Lot Nr. 38


Domenico Tibaldi


(Bologna 1541–1583)
Heilige Familie mit der heiligen Katharina von Alexandrien und dem heiligen Paulus,
Öl auf Holz, 131 x 96 cm, gerahmt

Provenienz:
Galleria Altomani, Pesaro;
Auktion, Finarte-Semenzato, Venedig, 12. Juni 2005, Lot 47 (als Pellegrino Tibaldi);
europäische Privatsammlung

Literatur:
D. Benati, in: J. Bentini et al. (Hg.), Pinacoteca Nazionale di Bologna. Catalogo generale. 2. Da Raffaello ai Carracci, Bologna 2006, S. 185, Erwähnung unter Nr. 127a-b (als Domenico Tibaldi);
D. Benati, Domenico Tibaldi e la pittura bolognese di fine cinquecento, in: F. Ceccarelli, D. Lenzi (Hg.), Domenico e Pellegrino Tibaldi. Architettura e arte a Bologna nel secondo Cinquecento, Venedig 2011, S. 316, Abb. 5, S. 379 (als Domenico Tibaldi, mit den Maßangaben 150 x 110 cm);
M. Danieli, in: V. Sgarbi (Hg.), Da Cimabue a Morandi. Felsina Pittrice, Ausstellungskatalog, Bologna 2015, S. 132, Erwähnung unter Nr. 37 (als Domenico Tibaldi)

Domenico Tibaldi, der Bruder Pellegrinos, war eine der erfindungsreichsten Künstlerpersönlichkeiten des Bologneser Manierismus. Sein Grabmal in der Kirche Santa Annunziata in Bologna (welches heute verloren ist, aber von C. C. Malvasia in dessen Publikation Felsina pittrice, Bologna 1678, Ausgabe Bologna 1841, I, S. 158, beschrieben wird), verzeichnete seine zahlreichen Talente als Architekt, Maler und Stecher und erinnerte an den Beifall und die Ehren, die ihm als Zeichner, Maler und Architekt zuteil wurden.

Zu seinen wichtigsten architektonischen Werken zählen das Presbyterium von Sankt Peter, einen Auftrag, den er von Kardinal Gabriele Paleotti erhalten hatte; die Cappella Maggiore (begonnen 1575); der Palazzo Magnani (1576/1587); und der Palazzo Mattei. Doch Domenico war nicht nur ein gefeierter Architekt, sondern auch ein herausragender Stecher, in dessen Werkstatt Agostino Carracci ausgebildet wurde.

Bedauerlicherweise ist Domenico Tibaldis Tätigkeit als Maler kaum dokumentiert und geriet daher bald mehr oder weniger in Vergessenheit. Die Wiederherstellung seines Status als Maler ist den jüngsten Studien von Daniele Benati (2001) geschuldet. Die einzigen Gemälde, die Domenico auf Grundlage von dokumentarischen Hinweisen zugeschrieben werden können, sind die der Lebensgeschichte des heiligen Paulus, welche die Türen der Sakristei der Olivetaner-Kirche San Michele in Bosco in Bologna schmückten. Der Zyklus umfasst vier Tafeln, von denen sich heute zwei in einer Privatsammlung und zwei in der Pinacoteca Nazionale, Bologna, befinden. Letztere stellen den Heiligen Paulus auf der Insel Malta und den Heiligen Paulus auf dem Weg ins Gefängnis dar. Abgesehen von diesen gab Benati dem Künstler auch die vorliegende Heilige Familie mit Heiligen sowie ein weiteres Werk, eine Allegorie des Friedens, die sich vormals in der Whitfield Gallery, London, befand – eine Komposition, die Domenico in einem Stich wiederholte (siehe B. Bohn, in: W. L. Strauss [Hg.], The Illustrated Bartsch. Italian Masters of the Sixteenth Century. Bartolommeo Passarotti, Domenico Tibaldi, Camillo Procaccini, Ludovico Carracci, and Annibale Carracci, 1996, Bd. 39, Kommentar, Teil II, S. 47).

Das vorliegende Gemälde, welches von außergewöhnlicher Qualität ist, zeichnet sich durch die für den toskanischen und emilianischen Manierismus typische leuchtende Farbigkeit aus. Dargestellt ist die Heilige Familie mit dem heiligen Paulus und der heiligen Katharina von Alexandrien. Ersterer, in Rückenansicht dargestellt, trägt denselben komplexen Kontrapost zur Schau wie die Figuren der Bildtafeln für San Michele in Bosco (man beachte insbesondere die rückansichtig dargestellte Figur mit einem Schild auf dem Bild Der heilige Paulus auf der Insel Malta). Die Züge der Madonna, die ganz darauf konzentriert ist, das Jesuskind mit einem dünnen Tuch zuzudecken, sind vergleichbar mit jenen der allegorischen Figur des Friedens in dem Gemälde, das sich einst in der Whitfield Gallery befand, wohingegen die Haltung des schlafenden Kindes dem Putto ähneln, der die Gestalt des Friedens in Domenicos Stich nach dem Gemälde krönt, auch wenn dieser aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird.

Die von Daniele Benati zusammengetragene Gruppe von Gemälden vermag das Ansehen des jüngeren Tibaldi-Bruders wiederherzustellen, das er in der Geschichte des späten Bologneser Manierismus neben Künstlern seiner Generation, darunter Lorenzo Sabatini und Orazio Samacchini, genoss. Ihnen allen ging es darum, eine neue bereinigte Lesart der exzentrisch aufgeladenen Manier Pellegrinos voranzutreiben, bedacht darauf, ihren Werken eine angemessene Eleganz zu verleihen.

Technischer Bericht von Gianluca Poldi:

Wie Infrarotaufnahmen zeigen, ist das Gemälde voller kompositorischer Veränderungen, wobei bereits Gemaltes von neuen Bildlösungen überdeckt wurde. So lag auf der Stufe unter der Wiege zunächst ein kleines Kreuz mit der Kartusche des heiligen Johannes des Täufers statt des Fragments des Rades der heiligen Katharina. Besagte Stufe bedeckte zum Teil auch der ursprünglich verlängerte Mantel der Maria; beides war bloß gezeichnet und wurde dann verworfen.

Die Haltung der Hände des heiligen Josef und der heiligen Katharina wurde modifiziert: Seine linke Hand kam ursprünglich oben auf dem Stab zu liegen, der in einer T-Form endete; die Hand der Frauengestalt mit dem Buch war höher platziert, während ihr Kopf zunächst ein paar Zentimeter tiefer angesetzt war und dann weiter oben neu gemalt wurde. Kleinere Veränderungen im Bereich der Hände gab es auch beim heiligen Paulus rechts. Der Unterteil der Wiege wurde angepasst; die Umrisse des Körpers des Jesuskindes wurden während des Malens korrigiert. In der Infrarotreflektografie zeigt sich in manchen Bereichen auch eine dünne Umrisslinie in der Unterzeichnung, die vermutlich mit schwarzer Kreide ausgeführt wurde. Alle diese Veränderungen, die trotz des Vorhandenseins einer Unterzeichnung ausgeführt wurden, weisen darauf hin, dass der Maler die Komposition ständig veränderte, um sie ausgewogener zu gestalten.

Die mittels nicht-invasiver spektroskopischer und mikroskopischer Untersuchungen festgestellten Pigmente umfassen ein farbverändertes Smalteblau im Mantel der Madonna, was dessen eigenartigen Farbton erklärt, sowie ein kupferbasiertes Grün im Bereich aller grünen Gewänder und des Kissens; vermutlich Grünspan gemischt mit Bleizinngelb wurde verwendet, um den besonderen Farbverlauf im Gewand des heiligen Paulus zu erzielen. Beim gelben Mantel des heiligen Paulus kamen Bleizinngelb für die helleren Passagen und gelbbraunes Ocker für die Schattenzonen zum Einsatz, während das irisierende Orange im Mantel des heiligen Josef vor allem in den helleren Bereichen mittels grob vermalenem Auripigment (einem Pigment auf Arsenbasis) erzielt wurde, dessen Kristalle größer belassen wurden, wohingegen in den Schattenzonen feinkörniges Zinnober zum Einsatz kam. Zinnober und Bleiweiß fanden in Verbindung mit etwas Rotlack in den Schatten des Kleides der Maria Anwendung; ein aus der Cochenillenschildlaus gewonnener satter purpurfarbener Rotlack wurde für das Kleid der heiligen Katharina verwendet, wobei durch die Hinzufügung blauer Farbpartikel ein tieferer Ton erzielt wurde.

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 50.300,-
Schätzwert:
EUR 40.000,- bis EUR 60.000,-

Domenico Tibaldi


(Bologna 1541–1583)
Heilige Familie mit der heiligen Katharina von Alexandrien und dem heiligen Paulus,
Öl auf Holz, 131 x 96 cm, gerahmt

Provenienz:
Galleria Altomani, Pesaro;
Auktion, Finarte-Semenzato, Venedig, 12. Juni 2005, Lot 47 (als Pellegrino Tibaldi);
europäische Privatsammlung

Literatur:
D. Benati, in: J. Bentini et al. (Hg.), Pinacoteca Nazionale di Bologna. Catalogo generale. 2. Da Raffaello ai Carracci, Bologna 2006, S. 185, Erwähnung unter Nr. 127a-b (als Domenico Tibaldi);
D. Benati, Domenico Tibaldi e la pittura bolognese di fine cinquecento, in: F. Ceccarelli, D. Lenzi (Hg.), Domenico e Pellegrino Tibaldi. Architettura e arte a Bologna nel secondo Cinquecento, Venedig 2011, S. 316, Abb. 5, S. 379 (als Domenico Tibaldi, mit den Maßangaben 150 x 110 cm);
M. Danieli, in: V. Sgarbi (Hg.), Da Cimabue a Morandi. Felsina Pittrice, Ausstellungskatalog, Bologna 2015, S. 132, Erwähnung unter Nr. 37 (als Domenico Tibaldi)

Domenico Tibaldi, der Bruder Pellegrinos, war eine der erfindungsreichsten Künstlerpersönlichkeiten des Bologneser Manierismus. Sein Grabmal in der Kirche Santa Annunziata in Bologna (welches heute verloren ist, aber von C. C. Malvasia in dessen Publikation Felsina pittrice, Bologna 1678, Ausgabe Bologna 1841, I, S. 158, beschrieben wird), verzeichnete seine zahlreichen Talente als Architekt, Maler und Stecher und erinnerte an den Beifall und die Ehren, die ihm als Zeichner, Maler und Architekt zuteil wurden.

Zu seinen wichtigsten architektonischen Werken zählen das Presbyterium von Sankt Peter, einen Auftrag, den er von Kardinal Gabriele Paleotti erhalten hatte; die Cappella Maggiore (begonnen 1575); der Palazzo Magnani (1576/1587); und der Palazzo Mattei. Doch Domenico war nicht nur ein gefeierter Architekt, sondern auch ein herausragender Stecher, in dessen Werkstatt Agostino Carracci ausgebildet wurde.

Bedauerlicherweise ist Domenico Tibaldis Tätigkeit als Maler kaum dokumentiert und geriet daher bald mehr oder weniger in Vergessenheit. Die Wiederherstellung seines Status als Maler ist den jüngsten Studien von Daniele Benati (2001) geschuldet. Die einzigen Gemälde, die Domenico auf Grundlage von dokumentarischen Hinweisen zugeschrieben werden können, sind die der Lebensgeschichte des heiligen Paulus, welche die Türen der Sakristei der Olivetaner-Kirche San Michele in Bosco in Bologna schmückten. Der Zyklus umfasst vier Tafeln, von denen sich heute zwei in einer Privatsammlung und zwei in der Pinacoteca Nazionale, Bologna, befinden. Letztere stellen den Heiligen Paulus auf der Insel Malta und den Heiligen Paulus auf dem Weg ins Gefängnis dar. Abgesehen von diesen gab Benati dem Künstler auch die vorliegende Heilige Familie mit Heiligen sowie ein weiteres Werk, eine Allegorie des Friedens, die sich vormals in der Whitfield Gallery, London, befand – eine Komposition, die Domenico in einem Stich wiederholte (siehe B. Bohn, in: W. L. Strauss [Hg.], The Illustrated Bartsch. Italian Masters of the Sixteenth Century. Bartolommeo Passarotti, Domenico Tibaldi, Camillo Procaccini, Ludovico Carracci, and Annibale Carracci, 1996, Bd. 39, Kommentar, Teil II, S. 47).

Das vorliegende Gemälde, welches von außergewöhnlicher Qualität ist, zeichnet sich durch die für den toskanischen und emilianischen Manierismus typische leuchtende Farbigkeit aus. Dargestellt ist die Heilige Familie mit dem heiligen Paulus und der heiligen Katharina von Alexandrien. Ersterer, in Rückenansicht dargestellt, trägt denselben komplexen Kontrapost zur Schau wie die Figuren der Bildtafeln für San Michele in Bosco (man beachte insbesondere die rückansichtig dargestellte Figur mit einem Schild auf dem Bild Der heilige Paulus auf der Insel Malta). Die Züge der Madonna, die ganz darauf konzentriert ist, das Jesuskind mit einem dünnen Tuch zuzudecken, sind vergleichbar mit jenen der allegorischen Figur des Friedens in dem Gemälde, das sich einst in der Whitfield Gallery befand, wohingegen die Haltung des schlafenden Kindes dem Putto ähneln, der die Gestalt des Friedens in Domenicos Stich nach dem Gemälde krönt, auch wenn dieser aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird.

Die von Daniele Benati zusammengetragene Gruppe von Gemälden vermag das Ansehen des jüngeren Tibaldi-Bruders wiederherzustellen, das er in der Geschichte des späten Bologneser Manierismus neben Künstlern seiner Generation, darunter Lorenzo Sabatini und Orazio Samacchini, genoss. Ihnen allen ging es darum, eine neue bereinigte Lesart der exzentrisch aufgeladenen Manier Pellegrinos voranzutreiben, bedacht darauf, ihren Werken eine angemessene Eleganz zu verleihen.

Technischer Bericht von Gianluca Poldi:

Wie Infrarotaufnahmen zeigen, ist das Gemälde voller kompositorischer Veränderungen, wobei bereits Gemaltes von neuen Bildlösungen überdeckt wurde. So lag auf der Stufe unter der Wiege zunächst ein kleines Kreuz mit der Kartusche des heiligen Johannes des Täufers statt des Fragments des Rades der heiligen Katharina. Besagte Stufe bedeckte zum Teil auch der ursprünglich verlängerte Mantel der Maria; beides war bloß gezeichnet und wurde dann verworfen.

Die Haltung der Hände des heiligen Josef und der heiligen Katharina wurde modifiziert: Seine linke Hand kam ursprünglich oben auf dem Stab zu liegen, der in einer T-Form endete; die Hand der Frauengestalt mit dem Buch war höher platziert, während ihr Kopf zunächst ein paar Zentimeter tiefer angesetzt war und dann weiter oben neu gemalt wurde. Kleinere Veränderungen im Bereich der Hände gab es auch beim heiligen Paulus rechts. Der Unterteil der Wiege wurde angepasst; die Umrisse des Körpers des Jesuskindes wurden während des Malens korrigiert. In der Infrarotreflektografie zeigt sich in manchen Bereichen auch eine dünne Umrisslinie in der Unterzeichnung, die vermutlich mit schwarzer Kreide ausgeführt wurde. Alle diese Veränderungen, die trotz des Vorhandenseins einer Unterzeichnung ausgeführt wurden, weisen darauf hin, dass der Maler die Komposition ständig veränderte, um sie ausgewogener zu gestalten.

Die mittels nicht-invasiver spektroskopischer und mikroskopischer Untersuchungen festgestellten Pigmente umfassen ein farbverändertes Smalteblau im Mantel der Madonna, was dessen eigenartigen Farbton erklärt, sowie ein kupferbasiertes Grün im Bereich aller grünen Gewänder und des Kissens; vermutlich Grünspan gemischt mit Bleizinngelb wurde verwendet, um den besonderen Farbverlauf im Gewand des heiligen Paulus zu erzielen. Beim gelben Mantel des heiligen Paulus kamen Bleizinngelb für die helleren Passagen und gelbbraunes Ocker für die Schattenzonen zum Einsatz, während das irisierende Orange im Mantel des heiligen Josef vor allem in den helleren Bereichen mittels grob vermalenem Auripigment (einem Pigment auf Arsenbasis) erzielt wurde, dessen Kristalle größer belassen wurden, wohingegen in den Schattenzonen feinkörniges Zinnober zum Einsatz kam. Zinnober und Bleiweiß fanden in Verbindung mit etwas Rotlack in den Schatten des Kleides der Maria Anwendung; ein aus der Cochenillenschildlaus gewonnener satter purpurfarbener Rotlack wurde für das Kleid der heiligen Katharina verwendet, wobei durch die Hinzufügung blauer Farbpartikel ein tieferer Ton erzielt wurde.


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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