Lot Nr. 204


Hans Hartung *


(Leipzig 1904–1989 Antibes)
T1963-R49, 1963, signiert und datiert 63, auf der Rückseite betitelt, Acryl auf Leinwand, 92 x 73 cm, gerahmt

Das vorliegende Werk ist bei der Fondation Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes registriert. Ein Fotozertifikat liegt bei.

Das Werk wird in den in Vorbereitung befindlichen Catalogue raisonné de l’oeuvre de Hans Hartung aufgenommen.

Provenienz:
Gio Arte, Mestre (rückseitig Stempel)
Europäische Privatsammlung

Als prominenter Vertreter des Informels, einer Kunstbewegung, die während der Nachwehen des Zweiten Weltkriegs aus dem Bedürfnis heraus entstand, eine neue Sprache zu entwickeln mittels derer das ihm anhaftende Trauma überwunden werden konnte, glaubte Hartung nicht länger an figurative Darstellung oder rigide geometrische Abstraktion und hielt damit das Bedürfnis aufrecht, mit einer Art von Malerei zu experimentieren, die Geste und Zeichen anerkennt.
Die Ablehnung von Form war bereits für andere Kunstbewegungen charakteristisch, doch das Informel unterschied sich in der speziellen Bedeutung, die es der kreativen Geste beimaß: das künstlerische Ereignis, welches bereits im Akt seiner Kreation ausgeschöpft ist. Das Werk wird zum Zeugen einer Erfahrung und eines andauernden Werdensprozesses.
Hartung kannte die Arbeiten von Franz Marc und Kandisky und er anerkannte gewiss den Wert ihrer ersten Eingebungen, der zuverlässigen Prämissen ihrer Werke. Aber er wusste diese Arbeiten auch in ihrer jeweiligen Zeit zu verorten, in seinen eigenen Farbklecksen und -zeichen ein andersartiges Kunstverständnis erkennend, zu welchem er durch passionierte und häufig dramatische Erfahrungen gelangt war.

Vor dem Krieg hatten meine Kleckse begonnen von breiten, dunklen Pinselstrichen begleitet zu werden, was gewissermaßen Vorläufer jener „Lichtstrahlen“ waren, welche für viele Künstler nach dem Krieg eine wichtige Rolle spielen sollten. Zur selben Zeit entdecke ich sehr schnell den „expressionistischen“ Stil wieder - meine Lichtstrahlen breiteten sich aggressiv über die Leinwand aus wie Gefängnisgitter. Meine Zeichnungen wurden durchkreuzt von seltsamen, verzerrten Schraffuren, wirren und frenetisch anmutenden Kratzern. Ich machte ein paar davon auf diesen Schultafeln aus Karton mit roten Rechtecken, welche zumindest den Vorteil hatten, dass sie günstig waren. Es war vehemente, rebellierende Malerei. (Aus: Hans Hartung, Autoritratto, Fondazione Torino Musei, Turin 2000, S. 144)

Hartungs Ausdruck entspringt scheinbar flinken und entschiedenen und dennoch studierten Handbewegungen; es sind selbstbewusste, klare Bewegungen, welche die Leinwand oder die Metallplatte zerkratzen und dadurch Spannung zwischen dem Hintergrund und der Oberfläche aufbauen. Das Zeichen besetzt den Raum auf aggressive Weise. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass Hartung „von Improvisation [sprach], aber nicht von Automatisierung, somit dementierend, dass die Geschwindigkeit der Handbewegung ein rein automatisches Schreiben gebären könne. Die Vielzahl an Linien und Pinselstrichen, die das Ergebnis der Aktivität des Malers auf der Leinwand sind, demonstrieren wie eine Art ideales Diagramm, wie unterschiedlich emotionale Momente sich äußern - in den breiten Furchen, in den drahtigen Spiralen, in den nervösen Kratzern, in den vertikalen graphischen Kombinationen, in den fantastischen Arabesken, in den detaillierten Verwebungen. Eine mysteriöse Welt baut sich auf und zerfällt entlang des Fadens eines endlosen Strangs bewusster und unbewusster Inspirationen. Sie ist der Spiegel einer Seele, die nicht an der Vernunft verwelkt, sondern sensibel für die Ereignisse des Lebens ist, in der Lage, die gebieterischen Grenzen der Einsamkeit zu überwinden.“
(G. Marchiori, Continuità di Hartung, 1971)

Als Meister einer gestenreichen, lyrischen und emotionalen Malerei, bleibt seine Leidenschaft für Mathematik weiterhin aufrecht und seine Malerei muss anhand ihrer Rationalität begriffen werden: Von den 30ern bis in die späten 50er produziert er zunächst kleine Arbeiten, spontan auf Papier angefertigt; dann kreiert er das Gemälde indem er ein Raster unterlegt und das kleine Papier auf der Leinwand vergrößert, Punkt für Punkt. (Fondation Hartung Bergmann).

Von 1945 an nimmt die Beziehung zwischen dem Graphikmaterial und dem Hintergrund einen anderen Charakter an als jenen der ersten zwanzig Jahre; oft unter dem alptraumhaften Deckmantel von Verzweiflung und Angst provoziert durch die Unvereinbarkeit, nehmen Hartungs Hintergründe unpersönlichere Züge an, mit der Absicht, das Motiv dort zu entkörperlichen, wo es zuvor dazu neigte, am Untergrund zu verklumpen.

Die 60er markieren auch einen Wendepunkt. Hartung hört auf in seiner Arbeit kleine Formate zu kopieren und begibt sich stattdessen auf eine geduldige Suche nach technologischer Innovation, wozu auch die Herstellung zahlreicher Werkzeuge zählt. 1960 ist auch das Jahr in dem er den großen Preis für Malerei bei der Biennale in Venedig gewann, was ihm zu höchster internationaler Anerkennung verhalf. (Fondation Hartung Bergman).

In den Arbeiten dieser Periode, ver- und entwirren sich die Kratzer, die dem bemalten Untergrund mit einer Holz- oder Stahlspitze zugefügt wurden, zu Zwirnen, Knöpfen oder Gittern, die girlandengleich über dem Nichts hängen oder sich manchmal auch wie Grashalmparallel in Büscheln neigen.

In T1963-R49 dominiert ein schwarzer Hintergrund die Leinwand, den nur tiefe Kratzer unterbrechen, die vom oberen zum unteren Rand reichen. Kraft wechselt sich mit Anmut ab - die stark zerkratzen Bereiche auf dem dunklen Untergrund scheinen leuchtende Vibrationen auszusenden. Es ist sehr deutlich, dass es sich auf eine imaginäre Welt bezieht, eine geheime Welt, in der das Zeichen seine eigene Bedeutung, seinen eigenen Wert besitzt. In einem Raum, der einzig aus Licht, Schatten oder dem Kontrast zwischen den beiden besteht.

Seine Kunst ist derart emotional beladen, dass sie den tiefen Sinn eines aktiv gelebten Lebens widerspiegelt, sowohl als Handlung wie als Gedanke: „Ich werde von einem bestimmten Gemütszustand dazu gedrängt, bestimmte Formen zu skizzieren, zu kreieren, um zu versuchen, beim Betrachter ähnliche Emotionen auszulösen... Ich werde gerne auf der Leinwand aktiv. Die Begierde treibt mich an: die Begierde, eine Spur meines Handelns zu hinterlassen. Es geht nur um den Akt des Malens, des Zeichnens, des Kratzens, des Schabens!“

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

05.06.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 120.000,- bis EUR 160.000,-

Hans Hartung *


(Leipzig 1904–1989 Antibes)
T1963-R49, 1963, signiert und datiert 63, auf der Rückseite betitelt, Acryl auf Leinwand, 92 x 73 cm, gerahmt

Das vorliegende Werk ist bei der Fondation Hans Hartung und Anna-Eva Bergman, Antibes registriert. Ein Fotozertifikat liegt bei.

Das Werk wird in den in Vorbereitung befindlichen Catalogue raisonné de l’oeuvre de Hans Hartung aufgenommen.

Provenienz:
Gio Arte, Mestre (rückseitig Stempel)
Europäische Privatsammlung

Als prominenter Vertreter des Informels, einer Kunstbewegung, die während der Nachwehen des Zweiten Weltkriegs aus dem Bedürfnis heraus entstand, eine neue Sprache zu entwickeln mittels derer das ihm anhaftende Trauma überwunden werden konnte, glaubte Hartung nicht länger an figurative Darstellung oder rigide geometrische Abstraktion und hielt damit das Bedürfnis aufrecht, mit einer Art von Malerei zu experimentieren, die Geste und Zeichen anerkennt.
Die Ablehnung von Form war bereits für andere Kunstbewegungen charakteristisch, doch das Informel unterschied sich in der speziellen Bedeutung, die es der kreativen Geste beimaß: das künstlerische Ereignis, welches bereits im Akt seiner Kreation ausgeschöpft ist. Das Werk wird zum Zeugen einer Erfahrung und eines andauernden Werdensprozesses.
Hartung kannte die Arbeiten von Franz Marc und Kandisky und er anerkannte gewiss den Wert ihrer ersten Eingebungen, der zuverlässigen Prämissen ihrer Werke. Aber er wusste diese Arbeiten auch in ihrer jeweiligen Zeit zu verorten, in seinen eigenen Farbklecksen und -zeichen ein andersartiges Kunstverständnis erkennend, zu welchem er durch passionierte und häufig dramatische Erfahrungen gelangt war.

Vor dem Krieg hatten meine Kleckse begonnen von breiten, dunklen Pinselstrichen begleitet zu werden, was gewissermaßen Vorläufer jener „Lichtstrahlen“ waren, welche für viele Künstler nach dem Krieg eine wichtige Rolle spielen sollten. Zur selben Zeit entdecke ich sehr schnell den „expressionistischen“ Stil wieder - meine Lichtstrahlen breiteten sich aggressiv über die Leinwand aus wie Gefängnisgitter. Meine Zeichnungen wurden durchkreuzt von seltsamen, verzerrten Schraffuren, wirren und frenetisch anmutenden Kratzern. Ich machte ein paar davon auf diesen Schultafeln aus Karton mit roten Rechtecken, welche zumindest den Vorteil hatten, dass sie günstig waren. Es war vehemente, rebellierende Malerei. (Aus: Hans Hartung, Autoritratto, Fondazione Torino Musei, Turin 2000, S. 144)

Hartungs Ausdruck entspringt scheinbar flinken und entschiedenen und dennoch studierten Handbewegungen; es sind selbstbewusste, klare Bewegungen, welche die Leinwand oder die Metallplatte zerkratzen und dadurch Spannung zwischen dem Hintergrund und der Oberfläche aufbauen. Das Zeichen besetzt den Raum auf aggressive Weise. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass Hartung „von Improvisation [sprach], aber nicht von Automatisierung, somit dementierend, dass die Geschwindigkeit der Handbewegung ein rein automatisches Schreiben gebären könne. Die Vielzahl an Linien und Pinselstrichen, die das Ergebnis der Aktivität des Malers auf der Leinwand sind, demonstrieren wie eine Art ideales Diagramm, wie unterschiedlich emotionale Momente sich äußern - in den breiten Furchen, in den drahtigen Spiralen, in den nervösen Kratzern, in den vertikalen graphischen Kombinationen, in den fantastischen Arabesken, in den detaillierten Verwebungen. Eine mysteriöse Welt baut sich auf und zerfällt entlang des Fadens eines endlosen Strangs bewusster und unbewusster Inspirationen. Sie ist der Spiegel einer Seele, die nicht an der Vernunft verwelkt, sondern sensibel für die Ereignisse des Lebens ist, in der Lage, die gebieterischen Grenzen der Einsamkeit zu überwinden.“
(G. Marchiori, Continuità di Hartung, 1971)

Als Meister einer gestenreichen, lyrischen und emotionalen Malerei, bleibt seine Leidenschaft für Mathematik weiterhin aufrecht und seine Malerei muss anhand ihrer Rationalität begriffen werden: Von den 30ern bis in die späten 50er produziert er zunächst kleine Arbeiten, spontan auf Papier angefertigt; dann kreiert er das Gemälde indem er ein Raster unterlegt und das kleine Papier auf der Leinwand vergrößert, Punkt für Punkt. (Fondation Hartung Bergmann).

Von 1945 an nimmt die Beziehung zwischen dem Graphikmaterial und dem Hintergrund einen anderen Charakter an als jenen der ersten zwanzig Jahre; oft unter dem alptraumhaften Deckmantel von Verzweiflung und Angst provoziert durch die Unvereinbarkeit, nehmen Hartungs Hintergründe unpersönlichere Züge an, mit der Absicht, das Motiv dort zu entkörperlichen, wo es zuvor dazu neigte, am Untergrund zu verklumpen.

Die 60er markieren auch einen Wendepunkt. Hartung hört auf in seiner Arbeit kleine Formate zu kopieren und begibt sich stattdessen auf eine geduldige Suche nach technologischer Innovation, wozu auch die Herstellung zahlreicher Werkzeuge zählt. 1960 ist auch das Jahr in dem er den großen Preis für Malerei bei der Biennale in Venedig gewann, was ihm zu höchster internationaler Anerkennung verhalf. (Fondation Hartung Bergman).

In den Arbeiten dieser Periode, ver- und entwirren sich die Kratzer, die dem bemalten Untergrund mit einer Holz- oder Stahlspitze zugefügt wurden, zu Zwirnen, Knöpfen oder Gittern, die girlandengleich über dem Nichts hängen oder sich manchmal auch wie Grashalmparallel in Büscheln neigen.

In T1963-R49 dominiert ein schwarzer Hintergrund die Leinwand, den nur tiefe Kratzer unterbrechen, die vom oberen zum unteren Rand reichen. Kraft wechselt sich mit Anmut ab - die stark zerkratzen Bereiche auf dem dunklen Untergrund scheinen leuchtende Vibrationen auszusenden. Es ist sehr deutlich, dass es sich auf eine imaginäre Welt bezieht, eine geheime Welt, in der das Zeichen seine eigene Bedeutung, seinen eigenen Wert besitzt. In einem Raum, der einzig aus Licht, Schatten oder dem Kontrast zwischen den beiden besteht.

Seine Kunst ist derart emotional beladen, dass sie den tiefen Sinn eines aktiv gelebten Lebens widerspiegelt, sowohl als Handlung wie als Gedanke: „Ich werde von einem bestimmten Gemütszustand dazu gedrängt, bestimmte Formen zu skizzieren, zu kreieren, um zu versuchen, beim Betrachter ähnliche Emotionen auszulösen... Ich werde gerne auf der Leinwand aktiv. Die Begierde treibt mich an: die Begierde, eine Spur meines Handelns zu hinterlassen. Es geht nur um den Akt des Malens, des Zeichnens, des Kratzens, des Schabens!“

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it


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+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 05.06.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 25.05. - 05.06.2019