Lot Nr. 35 -


Michele Tosini, gen. Michele di Ridolfo del Ghirlandaio


(Florenz 1503–1577)
Die heilige Maria Magdalena,
Öl auf Holz, 88 x 70,4 cm, gerahmt

Wir danken Heidi Hornik, die die Zuschreibung nach Prüfung des vorliegenden Gemäldes im Original bestätigt hat, für ihre Hilfe bei der Katalogisierung (schriftliche Mitteilung).

Heidi Hornik erachtet das vorliegende Gemälde einer Maria Magdalena als wichtige Hinzufügung zum Oeuvre des Künstlers. Tosini platziert Maria Magdalena in einer Höhle mit einer Felslandschaft im Hintergrund. Die Heilige blickt mit einer eleganten Drehbewegung des Kopfes himmelwärts und schiebt einen dünnen, durchscheinenden weißen Schleier von ihrer Brust, den sie mit den schlanken Fingern der rechten Hand erfasst. Die ikonografischen Symbole der Magdalena erscheinen im unteren Bildbereich. Ein geöffnetes Gebetbuch liegt rechts unten, während ihre Linke nach dem Alabastergefäß greift. Im anmutig gelängten Hals zeigt sich der Manierismus von seiner schönsten Seite. Abgesehen von der raffinierten Pose und dem weißen Inkarnat des linken Arms, der an Michelangelo denken lässt, sticht die bloße stoffliche Pracht und Üppigkeit ihres Kleides ins Auge. Der wellige drapierte Stoff mit den schimmernden Falten bildet mehrere Schichten, was typisch für Tosini ist. Tosinis Magdalena ist zweifellos nicht nur reuige Sünderin.

Heidi Hornik hat sich mit dem Wandel der Darstellung der heiligen Maria Magdalena in der Kunst der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts und mit Tosinis Beitrag zur ikonografischen Entwicklung des Sujets auseinandergesetzt (siehe H. Hornik, Michele Tosini and the Ghirlandaio Workshop in Cinquecento Florence, Portland 2009, S. 104–110). Tosinis Magdalenen boten dem aristokratischen Betrachter und Auftraggeber des 16. Jahrhunderts keine von den Härten ihrer Buße gezeichnete Frau, wie Donatello sie im frühen 15. Jahrhundert dargestellt hätte, noch glichen sie Peruginos farblosen, Frauen ohne Attribute. Sie waren auch nicht die sinnliche Verführerinnen Tizians, obgleich das vorliegende Gemälde zweifellos einen gewissen Einfluss der Erfindungen des Venezianers im Zusammenhang mit der Magdalenenikonografie verrät. Tosinis direkter Zugriff auf Tizians Magdalenen geht auf ihren gemeinsamen Freund Giorgio Vasari zurück. Tosini ist dafür Anerkennung zu zollen, dass es ihm gelungen ist, mit seiner vornehmen, aber emotionalen Darstellung eine Möglichkeit zu finden, seinen Auftraggebern, ihren Frauen und der Kirche ein angemessenes Bild der Maria Magdalena zu offerieren, das sein Verständnis der Figur widerspiegelte und zu dem auch sie einen Zugang finden konnten: eine Heilige, die sinnlich und zugleich anständig sein konnte, die elegant war, aber mit der man sich identifizieren konnte, die reuig war, aber dabei auch von körperlicher Schönheit. Es wird deutlich, wen Tosini in Maria Magdalena sah. Sie war eine Heilige, eine Sünderin, eine schöne, selbstbewusste Frau, und er entschloss sich, sie in einer Art und Weise zu malen, die bei seinen Auftraggebern, aber auch bei deren Frauen auf Gefallen stieß. Tosini verband aristokratischen Geschmack mit Elementen einer von den Herrscherfamilien bevorzugten höfischen Porträtkunst. Maria Magdalene bot in ihrer Rolleals zur Büßerin gewordenen Sünderin ein ausgezeichnetes Vorbild für ein elitäres Publikum des 16. Jahrhunderts (siehe H. Hornik, The Invention and Development of the „Secular“ Mary Magdalene in Late Renaissance Florentine Painting, in: Mary Magdalene in Medieval Culture. Conflicted Roles, hg. von P. Loewen, R. Waugh in der Serie Routledge Studies in Medieval Literature and Culture, New York/Oxon 2014, S. 75–97).

Michele di Jacopo Tosini war der Sohn des Florentiner Stadtpförtners Jacopo Tosini. Sein frühester Biograf war sein Freund und Kollege Giorgio Vasari, der berichtet, dass Tosini zunächst in den Werkstätten von Lorenzo di Credi (1459–1537) und Antonio del Ceraiolo (gest. 1525) ausgebildet worden war. Danach trat er im Alter von 13 Jahren in die Werkstatt Ghirlandaios unter der Leitung von Ridolfo (dem Sohn Domencio Ghirlandaios, dem Lehrer Michelangelos) ein. Laut Vasari liebte Ridolfo Michele wie einen Sohn, was dazu führte, dass Michele unter der Bezeichnung „Michele di Ridolfo del Ghirlandaio“ bekannt wurde. Nach Ridolfos Tod 1564 übernahm Tosini die Ghirlandaio-Werkstatt. Sein ausgezeichneter Ruf unter vornehmen Auftraggebern sorgte dafür, dass seine Entwicklung eines „säkularisierten“ Porträttypus der Maria Magdalena nicht nur mit früheren Beispielen brach, sondern auch maßgeblichen Einfluss ausübte. Michele begründete 1563 an der Seite Bronzinos, Montorsolis und Vasaris die Accademia del Disegno, sodass sein Einfluss noch zunahm, zumal er damit auf die Ausbildung künftiger Künstler einwirkte. In den 1560er-Jahren adaptierte Tosini die maniera Francesco Salviatis, Agnolo Bronzinos und Michelangelos. Der manieristische Stil seiner Gemälde dieser Periode – zu denen auch die hier dargestellte Figur zählt – kann als elegant, kunstvoll, dekorativ, und detailreich beschrieben werden. Leuchtende, changierende Farben entsprachen dem farbigen Licht, das schöne Seidenstoffe reflektierten, und trugen den Reichtum der Dargestellten durch die in den Gemälden wiedergegebenen prachtvollen Texturen und üppigen Draperien zur Schau. Weibliche Porträts zeichneten sich durch die anmutig gelängten Hälse und schlanken Finger der Dargestellten aus. Bestimmte weibliche Heilige eigneten sich als beliebte Bildthemen zur privaten Betrachtung und Andacht eines wohlhabenden Publikums, das sich mit diesen Frauen identifizieren wollte – in der Tat waren die am häufigsten dargestellten Heiligen im Florenz der 1570er-Jahre Maria Magdalena, Katharina und Helena.

Die vorliegende Maria Magdalena kann um 1565–1570 datiert werden. Heidi Hornik vergleicht sie mit einer weiteren Magdalena Tosinis (um 1570, Öl auf Holz, 87 x 65,7 cm, Museum of Fine Arts, Houston, Samuel H. Kress Collection). Das vorliegende Gemälde teilt mit dem Bild in Houston die Ikonografie von Magdalena als einer vornehmen, schön gekleideten, höfischen Frau, wobei es den Aspekt der Reue stärker zum Ausdruck bringt als andere vergleichbare Werke. Die Gestalt ist sinnlich und elegant und hat zugleich ihre Rolle als Büßerin und Fürsprecherin der Gläubigen zurückgewonnen.

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 95.867,-
Schätzwert:
EUR 60.000,- bis EUR 80.000,-

Michele Tosini, gen. Michele di Ridolfo del Ghirlandaio


(Florenz 1503–1577)
Die heilige Maria Magdalena,
Öl auf Holz, 88 x 70,4 cm, gerahmt

Wir danken Heidi Hornik, die die Zuschreibung nach Prüfung des vorliegenden Gemäldes im Original bestätigt hat, für ihre Hilfe bei der Katalogisierung (schriftliche Mitteilung).

Heidi Hornik erachtet das vorliegende Gemälde einer Maria Magdalena als wichtige Hinzufügung zum Oeuvre des Künstlers. Tosini platziert Maria Magdalena in einer Höhle mit einer Felslandschaft im Hintergrund. Die Heilige blickt mit einer eleganten Drehbewegung des Kopfes himmelwärts und schiebt einen dünnen, durchscheinenden weißen Schleier von ihrer Brust, den sie mit den schlanken Fingern der rechten Hand erfasst. Die ikonografischen Symbole der Magdalena erscheinen im unteren Bildbereich. Ein geöffnetes Gebetbuch liegt rechts unten, während ihre Linke nach dem Alabastergefäß greift. Im anmutig gelängten Hals zeigt sich der Manierismus von seiner schönsten Seite. Abgesehen von der raffinierten Pose und dem weißen Inkarnat des linken Arms, der an Michelangelo denken lässt, sticht die bloße stoffliche Pracht und Üppigkeit ihres Kleides ins Auge. Der wellige drapierte Stoff mit den schimmernden Falten bildet mehrere Schichten, was typisch für Tosini ist. Tosinis Magdalena ist zweifellos nicht nur reuige Sünderin.

Heidi Hornik hat sich mit dem Wandel der Darstellung der heiligen Maria Magdalena in der Kunst der Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts und mit Tosinis Beitrag zur ikonografischen Entwicklung des Sujets auseinandergesetzt (siehe H. Hornik, Michele Tosini and the Ghirlandaio Workshop in Cinquecento Florence, Portland 2009, S. 104–110). Tosinis Magdalenen boten dem aristokratischen Betrachter und Auftraggeber des 16. Jahrhunderts keine von den Härten ihrer Buße gezeichnete Frau, wie Donatello sie im frühen 15. Jahrhundert dargestellt hätte, noch glichen sie Peruginos farblosen, Frauen ohne Attribute. Sie waren auch nicht die sinnliche Verführerinnen Tizians, obgleich das vorliegende Gemälde zweifellos einen gewissen Einfluss der Erfindungen des Venezianers im Zusammenhang mit der Magdalenenikonografie verrät. Tosinis direkter Zugriff auf Tizians Magdalenen geht auf ihren gemeinsamen Freund Giorgio Vasari zurück. Tosini ist dafür Anerkennung zu zollen, dass es ihm gelungen ist, mit seiner vornehmen, aber emotionalen Darstellung eine Möglichkeit zu finden, seinen Auftraggebern, ihren Frauen und der Kirche ein angemessenes Bild der Maria Magdalena zu offerieren, das sein Verständnis der Figur widerspiegelte und zu dem auch sie einen Zugang finden konnten: eine Heilige, die sinnlich und zugleich anständig sein konnte, die elegant war, aber mit der man sich identifizieren konnte, die reuig war, aber dabei auch von körperlicher Schönheit. Es wird deutlich, wen Tosini in Maria Magdalena sah. Sie war eine Heilige, eine Sünderin, eine schöne, selbstbewusste Frau, und er entschloss sich, sie in einer Art und Weise zu malen, die bei seinen Auftraggebern, aber auch bei deren Frauen auf Gefallen stieß. Tosini verband aristokratischen Geschmack mit Elementen einer von den Herrscherfamilien bevorzugten höfischen Porträtkunst. Maria Magdalene bot in ihrer Rolleals zur Büßerin gewordenen Sünderin ein ausgezeichnetes Vorbild für ein elitäres Publikum des 16. Jahrhunderts (siehe H. Hornik, The Invention and Development of the „Secular“ Mary Magdalene in Late Renaissance Florentine Painting, in: Mary Magdalene in Medieval Culture. Conflicted Roles, hg. von P. Loewen, R. Waugh in der Serie Routledge Studies in Medieval Literature and Culture, New York/Oxon 2014, S. 75–97).

Michele di Jacopo Tosini war der Sohn des Florentiner Stadtpförtners Jacopo Tosini. Sein frühester Biograf war sein Freund und Kollege Giorgio Vasari, der berichtet, dass Tosini zunächst in den Werkstätten von Lorenzo di Credi (1459–1537) und Antonio del Ceraiolo (gest. 1525) ausgebildet worden war. Danach trat er im Alter von 13 Jahren in die Werkstatt Ghirlandaios unter der Leitung von Ridolfo (dem Sohn Domencio Ghirlandaios, dem Lehrer Michelangelos) ein. Laut Vasari liebte Ridolfo Michele wie einen Sohn, was dazu führte, dass Michele unter der Bezeichnung „Michele di Ridolfo del Ghirlandaio“ bekannt wurde. Nach Ridolfos Tod 1564 übernahm Tosini die Ghirlandaio-Werkstatt. Sein ausgezeichneter Ruf unter vornehmen Auftraggebern sorgte dafür, dass seine Entwicklung eines „säkularisierten“ Porträttypus der Maria Magdalena nicht nur mit früheren Beispielen brach, sondern auch maßgeblichen Einfluss ausübte. Michele begründete 1563 an der Seite Bronzinos, Montorsolis und Vasaris die Accademia del Disegno, sodass sein Einfluss noch zunahm, zumal er damit auf die Ausbildung künftiger Künstler einwirkte. In den 1560er-Jahren adaptierte Tosini die maniera Francesco Salviatis, Agnolo Bronzinos und Michelangelos. Der manieristische Stil seiner Gemälde dieser Periode – zu denen auch die hier dargestellte Figur zählt – kann als elegant, kunstvoll, dekorativ, und detailreich beschrieben werden. Leuchtende, changierende Farben entsprachen dem farbigen Licht, das schöne Seidenstoffe reflektierten, und trugen den Reichtum der Dargestellten durch die in den Gemälden wiedergegebenen prachtvollen Texturen und üppigen Draperien zur Schau. Weibliche Porträts zeichneten sich durch die anmutig gelängten Hälse und schlanken Finger der Dargestellten aus. Bestimmte weibliche Heilige eigneten sich als beliebte Bildthemen zur privaten Betrachtung und Andacht eines wohlhabenden Publikums, das sich mit diesen Frauen identifizieren wollte – in der Tat waren die am häufigsten dargestellten Heiligen im Florenz der 1570er-Jahre Maria Magdalena, Katharina und Helena.

Die vorliegende Maria Magdalena kann um 1565–1570 datiert werden. Heidi Hornik vergleicht sie mit einer weiteren Magdalena Tosinis (um 1570, Öl auf Holz, 87 x 65,7 cm, Museum of Fine Arts, Houston, Samuel H. Kress Collection). Das vorliegende Gemälde teilt mit dem Bild in Houston die Ikonografie von Magdalena als einer vornehmen, schön gekleideten, höfischen Frau, wobei es den Aspekt der Reue stärker zum Ausdruck bringt als andere vergleichbare Werke. Die Gestalt ist sinnlich und elegant und hat zugleich ihre Rolle als Büßerin und Fürsprecherin der Gläubigen zurückgewonnen.


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old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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