Lot Nr. 28


Bernardo Bellotto


(Venedig 1721–1780 Warschau)
Landschaftscapriccio mit antiken und mittelalterlichen Motiven und mehreren Gebäuden aus Dresden,
Öl auf Leinwand, 49,5 x 80,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Sir William James Farrer (1822–1911), Sandhurst Lodge, Berkshire;
dessen Auktion, Christie, Manson & Woods, London, 23. März 1912, Lot 36;
erworben durch Lippmann;
Sammlung Robert Zahn (1861–1914), Plauen;
dessen Auktion, Hugo Helbig, München, 21. November 1917, Lot 5;
erworben durch A. S. Drey, München;
Sammlung Camillo Castiglioni (1897–1957), Wien;
dessen Auktion, F. Muller & Cie., Amsterdam, 17. November 1925, Lot 29;
Thomas Agnew & Sons, London, 1926;
Sammlung Sigmund Sachsel (1873–1928), Wien;
dessen Auktion, Dorotheum, Wien, 5. Juni 1931, Lot 1;
Galerie Sanct Lucas, Wien, 1965;
Privatsammlung, Österreich

Ausgestellt:
Wien, Belvedere Museum, Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, 29. April – 25. Juli 1965, Nr. 44;
Houston, Museum of Fine Arts, Bernardo Bellotto and the Capitals of Europe, 29. Juli – 21. Oktober 2001, Nr. 83

Literatur:
I. Haumann, Das oberitalienische Landschaftsbild des Settecento, Straßburg 1927, S. 79;
H. A. Fritzsche, Bernardo Belotto genannt Canaletto, Magdeburg 1936, S. 65, S. 99f., S. 124, VG 180, S. 125, Erwähnung unter VG 189;
S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, genannt Canaletto: Ausstellung unter der Leitung von: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Nationalmuseum Warschau, Kunsthistorische Museum Wien, Ausstellungskatalog, Wien 1965, S. 59, Nr. 44, Abb. 91;
S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, Mailand 1972, Bd. I, S. 138, Bd. II, S. 283f., Nr. 358, Abb. S. 285;
E. Camesasca, L’opera completa del Bellotto, Mailand 1974, Nr. 199;
A. Rizzi, Bernardo Bellotto. Dresda Vienna Monaco (1747–1766), Venedig 1996, S. 161, Nr. 141;
E. P. Bowron, in: E. P. Bowron (Hg.), Bernardo Bellotto and the Capitals of Europe, Ausstellungskatalog, New Haven/London 2001, S. 242, Nr. 83, Abb. S. 243

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es sich um ein wichtiges Beispiel für das Schaffen von Bernardo Bellottos zweiter Dresdener Periode um 1765. Damals lag das Augenmerk des Künstlers auf Idealansichten und Capriccios, einem Genre, mit dem er in seiner Jugend in Italien experimentiert hatte. Diese imaginierten Landschaften beinhalten wie das vorliegende Gemälde, das eine idyllische Hügellandschaft zeigt, auch reale Elemente. Im Hintergrund sind von der Antike und dem Mittelalter angeregte Bauwerke zu sehen, aber auch erkennbare Bauten der Stadt Dresden. Links ist der noch erhaltene Zwinger zu erkennen, während die Ruinen in der Bildmitte vermutlich eine Anspielung auf das Bombardement Dresdens durch Preußen 1760 darstellen, als Bellotto Zeuge der Zerstörung seines eigenen Zuhauses wurde.

Im Vordergrund verläuft ein Pfad diagonal in Richtung der Brücke rechts. Unter dem Brückenbogen wird in der Ferne eine weitere Stadt sichtbar. Die Statue auf dem Podest links der Brücke erinnert an ein früheres Gemälde Bellottos von der Karlskirche in Wien, wo dasselbe Bildelement zu sehen ist (siehe Kozakiewicz 1972, Bd. II, S. 200, Nr. 257). Die vorliegende Szene wird von Bauersleuten belebt, darunter von einem im Vordergrund sitzenden Mann mit seinem Hund; die bärtige Gestalt taucht in unterschiedlicher Haltung in weiteren Werken des Künstlers auf, etwa in der Fantasielandschaft mit Bellottos Selbstporträt im Nationalmuseum in Warschau.

Die Figuren des vorliegenden Gemäldes sind typisch für Bellottos Schaffen seiner zweiten Antwerpener Periode, als der Künstler die einfachen Leute seiner Bilder direkt nach dem realen Modell schuf, was beinahe der Intention der Porträtmalerei entspricht. Die Darstellung der Armen und Randgruppen der Gesellschaft war in der italienischen Malerei des 18. Jahrhunderts selten. Die Würde, die Bellotto ihnen verleiht, erinnert an Giacomo Cerutis Bilder von Bettlern und Bauersleuten. Der Malstil, der sich durch eine schwungvolle, flüssige Pinselführung und ein kühles Kolorit in Kompositionen auszeichnet, die an der Grenze zwischen Realität und Fantasie angesiedelt sind, ist typisch für Bellottos Kunst dieser Jahre. Von ihnen geht eine melancholische Note aus, die möglicherweise das Leid des Künstlers zum Ausdruck bringt, das er selbst als Folge des Krieges in der deutschen Stadt erlebte.

Das vorliegende Gemälde ist auch in einer weiteren Fassung bekannt, die sich in einigen Details unterscheidet; sie wurde von Bellotto in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Lorenzo ausgeführt (siehe Kozakiewicz 1972, Bd. II, S. 284, Nr. 358a).

Man geht davon aus, dass Bernardo Bellotto in Venedig unter seinem Onkel Canaletto ausgebildet wurde. Von Anfang an konzentrierte er sich auf die Darstellung von Ansichten der Stadt. Dank der Reisen, die er in den 1740er-Jahren in den Veneto, die Lombardei, die Toskana und nach Rom unternahm, gelangte er zu einer unabhängigen Bildsprache. Er besuchte Dresden zum ersten Mal 1747, als er Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. wurde. Dort widmete er sich dem Malen von Ansichten der Stadt, die sich damals zu einem der wichtigsten Kulturzentren Europas entwickelte. Gegen Ende des Folgejahrzehnts zog er nach Wien, danach nach München; dann kehrte er 1761 nach Dresden zurück. Bellotto verbrachte die letzten Jahre seiner Laufbahn in Warschau, wo er an der Ausstattung der königlichen Paläste arbeitete und weiterhin Ansichten malte, für die er in ganz Europa Berühmtheit erlangte.

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 369.300,-
Schätzwert:
EUR 100.000,- bis EUR 150.000,-

Bernardo Bellotto


(Venedig 1721–1780 Warschau)
Landschaftscapriccio mit antiken und mittelalterlichen Motiven und mehreren Gebäuden aus Dresden,
Öl auf Leinwand, 49,5 x 80,5 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Sir William James Farrer (1822–1911), Sandhurst Lodge, Berkshire;
dessen Auktion, Christie, Manson & Woods, London, 23. März 1912, Lot 36;
erworben durch Lippmann;
Sammlung Robert Zahn (1861–1914), Plauen;
dessen Auktion, Hugo Helbig, München, 21. November 1917, Lot 5;
erworben durch A. S. Drey, München;
Sammlung Camillo Castiglioni (1897–1957), Wien;
dessen Auktion, F. Muller & Cie., Amsterdam, 17. November 1925, Lot 29;
Thomas Agnew & Sons, London, 1926;
Sammlung Sigmund Sachsel (1873–1928), Wien;
dessen Auktion, Dorotheum, Wien, 5. Juni 1931, Lot 1;
Galerie Sanct Lucas, Wien, 1965;
Privatsammlung, Österreich

Ausgestellt:
Wien, Belvedere Museum, Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, 29. April – 25. Juli 1965, Nr. 44;
Houston, Museum of Fine Arts, Bernardo Bellotto and the Capitals of Europe, 29. Juli – 21. Oktober 2001, Nr. 83

Literatur:
I. Haumann, Das oberitalienische Landschaftsbild des Settecento, Straßburg 1927, S. 79;
H. A. Fritzsche, Bernardo Belotto genannt Canaletto, Magdeburg 1936, S. 65, S. 99f., S. 124, VG 180, S. 125, Erwähnung unter VG 189;
S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, genannt Canaletto: Ausstellung unter der Leitung von: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Nationalmuseum Warschau, Kunsthistorische Museum Wien, Ausstellungskatalog, Wien 1965, S. 59, Nr. 44, Abb. 91;
S. Kozakiewicz, Bernardo Bellotto, Mailand 1972, Bd. I, S. 138, Bd. II, S. 283f., Nr. 358, Abb. S. 285;
E. Camesasca, L’opera completa del Bellotto, Mailand 1974, Nr. 199;
A. Rizzi, Bernardo Bellotto. Dresda Vienna Monaco (1747–1766), Venedig 1996, S. 161, Nr. 141;
E. P. Bowron, in: E. P. Bowron (Hg.), Bernardo Bellotto and the Capitals of Europe, Ausstellungskatalog, New Haven/London 2001, S. 242, Nr. 83, Abb. S. 243

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es sich um ein wichtiges Beispiel für das Schaffen von Bernardo Bellottos zweiter Dresdener Periode um 1765. Damals lag das Augenmerk des Künstlers auf Idealansichten und Capriccios, einem Genre, mit dem er in seiner Jugend in Italien experimentiert hatte. Diese imaginierten Landschaften beinhalten wie das vorliegende Gemälde, das eine idyllische Hügellandschaft zeigt, auch reale Elemente. Im Hintergrund sind von der Antike und dem Mittelalter angeregte Bauwerke zu sehen, aber auch erkennbare Bauten der Stadt Dresden. Links ist der noch erhaltene Zwinger zu erkennen, während die Ruinen in der Bildmitte vermutlich eine Anspielung auf das Bombardement Dresdens durch Preußen 1760 darstellen, als Bellotto Zeuge der Zerstörung seines eigenen Zuhauses wurde.

Im Vordergrund verläuft ein Pfad diagonal in Richtung der Brücke rechts. Unter dem Brückenbogen wird in der Ferne eine weitere Stadt sichtbar. Die Statue auf dem Podest links der Brücke erinnert an ein früheres Gemälde Bellottos von der Karlskirche in Wien, wo dasselbe Bildelement zu sehen ist (siehe Kozakiewicz 1972, Bd. II, S. 200, Nr. 257). Die vorliegende Szene wird von Bauersleuten belebt, darunter von einem im Vordergrund sitzenden Mann mit seinem Hund; die bärtige Gestalt taucht in unterschiedlicher Haltung in weiteren Werken des Künstlers auf, etwa in der Fantasielandschaft mit Bellottos Selbstporträt im Nationalmuseum in Warschau.

Die Figuren des vorliegenden Gemäldes sind typisch für Bellottos Schaffen seiner zweiten Antwerpener Periode, als der Künstler die einfachen Leute seiner Bilder direkt nach dem realen Modell schuf, was beinahe der Intention der Porträtmalerei entspricht. Die Darstellung der Armen und Randgruppen der Gesellschaft war in der italienischen Malerei des 18. Jahrhunderts selten. Die Würde, die Bellotto ihnen verleiht, erinnert an Giacomo Cerutis Bilder von Bettlern und Bauersleuten. Der Malstil, der sich durch eine schwungvolle, flüssige Pinselführung und ein kühles Kolorit in Kompositionen auszeichnet, die an der Grenze zwischen Realität und Fantasie angesiedelt sind, ist typisch für Bellottos Kunst dieser Jahre. Von ihnen geht eine melancholische Note aus, die möglicherweise das Leid des Künstlers zum Ausdruck bringt, das er selbst als Folge des Krieges in der deutschen Stadt erlebte.

Das vorliegende Gemälde ist auch in einer weiteren Fassung bekannt, die sich in einigen Details unterscheidet; sie wurde von Bellotto in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Lorenzo ausgeführt (siehe Kozakiewicz 1972, Bd. II, S. 284, Nr. 358a).

Man geht davon aus, dass Bernardo Bellotto in Venedig unter seinem Onkel Canaletto ausgebildet wurde. Von Anfang an konzentrierte er sich auf die Darstellung von Ansichten der Stadt. Dank der Reisen, die er in den 1740er-Jahren in den Veneto, die Lombardei, die Toskana und nach Rom unternahm, gelangte er zu einer unabhängigen Bildsprache. Er besuchte Dresden zum ersten Mal 1747, als er Hofmaler des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. wurde. Dort widmete er sich dem Malen von Ansichten der Stadt, die sich damals zu einem der wichtigsten Kulturzentren Europas entwickelte. Gegen Ende des Folgejahrzehnts zog er nach Wien, danach nach München; dann kehrte er 1761 nach Dresden zurück. Bellotto verbrachte die letzten Jahre seiner Laufbahn in Warschau, wo er an der Ausstattung der königlichen Paläste arbeitete und weiterhin Ansichten malte, für die er in ganz Europa Berühmtheit erlangte.


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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