Lot Nr. 5 -


Antonius Heusler


(Leipzig um 1500 –1562 Annaberg)
Adam und Eva mit dem Baum der Erkenntnis,
Öl auf Holz, 66,5 x 51 cm, gerahmt

Provenienz:
Galerie Gaston Neumans, Paris, 1927;
Sammlung Viktor Bloch (1883–1968), Wien/London;
dessen Auktion, H. Gilhofer & H. Ranschburg, Luzern, 30. November 1934, Lot 54 (als Lucas Cranach der Jüngere);
Auktion, Christie’s, Paris, 25. Juni 2019, Lot 2 (als Lucas Cranach der Ältere, Nachfolger);
dort erworben vom jetzigen Besitzer

Wir danken Gunnar Heydenreich, Cranach Digital Archive, Köln, der die Zuschreibung als eigenhändiges Werk Heuslers nach Untersuchung des Originals und IRR-Analyse vorgeschlagen hat.

Die Darstellung von Adam und Eva am Baum der Erkenntnis zählte zu den bevorzugten Bildthemen Lucas Cranachs des Älteren – zahlreiche Fassungen sind von ihm und seiner Werkstatt überliefert. Man könnte sagen, dass es sich um Cranachs ikonischste Bildfindung handelt. Aktfiguren waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei privaten Auftraggebern sehr beliebt, bedurften aber einer thematischen Rechtfertigung, gegen die die Lutheraner keine Einwände erheben konnten. Das erste Menschenpaar Adam und Eva eignete sich dafür ideal. Die Komposition faszinierte vor allem aufgrund der Darstellung der menschlichen Gestalt und der Vielfalt detailreich gemalter Tiere und Vegetation.

Cranach selbst war an dem Motiv, das seinen Talenten durchwegs entgegenkam, offenbar stark interessiert. Über 30 Jahre lang kam er auf das Thema zurück. Seine ersten datierten Fassungen in den Museen von Besançon, Leipzig und Warschau zeigen die Figuren vor dunklem Hintergrund und stehen damit unter dem Einfluss von Dürers Adam und Eva von 1507 im Prado, Madrid (Inv.-Nr. P02177, P02178). Erstmals gegen Mitte der 1520er-Jahre erweiterte Cranach das Thema um den Paradiesgarten mit einheimischen und exotischen Tieren (Abb. 1), höchstwahrscheinlich angeregt durch Dürers bekannten Kupferstich von 1504. 1524 trafen Cranach und Dürer in Nürnberg persönlich zusammen und mögen sich dort bei dieser Gelegenheit über das attraktive Thema ausgetauscht haben. Während Dürers Tiere als Anspielung auf die vier Temperamente gelten können, muten jene Cranachs ernst und unheilverkündend an. Das vorliegende Gemälde ist, indem es Motive der unbestritten einflussreichsten Maler der deutschen Renaissance in sich vereint, ein einzigartiges und eindrucksvolles Zeugnis der künstlerischen Verbindung von Lucas Cranach und Albrecht Dürer.

Lucas Cranach wurde 1505 zum Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen ernannt, arbeitete daneben aber auch für den Habsburger Hof und das Haus Hohenzollern. Um die hohe Nachfrage nach seinen Gemälden befriedigen zu können, unterhielt Cranach eine äußerst produktive Werkstatt mit ausgesuchten Mitarbeitern, die unter strenger Anleitung nach Vorlagen des Meisters arbeiteten. Antonius Heusler, der dieses kürzlich wiederentdeckte Gemälde kurze Zeit nach der Fassung des Courtauld Institutes von 1526 ausgeführt hat, zählt neben Hans Kemmer (um 1495–1561) und Wolfgang Krodel (um 1500–1562) zu den wenigen namentlich bekannten Mitarbeitern der Cranach-Werkstatt. Seine Hand gibt sich in der Modellierung mit Bleiweiß und in der feinen Lasurtechnik im Bereich der Inkarnate klar zu erkennen. Insbesondere deutet auf ihn die lockere Art, die Komposition auf den Malgrund aufzuzeichnen, was in der Infrarotreflektografie des Gemäldes klar zu erkennen ist (Abb. 2). Wie Korrekturen im Bereich der Figuren zeigen, war die Unterzeichnung für Heusler eher eine Orientierung für den Malprozess als eine verbindliche Festlegung (siehe Ingo Sandner, Hans Burckhardt, Antonius Heusler, ein Annaberger Maler der Reformationszeit, Marienberg 2018, S. 47). Klar ist, dass Heusler Zeichnungen oder weitere Fassungen zur Verfügung gestanden haben müssen, als er seine Darstellung von Adam und Eva nach dem Londoner Vorbild ausgeführt hat.

Die Arbeitsgänge der Cranach-Werkstatt sind bis heute erst teilweise erforscht, es liegt aber nahe, dass die vorliegende Fassung noch in Cranachs Werkstatt in Wittenberg entstanden ist, als Heusler uneingeschränkten Zugang zu den Vorlagen des Meisters hatte. Das vorliegende Gemälde ist auch ein wertvolles Beispiel dafür, dass Cranach seinen fähigsten Mitarbeitern gelegentlich kompositorische Freiheiten einräumte. So weicht es in Adams Armhaltung sowie in der Auswahl und Anordnung der Tiere vom Londoner Gemälde ab. Im vorliegenden Gemälde findet Heusler Gefallen daran, Details wie den sein Spiegelbild im Teich einfangenden Löwen im Vordergrund wiederzugeben. Die Hauptfunktion des Gemäldes, das vermutlich von einem wohlhabenden Sammler in Auftrag gegeben wurde, war offensichtlich vielmehr Unterhaltung als Unterweisung. Heusler findet ein Gleichgewicht zwischen höchst dekorativen und stilisierten Formen und einer Unmittelbarkeit und Lebendigkeit der Darstellung. Er verbindet in hervorragender Weise den Zweck der Andacht mit bildnerischer Eleganz und Erfindungsgabe.

Antonius Heusler wurde um 1500 geboren und stammte, wie neue Studien nahelegen (siehe op. cit., S. 9–19), aus dem sächsischen Annaberg. Nach einer ersten Ausbildung in Annaberg folgte Heusler wohl um 1522 dem sog. Meister des Pflock’schen Altars nach Wittenberg in die Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren. Der Wittenberger Werkstatt blieb er auch nach seiner Rückkehr nach Annaberg um 1526 verbunden (ebd., S. 25–44). Erste selbstständige Werke entstanden erst gegen Mitte der 1530er-Jahre (Bildnis des Nikolaus Seidel, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, signiert, Inv.-Nr. 225). Gemälde Heuslers sind heute rar, doch zählte er in seiner Heimatstadt bald zu den angesehensten Malern. Dies dokumentieren zahlreiche Häuserkäufe, die über seine Vermögensverhältnisse Aufschluss geben. Heusler starb im Januar 1562 in Annaberg.

Abb. 1 Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526, London, Courtauld Institute, Inv.-Nr. P-1947-LF-77

Abb. 2 Infrarotreflektografie des vorliegenden Gemäldes ©Cranach Digital Archive, Köln

Experte: Dr. Alexander Strasoldo Dr. Alexander Strasoldo
+43-1-515 60-556

alexander.strasoldo@dorotheum.at

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 95.867,-
Schätzwert:
EUR 50.000,- bis EUR 70.000,-

Antonius Heusler


(Leipzig um 1500 –1562 Annaberg)
Adam und Eva mit dem Baum der Erkenntnis,
Öl auf Holz, 66,5 x 51 cm, gerahmt

Provenienz:
Galerie Gaston Neumans, Paris, 1927;
Sammlung Viktor Bloch (1883–1968), Wien/London;
dessen Auktion, H. Gilhofer & H. Ranschburg, Luzern, 30. November 1934, Lot 54 (als Lucas Cranach der Jüngere);
Auktion, Christie’s, Paris, 25. Juni 2019, Lot 2 (als Lucas Cranach der Ältere, Nachfolger);
dort erworben vom jetzigen Besitzer

Wir danken Gunnar Heydenreich, Cranach Digital Archive, Köln, der die Zuschreibung als eigenhändiges Werk Heuslers nach Untersuchung des Originals und IRR-Analyse vorgeschlagen hat.

Die Darstellung von Adam und Eva am Baum der Erkenntnis zählte zu den bevorzugten Bildthemen Lucas Cranachs des Älteren – zahlreiche Fassungen sind von ihm und seiner Werkstatt überliefert. Man könnte sagen, dass es sich um Cranachs ikonischste Bildfindung handelt. Aktfiguren waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei privaten Auftraggebern sehr beliebt, bedurften aber einer thematischen Rechtfertigung, gegen die die Lutheraner keine Einwände erheben konnten. Das erste Menschenpaar Adam und Eva eignete sich dafür ideal. Die Komposition faszinierte vor allem aufgrund der Darstellung der menschlichen Gestalt und der Vielfalt detailreich gemalter Tiere und Vegetation.

Cranach selbst war an dem Motiv, das seinen Talenten durchwegs entgegenkam, offenbar stark interessiert. Über 30 Jahre lang kam er auf das Thema zurück. Seine ersten datierten Fassungen in den Museen von Besançon, Leipzig und Warschau zeigen die Figuren vor dunklem Hintergrund und stehen damit unter dem Einfluss von Dürers Adam und Eva von 1507 im Prado, Madrid (Inv.-Nr. P02177, P02178). Erstmals gegen Mitte der 1520er-Jahre erweiterte Cranach das Thema um den Paradiesgarten mit einheimischen und exotischen Tieren (Abb. 1), höchstwahrscheinlich angeregt durch Dürers bekannten Kupferstich von 1504. 1524 trafen Cranach und Dürer in Nürnberg persönlich zusammen und mögen sich dort bei dieser Gelegenheit über das attraktive Thema ausgetauscht haben. Während Dürers Tiere als Anspielung auf die vier Temperamente gelten können, muten jene Cranachs ernst und unheilverkündend an. Das vorliegende Gemälde ist, indem es Motive der unbestritten einflussreichsten Maler der deutschen Renaissance in sich vereint, ein einzigartiges und eindrucksvolles Zeugnis der künstlerischen Verbindung von Lucas Cranach und Albrecht Dürer.

Lucas Cranach wurde 1505 zum Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen ernannt, arbeitete daneben aber auch für den Habsburger Hof und das Haus Hohenzollern. Um die hohe Nachfrage nach seinen Gemälden befriedigen zu können, unterhielt Cranach eine äußerst produktive Werkstatt mit ausgesuchten Mitarbeitern, die unter strenger Anleitung nach Vorlagen des Meisters arbeiteten. Antonius Heusler, der dieses kürzlich wiederentdeckte Gemälde kurze Zeit nach der Fassung des Courtauld Institutes von 1526 ausgeführt hat, zählt neben Hans Kemmer (um 1495–1561) und Wolfgang Krodel (um 1500–1562) zu den wenigen namentlich bekannten Mitarbeitern der Cranach-Werkstatt. Seine Hand gibt sich in der Modellierung mit Bleiweiß und in der feinen Lasurtechnik im Bereich der Inkarnate klar zu erkennen. Insbesondere deutet auf ihn die lockere Art, die Komposition auf den Malgrund aufzuzeichnen, was in der Infrarotreflektografie des Gemäldes klar zu erkennen ist (Abb. 2). Wie Korrekturen im Bereich der Figuren zeigen, war die Unterzeichnung für Heusler eher eine Orientierung für den Malprozess als eine verbindliche Festlegung (siehe Ingo Sandner, Hans Burckhardt, Antonius Heusler, ein Annaberger Maler der Reformationszeit, Marienberg 2018, S. 47). Klar ist, dass Heusler Zeichnungen oder weitere Fassungen zur Verfügung gestanden haben müssen, als er seine Darstellung von Adam und Eva nach dem Londoner Vorbild ausgeführt hat.

Die Arbeitsgänge der Cranach-Werkstatt sind bis heute erst teilweise erforscht, es liegt aber nahe, dass die vorliegende Fassung noch in Cranachs Werkstatt in Wittenberg entstanden ist, als Heusler uneingeschränkten Zugang zu den Vorlagen des Meisters hatte. Das vorliegende Gemälde ist auch ein wertvolles Beispiel dafür, dass Cranach seinen fähigsten Mitarbeitern gelegentlich kompositorische Freiheiten einräumte. So weicht es in Adams Armhaltung sowie in der Auswahl und Anordnung der Tiere vom Londoner Gemälde ab. Im vorliegenden Gemälde findet Heusler Gefallen daran, Details wie den sein Spiegelbild im Teich einfangenden Löwen im Vordergrund wiederzugeben. Die Hauptfunktion des Gemäldes, das vermutlich von einem wohlhabenden Sammler in Auftrag gegeben wurde, war offensichtlich vielmehr Unterhaltung als Unterweisung. Heusler findet ein Gleichgewicht zwischen höchst dekorativen und stilisierten Formen und einer Unmittelbarkeit und Lebendigkeit der Darstellung. Er verbindet in hervorragender Weise den Zweck der Andacht mit bildnerischer Eleganz und Erfindungsgabe.

Antonius Heusler wurde um 1500 geboren und stammte, wie neue Studien nahelegen (siehe op. cit., S. 9–19), aus dem sächsischen Annaberg. Nach einer ersten Ausbildung in Annaberg folgte Heusler wohl um 1522 dem sog. Meister des Pflock’schen Altars nach Wittenberg in die Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren. Der Wittenberger Werkstatt blieb er auch nach seiner Rückkehr nach Annaberg um 1526 verbunden (ebd., S. 25–44). Erste selbstständige Werke entstanden erst gegen Mitte der 1530er-Jahre (Bildnis des Nikolaus Seidel, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, signiert, Inv.-Nr. 225). Gemälde Heuslers sind heute rar, doch zählte er in seiner Heimatstadt bald zu den angesehensten Malern. Dies dokumentieren zahlreiche Häuserkäufe, die über seine Vermögensverhältnisse Aufschluss geben. Heusler starb im Januar 1562 in Annaberg.

Abb. 1 Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva, 1526, London, Courtauld Institute, Inv.-Nr. P-1947-LF-77

Abb. 2 Infrarotreflektografie des vorliegenden Gemäldes ©Cranach Digital Archive, Köln

Experte: Dr. Alexander Strasoldo Dr. Alexander Strasoldo
+43-1-515 60-556

alexander.strasoldo@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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