öl auf Holz, 20,5 x 16,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Alexandre Imbert (1865–1943), Rom;
Europäische Privatsammlung

Wir danken Marco Tanzi, der die Zuschreibung für das vorliegende Gemälde vorgeschlagen hat.

Diese kleine Tafel zeigt eine Dame im Profil in einer nahezu heraldischen Pose vor einem kompakten dunklen Hintergrund. Der Künstler bediente sich dafür einer bewusst archaisierenden Ikonografie. Francesco Pesenti, genannt Il Sabbioneta(1) wurde vermutlich in der zweiten Dekade des 16. Jahrhunderts in Cremona geboren. Sein Vater Galeazzo war vom zweiten bis zum vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts im Dom als Maler und Vergolder tätig. Francesco war der älteste von drei Brüdern, die alle Maler waren. Ihnen folgten in den kommenden Generationen weitere Künstler nach. Francesco war ab 1540 eine führende Künstlerpersönlichkeit in der Kulturszene Cremonas, doch schwand sein Ruhm im Laufe der Jahrhunderte. Von seinen Zeitgenossen wurde er hingegen überaus geschätzt, was seine prestigeträchtigen Aufträge bezeugen. Zwischen 1549 und 1550 arbeitete Francesco gemeinsam mit seinem Bruder Vincenzo an den Festdekorationen für den triumphalen Einzug Philipps II. von Spanien in Cremona sowie für den Besuch Kardinals Francesco Sfondrati. Seinen wichtigsten Auftrag, den er ebenfalls in Zusammenarbeit mit seinem Bruder ausführte, sollte er jedoch erst später erhalten. Zwischen 1557 und 1559 waren Francesco und Vincenzo Pesenti mit der Ausgestaltung des Deckengewölbes sowie der Lünetten, Zwickel und Bögen im Hauptschiff von Sant’Agostino in Cremona betraut. Francesco malte für die Kirche auch eine Anbetung der Könige, die vermutlich aus derselben Zeit datiert.(2) Seine letzte große Arbeit bestand in der Vergoldung des Orgelgehäuses im Dom von Cremona, die aufgrund seines Todes 1563 unvollendet blieb; der Maler wurde am 10. August 1563 in San Bartolomeo in Cremona beigesetzt.

Die Malweise des Künstlers vereint Stilelemente aus Mantua und Parma. Daraus ergibt sich ein Stil, der in gewisser Hinsicht parallel zu jenem seiner Frühzeit besteht, als er deutlich vom mantuanischen Stil Bernardino Campis geprägt war. Aufgrund dieser stilistischen Merkmale kann ihm auch ein Freskenzyklus profanen Inhalts in einem Palazzo in der Via Beltrami in Cremona zugeschrieben werden, welcher sich einst im Besitz der Familie Fodri befand. Die bisher unpublizierten und nur noch fragmentarisch erhaltenen Fresken handeln von den Legenden um Tereus, Prokne und Philomela aus Ovids Metamorphosen.

In der vorliegenden Tafel arbeitete Francesco Pesenti bewusst mit archaisierenden Formen, wodurch der Eindruck entsteht, dass er sich an einem durch ein damals bekanntes Vorbild überlieferten Bildnis orientierte. Die Haltung des Profils lässt an die Herleitung von einer Medaille denken: Es ist das Porträt einer angesehenen Persönlichkeit, deren Kleidung jedoch der erst in jüngerer Zeit im Tal des Po herrschenden Mode entspricht. Möglicherweise wurde Pesenti ausdrücklich gebeten, eine berühmte Person der unmittelbaren Vergangenheit abzubilden und dabei einen bestimmten, heute verlorenen Prototypen abzuwandeln.

Bei der Dargestellten könnte es sich um Isabella Gonzaga Colonna handeln. Die in Fondi geborene Isabella war die einzige Tochter des Vespasiano Colonna – er war Herzog von Traietto, Graf von Fondi und Herr über zahlreiche kleinere Feudalgüter – und der Beatrice Appiani d’Aragona. Isabella wuchs unter ihrer Stiefmutter Giulia Gonzaga, Vespasianos zweiter Gemahlin, auf. 1531 heiratete sie Luigi „Rodomonte“ Gonzaga, einen Kommandanten Karls V., dem sie einen Sohn, Vespasiano, gebar – den künftigen Herzog von Sabbioneta. Nachdem sie 1532 – nur ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes – Witwe wurde, zog sie zunächst in die Nähe der Verwandten ihres verstorbenen Gemahls bei Sabbioneta. Aufgrund von Unstimmigkeiten in Zusammenhang mit der Erbschaft und der Ausbildung ihres Sohnes ließ sie sich im nahegelegenen Rivarolo nieder und zog schließlich 1534 nach Neapel. Ihr Schwiegervater Ludovico Gonzaga, der Begründer der Gonzaga-Dynastie der Linie „di Sabbioneta e Bozzolo“, stand diesem Entschluss ablehnend gegenüber. Als Isabella 1536 Filippo di Lannoy, den Fürsten von Sulmona, heiratete, erwirkte er einen kaiserlichen Erlass, dem zufolge Vespasiano in die Obhut seiner Tante Giulia Gonzaga übergeben wurde. Isabella Colonna starb 1570 in Neapel und hinterließ ihren gesamten Besitz ihrem Sohn.(3)
Die Annahme, dass das vorliegende Porträt Isabella Colonna Gonzaga darstellt, erfolgt aufgrund eines sich aufdrängenden Vergleichs mit ihrem Bildnis in Witwentracht als „duchessa di Traetto, contessa di Fondi e Ceccano, signora di Paliano, Olevano, Serrone, Zancati, Morulo, Acquaviva, Maranola, Carpello, Sperlonga, Monticelli, Imola, Pastena e Santa Chigia, Capranica Prenestina, Genzano, Genazzano, Guliano, Montecompatri, Sgurgola, Nettuno, Ciliano, Castel Mattia, Supino, San Lorenzo, San Vito, Ceccano, Ofi, Falvaterra, Sonnino e Vallecorsa“. Das Gemälde befand sich unter den Gonzaga-Porträts des Kunst-historischen Museums in Wien (Inv. B.88) und wurde ehemals in Schloss Ambras in Innsbruck aufbewahrt; es gilt traditionell als Kopie eines verloren gegangenen Werks Giulio Romanos.(4) Die beiden Gesichter gleichen einander tatsächlich stark, etwa in der schlanken Nase, den zarten Umrissen der Augen und der präzisen Verbindung zwischen Nase und Mund. Es existiert noch ein weiteres Bildnis Isabellas: ein Stuckrelief in der Galleria degli Antenati im Palazzo Ducale in Sabbioneta, von dem man meint, dass es auf einem Medaillon basiert.(5)

Das kleinformatige Bildnis in Witwentracht würde einen Prototyp darstellen, der mit Sicherheit in die Jahre 1533/34 datiert werden kann – in jenen kurzen Zeitraum, als Isabella in Sabbioneta bzw. Rivarolo lebte. Doch das vorliegende Gemälde scheint auf einem etwas älteren Vorbild zu beruhen, aus der Zeit zwischen 1528, dem Jahr ihrer Heirat mit Rodomonte Gonzaga (die heimlich vonstatten ging, da Papst Klemens VII. sie angeblich mit seinem Neffen Ippolito de Medici verehelichen wollte) und Dezember 1532, als ihr Ehemann Rodomonte verstarb.

Man weiß weder, wer der Autor des Originals, auf dem unser Bild beruht, gewesen sein könnte, noch, ob der Prototyp ein Medaillon oder ein Gemälde war. Das Vorbild könnte sogar eines jener Porträts gewesen sein, die damals an einen zukünftigen Ehemann geschickt wurden, mit dem ein Ehevertrag geschlossen worden war. Tatsache bleibt, dass die vorliegende Tafel, trotzdem es sich um ein Werk von eher vornehmem und formellem Charakter handelt, eine stilistische Unabhängigkeit an den Tag legt, die sie uns mit Francesco Pesenti in Verbindung bringen lässt. Vergleicht man sie mit bekannten Werken des Künstlers, insbesondere mit den zwei Fassungen von Joachim und Anna an der Goldenen Pforte in Florenz und Viadana, ergeben sich wesentliche Analogien zu den Frauengestalten der beiden Bilder: Vor allem das Altarbild in Viadana zeigt größte Ähnlichkeiten in der Formgebung der Gesichter der vier rechts erscheinenden Figuren.(6) Dieses Gemälde scheint vor der heute in Florenz befindlichen Fassung entstanden zu sein, deren Kompositionsschema offensichtlich von Campi und Sojaro beeinflusst wurde. Die Version in Viadana zeigt hingegen deutliche Bezüge zu Mantua, die sich mit der Entstehungszeit im Jahr 1540 vereinbaren lassen. In dieser Hinsicht ist es auch nicht weit entfernt von dem Dreifachbildnis aus derselben Zeit in einer Privatsammlung, das man Pesenti vor vielen Jahren zugeschrieben hat, als es sich bei Frascione befand. Es zeigt Carlo Gonzaga, den Marchese di Gazzuolo, mit zwei weiteren Personen.(7) Das vorliegende Porträt kann auch mit dem Profilbildnis des Giovanni Bonardi oder jenem der Witwe Bertoni verglichen werden, ebenso mit der Heiligen Jungfrau aus der Anbetung der Könige in Sant’Agostino in Cremona sowie mit den Bildnissen einiger augustinischer Heiliger im Lünettenfresko derselben Kirche. In allen tritt der Stil des Künstlers deutlich zutage, was nicht nur die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes untermauert, sondern auch jene der Freskenfragmente im ehemaligen Palazzo der Fodri in Cremona.

Diese Vergleiche mit Werken aus der Frühzeit des Künstlers, die raffinierte Farbigkeit und starke stilistische Ähnlichkeiten sind überzeugende Gründe anzunehmen, dass das vorliegende Bildnis tatsächlich Francesco Pesenti, genannt Sabbioneta, zugeschrieben und in die Zeit kurz vor der Mitte des 16. Jahrhunderts datiert werden kann.

Wir danken Marco Tanzi für die Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.

Anmerkungen:
(1) Ein Überblick über die Biografie und Bibliografie findet sich bei C. Nolli, in: I Campi e la cultura artistica cremonese del Cinquecento, Ausst.-Kat., Mailand 1985, S. 152/153, 294, 475/476; sowie M. C. Rodeschini Galati, in: Pittura a Cremona dal Romanico al Settecento, hg. von M. Gregori, Mailand 1990, S. 271/272.
(2) C. Giannetto, Caratteri iconografici dell’osservanza agostiniana nella chiesa di S. Agostino di Cremona, in: Società, cultura, luoghi al tempo di Ambrogio da Calepio, hrsg. von M. Mencaroni Zoppetti und E. Gennaro, Bergamo 2005, Abb. 3–9; G. Biffi, Memoria per servire alla storia degli artisti cremonesi, Cremona, Biblioteca Statale, deposito Libreria Civica, 18. Jahrhundert, Handschrift, Signatur aa.3.7.; kritische Besprechung, hg. von L. Bandera Gregori, Annali della Biblioteca Statale e Libreria Civica di Cremona, XXXIX/2, 1988, s.i.p.
(3) F. Petrucci, siehe Colonna, Isabella, in: Dizionario Biografico degli Italiani, 27, Rom 1982, S. 348–349
(4) siehe in: Vespasiano Gonzaga Colonna (1531–1591). Mostra iconografica nel quarto centenario della morte, Ausst.-Kat. (Sabbioneta, 7. September – 13. Otober 1991), hg. von L. Ventura, Modena 1991, S. 144/145, Nr. 47
(5) ebd., S. 102/103, Nr. 26
(6) ca. 220 x 140 cm; der Kauf um achtzig Lire im Jahr 1879 durch den Probst von San Pietro al Po in Cremona, Antonio Marini, vom Prälaten von Santa Maria Assunta e San Cristoforo in Castello in Viadana, Antonio Parazzi, wird in lokalen Quellen des 18. Jahr-hunderts mit einer irreführenden Zuschreibung an Francesco Scutellari erwähnt, siehe F. M. Cavazzoli, Don Antonio Parazzi nel campo delle „Arti belle“, in: Mons. Antonio Parazzi (1822–1899) sacerdote, storico e archeologo nel centenario della morte, hrsg. von G. Flisi, I-III, Viadana 1999, I, S. 80/81, S. 132; U. Bocchi, Interventi rotariani nella Chiesa di Santa Maria Assunta e San Cristoforo di Castello a Viadana, in Restauri e Rinvenimenti 1989–2000. Recenti interventi d’Arte sul territorio Casalasco-Viadanese, Viadana 2000, S. 19, Abb. 5.
(7) P. Bertelli, in: I Gonzaga delle nebbie. Storia di una dinastia cadetta nelle terre tra Oglio e Po, Ausst.-Kat., hrsg. von R. Roggeri und L. Ventura, Cinisello Balsamo 2008, S. 131–133, Anm. 37

21.04.2015 - 18:00

Erzielter Preis: **
EUR 137.200,-
Schätzwert:
EUR 20.000,- bis EUR 30.000,-

Francesco Pesenti, gen. Il Sabbioneta


(Cremona ca. 1510/1520–1563)
Porträt einer Dame im Profil (Isabella Colonna Gonzaga?),
Öl auf Holz, 20,5 x 16,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Alexandre Imbert (1865–1943), Rom;
Europäische Privatsammlung

Wir danken Marco Tanzi, der die Zuschreibung für das vorliegende Gemälde vorgeschlagen hat.

Diese kleine Tafel zeigt eine Dame im Profil in einer nahezu heraldischen Pose vor einem kompakten dunklen Hintergrund. Der Künstler bediente sich dafür einer bewusst archaisierenden Ikonografie. Francesco Pesenti, genannt Il Sabbioneta(1) wurde vermutlich in der zweiten Dekade des 16. Jahrhunderts in Cremona geboren. Sein Vater Galeazzo war vom zweiten bis zum vierten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts im Dom als Maler und Vergolder tätig. Francesco war der älteste von drei Brüdern, die alle Maler waren. Ihnen folgten in den kommenden Generationen weitere Künstler nach. Francesco war ab 1540 eine führende Künstlerpersönlichkeit in der Kulturszene Cremonas, doch schwand sein Ruhm im Laufe der Jahrhunderte. Von seinen Zeitgenossen wurde er hingegen überaus geschätzt, was seine prestigeträchtigen Aufträge bezeugen. Zwischen 1549 und 1550 arbeitete Francesco gemeinsam mit seinem Bruder Vincenzo an den Festdekorationen für den triumphalen Einzug Philipps II. von Spanien in Cremona sowie für den Besuch Kardinals Francesco Sfondrati. Seinen wichtigsten Auftrag, den er ebenfalls in Zusammenarbeit mit seinem Bruder ausführte, sollte er jedoch erst später erhalten. Zwischen 1557 und 1559 waren Francesco und Vincenzo Pesenti mit der Ausgestaltung des Deckengewölbes sowie der Lünetten, Zwickel und Bögen im Hauptschiff von Sant’Agostino in Cremona betraut. Francesco malte für die Kirche auch eine Anbetung der Könige, die vermutlich aus derselben Zeit datiert.(2) Seine letzte große Arbeit bestand in der Vergoldung des Orgelgehäuses im Dom von Cremona, die aufgrund seines Todes 1563 unvollendet blieb; der Maler wurde am 10. August 1563 in San Bartolomeo in Cremona beigesetzt.

Die Malweise des Künstlers vereint Stilelemente aus Mantua und Parma. Daraus ergibt sich ein Stil, der in gewisser Hinsicht parallel zu jenem seiner Frühzeit besteht, als er deutlich vom mantuanischen Stil Bernardino Campis geprägt war. Aufgrund dieser stilistischen Merkmale kann ihm auch ein Freskenzyklus profanen Inhalts in einem Palazzo in der Via Beltrami in Cremona zugeschrieben werden, welcher sich einst im Besitz der Familie Fodri befand. Die bisher unpublizierten und nur noch fragmentarisch erhaltenen Fresken handeln von den Legenden um Tereus, Prokne und Philomela aus Ovids Metamorphosen.

In der vorliegenden Tafel arbeitete Francesco Pesenti bewusst mit archaisierenden Formen, wodurch der Eindruck entsteht, dass er sich an einem durch ein damals bekanntes Vorbild überlieferten Bildnis orientierte. Die Haltung des Profils lässt an die Herleitung von einer Medaille denken: Es ist das Porträt einer angesehenen Persönlichkeit, deren Kleidung jedoch der erst in jüngerer Zeit im Tal des Po herrschenden Mode entspricht. Möglicherweise wurde Pesenti ausdrücklich gebeten, eine berühmte Person der unmittelbaren Vergangenheit abzubilden und dabei einen bestimmten, heute verlorenen Prototypen abzuwandeln.

Bei der Dargestellten könnte es sich um Isabella Gonzaga Colonna handeln. Die in Fondi geborene Isabella war die einzige Tochter des Vespasiano Colonna – er war Herzog von Traietto, Graf von Fondi und Herr über zahlreiche kleinere Feudalgüter – und der Beatrice Appiani d’Aragona. Isabella wuchs unter ihrer Stiefmutter Giulia Gonzaga, Vespasianos zweiter Gemahlin, auf. 1531 heiratete sie Luigi „Rodomonte“ Gonzaga, einen Kommandanten Karls V., dem sie einen Sohn, Vespasiano, gebar – den künftigen Herzog von Sabbioneta. Nachdem sie 1532 – nur ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes – Witwe wurde, zog sie zunächst in die Nähe der Verwandten ihres verstorbenen Gemahls bei Sabbioneta. Aufgrund von Unstimmigkeiten in Zusammenhang mit der Erbschaft und der Ausbildung ihres Sohnes ließ sie sich im nahegelegenen Rivarolo nieder und zog schließlich 1534 nach Neapel. Ihr Schwiegervater Ludovico Gonzaga, der Begründer der Gonzaga-Dynastie der Linie „di Sabbioneta e Bozzolo“, stand diesem Entschluss ablehnend gegenüber. Als Isabella 1536 Filippo di Lannoy, den Fürsten von Sulmona, heiratete, erwirkte er einen kaiserlichen Erlass, dem zufolge Vespasiano in die Obhut seiner Tante Giulia Gonzaga übergeben wurde. Isabella Colonna starb 1570 in Neapel und hinterließ ihren gesamten Besitz ihrem Sohn.(3)
Die Annahme, dass das vorliegende Porträt Isabella Colonna Gonzaga darstellt, erfolgt aufgrund eines sich aufdrängenden Vergleichs mit ihrem Bildnis in Witwentracht als „duchessa di Traetto, contessa di Fondi e Ceccano, signora di Paliano, Olevano, Serrone, Zancati, Morulo, Acquaviva, Maranola, Carpello, Sperlonga, Monticelli, Imola, Pastena e Santa Chigia, Capranica Prenestina, Genzano, Genazzano, Guliano, Montecompatri, Sgurgola, Nettuno, Ciliano, Castel Mattia, Supino, San Lorenzo, San Vito, Ceccano, Ofi, Falvaterra, Sonnino e Vallecorsa“. Das Gemälde befand sich unter den Gonzaga-Porträts des Kunst-historischen Museums in Wien (Inv. B.88) und wurde ehemals in Schloss Ambras in Innsbruck aufbewahrt; es gilt traditionell als Kopie eines verloren gegangenen Werks Giulio Romanos.(4) Die beiden Gesichter gleichen einander tatsächlich stark, etwa in der schlanken Nase, den zarten Umrissen der Augen und der präzisen Verbindung zwischen Nase und Mund. Es existiert noch ein weiteres Bildnis Isabellas: ein Stuckrelief in der Galleria degli Antenati im Palazzo Ducale in Sabbioneta, von dem man meint, dass es auf einem Medaillon basiert.(5)

Das kleinformatige Bildnis in Witwentracht würde einen Prototyp darstellen, der mit Sicherheit in die Jahre 1533/34 datiert werden kann – in jenen kurzen Zeitraum, als Isabella in Sabbioneta bzw. Rivarolo lebte. Doch das vorliegende Gemälde scheint auf einem etwas älteren Vorbild zu beruhen, aus der Zeit zwischen 1528, dem Jahr ihrer Heirat mit Rodomonte Gonzaga (die heimlich vonstatten ging, da Papst Klemens VII. sie angeblich mit seinem Neffen Ippolito de Medici verehelichen wollte) und Dezember 1532, als ihr Ehemann Rodomonte verstarb.

Man weiß weder, wer der Autor des Originals, auf dem unser Bild beruht, gewesen sein könnte, noch, ob der Prototyp ein Medaillon oder ein Gemälde war. Das Vorbild könnte sogar eines jener Porträts gewesen sein, die damals an einen zukünftigen Ehemann geschickt wurden, mit dem ein Ehevertrag geschlossen worden war. Tatsache bleibt, dass die vorliegende Tafel, trotzdem es sich um ein Werk von eher vornehmem und formellem Charakter handelt, eine stilistische Unabhängigkeit an den Tag legt, die sie uns mit Francesco Pesenti in Verbindung bringen lässt. Vergleicht man sie mit bekannten Werken des Künstlers, insbesondere mit den zwei Fassungen von Joachim und Anna an der Goldenen Pforte in Florenz und Viadana, ergeben sich wesentliche Analogien zu den Frauengestalten der beiden Bilder: Vor allem das Altarbild in Viadana zeigt größte Ähnlichkeiten in der Formgebung der Gesichter der vier rechts erscheinenden Figuren.(6) Dieses Gemälde scheint vor der heute in Florenz befindlichen Fassung entstanden zu sein, deren Kompositionsschema offensichtlich von Campi und Sojaro beeinflusst wurde. Die Version in Viadana zeigt hingegen deutliche Bezüge zu Mantua, die sich mit der Entstehungszeit im Jahr 1540 vereinbaren lassen. In dieser Hinsicht ist es auch nicht weit entfernt von dem Dreifachbildnis aus derselben Zeit in einer Privatsammlung, das man Pesenti vor vielen Jahren zugeschrieben hat, als es sich bei Frascione befand. Es zeigt Carlo Gonzaga, den Marchese di Gazzuolo, mit zwei weiteren Personen.(7) Das vorliegende Porträt kann auch mit dem Profilbildnis des Giovanni Bonardi oder jenem der Witwe Bertoni verglichen werden, ebenso mit der Heiligen Jungfrau aus der Anbetung der Könige in Sant’Agostino in Cremona sowie mit den Bildnissen einiger augustinischer Heiliger im Lünettenfresko derselben Kirche. In allen tritt der Stil des Künstlers deutlich zutage, was nicht nur die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes untermauert, sondern auch jene der Freskenfragmente im ehemaligen Palazzo der Fodri in Cremona.

Diese Vergleiche mit Werken aus der Frühzeit des Künstlers, die raffinierte Farbigkeit und starke stilistische Ähnlichkeiten sind überzeugende Gründe anzunehmen, dass das vorliegende Bildnis tatsächlich Francesco Pesenti, genannt Sabbioneta, zugeschrieben und in die Zeit kurz vor der Mitte des 16. Jahrhunderts datiert werden kann.

Wir danken Marco Tanzi für die Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.

Anmerkungen:
(1) Ein Überblick über die Biografie und Bibliografie findet sich bei C. Nolli, in: I Campi e la cultura artistica cremonese del Cinquecento, Ausst.-Kat., Mailand 1985, S. 152/153, 294, 475/476; sowie M. C. Rodeschini Galati, in: Pittura a Cremona dal Romanico al Settecento, hg. von M. Gregori, Mailand 1990, S. 271/272.
(2) C. Giannetto, Caratteri iconografici dell’osservanza agostiniana nella chiesa di S. Agostino di Cremona, in: Società, cultura, luoghi al tempo di Ambrogio da Calepio, hrsg. von M. Mencaroni Zoppetti und E. Gennaro, Bergamo 2005, Abb. 3–9; G. Biffi, Memoria per servire alla storia degli artisti cremonesi, Cremona, Biblioteca Statale, deposito Libreria Civica, 18. Jahrhundert, Handschrift, Signatur aa.3.7.; kritische Besprechung, hg. von L. Bandera Gregori, Annali della Biblioteca Statale e Libreria Civica di Cremona, XXXIX/2, 1988, s.i.p.
(3) F. Petrucci, siehe Colonna, Isabella, in: Dizionario Biografico degli Italiani, 27, Rom 1982, S. 348–349
(4) siehe in: Vespasiano Gonzaga Colonna (1531–1591). Mostra iconografica nel quarto centenario della morte, Ausst.-Kat. (Sabbioneta, 7. September – 13. Otober 1991), hg. von L. Ventura, Modena 1991, S. 144/145, Nr. 47
(5) ebd., S. 102/103, Nr. 26
(6) ca. 220 x 140 cm; der Kauf um achtzig Lire im Jahr 1879 durch den Probst von San Pietro al Po in Cremona, Antonio Marini, vom Prälaten von Santa Maria Assunta e San Cristoforo in Castello in Viadana, Antonio Parazzi, wird in lokalen Quellen des 18. Jahr-hunderts mit einer irreführenden Zuschreibung an Francesco Scutellari erwähnt, siehe F. M. Cavazzoli, Don Antonio Parazzi nel campo delle „Arti belle“, in: Mons. Antonio Parazzi (1822–1899) sacerdote, storico e archeologo nel centenario della morte, hrsg. von G. Flisi, I-III, Viadana 1999, I, S. 80/81, S. 132; U. Bocchi, Interventi rotariani nella Chiesa di Santa Maria Assunta e San Cristoforo di Castello a Viadana, in Restauri e Rinvenimenti 1989–2000. Recenti interventi d’Arte sul territorio Casalasco-Viadanese, Viadana 2000, S. 19, Abb. 5.
(7) P. Bertelli, in: I Gonzaga delle nebbie. Storia di una dinastia cadetta nelle terre tra Oglio e Po, Ausst.-Kat., hrsg. von R. Roggeri und L. Ventura, Cinisello Balsamo 2008, S. 131–133, Anm. 37


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister
Datum: 21.04.2015 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 11.04. - 21.04.2015


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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