Lot Nr. 639


Giovanni Francesco Barbieri, Il Guercino


Giovanni Francesco Barbieri, Il Guercino - Alte Meister

(Cento 1591 – 1666 Bologna)
Madonna mit Kind,
Öl auf Leinwand, 63 x 52 cm, gerahmt

Provenienz:
Europäische Privatsammlung

Wir danken Professor Nicholas Turner, der das vorliegende Gemälde im Original geprüft hat, für die Bestätigung der Eigenhändigkeit.

Dieses bisher unpublizierte Gemälde ist eine wichtige Hinzufügung zum Frühwerk Guercinos. Es handelt sich um eine Ölskizze zu seiner Madonna mit Kind in der Sammlung Barbara und Eduard Beaucamp, Frankurt am Main, die um 1621/22 zu datieren ist (D. Stone, Guercino – Catalogo completo, Florenz 1991, S. 98, Nr. 77). Obwohl die Figuren in etwa im gleichen Maßstab erscheinen, gibt es zwischen den beiden Bildern unzählige Unterschiede, etwa im Helldunkel, in der Farbpalette und in der Wiedergabe der Gewänder, was im Turban der Madonna am augenscheinlichsten wird. Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Ausführung – das eine Bild weist den kraftvollen Malstil aus Guercinos Frühzeit auf, das andere ist so glatt und vollendet, als wäre es auf Email gemalt.

Wie viele andere italienische Maler der Renaissance und des Barock in Italien, zu denen auch Tizian gehörte, fertigte Guercino von seinen erfolgreicheren Gemälden Repliken an – eine übliche Praxis, die in seiner Reife- und Spätzeit noch zugenommen zu haben scheint. In den letzten Jahren wurden viele neue Erkenntnisse über diese faszinierende und manchmal nur schwer greifbare Vorgangsweise gewonnen. Diese beiden unterschiedlichen Versionen derselben Komposition – das vorliegende Bild und das Frankfurter Gemälde – sind deshalb so ungewöhnlich, weil das eine ganz offensichtlich eine Skizze für das andere ist. Obgleich anachronistisch, ist es dennoch erhellend, die beiden Bilder Guercinos in Zusammenhang mit dem Werk John Constables, des großen britischen Malers des 19. Jahrhunderts, zu sehen, der seine Gemälde für die Jahresausstellung der Royal Academy mit einer maßstabsgetreuen Ölskizze vorbereitete: zwei unterschiedliche Bildtypen, die 200 Jahre später einen ebenso eklatanten Unterschied in der Ausführung aufweisen – das eine eher frei gemalt, das andere mit dem kontrollierten Farbauftrag des vollendeten Werks.

Eines der Probleme, die mit Guercinos Erfolg einhergingen, bestand darin, dass es einen Auftraggeber zufriedenzustellen galt, der erpicht darauf war, die Replik eines Gemäldes zu besitzen, das bereits an einen anderen geliefert worden war. Guercino fertigte etwa ab 1615 solche Repliken seiner eigenen Werke an. Seine beiden Fassungen der Komposition Der hl. Hieronymus versiegelt einen Brief, die beide um 1617/18 entstanden sind, sind dafür ein frühes Beispiel; das eine Bild befindet sich in der Galleria Nazionale d’Arte Antica im Palazzo Barberini in Rom, das andere in einer römischen Privatsammlung (Guercino, 1591–1666, Capolavori da Cento e da Roma, Ausstellungskatalog, hg. von R. Vodret und F. Gozzi, Rom, Dezember 2011 – April 2012, S. 90–95, Nr. 13/14). In beiden Fassungen der Madonna mit Kind sind die Köpfe einander in Form und Typus ziemlich ähnlich. Zu dieser Zeit waren die Helldunkelkontraste in Guercinos Werk am stärksten ausgeprägt, wobei sich seine Palette bei den kleinformatigen Gemälden manchmal auf zwei oder drei Farben beschränkte. In der vorliegenden Komposition verrät die friedvolle Harmonie zwischen Mutter und Kind, die für Guercinos Andachtsbilder aus der Zeit um 1615 so typisch ist, den Einfluss von Ludovico Carracci, Scarsellino und Bononi. Diese Intimität ist bei den grandioseren und monumentaleren Figuren der am Anfang seiner römischen Zeit entstandenen Werke (1621–1623) seltener spürbar.

Es ist daher nicht auszuschließen, dass Guercinos wiederentdeckte erste Fassung der Madonna mit Kind aus der frühen Zeit um 1615 datiert. Der kraftvolle Pinselstrich und der Eindruck des Unfertigen (non finito) haben ihre Parallelen in dem großzügig auf Kupfer gemalten Gemälde Die Madonna füttert das Jesuskind mit Brei in der Königlichen Sammlung in Stockholm, das um 1615 zu datieren ist (L. Salerno, I dipinti del Guercino, Rom 1988, S. 92, Nr. 10; Stone, S. 27, Nr. 9). Die Rauheit der Texturen beider Werke vor allem in den Glanzlichtern weist darauf hin, dass Guercino nicht die geringste Absicht hatte, weitere Lasuren anzubringen, zumal sein Pinselstrich der Frühzeit unvorteilhaft durchgeschienen hätte. Beide Bilder – das vorliegende und das in Stockholm – waren als Skizzen angelegt und sind glücklicherweise in dieser Form erhalten geblieben. Als Skizzen sind sie ob ihrer Seltenheit wertvolle Zeugnisse im Oeuvre des Malers. Wie Guercinos Biograf Conte Carlo Cesare Malvasia bemerkt hat, ließ der Meister offenbar aus Prinzip ein Gemälde niemals unvollendet.

Das weiter ausgeführte Frankfurter Gemälde baut die zunächst in der vorliegenden Neuentdeckung umrissenen Ideen aus. Der Farbauftrag ist glatter und setzt sich in manchen Bereichen, etwa dem Inkarnat, aus mehreren Lasuren zusammen. Im gesamten Gemälde sind die Details deutlicher definiert und mit der Pinselspitze sorgfältig herausgearbeitet. Durch diese weiterführende Malweise erscheint die Haut glatter und leuchtender als auf unserem Bild, und die Kleidung der Madonna ist umfassender beschrieben; dies gilt vor allem für ihren Turban, der nicht nur größer, sondern auch viel genauer dargestellt ist. Das breitere Spektrum der Farben, die auch bedeutend satter sind – Orange-, Ocker- und kräftige Blau- bis Grüntöne – weisen deutlich auf Guercinos Schaffen um 1620 hin. In jener Periode entfernte sich der Maler in der Farbwahl von den helleren Tönen, welche Maler Ferraras wie Scarsellino bevorzugten, dessen Werk großen Einfluss auf den frühen Guercino hatte. Stattdessen wandte er sich den von Tizian angeregten venezianischen Farbharmonien zu, die auf größere Wirksamkeit angelegt waren und bei denen wenige kräftige Farbtöne mit gedämpften Umgebungsfarben kombiniert wurden. Guercino hatte erst kurz vor der prachtvollen Serie großformatiger Galeriebilder für Kardinal Serra, die vielleicht nur ein oder zwei Jahre vor der Frankfurter Fassung der Madonna mit Kind entstanden ist, seine Reife als Kolorist erreicht.

Natürlich ist es möglich, dass das neu entdeckte Bild und das in Frankfurt knapp nacheinander entstanden sind. Nur eine materialtechnische Untersuchung der Pigmente und des Malgrundes könnte hier eine schlüssige Antwort geben. Aus stilistischen Gründen würde ich jedoch nicht ausschließen, dass das vorliegende Gemälde möglicherweise einige Jahre früher entstanden ist, als der junge Guercino, der vor Kreativität überschäumte, sich in Cento einen Ruf als Maler aufbaute. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schon erwähnten Stockholmer Bild würde diese Meinung untermauern. Andererseits weist der Stil des Frankfurter Bildes ganz deutlich auf eine Entstehung am Beginn der kurzen, aber höchst produktiven römischen Periode des Malers hin. Vielleicht hat ein hochrangiges Mitglied des päpstlichen Hofes, das es nicht erwarten konnte, ein Werk Guercinos für seine persönliche Andacht zu besitzen, das Frankfurter Bild in Auftrag gegeben. Wer auch immer der Auftraggeber gewesen ist, er wurde sicherlich nicht von der Existenz des vorliegenden Prototyps in Kenntnis gesetzt. Immer darauf bedacht, Zeit und Geld zu sparen, wählte Guercino einen schnellen Weg, eine bereits existente Komposition weiter zu verarbeiten. Indem er sich seine Aufgabe auf diese Weise vereinfacht hatte, konnte er sich besser auf die Ausführung des atemberaubend schönen, aber überraschend atypischen finalen Werks konzentrieren.

Wir danken Nicholas Turner für die Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.

17.04.2013 - 18:00

Schätzwert:
EUR 50.000,- bis EUR 70.000,-

Giovanni Francesco Barbieri, Il Guercino


(Cento 1591 – 1666 Bologna)
Madonna mit Kind,
Öl auf Leinwand, 63 x 52 cm, gerahmt

Provenienz:
Europäische Privatsammlung

Wir danken Professor Nicholas Turner, der das vorliegende Gemälde im Original geprüft hat, für die Bestätigung der Eigenhändigkeit.

Dieses bisher unpublizierte Gemälde ist eine wichtige Hinzufügung zum Frühwerk Guercinos. Es handelt sich um eine Ölskizze zu seiner Madonna mit Kind in der Sammlung Barbara und Eduard Beaucamp, Frankurt am Main, die um 1621/22 zu datieren ist (D. Stone, Guercino – Catalogo completo, Florenz 1991, S. 98, Nr. 77). Obwohl die Figuren in etwa im gleichen Maßstab erscheinen, gibt es zwischen den beiden Bildern unzählige Unterschiede, etwa im Helldunkel, in der Farbpalette und in der Wiedergabe der Gewänder, was im Turban der Madonna am augenscheinlichsten wird. Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Ausführung – das eine Bild weist den kraftvollen Malstil aus Guercinos Frühzeit auf, das andere ist so glatt und vollendet, als wäre es auf Email gemalt.

Wie viele andere italienische Maler der Renaissance und des Barock in Italien, zu denen auch Tizian gehörte, fertigte Guercino von seinen erfolgreicheren Gemälden Repliken an – eine übliche Praxis, die in seiner Reife- und Spätzeit noch zugenommen zu haben scheint. In den letzten Jahren wurden viele neue Erkenntnisse über diese faszinierende und manchmal nur schwer greifbare Vorgangsweise gewonnen. Diese beiden unterschiedlichen Versionen derselben Komposition – das vorliegende Bild und das Frankfurter Gemälde – sind deshalb so ungewöhnlich, weil das eine ganz offensichtlich eine Skizze für das andere ist. Obgleich anachronistisch, ist es dennoch erhellend, die beiden Bilder Guercinos in Zusammenhang mit dem Werk John Constables, des großen britischen Malers des 19. Jahrhunderts, zu sehen, der seine Gemälde für die Jahresausstellung der Royal Academy mit einer maßstabsgetreuen Ölskizze vorbereitete: zwei unterschiedliche Bildtypen, die 200 Jahre später einen ebenso eklatanten Unterschied in der Ausführung aufweisen – das eine eher frei gemalt, das andere mit dem kontrollierten Farbauftrag des vollendeten Werks.

Eines der Probleme, die mit Guercinos Erfolg einhergingen, bestand darin, dass es einen Auftraggeber zufriedenzustellen galt, der erpicht darauf war, die Replik eines Gemäldes zu besitzen, das bereits an einen anderen geliefert worden war. Guercino fertigte etwa ab 1615 solche Repliken seiner eigenen Werke an. Seine beiden Fassungen der Komposition Der hl. Hieronymus versiegelt einen Brief, die beide um 1617/18 entstanden sind, sind dafür ein frühes Beispiel; das eine Bild befindet sich in der Galleria Nazionale d’Arte Antica im Palazzo Barberini in Rom, das andere in einer römischen Privatsammlung (Guercino, 1591–1666, Capolavori da Cento e da Roma, Ausstellungskatalog, hg. von R. Vodret und F. Gozzi, Rom, Dezember 2011 – April 2012, S. 90–95, Nr. 13/14). In beiden Fassungen der Madonna mit Kind sind die Köpfe einander in Form und Typus ziemlich ähnlich. Zu dieser Zeit waren die Helldunkelkontraste in Guercinos Werk am stärksten ausgeprägt, wobei sich seine Palette bei den kleinformatigen Gemälden manchmal auf zwei oder drei Farben beschränkte. In der vorliegenden Komposition verrät die friedvolle Harmonie zwischen Mutter und Kind, die für Guercinos Andachtsbilder aus der Zeit um 1615 so typisch ist, den Einfluss von Ludovico Carracci, Scarsellino und Bononi. Diese Intimität ist bei den grandioseren und monumentaleren Figuren der am Anfang seiner römischen Zeit entstandenen Werke (1621–1623) seltener spürbar.

Es ist daher nicht auszuschließen, dass Guercinos wiederentdeckte erste Fassung der Madonna mit Kind aus der frühen Zeit um 1615 datiert. Der kraftvolle Pinselstrich und der Eindruck des Unfertigen (non finito) haben ihre Parallelen in dem großzügig auf Kupfer gemalten Gemälde Die Madonna füttert das Jesuskind mit Brei in der Königlichen Sammlung in Stockholm, das um 1615 zu datieren ist (L. Salerno, I dipinti del Guercino, Rom 1988, S. 92, Nr. 10; Stone, S. 27, Nr. 9). Die Rauheit der Texturen beider Werke vor allem in den Glanzlichtern weist darauf hin, dass Guercino nicht die geringste Absicht hatte, weitere Lasuren anzubringen, zumal sein Pinselstrich der Frühzeit unvorteilhaft durchgeschienen hätte. Beide Bilder – das vorliegende und das in Stockholm – waren als Skizzen angelegt und sind glücklicherweise in dieser Form erhalten geblieben. Als Skizzen sind sie ob ihrer Seltenheit wertvolle Zeugnisse im Oeuvre des Malers. Wie Guercinos Biograf Conte Carlo Cesare Malvasia bemerkt hat, ließ der Meister offenbar aus Prinzip ein Gemälde niemals unvollendet.

Das weiter ausgeführte Frankfurter Gemälde baut die zunächst in der vorliegenden Neuentdeckung umrissenen Ideen aus. Der Farbauftrag ist glatter und setzt sich in manchen Bereichen, etwa dem Inkarnat, aus mehreren Lasuren zusammen. Im gesamten Gemälde sind die Details deutlicher definiert und mit der Pinselspitze sorgfältig herausgearbeitet. Durch diese weiterführende Malweise erscheint die Haut glatter und leuchtender als auf unserem Bild, und die Kleidung der Madonna ist umfassender beschrieben; dies gilt vor allem für ihren Turban, der nicht nur größer, sondern auch viel genauer dargestellt ist. Das breitere Spektrum der Farben, die auch bedeutend satter sind – Orange-, Ocker- und kräftige Blau- bis Grüntöne – weisen deutlich auf Guercinos Schaffen um 1620 hin. In jener Periode entfernte sich der Maler in der Farbwahl von den helleren Tönen, welche Maler Ferraras wie Scarsellino bevorzugten, dessen Werk großen Einfluss auf den frühen Guercino hatte. Stattdessen wandte er sich den von Tizian angeregten venezianischen Farbharmonien zu, die auf größere Wirksamkeit angelegt waren und bei denen wenige kräftige Farbtöne mit gedämpften Umgebungsfarben kombiniert wurden. Guercino hatte erst kurz vor der prachtvollen Serie großformatiger Galeriebilder für Kardinal Serra, die vielleicht nur ein oder zwei Jahre vor der Frankfurter Fassung der Madonna mit Kind entstanden ist, seine Reife als Kolorist erreicht.

Natürlich ist es möglich, dass das neu entdeckte Bild und das in Frankfurt knapp nacheinander entstanden sind. Nur eine materialtechnische Untersuchung der Pigmente und des Malgrundes könnte hier eine schlüssige Antwort geben. Aus stilistischen Gründen würde ich jedoch nicht ausschließen, dass das vorliegende Gemälde möglicherweise einige Jahre früher entstanden ist, als der junge Guercino, der vor Kreativität überschäumte, sich in Cento einen Ruf als Maler aufbaute. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem schon erwähnten Stockholmer Bild würde diese Meinung untermauern. Andererseits weist der Stil des Frankfurter Bildes ganz deutlich auf eine Entstehung am Beginn der kurzen, aber höchst produktiven römischen Periode des Malers hin. Vielleicht hat ein hochrangiges Mitglied des päpstlichen Hofes, das es nicht erwarten konnte, ein Werk Guercinos für seine persönliche Andacht zu besitzen, das Frankfurter Bild in Auftrag gegeben. Wer auch immer der Auftraggeber gewesen ist, er wurde sicherlich nicht von der Existenz des vorliegenden Prototyps in Kenntnis gesetzt. Immer darauf bedacht, Zeit und Geld zu sparen, wählte Guercino einen schnellen Weg, eine bereits existente Komposition weiter zu verarbeiten. Indem er sich seine Aufgabe auf diese Weise vereinfacht hatte, konnte er sich besser auf die Ausführung des atemberaubend schönen, aber überraschend atypischen finalen Werks konzentrieren.

Wir danken Nicholas Turner für die Katalogisierung des vorliegenden Gemäldes.


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister
Datum: 17.04.2013 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 06.04. - 17.04.2013