Lot Nr. 125


Annibale Carracci zugeschrieben/attributed


Annibale Carracci zugeschrieben/attributed - Meisterzeichnungen und Druckgraphik bis 1900, Aquarelle, Miniaturen

(1560-1609)
Landschaft mit einem großem Baum, im Vordergrund ein Hirte mit seiner Herde, Feder in brauner Tusche auf Bütten, 20,2 x 27,3 cm, Passep., gerahmt, (Sch)

Provenienz:
Sammlung Max Aaron Goldstein (1870-1941), St Louis, USA (Lugt 2824); Auktion Bassenge, Berlin, 31. Mai 2013, Lot 6235 (als Agostino Carracci); Privatsammlung, Frankreich.

Gutachten
von Dr. Nicholas Turner, 17. Juli 2013, liegt vor.

Literatur:
vgl. C. Loisel, Musée du Louvre, Département des Arts Graphiques, Inventaire Géneral des Dessins Italiens, VII, Ludovico, Agostino, Annibale Carracci, Paris 2004, S. 298-99, Nr. 733; Drawn to Excellence. Renaissance to Romantic Drawings from a Private Collection, Ausst. Kat. Smitz College Museum of Art, Northampton, Massachusetts, September 2012 - Januar 2013, Nr. 33; The Drawings of Annibale Carracci, Ausst. Kat. National Gallery of Art, Washington, September 1999 - Januar 2000, S. 288-89, Nr. 95.

Die vorliegende Landschaftszeichnung wurde jüngst von Dr. Nicholas Turner an Annibale Carracci zugeschrieben. Bis vor kurzem galt sie noch als Werk seines Bruders Agostino Carracci (1557–1602), dessen Landschaftsstudien jedoch nie dasselbe Maß an technischer Perfektion und künstlerischer Qualität erreichten. Anhand stilistischer Kriterien, wie der kraftvollen und ausdrucksstarken Linienführung sowie dem kompositorischen Aufbau schlägt Turner eine Datierung in die römische Periode des Künstlers um 1600 vor.

Sowohl in der kompositorischen Anlage der Szene als auch deren technischer Ausführung nimmt der Künstler Bezug auf die venezianische Landschaftszeichnung des 16. Jahrhunderts, als deren Vertreter vor allem die beiden Pioniere Tizian (um 1488/1490–15769 und Domenico Campagnola (um 1500–1564) den größten Einfluss auf Annibale ausübten. Wie auch in dem vorliegenden Blatt führten die venezianischen Künstler jener Zeit die Landschaftszeichnungen meist in brauner Tuschfeder aus. Die Halbtöne und Übergänge zwischen den hellen und dunklen Partien wurden meist durch Kreuzschraffuren oder parallele Linien erzeugt. Die Lavierung in brauner und schwarzer Tusche zur Hervorhebung von Helldunkelkontrasten war jedoch seltener üblich.

Die zahlreichen Landschaftszeichnungen, die Annibale während seiner römischen Periode um 1600 ausführte, sind sowohl technisch als auch kompositorisch ähnlich aufgebaut. Meist werden das Zentrum und der mittlere Bildraum durch einen großen Baum oder eine Baumgruppe bestimmt, im Hintergrund ist der Ausblick auf die umgebende Landschaft meist nur vage angedeutet, während im Vordergrund figürliche Motive für eine Belebung der Szene sorgen. Ein vergleichbarer Bildaufbau mit einer ähnlichen Gegenüberstellung von Figur und Landschaft findet sich in der Zeichnung “Landschaft mit einem Hirten und Kühen” im Musée du Louvre, Paris (Inv. 2450, vgl. Loisel 2004, Nr. 733). Das Blatt im Louvre erscheint skizzenhafter und weniger ausgeführt, in der Anordnung der Figuren parallel zu dem sich dahinter öffnenden Bildraum finden sich jedoch eine augenscheinliche Übereinstimmung. Auch in der Darstellung des komplizierten Blattwerks und der Äste des Baumes offenbart sich in der vorliegenden Zeichnung eindeutig die virtuose Handschrift von Annibale. Die Vitalität der vegetativen Formen und deren Dominanz gegenüber ihrer Umgebung machen Annibale zum Begründer der italienischen Landschaftszeichnung - ein Genre, das sich bis dahin noch in den Anfängen seiner Entwicklung befand.

Eine exakte Parallele zur virtuosen Ausführung der Landschaft findet sich in einer von Annibales schönsten Naturstudien, der “Studie eines Baumes” in einer New Yorker Privatsammlung (vgl, Ausst. Kat. Massachusetts 2012, Nr. 733). Die Kaskaden von rhytmischen Schnörkeln, die das Blattwerk andeuten, sowie die kleinen Kreise der unregelmäßigen Knötchen am Baumstamm, die kraftvollen Parallelschraffuren zur Hervorhebung der dunklen Partien sowie die stark akzentuierten Linien, welche die verschatteten Konturen des Baumstammes andeuten, sind in beiden Zeichnungen identisch.

Im Unterschied zu der “Studie eines Baumes” in New York, bei der es sich um eine reine Detailstudie eines Naturausschnittes handelt, gelingt es Annibale in dem vorliegenden Blatt ein Gefühl für die Wetterlage und eine atmosphärische Schilderung der Landschaftsszenerie zu vermitteln. Über den Bergen im Hintergrund vermischen sich dunklere mit helleren Wolken, die das Herannahen eines Unwetters andeuten. Die dunklen etwas tiefer liegenden Wolken hüllen rechts den Berg in der weiten Ferne der Landschaft ein. Erst später, in seinen metaphysischen Landschaftsstudien, wie etwa der “Landschaft mit aufgehender Sonne” im British Museum (Inv. 1972–7–22–13, vgl. Ausst. Kat. Washington 1999, Kat. 95, S. 288–89) erreicht Annibale eine überzeugende Synthese von klassischer Naturdarstellung und der Schilderung der sich ständig wandelnden Atmosphäre des sich darüber wölbenden Himmels. Annibale Carracci gelingt damit ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung der italienischen Landschaftszeichnung, mit der weit über das 18. Jahrhundert hinaus zum Vorbild für nachfolgende Generationen wird. 

Wir danken Dr. Nicholas Turner für die wissenschaftliche Unterstützung.

Provenienz:
Sammlung Max Aaron Goldstein (1870-1941), St Louis, USA (Lugt 2824); Auktion Bassenge, Berlin, 31. Mai 2013, Lot 6235 (als Agostino Carracci); Privatsammlung, Frankreich.

Gutachten
von Dr. Nicholas Turner, 17. Juli 2013, liegt vor.

Literatur:
vgl. C. Loisel, Musée du Louvre, Département des Arts Graphiques, Inventaire Géneral des Dessins Italiens, VII, Ludovico, Agostino, Annibale Carracci, Paris 2004, S. 298-99, Nr. 733; Drawn to Excellence. Renaissance to Romantic Drawings from a Private Collection, Ausst. Kat. Smitz College Museum of Art, Northampton, Massachusetts, September 2012 - Januar 2013, Nr. 33; The Drawings of Annibale Carracci, Ausst. Kat. National Gallery of Art, Washington, September 1999 - Januar 2000, S. 288-89, Nr. 95.

Die vorliegende Landschaftszeichnung wurde jüngst von Dr. Nicholas Turner an Annibale Carracci zugeschrieben. Bis vor kurzem galt sie noch als Werk seines Bruders Agostino Carracci (1557–1602), dessen Landschaftsstudien jedoch nie dasselbe Maß an technischer Perfektion und künstlerischer Qualität erreichten. Anhand stilistischer Kriterien, wie der kraftvollen und ausdrucksstarken Linienführung sowie dem kompositorischen Aufbau schlägt Turner eine Datierung in die römische Periode des Künstlers um 1600 vor.

Sowohl in der kompositorischen Anlage der Szene als auch deren technischer Ausführung nimmt der Künstler Bezug auf die venezianische Landschaftszeichnung des 16. Jahrhunderts, als deren Vertreter vor allem die beiden Pioniere Tizian (um 1488/1490–15769 und Domenico Campagnola (um 1500–1564) den größten Einfluss auf Annibale ausübten. Wie auch in dem vorliegenden Blatt führten die venezianischen Künstler jener Zeit die Landschaftszeichnungen meist in brauner Tuschfeder aus. Die Halbtöne und Übergänge zwischen den hellen und dunklen Partien wurden meist durch Kreuzschraffuren oder parallele Linien erzeugt. Die Lavierung in brauner und schwarzer Tusche zur Hervorhebung von Helldunkelkontrasten war jedoch seltener üblich.

Die zahlreichen Landschaftszeichnungen, die Annibale während seiner römischen Periode um 1600 ausführte, sind sowohl technisch als auch kompositorisch ähnlich aufgebaut. Meist werden das Zentrum und der mittlere Bildraum durch einen großen Baum oder eine Baumgruppe bestimmt, im Hintergrund ist der Ausblick auf die umgebende Landschaft meist nur vage angedeutet, während im Vordergrund figürliche Motive für eine Belebung der Szene sorgen. Ein vergleichbarer Bildaufbau mit einer ähnlichen Gegenüberstellung von Figur und Landschaft findet sich in der Zeichnung “Landschaft mit einem Hirten und Kühen” im Musée du Louvre, Paris (Inv. 2450, vgl. Loisel 2004, Nr. 733). Das Blatt im Louvre erscheint skizzenhafter und weniger ausgeführt, in der Anordnung der Figuren parallel zu dem sich dahinter öffnenden Bildraum finden sich jedoch eine augenscheinliche Übereinstimmung. Auch in der Darstellung des komplizierten Blattwerks und der Äste des Baumes offenbart sich in der vorliegenden Zeichnung eindeutig die virtuose Handschrift von Annibale. Die Vitalität der vegetativen Formen und deren Dominanz gegenüber ihrer Umgebung machen Annibale zum Begründer der italienischen Landschaftszeichnung - ein Genre, das sich bis dahin noch in den Anfängen seiner Entwicklung befand.

Eine exakte Parallele zur virtuosen Ausführung der Landschaft findet sich in einer von Annibales schönsten Naturstudien, der “Studie eines Baumes” in einer New Yorker Privatsammlung (vgl, Ausst. Kat. Massachusetts 2012, Nr. 733). Die Kaskaden von rhytmischen Schnörkeln, die das Blattwerk andeuten, sowie die kleinen Kreise der unregelmäßigen Knötchen am Baumstamm, die kraftvollen Parallelschraffuren zur Hervorhebung der dunklen Partien sowie die stark akzentuierten Linien, welche die verschatteten Konturen des Baumstammes andeuten, sind in beiden Zeichnungen identisch.

Im Unterschied zu der “Studie eines Baumes” in New York, bei der es sich um eine reine Detailstudie eines Naturausschnittes handelt, gelingt es Annibale in dem vorliegenden Blatt ein Gefühl für die Wetterlage und eine atmosphärische Schilderung der Landschaftsszenerie zu vermitteln. Über den Bergen im Hintergrund vermischen sich dunklere mit helleren Wolken, die das Herannahen eines Unwetters andeuten. Die dunklen etwas tiefer liegenden Wolken hüllen rechts den Berg in der weiten Ferne der Landschaft ein. Erst später, in seinen metaphysischen Landschaftsstudien, wie etwa der “Landschaft mit aufgehender Sonne” im British Museum (Inv. 1972–7–22–13, vgl. Ausst. Kat. Washington 1999, Kat. 95, S. 288–89) erreicht Annibale eine überzeugende Synthese von klassischer Naturdarstellung und der Schilderung der sich ständig wandelnden Atmosphäre des sich darüber wölbenden Himmels. Annibale Carracci gelingt damit ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung der italienischen Landschaftszeichnung, mit der weit über das 18. Jahrhundert hinaus zum Vorbild für nachfolgende Generationen wird.

Wir danken Dr. Nicholas Turner für die wissenschaftliche Unterstützung.

Expertin: Mag. Astrid-Christina Schierz Mag. Astrid-Christina Schierz
+43-1-515 60-546

astrid.schierz@dorotheum.at

27.03.2018 - 17:00

Schätzwert:
EUR 12.000,- bis EUR 15.000,-
Rufpreis:
EUR 0,-

Annibale Carracci zugeschrieben/attributed


(1560-1609)
Landschaft mit einem großem Baum, im Vordergrund ein Hirte mit seiner Herde, Feder in brauner Tusche auf Bütten, 20,2 x 27,3 cm, Passep., gerahmt, (Sch)

Provenienz:
Sammlung Max Aaron Goldstein (1870-1941), St Louis, USA (Lugt 2824); Auktion Bassenge, Berlin, 31. Mai 2013, Lot 6235 (als Agostino Carracci); Privatsammlung, Frankreich.

Gutachten
von Dr. Nicholas Turner, 17. Juli 2013, liegt vor.

Literatur:
vgl. C. Loisel, Musée du Louvre, Département des Arts Graphiques, Inventaire Géneral des Dessins Italiens, VII, Ludovico, Agostino, Annibale Carracci, Paris 2004, S. 298-99, Nr. 733; Drawn to Excellence. Renaissance to Romantic Drawings from a Private Collection, Ausst. Kat. Smitz College Museum of Art, Northampton, Massachusetts, September 2012 - Januar 2013, Nr. 33; The Drawings of Annibale Carracci, Ausst. Kat. National Gallery of Art, Washington, September 1999 - Januar 2000, S. 288-89, Nr. 95.

Die vorliegende Landschaftszeichnung wurde jüngst von Dr. Nicholas Turner an Annibale Carracci zugeschrieben. Bis vor kurzem galt sie noch als Werk seines Bruders Agostino Carracci (1557–1602), dessen Landschaftsstudien jedoch nie dasselbe Maß an technischer Perfektion und künstlerischer Qualität erreichten. Anhand stilistischer Kriterien, wie der kraftvollen und ausdrucksstarken Linienführung sowie dem kompositorischen Aufbau schlägt Turner eine Datierung in die römische Periode des Künstlers um 1600 vor.

Sowohl in der kompositorischen Anlage der Szene als auch deren technischer Ausführung nimmt der Künstler Bezug auf die venezianische Landschaftszeichnung des 16. Jahrhunderts, als deren Vertreter vor allem die beiden Pioniere Tizian (um 1488/1490–15769 und Domenico Campagnola (um 1500–1564) den größten Einfluss auf Annibale ausübten. Wie auch in dem vorliegenden Blatt führten die venezianischen Künstler jener Zeit die Landschaftszeichnungen meist in brauner Tuschfeder aus. Die Halbtöne und Übergänge zwischen den hellen und dunklen Partien wurden meist durch Kreuzschraffuren oder parallele Linien erzeugt. Die Lavierung in brauner und schwarzer Tusche zur Hervorhebung von Helldunkelkontrasten war jedoch seltener üblich.

Die zahlreichen Landschaftszeichnungen, die Annibale während seiner römischen Periode um 1600 ausführte, sind sowohl technisch als auch kompositorisch ähnlich aufgebaut. Meist werden das Zentrum und der mittlere Bildraum durch einen großen Baum oder eine Baumgruppe bestimmt, im Hintergrund ist der Ausblick auf die umgebende Landschaft meist nur vage angedeutet, während im Vordergrund figürliche Motive für eine Belebung der Szene sorgen. Ein vergleichbarer Bildaufbau mit einer ähnlichen Gegenüberstellung von Figur und Landschaft findet sich in der Zeichnung “Landschaft mit einem Hirten und Kühen” im Musée du Louvre, Paris (Inv. 2450, vgl. Loisel 2004, Nr. 733). Das Blatt im Louvre erscheint skizzenhafter und weniger ausgeführt, in der Anordnung der Figuren parallel zu dem sich dahinter öffnenden Bildraum finden sich jedoch eine augenscheinliche Übereinstimmung. Auch in der Darstellung des komplizierten Blattwerks und der Äste des Baumes offenbart sich in der vorliegenden Zeichnung eindeutig die virtuose Handschrift von Annibale. Die Vitalität der vegetativen Formen und deren Dominanz gegenüber ihrer Umgebung machen Annibale zum Begründer der italienischen Landschaftszeichnung - ein Genre, das sich bis dahin noch in den Anfängen seiner Entwicklung befand.

Eine exakte Parallele zur virtuosen Ausführung der Landschaft findet sich in einer von Annibales schönsten Naturstudien, der “Studie eines Baumes” in einer New Yorker Privatsammlung (vgl, Ausst. Kat. Massachusetts 2012, Nr. 733). Die Kaskaden von rhytmischen Schnörkeln, die das Blattwerk andeuten, sowie die kleinen Kreise der unregelmäßigen Knötchen am Baumstamm, die kraftvollen Parallelschraffuren zur Hervorhebung der dunklen Partien sowie die stark akzentuierten Linien, welche die verschatteten Konturen des Baumstammes andeuten, sind in beiden Zeichnungen identisch.

Im Unterschied zu der “Studie eines Baumes” in New York, bei der es sich um eine reine Detailstudie eines Naturausschnittes handelt, gelingt es Annibale in dem vorliegenden Blatt ein Gefühl für die Wetterlage und eine atmosphärische Schilderung der Landschaftsszenerie zu vermitteln. Über den Bergen im Hintergrund vermischen sich dunklere mit helleren Wolken, die das Herannahen eines Unwetters andeuten. Die dunklen etwas tiefer liegenden Wolken hüllen rechts den Berg in der weiten Ferne der Landschaft ein. Erst später, in seinen metaphysischen Landschaftsstudien, wie etwa der “Landschaft mit aufgehender Sonne” im British Museum (Inv. 1972–7–22–13, vgl. Ausst. Kat. Washington 1999, Kat. 95, S. 288–89) erreicht Annibale eine überzeugende Synthese von klassischer Naturdarstellung und der Schilderung der sich ständig wandelnden Atmosphäre des sich darüber wölbenden Himmels. Annibale Carracci gelingt damit ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung der italienischen Landschaftszeichnung, mit der weit über das 18. Jahrhundert hinaus zum Vorbild für nachfolgende Generationen wird. 

Wir danken Dr. Nicholas Turner für die wissenschaftliche Unterstützung.

Provenienz:
Sammlung Max Aaron Goldstein (1870-1941), St Louis, USA (Lugt 2824); Auktion Bassenge, Berlin, 31. Mai 2013, Lot 6235 (als Agostino Carracci); Privatsammlung, Frankreich.

Gutachten
von Dr. Nicholas Turner, 17. Juli 2013, liegt vor.

Literatur:
vgl. C. Loisel, Musée du Louvre, Département des Arts Graphiques, Inventaire Géneral des Dessins Italiens, VII, Ludovico, Agostino, Annibale Carracci, Paris 2004, S. 298-99, Nr. 733; Drawn to Excellence. Renaissance to Romantic Drawings from a Private Collection, Ausst. Kat. Smitz College Museum of Art, Northampton, Massachusetts, September 2012 - Januar 2013, Nr. 33; The Drawings of Annibale Carracci, Ausst. Kat. National Gallery of Art, Washington, September 1999 - Januar 2000, S. 288-89, Nr. 95.

Die vorliegende Landschaftszeichnung wurde jüngst von Dr. Nicholas Turner an Annibale Carracci zugeschrieben. Bis vor kurzem galt sie noch als Werk seines Bruders Agostino Carracci (1557–1602), dessen Landschaftsstudien jedoch nie dasselbe Maß an technischer Perfektion und künstlerischer Qualität erreichten. Anhand stilistischer Kriterien, wie der kraftvollen und ausdrucksstarken Linienführung sowie dem kompositorischen Aufbau schlägt Turner eine Datierung in die römische Periode des Künstlers um 1600 vor.

Sowohl in der kompositorischen Anlage der Szene als auch deren technischer Ausführung nimmt der Künstler Bezug auf die venezianische Landschaftszeichnung des 16. Jahrhunderts, als deren Vertreter vor allem die beiden Pioniere Tizian (um 1488/1490–15769 und Domenico Campagnola (um 1500–1564) den größten Einfluss auf Annibale ausübten. Wie auch in dem vorliegenden Blatt führten die venezianischen Künstler jener Zeit die Landschaftszeichnungen meist in brauner Tuschfeder aus. Die Halbtöne und Übergänge zwischen den hellen und dunklen Partien wurden meist durch Kreuzschraffuren oder parallele Linien erzeugt. Die Lavierung in brauner und schwarzer Tusche zur Hervorhebung von Helldunkelkontrasten war jedoch seltener üblich.

Die zahlreichen Landschaftszeichnungen, die Annibale während seiner römischen Periode um 1600 ausführte, sind sowohl technisch als auch kompositorisch ähnlich aufgebaut. Meist werden das Zentrum und der mittlere Bildraum durch einen großen Baum oder eine Baumgruppe bestimmt, im Hintergrund ist der Ausblick auf die umgebende Landschaft meist nur vage angedeutet, während im Vordergrund figürliche Motive für eine Belebung der Szene sorgen. Ein vergleichbarer Bildaufbau mit einer ähnlichen Gegenüberstellung von Figur und Landschaft findet sich in der Zeichnung “Landschaft mit einem Hirten und Kühen” im Musée du Louvre, Paris (Inv. 2450, vgl. Loisel 2004, Nr. 733). Das Blatt im Louvre erscheint skizzenhafter und weniger ausgeführt, in der Anordnung der Figuren parallel zu dem sich dahinter öffnenden Bildraum finden sich jedoch eine augenscheinliche Übereinstimmung. Auch in der Darstellung des komplizierten Blattwerks und der Äste des Baumes offenbart sich in der vorliegenden Zeichnung eindeutig die virtuose Handschrift von Annibale. Die Vitalität der vegetativen Formen und deren Dominanz gegenüber ihrer Umgebung machen Annibale zum Begründer der italienischen Landschaftszeichnung - ein Genre, das sich bis dahin noch in den Anfängen seiner Entwicklung befand.

Eine exakte Parallele zur virtuosen Ausführung der Landschaft findet sich in einer von Annibales schönsten Naturstudien, der “Studie eines Baumes” in einer New Yorker Privatsammlung (vgl, Ausst. Kat. Massachusetts 2012, Nr. 733). Die Kaskaden von rhytmischen Schnörkeln, die das Blattwerk andeuten, sowie die kleinen Kreise der unregelmäßigen Knötchen am Baumstamm, die kraftvollen Parallelschraffuren zur Hervorhebung der dunklen Partien sowie die stark akzentuierten Linien, welche die verschatteten Konturen des Baumstammes andeuten, sind in beiden Zeichnungen identisch.

Im Unterschied zu der “Studie eines Baumes” in New York, bei der es sich um eine reine Detailstudie eines Naturausschnittes handelt, gelingt es Annibale in dem vorliegenden Blatt ein Gefühl für die Wetterlage und eine atmosphärische Schilderung der Landschaftsszenerie zu vermitteln. Über den Bergen im Hintergrund vermischen sich dunklere mit helleren Wolken, die das Herannahen eines Unwetters andeuten. Die dunklen etwas tiefer liegenden Wolken hüllen rechts den Berg in der weiten Ferne der Landschaft ein. Erst später, in seinen metaphysischen Landschaftsstudien, wie etwa der “Landschaft mit aufgehender Sonne” im British Museum (Inv. 1972–7–22–13, vgl. Ausst. Kat. Washington 1999, Kat. 95, S. 288–89) erreicht Annibale eine überzeugende Synthese von klassischer Naturdarstellung und der Schilderung der sich ständig wandelnden Atmosphäre des sich darüber wölbenden Himmels. Annibale Carracci gelingt damit ein entscheidender Durchbruch in der Entwicklung der italienischen Landschaftszeichnung, mit der weit über das 18. Jahrhundert hinaus zum Vorbild für nachfolgende Generationen wird.

Wir danken Dr. Nicholas Turner für die wissenschaftliche Unterstützung.

Expertin: Mag. Astrid-Christina Schierz Mag. Astrid-Christina Schierz
+43-1-515 60-546

astrid.schierz@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Meisterzeichnungen und Druckgraphik bis 1900, Aquarelle, Miniaturen
Datum: 27.03.2018 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 17.03. - 27.03.2018