Lot Nr. 20


Man Ray *


(Philadelphia 1890–1976 Paris)
Revolving doors II long distance, 1917–1942, signiert und datiert 1942; auf der Rückseite betitelt, signiert und datiert 1917, Öl auf Leinwand, 76 x 50 cm, gerahmt

Zu diesem Werk liegt ein Fotozertifikat von Luciano Anselmino aus dem Jahr 1975 vor.

Provenienz:
Sammlung des Künstlers (bis 1972)
Luciano Anselmino, Galleria Il Fauno, Turin
Europäische Privatsammlung (dort erworben)

Ausgestellt:
London, Institute of Contemporary Arts, An Exhibition Retrospective and Prospective of the Works of Man Ray, 31. März–25. April 1959, Nr. 35
Los Angeles, Los Angeles Country Museum of Arts, Man Ray, 1966, Ausst.-Kat. Nr. 55 (auf der Rückseite Klebezettel)
Turin, Man Ray, Galleria Il Fauno, Oktober 1972, Ausst.-Kat. mit Abb.

Literatur:
Sarane Alexandrian, Man Ray, Edition Filipacchi. Paris, 1973, S. 22 mit Abb.
Janus, Man Ray, Fabbri Editori, Mailand 1973, Nr. 63, Farbabb.

Notiz:
Man Ray bildete 1942 den Zyklus der 10 Revolving Doors nach Buntpapiercollagen aus 1916-1917 (in der Sammlung der Galerie Rive Droite, Paris) nach.

1919 in der Daniel Gallery in New York ausgestellt, handelt es sich bei Revolving Doors (‚Drehtüren‘) um eine Serie von Collagen, die der Künstler erstmals in den Jahren 1916-17 schuf und welche er in Folge 1942 als Ölmalereien auf Leinwand nachbildete. Verschiedene geometrische Formen werden darin miteinander kombiniert und erwecken dadurch bunt leuchtende Maschinen mit teils anthropomorphen Zügen zum Leben.
Die Gestaltung und der Aufbau der Ausstellung der Arbeiten bei deren erstmaliger Präsentation vor der Öffentlichkeit gaben Aufschluss über die Bedeutung des Titels der Serie und zeigten ein andauerndes Interesse an der optisch-kinetischen Avantgarde. Die Arbeiten wurden auf einem Ständer in der Mitte des Raums arrangiert, frei drehbar, so wie Drehtüren, mit dem Ziel, einen optischen Effekt beweglicher Schatten hervorzurufen.

Über die Entstehung von Revolving Doors sagte Man Ray: „Ich begann eine Serie wissenschaftlich anmutender Abstraktionen […] [I]ch [zeichnete] die Figuren auf Buntpapier, wobei ich in der Abfolge von Primär- und Sekundärfarben eine bestimmte Ordnung einhielt. Dann schnitt ich sie aus und klebte sie auf weißen Karton.[…] [Ich] schrieb einen langen, hochgestochenen Begleittext dazu und gab den einzelnen Kompositionen phantasievolle Titel, wie The Meeting (»Die Begegnung«), Legend, Decanter (»Karaffe«), Shadows (»Schatten«), Orchestra, Concrete Mixer (»Betonmischer«), Dragon-fly (»Libelle«), Mime (»Possenreißer«), und Long Distance (»Entfernung«). Die Serie insgesamt nannte ich Revolving Doors (»Drehtüren«), denn ich montierte die einzelnen Blätter an einen Ständer und befestigte sie so, daß man sie weiterdrehen und nacheinander betrachten konnte.“ (Selbstporträt. Eine illustrierte Autobiographie, 1983, S. 61)
Als wandelbarer Künstler, sowohl das Medium als auch seinen Stil betreffend, der er war, wecken diese Collagen Erinnerungen an Man Rays fotografische Experimente sowie die Rayographien genannten Fotogramme, in denen er erforschte, wie durch den direkten Kontakt von Objekten mit Fotofilm Bilder entstanden:

Ich wartete vergebens ein paar Minuten auf das Erscheinen des Bildes, [...] und legte mechanisch einen kleinen Glastrichter, ein Messglas und ein Thermometer in die Schale auf das nasse Papier. Ich drehte das Licht an, und vor meinen Augen begann sich ein Bild zu formen, nicht einfach eine bloße Silhouette der Gegenstände wie auf einer normalen Fotografie, sondern verzerrt und gebrochen durch das Glas, das nicht gleichmäßig im Kontakt mit dem Papier war, ein Bild, das sich von dem schwarzen Hintergrund abhob, dem Teil, der unmittelbar dem Licht ausgesetzt war.

Revolving Doors ist jedoch auch eine Analyse der Kultur seiner Zeit. Der Künstler schafft darin Raum für die Tatsache, dass die urbane und die industrielle Welt eine neue Art von Geräusch produzieren – mit Maschinen und Jazz (die neue amerikanische Musik) als dessen konkreteste Ausdrucksformen. Der Künstler zeigt eine rhythmische Abfolge von Formen, welche aufeinander folgen und, so wie in der Jazzmusik, den Betrachter auffordern, eine aktive Rolle einzunehmen.
Die Drehbewegung der Tafeln von Revolving Doors ist der Beginn einer Geschichte, die zahlreiche Aspekte der amerikanischen Popkultur nacherzählt, während man von Tafel zu Tafel läuft in einer Art Proto-Kino. Die Figur in Mime (‚Possenreißer‘) mit ihren ausgestreckten Armen spiegelt die freudvolle Natur des Künstlers wider, die schillernden Ausschnitte von Orchestra erinnern in ihren Formen an Musikinstrumente und The Meeting (‚Die Begegnung‘) scheint die Vitalität eines pochenden Beats wiederzugeben.
In Long Distance (‚Entfernung‘) ahmt der Künstler die Form eines Zeppelins nach, der von leuchtenden Farbstrahlen überkreuzt wird – ein Symbol unaufhaltsamer Energie in einer beständig wachsenden technologischen Welt und Ausdruck des untrennbaren Bandes zwischen Mensch und Maschine.

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

04.06.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 140.000,- bis EUR 180.000,-

Man Ray *


(Philadelphia 1890–1976 Paris)
Revolving doors II long distance, 1917–1942, signiert und datiert 1942; auf der Rückseite betitelt, signiert und datiert 1917, Öl auf Leinwand, 76 x 50 cm, gerahmt

Zu diesem Werk liegt ein Fotozertifikat von Luciano Anselmino aus dem Jahr 1975 vor.

Provenienz:
Sammlung des Künstlers (bis 1972)
Luciano Anselmino, Galleria Il Fauno, Turin
Europäische Privatsammlung (dort erworben)

Ausgestellt:
London, Institute of Contemporary Arts, An Exhibition Retrospective and Prospective of the Works of Man Ray, 31. März–25. April 1959, Nr. 35
Los Angeles, Los Angeles Country Museum of Arts, Man Ray, 1966, Ausst.-Kat. Nr. 55 (auf der Rückseite Klebezettel)
Turin, Man Ray, Galleria Il Fauno, Oktober 1972, Ausst.-Kat. mit Abb.

Literatur:
Sarane Alexandrian, Man Ray, Edition Filipacchi. Paris, 1973, S. 22 mit Abb.
Janus, Man Ray, Fabbri Editori, Mailand 1973, Nr. 63, Farbabb.

Notiz:
Man Ray bildete 1942 den Zyklus der 10 Revolving Doors nach Buntpapiercollagen aus 1916-1917 (in der Sammlung der Galerie Rive Droite, Paris) nach.

1919 in der Daniel Gallery in New York ausgestellt, handelt es sich bei Revolving Doors (‚Drehtüren‘) um eine Serie von Collagen, die der Künstler erstmals in den Jahren 1916-17 schuf und welche er in Folge 1942 als Ölmalereien auf Leinwand nachbildete. Verschiedene geometrische Formen werden darin miteinander kombiniert und erwecken dadurch bunt leuchtende Maschinen mit teils anthropomorphen Zügen zum Leben.
Die Gestaltung und der Aufbau der Ausstellung der Arbeiten bei deren erstmaliger Präsentation vor der Öffentlichkeit gaben Aufschluss über die Bedeutung des Titels der Serie und zeigten ein andauerndes Interesse an der optisch-kinetischen Avantgarde. Die Arbeiten wurden auf einem Ständer in der Mitte des Raums arrangiert, frei drehbar, so wie Drehtüren, mit dem Ziel, einen optischen Effekt beweglicher Schatten hervorzurufen.

Über die Entstehung von Revolving Doors sagte Man Ray: „Ich begann eine Serie wissenschaftlich anmutender Abstraktionen […] [I]ch [zeichnete] die Figuren auf Buntpapier, wobei ich in der Abfolge von Primär- und Sekundärfarben eine bestimmte Ordnung einhielt. Dann schnitt ich sie aus und klebte sie auf weißen Karton.[…] [Ich] schrieb einen langen, hochgestochenen Begleittext dazu und gab den einzelnen Kompositionen phantasievolle Titel, wie The Meeting (»Die Begegnung«), Legend, Decanter (»Karaffe«), Shadows (»Schatten«), Orchestra, Concrete Mixer (»Betonmischer«), Dragon-fly (»Libelle«), Mime (»Possenreißer«), und Long Distance (»Entfernung«). Die Serie insgesamt nannte ich Revolving Doors (»Drehtüren«), denn ich montierte die einzelnen Blätter an einen Ständer und befestigte sie so, daß man sie weiterdrehen und nacheinander betrachten konnte.“ (Selbstporträt. Eine illustrierte Autobiographie, 1983, S. 61)
Als wandelbarer Künstler, sowohl das Medium als auch seinen Stil betreffend, der er war, wecken diese Collagen Erinnerungen an Man Rays fotografische Experimente sowie die Rayographien genannten Fotogramme, in denen er erforschte, wie durch den direkten Kontakt von Objekten mit Fotofilm Bilder entstanden:

Ich wartete vergebens ein paar Minuten auf das Erscheinen des Bildes, [...] und legte mechanisch einen kleinen Glastrichter, ein Messglas und ein Thermometer in die Schale auf das nasse Papier. Ich drehte das Licht an, und vor meinen Augen begann sich ein Bild zu formen, nicht einfach eine bloße Silhouette der Gegenstände wie auf einer normalen Fotografie, sondern verzerrt und gebrochen durch das Glas, das nicht gleichmäßig im Kontakt mit dem Papier war, ein Bild, das sich von dem schwarzen Hintergrund abhob, dem Teil, der unmittelbar dem Licht ausgesetzt war.

Revolving Doors ist jedoch auch eine Analyse der Kultur seiner Zeit. Der Künstler schafft darin Raum für die Tatsache, dass die urbane und die industrielle Welt eine neue Art von Geräusch produzieren – mit Maschinen und Jazz (die neue amerikanische Musik) als dessen konkreteste Ausdrucksformen. Der Künstler zeigt eine rhythmische Abfolge von Formen, welche aufeinander folgen und, so wie in der Jazzmusik, den Betrachter auffordern, eine aktive Rolle einzunehmen.
Die Drehbewegung der Tafeln von Revolving Doors ist der Beginn einer Geschichte, die zahlreiche Aspekte der amerikanischen Popkultur nacherzählt, während man von Tafel zu Tafel läuft in einer Art Proto-Kino. Die Figur in Mime (‚Possenreißer‘) mit ihren ausgestreckten Armen spiegelt die freudvolle Natur des Künstlers wider, die schillernden Ausschnitte von Orchestra erinnern in ihren Formen an Musikinstrumente und The Meeting (‚Die Begegnung‘) scheint die Vitalität eines pochenden Beats wiederzugeben.
In Long Distance (‚Entfernung‘) ahmt der Künstler die Form eines Zeppelins nach, der von leuchtenden Farbstrahlen überkreuzt wird – ein Symbol unaufhaltsamer Energie in einer beständig wachsenden technologischen Welt und Ausdruck des untrennbaren Bandes zwischen Mensch und Maschine.

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
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Auktion: Klassische Moderne
Datum: 04.06.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 25.05. - 04.06.2019