Lot Nr. 225


Günther Uecker *


(Wendorf 1930 geb.)
Reihung, 1970, auf der Rückseite betitelt, signiert, datiert, bezeichnet Uecker 70, HAUT OBEN, und mit Richtungspfeil, Nägel, Graphit auf Leinwand auf Holz, 102,5 x 102,5 x 9 cm

Provenienz:
Privatsammlung, Düsseldorf – direkt vom Künstler

Dieses Werk ist im Uecker Archiv registriert unter der Nummer GU.70.104 und wird vorgemerkt für die Aufnahme in das entstehende Uecker Werkverzeichnis.

„Mein Versuch, einen realen Raum durch Strukturreihung zu aktivieren, ihn als Zustand der Reinheit objektiver Ästhetik erlebbar zu machen, führte mich zu neuen Gestaltungsmitteln. Wenn ich Nägel als Strukturelemente benutze, möchte ich sie nicht als Nägel verstanden wissen. Mir geht es darum, mit diesen Mitteln in ihrem geordneten Verhältnis zueinander eine Schwingung zu erreichen, die ihre geometrische Ordnung stört und sie zu irritieren vermag.“
Die Schönheit der Bewegung, 1961, in Günther Uecker, Schriften, 1979, S. 105

Den Ablauf einer Bewegung sichtbar zu machen, als Zustand einer Lebendigkeit, an der der Mensch teilnimmt in schöpferischer Wiederholung, in Monotonie, ist in der Tat eine erregende Aktion, die wie ein Gebet geistig erlebt werden kann. Meine Objekte sind eine räumliche Realität, eine Zone des Lichtes. Ich benutze mechanische Mittel, um die subjektive Geste zu überwinden, zu objektivieren, eine Situation der Freiheit zu schaffen.
Günther Uecker, in: ZERO 3, Düsseldorf 1961; Nachdruck ZERO 1-3, Heinz Mack und Otto Piene, Köln 1973, S. 220

Die Werke Günther Ueckers von 1970 vermitteln deutlicher als die der anderen Künstler seines engeren Umfeldes, das Bewusstsein für den Umbruch zwischen den 60er und 70er Jahren. Als einziger setzt Günther Uecker schon 1970 dem Formalismus der 60er Jahre eine Haltung entgegen, die Kunst zum Feld freier menschlicher Tätigkeit erklärte. Das Ziel war nicht das Kunstobjekt an sich, sondern der handelnd sich verwirklichende Künstler. Die neu gewonnene Freiheit von formalen oder visuellen Zwängen zeigt sich auch ganz deutlich in den ab 1970 entstandenen spontan bewegten Nagelfeldern und Nagelobjekten.

Die „Reihung“ ist eine der zahlreichen Ideen dieser Zeit, die Günther Uecker umsetzte – was er angriff gelang und er ging keineswegs dazu über die bereits entwickelten Grundformen nur zu variieren, sondern er führte seinem Werk ganz neue und frische Impulse zu. Die Umsetzung seiner Ideen verlangte Günther Uecker einiges ab und er fand bei seinen Freunden sowohl im Hinblick auf die Lösung technischer Probleme als auch bei der handwerklichen Durchführung tatkräftige Unterstützer.

Die „Reihung“ ist ein bis ins letzte Detail durchkonstruiertes Werk. Auf die helle Leinwand bringt Günther Uecker das geometrische Linienraster auf, auf dessen Kreuzungspunkten die 1089 Nägel in völlig identischer Länge eingeschlagen werden. Mit dem Nagel markiert Günther Uecker einen Punkt zwischen den polaren Prinzipien von Licht und Schatten, die wiederum für permanente Heilung, Neuschöpfung und Reinheit, aber auch für Vernichtung, Tod und Dunkelheit stehen. Mit seinen Nagelreliefs stellt Günther Uecker so unvermittelt und unverfälscht die energetische Wirklichkeit des Lichts und der vier Elemente und die kinetische Wirklichkeit der Bewegung dar. Die Intensität des Werkes ist durch das auf die 1089 Nägel einwirkende Licht wandelbar und vom Standpunkt des Betrachters abhängig.

Die langen Schatten der Nägel erweitern das Werk in ein sich beständig veränderndes dreidimensionales Objekt. Das Relief wird zum konkreten Bildraum, es ist raumgreifend, mit immer unschärfer werdenden Grenzen. Die Struktur der Werke verselbstständigt sich durch den variablen Einfall des Lichts gegenüber dem Bildträger. Die reale räumliche Beziehung zum Relief wird nur durch den Betrachter hergestellt, der sich, so Günther Uecker, das Werk selbst erschließen soll.

Der exakte rhythmische Wechsel von Nägeln und Freiflächen strukturiert die gesamte Bildoberfläche bis ins Kleinste, wodurch, je nach Lichteinfall und Betrachter-Standpunkt, fortwährend neue Perspektiven eröffnet werden, die das Bild scheinbar zum Vibrieren bringen, obwohl faktisch alles an Ort und Stelle bleibt.

Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
+49-211-210 77 47

petra.schaepers@dorotheum.de

05.06.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 400.000,- bis EUR 600.000,-

Günther Uecker *


(Wendorf 1930 geb.)
Reihung, 1970, auf der Rückseite betitelt, signiert, datiert, bezeichnet Uecker 70, HAUT OBEN, und mit Richtungspfeil, Nägel, Graphit auf Leinwand auf Holz, 102,5 x 102,5 x 9 cm

Provenienz:
Privatsammlung, Düsseldorf – direkt vom Künstler

Dieses Werk ist im Uecker Archiv registriert unter der Nummer GU.70.104 und wird vorgemerkt für die Aufnahme in das entstehende Uecker Werkverzeichnis.

„Mein Versuch, einen realen Raum durch Strukturreihung zu aktivieren, ihn als Zustand der Reinheit objektiver Ästhetik erlebbar zu machen, führte mich zu neuen Gestaltungsmitteln. Wenn ich Nägel als Strukturelemente benutze, möchte ich sie nicht als Nägel verstanden wissen. Mir geht es darum, mit diesen Mitteln in ihrem geordneten Verhältnis zueinander eine Schwingung zu erreichen, die ihre geometrische Ordnung stört und sie zu irritieren vermag.“
Die Schönheit der Bewegung, 1961, in Günther Uecker, Schriften, 1979, S. 105

Den Ablauf einer Bewegung sichtbar zu machen, als Zustand einer Lebendigkeit, an der der Mensch teilnimmt in schöpferischer Wiederholung, in Monotonie, ist in der Tat eine erregende Aktion, die wie ein Gebet geistig erlebt werden kann. Meine Objekte sind eine räumliche Realität, eine Zone des Lichtes. Ich benutze mechanische Mittel, um die subjektive Geste zu überwinden, zu objektivieren, eine Situation der Freiheit zu schaffen.
Günther Uecker, in: ZERO 3, Düsseldorf 1961; Nachdruck ZERO 1-3, Heinz Mack und Otto Piene, Köln 1973, S. 220

Die Werke Günther Ueckers von 1970 vermitteln deutlicher als die der anderen Künstler seines engeren Umfeldes, das Bewusstsein für den Umbruch zwischen den 60er und 70er Jahren. Als einziger setzt Günther Uecker schon 1970 dem Formalismus der 60er Jahre eine Haltung entgegen, die Kunst zum Feld freier menschlicher Tätigkeit erklärte. Das Ziel war nicht das Kunstobjekt an sich, sondern der handelnd sich verwirklichende Künstler. Die neu gewonnene Freiheit von formalen oder visuellen Zwängen zeigt sich auch ganz deutlich in den ab 1970 entstandenen spontan bewegten Nagelfeldern und Nagelobjekten.

Die „Reihung“ ist eine der zahlreichen Ideen dieser Zeit, die Günther Uecker umsetzte – was er angriff gelang und er ging keineswegs dazu über die bereits entwickelten Grundformen nur zu variieren, sondern er führte seinem Werk ganz neue und frische Impulse zu. Die Umsetzung seiner Ideen verlangte Günther Uecker einiges ab und er fand bei seinen Freunden sowohl im Hinblick auf die Lösung technischer Probleme als auch bei der handwerklichen Durchführung tatkräftige Unterstützer.

Die „Reihung“ ist ein bis ins letzte Detail durchkonstruiertes Werk. Auf die helle Leinwand bringt Günther Uecker das geometrische Linienraster auf, auf dessen Kreuzungspunkten die 1089 Nägel in völlig identischer Länge eingeschlagen werden. Mit dem Nagel markiert Günther Uecker einen Punkt zwischen den polaren Prinzipien von Licht und Schatten, die wiederum für permanente Heilung, Neuschöpfung und Reinheit, aber auch für Vernichtung, Tod und Dunkelheit stehen. Mit seinen Nagelreliefs stellt Günther Uecker so unvermittelt und unverfälscht die energetische Wirklichkeit des Lichts und der vier Elemente und die kinetische Wirklichkeit der Bewegung dar. Die Intensität des Werkes ist durch das auf die 1089 Nägel einwirkende Licht wandelbar und vom Standpunkt des Betrachters abhängig.

Die langen Schatten der Nägel erweitern das Werk in ein sich beständig veränderndes dreidimensionales Objekt. Das Relief wird zum konkreten Bildraum, es ist raumgreifend, mit immer unschärfer werdenden Grenzen. Die Struktur der Werke verselbstständigt sich durch den variablen Einfall des Lichts gegenüber dem Bildträger. Die reale räumliche Beziehung zum Relief wird nur durch den Betrachter hergestellt, der sich, so Günther Uecker, das Werk selbst erschließen soll.

Der exakte rhythmische Wechsel von Nägeln und Freiflächen strukturiert die gesamte Bildoberfläche bis ins Kleinste, wodurch, je nach Lichteinfall und Betrachter-Standpunkt, fortwährend neue Perspektiven eröffnet werden, die das Bild scheinbar zum Vibrieren bringen, obwohl faktisch alles an Ort und Stelle bleibt.

Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
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Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
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Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 05.06.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 25.05. - 05.06.2019