Lot Nr. 201


Jean Dubuffet *


(Le Havre 1901–1985 Paris)
Bon Espoir (Paysage avec personnages), 1955, signiert und datiert 55; auf der Rückseite betitelt, signiert und datiert Vence août 1955, Öl auf Leinwand, 88 x 115 cm, gerahmt

Wir danken der Fondation Dubuffet, Paris für die freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung dieses Werkes.

Provenienz:
Galerie René Drouin, Paris
Europäische Privatsammlung (seit den späten 1970er Jahren)

Ausgestellt:
Vence, Vingt tableaux peints récemment à Vence par Jean Dubuffet, Galerie les Mages, 1.–3. Oktober 1955, Ausst.-Kat. Nr. 5

Literatur:
L. Trucchi, Jean Dub uffet, De Luca Editore, Rom 1965, S. 211, Nr. 180 mit Abb.
M. Loreau, Catalogue des Travaux de Jean Dubuffet, Fascicule XI: Charrettes, jardins, personnages, monolithes, Weber Editeur, Schweiz 1969, S. 65, mit Abb. Nr. 77

Was die Verwendung dieses funkelnden, farbenfrohen Materials [Schmetterlingsflügel, um 1955] anbelangt - dessen Bestandteile nicht unterscheidbar sind - um einen sehr lebendigen Schillereffekt zu erzeugen, bemerkte ich, dass ich dabei ähnlichen Bedürfnissen nachgebe wie jenen, die mich vormals in vielen Zeichnungen und Gemälden dazu verleiteten, meine Linien und Farbflecken so zu arrangieren, dass die dargestellten Objekte mit allem in ihrer Umgebung verschmelzen, sodass das Ergebnis eine Art beständiger, universaler Suppe mit einem intensiven Geschmack nach Leben ist.
Jean Dubuffet

Drei Werke von DUBUFFET aus einer bedeutenden Privatsammlung

Geboren 1901 in Le Havre landet Jean Dubuffet nach einer Karriere als Weinproduzent bei seiner künstlerischen Tätigkeit. Die Übersiedlung nach Paris und der Kontakt zu Suzanne Valadon und Fernand Léger wecken in ihm jedoch schon am Beginn der Zwanziger Jahre ein Interesse für ganz einfache expressive Formen, frei von Zwängen, wie die Sprache der Kinder, der Primitiven oder der psychiatrischen Patienten.

Jene, die sich zwingen, die gesunde Kunst von der kranken Kunst zu unterscheiden und die versuchen, die Merkmale selbst der Formen des Kunstschaffens, die für pathologisch gehalten werden, zu beschreiben, werden nie zu einer endgültigen Formel finden. Dieses Interesse wird ihn viele Jahre später dazu bringen, einen neue graphische Ausdrucksweise ins Leben zu rufen, die aus diesen Mitteilungsformen die Idee einer ikonographischen Expressivität frei von Konditionierung der Vernunft entwickelt.

Der Ausdruck Art Brut, wörtlich „rohe Kunst“, der vom Künstler 1945 geprägt wurde, vertritt die Idee von einer Kunst, weit entfernt vom traditionellen Schönheitsideal, einer Kunst, die bevor sie nach Ästhetik sucht, anthropologische Forschungen anstellt, die in Umgebungen des Eingeschlossenseins entsteht und den Zusammenhang zwischen sozialem Randdasein und künstlerischem Ausdruck untersucht.

Aufgabe des Künstlers ist es, durch den kreativen Prozess die intrinsischen Ausdrucksmöglichkeiten aus den verschiedenen verwendeten Materialien herauszulösen, aus geringgeschätzten Materialien, unbedeutend, wie die sozialen Gruppen, deren Sprachen Dubuffet neu interpretiert.

Die Materie ist also unbestritten der Protagonist in den Werken von Dubuffet, eine rohe und brutale Materie, die oft den Platz auf der Leinwand überschreitet und ihr dadurch ein skulpturartiges Aussehen verleiht. Die dick aufgetragene Farbe, die für den Künstler typisch ist, entsteht aus einer Maltechnik, die Spachteln und Instrumente verwendet, durch die das Farbgemisch auf der Leinwand graviert und modelliert wird, in einem kontinuierlichen Prozess des Dazugebens und Wegnehmens. Die Figuren, die Dubuffet auf der Leinwand kreiert, indem er in das Material „hineinarbeitet“, sind kaum skizziert und verschmelzen oft mit dem Hintergrund. So entstehen groteske Formen, die die Idee des Unfertigen erwecken. Ich will Porträts, bei deren Beschreibung dieselben Mechanismen greifen wie bei der Beschreibung eines Landschaftsbilds, hier Falten und dort Furchen oder Wege, hier eine Nase, dort ein Baum, hier ein Mund und dort ein Haus.

In Bon Espoir (Paysage avec personnage) bewegt sich Dubuffet zwischen Abstraktion und figurativer Malerei. Die Figuren, flach im Hintergrund, wogen hin und her, ohne eine konkrete Anordnung im Raum und sind aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig sichtbar. Eine Technik von Picasso und Braque, durch die ein optischer Effekt von Unregelmäßigkeit erzeugt wird, die scheinbar den Rand der Leinwand mancherorts überschreiten will. Die Details in diesem Werk bleiben beabsichtigt lediglich Anspielungen, das Verschmelzen zwischen menschlicher Figur und dem Hintergrund begründet sich aus dem Bedürfnis des Künstlers, das zweideutige Verhältnis zwischen der Erde und seinen Bewohnern darzustellen.

Eine figurative, detailarme Wiedergabe charakterisiert auch das Bild Tête. Das dargestellte Gesicht ist in vereinfachter Weise wiedergegeben, kaum skizziert. Das Thema ist der Mensch im Allgemeinen, dessen anthropologisches Studium die Grundlage der Art Brut und des künstlerischen Experimentierens von Dubuffet bildet. Was mich betrifft, so bin ich wenig am „Exceptionnel“ interessiert, wo dieses immer auch sei. Meine Nahrung ist das „Commun“. Je banaler es ist, desto besser. Zum Glück fühle ich mich überhaupt nicht außerordentlich. In meinen Bildern will ich den Blick eines ganz durchschnittlichen Menschen wiederfinden.
Jean Dubuffet

In der Serie Matériologies, zu der das Bild Buisson au papillon gehört, legt Dubuffet das Hauptaugenmerk auf die verwendeten Materialien: die botanischen Elemente, die der Künstler auf die Leinwand appliziert, erheben die organische Welt zu einem „Ort, wo alles möglich ist, wo man ein trockenes Blatt aufsammelt und es ist ein getarnter Schmetterling, man glaubt einen Dolmen zu berühren, und es ist ein Termitenbau.
Das Fantastische ist in unserem Garten.“ (G. Celli)

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

05.06.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 300.000,- bis EUR 400.000,-

Jean Dubuffet *


(Le Havre 1901–1985 Paris)
Bon Espoir (Paysage avec personnages), 1955, signiert und datiert 55; auf der Rückseite betitelt, signiert und datiert Vence août 1955, Öl auf Leinwand, 88 x 115 cm, gerahmt

Wir danken der Fondation Dubuffet, Paris für die freundliche Unterstützung bei der Katalogisierung dieses Werkes.

Provenienz:
Galerie René Drouin, Paris
Europäische Privatsammlung (seit den späten 1970er Jahren)

Ausgestellt:
Vence, Vingt tableaux peints récemment à Vence par Jean Dubuffet, Galerie les Mages, 1.–3. Oktober 1955, Ausst.-Kat. Nr. 5

Literatur:
L. Trucchi, Jean Dub uffet, De Luca Editore, Rom 1965, S. 211, Nr. 180 mit Abb.
M. Loreau, Catalogue des Travaux de Jean Dubuffet, Fascicule XI: Charrettes, jardins, personnages, monolithes, Weber Editeur, Schweiz 1969, S. 65, mit Abb. Nr. 77

Was die Verwendung dieses funkelnden, farbenfrohen Materials [Schmetterlingsflügel, um 1955] anbelangt - dessen Bestandteile nicht unterscheidbar sind - um einen sehr lebendigen Schillereffekt zu erzeugen, bemerkte ich, dass ich dabei ähnlichen Bedürfnissen nachgebe wie jenen, die mich vormals in vielen Zeichnungen und Gemälden dazu verleiteten, meine Linien und Farbflecken so zu arrangieren, dass die dargestellten Objekte mit allem in ihrer Umgebung verschmelzen, sodass das Ergebnis eine Art beständiger, universaler Suppe mit einem intensiven Geschmack nach Leben ist.
Jean Dubuffet

Drei Werke von DUBUFFET aus einer bedeutenden Privatsammlung

Geboren 1901 in Le Havre landet Jean Dubuffet nach einer Karriere als Weinproduzent bei seiner künstlerischen Tätigkeit. Die Übersiedlung nach Paris und der Kontakt zu Suzanne Valadon und Fernand Léger wecken in ihm jedoch schon am Beginn der Zwanziger Jahre ein Interesse für ganz einfache expressive Formen, frei von Zwängen, wie die Sprache der Kinder, der Primitiven oder der psychiatrischen Patienten.

Jene, die sich zwingen, die gesunde Kunst von der kranken Kunst zu unterscheiden und die versuchen, die Merkmale selbst der Formen des Kunstschaffens, die für pathologisch gehalten werden, zu beschreiben, werden nie zu einer endgültigen Formel finden. Dieses Interesse wird ihn viele Jahre später dazu bringen, einen neue graphische Ausdrucksweise ins Leben zu rufen, die aus diesen Mitteilungsformen die Idee einer ikonographischen Expressivität frei von Konditionierung der Vernunft entwickelt.

Der Ausdruck Art Brut, wörtlich „rohe Kunst“, der vom Künstler 1945 geprägt wurde, vertritt die Idee von einer Kunst, weit entfernt vom traditionellen Schönheitsideal, einer Kunst, die bevor sie nach Ästhetik sucht, anthropologische Forschungen anstellt, die in Umgebungen des Eingeschlossenseins entsteht und den Zusammenhang zwischen sozialem Randdasein und künstlerischem Ausdruck untersucht.

Aufgabe des Künstlers ist es, durch den kreativen Prozess die intrinsischen Ausdrucksmöglichkeiten aus den verschiedenen verwendeten Materialien herauszulösen, aus geringgeschätzten Materialien, unbedeutend, wie die sozialen Gruppen, deren Sprachen Dubuffet neu interpretiert.

Die Materie ist also unbestritten der Protagonist in den Werken von Dubuffet, eine rohe und brutale Materie, die oft den Platz auf der Leinwand überschreitet und ihr dadurch ein skulpturartiges Aussehen verleiht. Die dick aufgetragene Farbe, die für den Künstler typisch ist, entsteht aus einer Maltechnik, die Spachteln und Instrumente verwendet, durch die das Farbgemisch auf der Leinwand graviert und modelliert wird, in einem kontinuierlichen Prozess des Dazugebens und Wegnehmens. Die Figuren, die Dubuffet auf der Leinwand kreiert, indem er in das Material „hineinarbeitet“, sind kaum skizziert und verschmelzen oft mit dem Hintergrund. So entstehen groteske Formen, die die Idee des Unfertigen erwecken. Ich will Porträts, bei deren Beschreibung dieselben Mechanismen greifen wie bei der Beschreibung eines Landschaftsbilds, hier Falten und dort Furchen oder Wege, hier eine Nase, dort ein Baum, hier ein Mund und dort ein Haus.

In Bon Espoir (Paysage avec personnage) bewegt sich Dubuffet zwischen Abstraktion und figurativer Malerei. Die Figuren, flach im Hintergrund, wogen hin und her, ohne eine konkrete Anordnung im Raum und sind aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig sichtbar. Eine Technik von Picasso und Braque, durch die ein optischer Effekt von Unregelmäßigkeit erzeugt wird, die scheinbar den Rand der Leinwand mancherorts überschreiten will. Die Details in diesem Werk bleiben beabsichtigt lediglich Anspielungen, das Verschmelzen zwischen menschlicher Figur und dem Hintergrund begründet sich aus dem Bedürfnis des Künstlers, das zweideutige Verhältnis zwischen der Erde und seinen Bewohnern darzustellen.

Eine figurative, detailarme Wiedergabe charakterisiert auch das Bild Tête. Das dargestellte Gesicht ist in vereinfachter Weise wiedergegeben, kaum skizziert. Das Thema ist der Mensch im Allgemeinen, dessen anthropologisches Studium die Grundlage der Art Brut und des künstlerischen Experimentierens von Dubuffet bildet. Was mich betrifft, so bin ich wenig am „Exceptionnel“ interessiert, wo dieses immer auch sei. Meine Nahrung ist das „Commun“. Je banaler es ist, desto besser. Zum Glück fühle ich mich überhaupt nicht außerordentlich. In meinen Bildern will ich den Blick eines ganz durchschnittlichen Menschen wiederfinden.
Jean Dubuffet

In der Serie Matériologies, zu der das Bild Buisson au papillon gehört, legt Dubuffet das Hauptaugenmerk auf die verwendeten Materialien: die botanischen Elemente, die der Künstler auf die Leinwand appliziert, erheben die organische Welt zu einem „Ort, wo alles möglich ist, wo man ein trockenes Blatt aufsammelt und es ist ein getarnter Schmetterling, man glaubt einen Dolmen zu berühren, und es ist ein Termitenbau.
Das Fantastische ist in unserem Garten.“ (G. Celli)

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 05.06.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 25.05. - 05.06.2019