Lot Nr. 124


Pietro Bellotti


(Venedig 1725–um 1815 Toulouse)
Die Piazza San Marco in Venedig mit Blick nach Norden zum Torre dell’Orologio,
Öl auf Leinwand, 38 × 49 cm, gerahmt

Provenienz:
Privatsammlung, Italien

Wir danken Charles Beddington für die vorgeschlagene Zuschreibung und seine Hilfe bei der Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.

Pietro Bellotti war ein Neffe Canalettos und der jüngere Bruder Bernardo Bellottos. Sein Werk wurde lange Zeit nicht wahrgenommen, da er den Großteil seiner vergleichsweise langen Karriere in Frankreich verbrachte. Vor Kurzem hat man ihm jedoch in Venedig eine monografische Ausstellung gewidmet (siehe C. Beddington/D. Crivellari, Pietro Bellotti, un altro Canaletto, Ausstellungskatalog, Venedig 2013).

Man nimmt an, dass Pietro Bellotti als Gehilfe in der Werkstatt Canalettos arbeitete. 1740 scheint er seinen Bruder nach Florenz begleitet zu haben: Sein Name findet sich auf der Rückseite einer der Zeichnungen von Lucca von der Hand Bernardos im British Museum (siehe S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, London und Recklinghausen 1972, II, S. 47, Nr. 60). Dass Pietro Bellotti nach Bernardos Abreise in Florenz geblieben sein könnte, legt ein Gemälde Pietros, Die Piazza San Marco mit Blick nach Süden, nahe. Es trägt auf der Rückseite eine Beschriftung, die darauf verweist, dass es 1741 von Antonio [sic] Canaletto gemalt wurde und sich in der Sammlung des Marchese Gerini befand, der Bernardos Förderer in Florenz war (siehe C. Beddington, Bernardo Bellotto and His Circle in Italy, Part 2: The Lyon Master and Pietro Bellotti, in: The Burlington Magazine, CXLVII, Nr. 1222, Januar 2005, S. 25, Abb. 20; C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 45–49, Abb. 2). Im Anschluss daran wurde Pietro zum einzigen belegten Schüler seines älteren Bruders während dessen Zeit in Venedig; am 5. November 1741 zahlte er Bernardo 120 Dukaten für ein Jahr Kost und Quartier – eine Vereinbarung, die am 25. Juli 1742 endete.

Heute wissen wir, dass die Diaspora der Familie noch vor Canalettos Abreise nach England im Jahr 1746 und Bellottos Umzug nach Dresden 1747 mit Pietro ihren Anfang nahm. Er muss seine zukünftige Frau, eine Französin, um 1745 in Genua kennengelernt haben, da das erste Kind des Paars Ende 1746 oder Anfang 1747 in Toulouse zur Welt kam. Die beiden kehrten vor März 1748 nach Genua zurück und heirateten dort am 12. Juni. Dann verließen sie Italien endgültig. Am 24. März 1749 fand in Toulouse die Taufe ihres zweiten Kinds statt. Bald nach seiner Ankunft in Frankreich begann Bellotti ein Wanderleben, mit und ohne Familie. 1755 und 1756 arbeitete er in Nantes, wo er 1768 abermals erwähnt wird; 1761 hielt er sich in Besançon auf, 1778/79 in Lille. Mehrere Dokumente sprechen davon, dass er eine Ausstellung mit gemalten „Lichtbildern“ präsentierte, welche „die schönsten Ansichten von Europa wie Venedig, Rom, Florenz, Mailand, Turin, London, Versailles, Straßburg, mehrere Seehäfen und andere Darstellungen alter und moderner Architektur“ zeigten. Diesbezüglich von besonderem Interesse ist ein 1754/55 in Paris erschienenes Flugblatt, das eine solche Vorführung von „Le Sieur Canalety, Peintre Venitien“ ankündigt. Pietro legte also wie sein Bruder Bernardo keinerlei Zurückhaltung an den Tag, wenn es darum ging, sich den Namen und den Ruhm seines berühmten Onkels zunutze zu machen. Auch wenn er Gemälde signierte, verwendete er in der Regel die Form „Bellotti d[it] Canalet[t]i“.

Wir kennen nur zwei auf der Vorderseite signierte Ansichten, eine von der Schleuse in Dolo (siehe D. Succi, Pietro Bellotti: un altro ‚Canaletto‘, in C. Beddington/D. Crivellari (Hrsg.), Da Canaletto a Zuccarelli: il paesaggio veneto del Settecento, Ausstellungskatalog, Villa Manin, Passariano 2003, S. 165–166, Abb. 139) und die andere vom Castel S. Angelo und dem Vatikan mit einer Inschrift, welche die Arbeit offensichtlich als Auftrag für einen Auftraggeber in Amsterdam ausweist (siehe C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 70, Nr. 34). Die anderen signierten Arbeiten sind Capriccios (siehe etwa C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 71, Nr. 40–43). Die Ansicht des Vatikans und eines von zwei zusammengehörenden Capriccios sind die einzigen bekannten datierten Werke, bei beide aus dem Jahr 1771 stammen. In den Jahren zwischen 1762 und 1767, die der Künstler wahrscheinlich in London zubrachte, entstanden zwei seiner schönsten Werke: Der Innenhof der Royal Exchange, London (The Mercers’ Company, London) und Warwick Castle von Süden (Yale Center for British Art, New Haven). Die letzten Jahrzehnte des Künstlers liegen im Dunkeln; nach 1776 in Toulouse findet sich keine gesicherte Erwähnung des Künstlers mehr.

Wie bei den meisten Ansichten Bellottis bezieht sich die vorliegende Komposition auf eine Druckgrafik, in diesem Fall den von Joseph Baudin am 26. Juni 1739 in London veröffentlichten Stich Henri Fletchers nach Canalettos Gemälde im Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City (W. G. Constable, Canaletto: Giovanni Antonio Canal 1697–1768, London 1962 [und nachfolgende von J. G. Links verbesserte Ausgaben], I, Tafel 19; II, Nr. 43). Daraus könnte man schließen, dass das vorliegende Gemälde nach Bellottis Ankunft in England um 1762 entstand.

17.10.2017 - 18:00

Erzielter Preis: **
EUR 50.000,-
Schätzwert:
EUR 40.000,- bis EUR 60.000,-

Pietro Bellotti


(Venedig 1725–um 1815 Toulouse)
Die Piazza San Marco in Venedig mit Blick nach Norden zum Torre dell’Orologio,
Öl auf Leinwand, 38 × 49 cm, gerahmt

Provenienz:
Privatsammlung, Italien

Wir danken Charles Beddington für die vorgeschlagene Zuschreibung und seine Hilfe bei der Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.

Pietro Bellotti war ein Neffe Canalettos und der jüngere Bruder Bernardo Bellottos. Sein Werk wurde lange Zeit nicht wahrgenommen, da er den Großteil seiner vergleichsweise langen Karriere in Frankreich verbrachte. Vor Kurzem hat man ihm jedoch in Venedig eine monografische Ausstellung gewidmet (siehe C. Beddington/D. Crivellari, Pietro Bellotti, un altro Canaletto, Ausstellungskatalog, Venedig 2013).

Man nimmt an, dass Pietro Bellotti als Gehilfe in der Werkstatt Canalettos arbeitete. 1740 scheint er seinen Bruder nach Florenz begleitet zu haben: Sein Name findet sich auf der Rückseite einer der Zeichnungen von Lucca von der Hand Bernardos im British Museum (siehe S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, London und Recklinghausen 1972, II, S. 47, Nr. 60). Dass Pietro Bellotti nach Bernardos Abreise in Florenz geblieben sein könnte, legt ein Gemälde Pietros, Die Piazza San Marco mit Blick nach Süden, nahe. Es trägt auf der Rückseite eine Beschriftung, die darauf verweist, dass es 1741 von Antonio [sic] Canaletto gemalt wurde und sich in der Sammlung des Marchese Gerini befand, der Bernardos Förderer in Florenz war (siehe C. Beddington, Bernardo Bellotto and His Circle in Italy, Part 2: The Lyon Master and Pietro Bellotti, in: The Burlington Magazine, CXLVII, Nr. 1222, Januar 2005, S. 25, Abb. 20; C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 45–49, Abb. 2). Im Anschluss daran wurde Pietro zum einzigen belegten Schüler seines älteren Bruders während dessen Zeit in Venedig; am 5. November 1741 zahlte er Bernardo 120 Dukaten für ein Jahr Kost und Quartier – eine Vereinbarung, die am 25. Juli 1742 endete.

Heute wissen wir, dass die Diaspora der Familie noch vor Canalettos Abreise nach England im Jahr 1746 und Bellottos Umzug nach Dresden 1747 mit Pietro ihren Anfang nahm. Er muss seine zukünftige Frau, eine Französin, um 1745 in Genua kennengelernt haben, da das erste Kind des Paars Ende 1746 oder Anfang 1747 in Toulouse zur Welt kam. Die beiden kehrten vor März 1748 nach Genua zurück und heirateten dort am 12. Juni. Dann verließen sie Italien endgültig. Am 24. März 1749 fand in Toulouse die Taufe ihres zweiten Kinds statt. Bald nach seiner Ankunft in Frankreich begann Bellotti ein Wanderleben, mit und ohne Familie. 1755 und 1756 arbeitete er in Nantes, wo er 1768 abermals erwähnt wird; 1761 hielt er sich in Besançon auf, 1778/79 in Lille. Mehrere Dokumente sprechen davon, dass er eine Ausstellung mit gemalten „Lichtbildern“ präsentierte, welche „die schönsten Ansichten von Europa wie Venedig, Rom, Florenz, Mailand, Turin, London, Versailles, Straßburg, mehrere Seehäfen und andere Darstellungen alter und moderner Architektur“ zeigten. Diesbezüglich von besonderem Interesse ist ein 1754/55 in Paris erschienenes Flugblatt, das eine solche Vorführung von „Le Sieur Canalety, Peintre Venitien“ ankündigt. Pietro legte also wie sein Bruder Bernardo keinerlei Zurückhaltung an den Tag, wenn es darum ging, sich den Namen und den Ruhm seines berühmten Onkels zunutze zu machen. Auch wenn er Gemälde signierte, verwendete er in der Regel die Form „Bellotti d[it] Canalet[t]i“.

Wir kennen nur zwei auf der Vorderseite signierte Ansichten, eine von der Schleuse in Dolo (siehe D. Succi, Pietro Bellotti: un altro ‚Canaletto‘, in C. Beddington/D. Crivellari (Hrsg.), Da Canaletto a Zuccarelli: il paesaggio veneto del Settecento, Ausstellungskatalog, Villa Manin, Passariano 2003, S. 165–166, Abb. 139) und die andere vom Castel S. Angelo und dem Vatikan mit einer Inschrift, welche die Arbeit offensichtlich als Auftrag für einen Auftraggeber in Amsterdam ausweist (siehe C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 70, Nr. 34). Die anderen signierten Arbeiten sind Capriccios (siehe etwa C. Beddington/D. Crivellari 2013, S. 71, Nr. 40–43). Die Ansicht des Vatikans und eines von zwei zusammengehörenden Capriccios sind die einzigen bekannten datierten Werke, bei beide aus dem Jahr 1771 stammen. In den Jahren zwischen 1762 und 1767, die der Künstler wahrscheinlich in London zubrachte, entstanden zwei seiner schönsten Werke: Der Innenhof der Royal Exchange, London (The Mercers’ Company, London) und Warwick Castle von Süden (Yale Center for British Art, New Haven). Die letzten Jahrzehnte des Künstlers liegen im Dunkeln; nach 1776 in Toulouse findet sich keine gesicherte Erwähnung des Künstlers mehr.

Wie bei den meisten Ansichten Bellottis bezieht sich die vorliegende Komposition auf eine Druckgrafik, in diesem Fall den von Joseph Baudin am 26. Juni 1739 in London veröffentlichten Stich Henri Fletchers nach Canalettos Gemälde im Nelson-Atkins Museum of Art in Kansas City (W. G. Constable, Canaletto: Giovanni Antonio Canal 1697–1768, London 1962 [und nachfolgende von J. G. Links verbesserte Ausgaben], I, Tafel 19; II, Nr. 43). Daraus könnte man schließen, dass das vorliegende Gemälde nach Bellottis Ankunft in England um 1762 entstand.


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old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister
Datum: 17.10.2017 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 07.10. - 17.10.2017


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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