Lot Nr. 254


Carl Andre


(1935 geb.)
Lockblox, 1998, Betondecksteine (16 Einheiten auf dem Boden, 6 auf der Längsseite liegende Einheiten getrennt durch 5 auf den Kurzseiten liegende Paare, alle Einheiten aneinandergefügt)

(jeweils) 40 x 20 x 8 cm.
15,7 x 7,9 x 3,1″
(gesamt) 40 x 40 x 148 cm.
15,7 x 15,7 x 58,3″

Eine Echtheitsbestätigung liegt bei. Das Werk wird in das in Vorbereitung befindliche, von der Carl Andre & Melissa L. Kretschmer Foundation herausgegebene Werkverzeichnis aufgenommen.

Provenienz:
Galerie Tschudi, Zuoz, Schweiz (direkt vom Künstler erworben)
Privatsammlung, Spanien
Europäische Privatsammlung (dort im Jahre 2014 erworben)

Ausgestellt:
Glarus, Galerie Tschudi, Carl Andre, Antonio Calderara, Alan Charlton, Martin Gerwers, Martina Klein, Richard Long, Niele Toroni (Gruppenausstellung), 1998
Zuoz, Galerie Tschudi, Carl Andre, Pythagorean Sculptures, 2006
Zuoz, Galerie Tschudi, Carl Andre, 2012

„Bis zu einem gewissen Zeitpunkt beschnitt ich Dinge. Dann realisierte ich, dass das, was ich beschnitt, der Schnitt selbst war. Anstatt in das Material zuschneiden, benutze ich es als einen Schnitt im Raum.“
David Bourdon, Carl Andre: Sculpture 1959-1977, New York, 1978, S. 19

Bestehend aus 16 soliden und rechteckigen Betondecksteinen, die in einer simplen arithmetischen Kombination auf dem Boden angeordnet sind, verkörpert der vorliegende, aus dem Jahr 1988 stammende Lockblox von Carl Andre die Essenz dieses Zitats. Das Material, die Größe, die Robustheit und Härte sowie der unversöhnliche Charakter dieser Arbeit sind wesentlich dafür, dass es ihr erfolgreich gelingt, jedweden Raum mit einer starken und eindrucksvollen Präsenz zu besetzen, was ihr die Kraft verleiht, den Raum einzuschneiden und zu umgrenzen, indem sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht.

Mit dieser ersten großen Retrospektive-Ausstellung, die 1970 im New Yorker Guggenheim Museum stattfand, wurde Carl Andre die Anerkennung der Kritiker relativ früh in seiner Karriere zuteil. Seither nahm er an vielen internationalen Ausstellungen teil, darunter auch eine sehr rezente Wanderausstellung mit dem Titel ,Carl Andre: Sculpture as Place, 1958-2010‘, die in fünf verschiedenen Museen weltweit gezeigt wurde und vierzig von Andres monumentalen Skulpturen beinhaltete. Er gilt heutzutage als einer der prominentesten und einflussreichsten Bildhauer des Minimalismus und seine Arbeiten verkörpern eines der wichtigsten Dogmen der minimalistischen Strömung: dass modulare Wiederholung die Basis für die künstlerische Erforschung der materiellen Welt darstellen kann. Zwei wesentliche Figuren für Andres Entwicklung als Künstler waren der Bildhauer Constantin Brancusi und der Maler Frank Stella. Für Andre appellierten beide Künstler an seine Neigung zum Minimalismus indem sie physische Materialen oder deren gemalte Darstellung auf das Minimum reduzierten, auf ihre elementarsten und essentiellsten Formen.

In den frühen 1960ern teilte Andre sich gerade ein Studio mit Frank Stella, während er gleichzeitig als Bremser für Frachtenzüge und Schaffner auf der Pennsylvania Railroad Eisenbahn arbeitete und begann, die künstlerischen Ideen zu entwickeln, die seine Karriere und sein Œuvre bestimmen würden. Während dieser Zeit begann er aus einfachen geometrischen Blöcken aus unterschiedlichen Materialien Arbeiten zu konstruieren, wobei er häufig alltägliche Industriematerialien verwendete, die er bei seiner Arbeit auf dem Gelände der New Yorker Rail Yards fand, und die er in standardisierten und rhythmischen Mustern anordnete, welche es ihm ermöglichten, räumliche Verhältnisse künstlerisch zu erforschen. Bei diesen Skulpturen war Andre bedacht, die Materialien sorgsam zu arrangieren und zu präsentieren, sodass sie sich von den Formen ihres ursprünglichen Gebrauchs entfernen und in einen neuen Kontext versetzt würden, welcher den Betrachter dazu anregen sollte, auf die dem Material innewohnenden Eigenschaften aufmerksam zu werden.

Gewissermaßen war das Arrangement der einzelnen modularen Einheiten selbst innerhalb dieser Arbeiten Andres einzige künstlerische Intervention und wenn wir viele dieser Skulpturen betrachten, entsteht das Gefühl, dass man sie möglicherweise auseinandernehmen und in einer gänzlich anderen Weise wieder zusammenbauen könnte, wenn dies der Wunsch des Künstlers wäre. Indem er sich der Bildhauerei auf diese Weise näherte, entfernte Andre sich absichtlich von einem eher traditionellen bildhauerischen Prozess wie dem Schnitzen, dem die Idee zugrunde liegt, dass eine Form durch das Bearbeiten eines Materialblocks hervortritt oder sogar durch das Verbinden unterschiedlicher Teile miteinander unter Verwendung von Hilfsmitteln wie Nägeln oder Schweißnähten.

Obwohl der vorliegende Lockblox in den 90ern entstanden ist, also einige Zeit nach Andres anfänglichen Erkundungen dieser Ideen, zeigt er durch die Verkörperung seines additiven anstatt reduzierenden Ansatzes der Bildhauerei sein andauerndes Interesse daran, ebenso wie durch die Vorliebe, modulare Einheiten so aufzubauen und zu assemblieren, dass sie nicht durch irgendwelche verbindenden Hilfsmittel beschränkt werden und stattdessen auf ihn selbst als Künstler und Hersteller angewiesen sind.
Dieses Kunstwerk ist weder zurückhaltend noch verlegen; es fordert die traditionelle Darstellungsweise von Bildhauerei heraus und bietet eine neue Herangehensweise an die Konstruktion von Form und den Umgang mit Material an, welche die Aufmerksamkeit des Betrachters erfolgreich gefangen hält und den Raum, in dem sie platziert wird, beherrscht.

Expertin: Martina Batovic Martina Batovic
Tel.: +44 (0) 20 7009 1049

Martina.Batovic@dorotheum.com

05.06.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 150.000,- bis EUR 200.000,-

Carl Andre


(1935 geb.)
Lockblox, 1998, Betondecksteine (16 Einheiten auf dem Boden, 6 auf der Längsseite liegende Einheiten getrennt durch 5 auf den Kurzseiten liegende Paare, alle Einheiten aneinandergefügt)

(jeweils) 40 x 20 x 8 cm.
15,7 x 7,9 x 3,1″
(gesamt) 40 x 40 x 148 cm.
15,7 x 15,7 x 58,3″

Eine Echtheitsbestätigung liegt bei. Das Werk wird in das in Vorbereitung befindliche, von der Carl Andre & Melissa L. Kretschmer Foundation herausgegebene Werkverzeichnis aufgenommen.

Provenienz:
Galerie Tschudi, Zuoz, Schweiz (direkt vom Künstler erworben)
Privatsammlung, Spanien
Europäische Privatsammlung (dort im Jahre 2014 erworben)

Ausgestellt:
Glarus, Galerie Tschudi, Carl Andre, Antonio Calderara, Alan Charlton, Martin Gerwers, Martina Klein, Richard Long, Niele Toroni (Gruppenausstellung), 1998
Zuoz, Galerie Tschudi, Carl Andre, Pythagorean Sculptures, 2006
Zuoz, Galerie Tschudi, Carl Andre, 2012

„Bis zu einem gewissen Zeitpunkt beschnitt ich Dinge. Dann realisierte ich, dass das, was ich beschnitt, der Schnitt selbst war. Anstatt in das Material zuschneiden, benutze ich es als einen Schnitt im Raum.“
David Bourdon, Carl Andre: Sculpture 1959-1977, New York, 1978, S. 19

Bestehend aus 16 soliden und rechteckigen Betondecksteinen, die in einer simplen arithmetischen Kombination auf dem Boden angeordnet sind, verkörpert der vorliegende, aus dem Jahr 1988 stammende Lockblox von Carl Andre die Essenz dieses Zitats. Das Material, die Größe, die Robustheit und Härte sowie der unversöhnliche Charakter dieser Arbeit sind wesentlich dafür, dass es ihr erfolgreich gelingt, jedweden Raum mit einer starken und eindrucksvollen Präsenz zu besetzen, was ihr die Kraft verleiht, den Raum einzuschneiden und zu umgrenzen, indem sie die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht.

Mit dieser ersten großen Retrospektive-Ausstellung, die 1970 im New Yorker Guggenheim Museum stattfand, wurde Carl Andre die Anerkennung der Kritiker relativ früh in seiner Karriere zuteil. Seither nahm er an vielen internationalen Ausstellungen teil, darunter auch eine sehr rezente Wanderausstellung mit dem Titel ,Carl Andre: Sculpture as Place, 1958-2010‘, die in fünf verschiedenen Museen weltweit gezeigt wurde und vierzig von Andres monumentalen Skulpturen beinhaltete. Er gilt heutzutage als einer der prominentesten und einflussreichsten Bildhauer des Minimalismus und seine Arbeiten verkörpern eines der wichtigsten Dogmen der minimalistischen Strömung: dass modulare Wiederholung die Basis für die künstlerische Erforschung der materiellen Welt darstellen kann. Zwei wesentliche Figuren für Andres Entwicklung als Künstler waren der Bildhauer Constantin Brancusi und der Maler Frank Stella. Für Andre appellierten beide Künstler an seine Neigung zum Minimalismus indem sie physische Materialen oder deren gemalte Darstellung auf das Minimum reduzierten, auf ihre elementarsten und essentiellsten Formen.

In den frühen 1960ern teilte Andre sich gerade ein Studio mit Frank Stella, während er gleichzeitig als Bremser für Frachtenzüge und Schaffner auf der Pennsylvania Railroad Eisenbahn arbeitete und begann, die künstlerischen Ideen zu entwickeln, die seine Karriere und sein Œuvre bestimmen würden. Während dieser Zeit begann er aus einfachen geometrischen Blöcken aus unterschiedlichen Materialien Arbeiten zu konstruieren, wobei er häufig alltägliche Industriematerialien verwendete, die er bei seiner Arbeit auf dem Gelände der New Yorker Rail Yards fand, und die er in standardisierten und rhythmischen Mustern anordnete, welche es ihm ermöglichten, räumliche Verhältnisse künstlerisch zu erforschen. Bei diesen Skulpturen war Andre bedacht, die Materialien sorgsam zu arrangieren und zu präsentieren, sodass sie sich von den Formen ihres ursprünglichen Gebrauchs entfernen und in einen neuen Kontext versetzt würden, welcher den Betrachter dazu anregen sollte, auf die dem Material innewohnenden Eigenschaften aufmerksam zu werden.

Gewissermaßen war das Arrangement der einzelnen modularen Einheiten selbst innerhalb dieser Arbeiten Andres einzige künstlerische Intervention und wenn wir viele dieser Skulpturen betrachten, entsteht das Gefühl, dass man sie möglicherweise auseinandernehmen und in einer gänzlich anderen Weise wieder zusammenbauen könnte, wenn dies der Wunsch des Künstlers wäre. Indem er sich der Bildhauerei auf diese Weise näherte, entfernte Andre sich absichtlich von einem eher traditionellen bildhauerischen Prozess wie dem Schnitzen, dem die Idee zugrunde liegt, dass eine Form durch das Bearbeiten eines Materialblocks hervortritt oder sogar durch das Verbinden unterschiedlicher Teile miteinander unter Verwendung von Hilfsmitteln wie Nägeln oder Schweißnähten.

Obwohl der vorliegende Lockblox in den 90ern entstanden ist, also einige Zeit nach Andres anfänglichen Erkundungen dieser Ideen, zeigt er durch die Verkörperung seines additiven anstatt reduzierenden Ansatzes der Bildhauerei sein andauerndes Interesse daran, ebenso wie durch die Vorliebe, modulare Einheiten so aufzubauen und zu assemblieren, dass sie nicht durch irgendwelche verbindenden Hilfsmittel beschränkt werden und stattdessen auf ihn selbst als Künstler und Hersteller angewiesen sind.
Dieses Kunstwerk ist weder zurückhaltend noch verlegen; es fordert die traditionelle Darstellungsweise von Bildhauerei heraus und bietet eine neue Herangehensweise an die Konstruktion von Form und den Umgang mit Material an, welche die Aufmerksamkeit des Betrachters erfolgreich gefangen hält und den Raum, in dem sie platziert wird, beherrscht.

Expertin: Martina Batovic Martina Batovic
Tel.: +44 (0) 20 7009 1049

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Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 05.06.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 25.05. - 05.06.2019