Lot Nr. 46


Sessel, Entwurf Franz Singer


, Entwurf Franz Singer, Wien um 1927, Birne, massiv, teilweise schwarz gebeizt, Schellackpolitur, Sitzfläche mit schwarzen Jutegurten bespannt, Rückenlehne mit Peddigrohr- Einflechtung, Höhe 90 cm, Breite 45 cm, Tiefe 49,5 cm, Sitzhöhe 33 cm. (DRAX)

Originalzustand

Provenienz:
Wohnung Nachlass Emmi Kondor, Rathausstraße 7, 1010 Wien, bis 1988 Der Sessel befand sich in der Wohnung der Industriellenfamilie Condor in der Rathausstraße 7.

Nach Auskunft der Familie gab es eine Beziehung zu Hugo und Alice Moller, deren Wohnung in der nahe gelegenen Reichratsstraße 9 von Franz Singer und Friedl Dicker 1927 eingerichtet worden war. 

Franz Singer und Friedl Dicker betrieben von 1925 bis 1931 das Architekturbüro Singer & Dicker in der Wasserburggasse 2 und Wien und Singer unterhielt ein weiteres Büro ab 1927 in der Schadeckgasse. Dieses Atelier wurde nach Singers Verlagerung seiner Tätigkeiten nach London ab 1934 von seiner Mitarbeiterin Poldi Schrom bis 1938 weitergeführt. Die Planskizze, Arbeitsunterlagen und Briefverkehr blieben nach dem Auflösen des Büros erhalten und befinden sich heute Im Archiv Georg Schrom, dem Neffen von Poldi Schrom.

Franz Singer und Friedl Dicker gehörten zu den wenigen österreichischen Architekten, die ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar 1919 - 1923 erhielten. Sie bekamen wenige Bauaufträge, daher lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Einrichtung von Wohnungen und Geschäftslokalen, die sich in der Konzeption von formal strengen, funktionalistischen und platzsparenden Entwürfen wie Klappmöbel und stapelbaren Stühlen auszeichnete. Singers „modernes Wohnprinzip“ definierte sich durch „die Ökonomie der Zeit, des Raumes und des Geldes“. 

„Der Sesselentwurf ist charakterisiert durch die niedrige Sitzfläche und die rechtwinkelig nach oben geführte überhöhte Sitzlehne. Diese Merkmale finden sich auch in Sesseltypen, die von Franz Singer für die Wohnung Hugo und Alice Moller entworfen wurden (siehe Skizze). Zu diesem Sessel befinden sich keine Zeichnungen in meinen Unterlagen, es scheint sich jedoch um eine Variante zum ineinander schiebbaren Sessel zu handeln, der für das Musik-und Wohnzimmer Alice Moller entworfen wurde. Wie auf der Planskizze ersichtlich, wird ein nächst größerer Sessel eingeschoben bzw. aufgesetzt, vergleichbar mit der Idee für Jourtische. Ein weiteres Merkmal für Franz Singer sind die rückseitig abgesetzten Sesselbeine. Zudem wurde mit der Bespannung experimentiert. Die Peddigrohreinflechtung wird über den Holzrahmen bzw. die Rahmenwölbung gezogen – die schwarz gefärbten Jutegurte werden flächenbündig mit der Sitzfläche eingegurtet. Auch die Materialwahl und Farbgebung finden sich in späteren Möbelentwürfen von Singer: die Verwendung verschiedener Harthölzer wie Buche, Ahorn oder gedämpfte Birne – Teile des Gestells werden farbig gebeizt. Diese Merkmale finden sich auch im stapelbaren Holzsessel Type F.S. Type S100. Das Gestell der Type S100 war aus Buche oder Birke gefertigt – in der Planskizze ist festgehalten welche Rahmenteile schwarz gebeizt werden. Eine ähnliche Type wurde auch im Jahre 1932 für den Kindergarten im Goethehof in Wien als Kindersessel produziert.
Franz Singer und sein Kollege und Mitarbeiter Bruno Pollak begannen ab 1927 ineinander schiebbare und stapelbare Möbel zu entwickeln, die bei diversen Einrichtungsprojekten verwendet wurden.“ (Georg Schrom)

Von der Wohnungseinrichtung Moller blieb nachweislich nur eine Sitzgarnitur erhalten, die sich in der Sammlung der Neuen Pinakothek in München befindet. Wie viele Möbel ursprünglich auf Basis der vorhandenen Skizzen tatsächlich hergestellt wurden, ist nicht rekonstruierbar.

Lit.:
St. Trauttmannsdorff-G. Schrom, 2 x Bauhaus in Wien, ein 1988, p. 98, Abb. P. 101 – C. Blauenstein, Das moderne Wohnprinzip. Zur Ausstellung Franz Singer – Friedl Dicker, in: Bauform, 22, 1989, pp.11/12 – D. Guardigli-A. Maniscalo, Franz Singer e Friedl Dicker, architetture e arredi 1924-1934, in: Domus, 1992, pp.76ff (Vergleiche)

27.03.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 80.000,- bis EUR 130.000,-

Sessel, Entwurf Franz Singer


, Entwurf Franz Singer, Wien um 1927, Birne, massiv, teilweise schwarz gebeizt, Schellackpolitur, Sitzfläche mit schwarzen Jutegurten bespannt, Rückenlehne mit Peddigrohr- Einflechtung, Höhe 90 cm, Breite 45 cm, Tiefe 49,5 cm, Sitzhöhe 33 cm. (DRAX)

Originalzustand

Provenienz:
Wohnung Nachlass Emmi Kondor, Rathausstraße 7, 1010 Wien, bis 1988 Der Sessel befand sich in der Wohnung der Industriellenfamilie Condor in der Rathausstraße 7.

Nach Auskunft der Familie gab es eine Beziehung zu Hugo und Alice Moller, deren Wohnung in der nahe gelegenen Reichratsstraße 9 von Franz Singer und Friedl Dicker 1927 eingerichtet worden war. 

Franz Singer und Friedl Dicker betrieben von 1925 bis 1931 das Architekturbüro Singer & Dicker in der Wasserburggasse 2 und Wien und Singer unterhielt ein weiteres Büro ab 1927 in der Schadeckgasse. Dieses Atelier wurde nach Singers Verlagerung seiner Tätigkeiten nach London ab 1934 von seiner Mitarbeiterin Poldi Schrom bis 1938 weitergeführt. Die Planskizze, Arbeitsunterlagen und Briefverkehr blieben nach dem Auflösen des Büros erhalten und befinden sich heute Im Archiv Georg Schrom, dem Neffen von Poldi Schrom.

Franz Singer und Friedl Dicker gehörten zu den wenigen österreichischen Architekten, die ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar 1919 - 1923 erhielten. Sie bekamen wenige Bauaufträge, daher lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Einrichtung von Wohnungen und Geschäftslokalen, die sich in der Konzeption von formal strengen, funktionalistischen und platzsparenden Entwürfen wie Klappmöbel und stapelbaren Stühlen auszeichnete. Singers „modernes Wohnprinzip“ definierte sich durch „die Ökonomie der Zeit, des Raumes und des Geldes“. 

„Der Sesselentwurf ist charakterisiert durch die niedrige Sitzfläche und die rechtwinkelig nach oben geführte überhöhte Sitzlehne. Diese Merkmale finden sich auch in Sesseltypen, die von Franz Singer für die Wohnung Hugo und Alice Moller entworfen wurden (siehe Skizze). Zu diesem Sessel befinden sich keine Zeichnungen in meinen Unterlagen, es scheint sich jedoch um eine Variante zum ineinander schiebbaren Sessel zu handeln, der für das Musik-und Wohnzimmer Alice Moller entworfen wurde. Wie auf der Planskizze ersichtlich, wird ein nächst größerer Sessel eingeschoben bzw. aufgesetzt, vergleichbar mit der Idee für Jourtische. Ein weiteres Merkmal für Franz Singer sind die rückseitig abgesetzten Sesselbeine. Zudem wurde mit der Bespannung experimentiert. Die Peddigrohreinflechtung wird über den Holzrahmen bzw. die Rahmenwölbung gezogen – die schwarz gefärbten Jutegurte werden flächenbündig mit der Sitzfläche eingegurtet. Auch die Materialwahl und Farbgebung finden sich in späteren Möbelentwürfen von Singer: die Verwendung verschiedener Harthölzer wie Buche, Ahorn oder gedämpfte Birne – Teile des Gestells werden farbig gebeizt. Diese Merkmale finden sich auch im stapelbaren Holzsessel Type F.S. Type S100. Das Gestell der Type S100 war aus Buche oder Birke gefertigt – in der Planskizze ist festgehalten welche Rahmenteile schwarz gebeizt werden. Eine ähnliche Type wurde auch im Jahre 1932 für den Kindergarten im Goethehof in Wien als Kindersessel produziert.
Franz Singer und sein Kollege und Mitarbeiter Bruno Pollak begannen ab 1927 ineinander schiebbare und stapelbare Möbel zu entwickeln, die bei diversen Einrichtungsprojekten verwendet wurden.“ (Georg Schrom)

Von der Wohnungseinrichtung Moller blieb nachweislich nur eine Sitzgarnitur erhalten, die sich in der Sammlung der Neuen Pinakothek in München befindet. Wie viele Möbel ursprünglich auf Basis der vorhandenen Skizzen tatsächlich hergestellt wurden, ist nicht rekonstruierbar.

Lit.:
St. Trauttmannsdorff-G. Schrom, 2 x Bauhaus in Wien, ein 1988, p. 98, Abb. P. 101 – C. Blauenstein, Das moderne Wohnprinzip. Zur Ausstellung Franz Singer – Friedl Dicker, in: Bauform, 22, 1989, pp.11/12 – D. Guardigli-A. Maniscalo, Franz Singer e Friedl Dicker, architetture e arredi 1924-1934, in: Domus, 1992, pp.76ff (Vergleiche)


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Design First
Datum: 27.03.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 19.03. - 27.03.2019