Lot Nr. 56 -


Artemisia Gentileschi


(Rom 1593–1654 Neapel)
David mit dem Haupt Goliaths,
Öl auf Leinwand, 203,5 x 152 cm, gerahmt

Provenienz:
vermutlich Werkstatt Artemisia Gentileschis, Neapel, 1631;
vermutlich Sammlung Marchese Vincenzo Giustiniani, Rom, 1638;
vermutlich Sammlung Principe Andrea Giustiniani, Rom, 1667;
vermutlich Sammlung Bendetto Giustiniani, Rom, 1793;
vermutlich Auktion, Finarte, Mailand, 11. Juni 2002, Lot 447 (als „Cesare Fracanzano zugeschrieben“, mit den Maßen 205 x 150 cm);
Privatsammlung, Neapel, 2013;
Privatsammlung, Mailand, 2013;
europäische Privatsammlung

Dokumentation:
Vermutlich das von Joachim von Sandrart anlässlich seines Besuchs 1631 im Atelier Artemisia Gentileschis in Neapel beschriebene Gemälde: „Nicht weniger Lob hat verdienet die tugendsame Artemisia Gentilesca, die mir, als ich ihr von ihrem Vatter, dem hochberühmten Horatio Gentilesco, meinem sonderbaren lieben Freund, einen Gruß gebracht, ihre schönen Kunstgemälde gezeigt und unter anderen einen sehr zierlichen David, Lebensgröße, der das abscheuliche Haupt des ungeheuren Goliaths in Händen hält, so neben vielen anderen Werken von ihrer Hand sehr vernünftig gemacht war“ (siehe J. von Sandrart, Teutsche Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Kunste, Nürnberg 1675–1679, hg. von A. L. Peltzer, München 1925, S. 290);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Marchese Vincenzo Giustiniani, 1638, ASR, Giustiniani, b. 16, f. 845v und f. 846r: „Un quadro con una figura intiegra di David che tiene la testa del gigante Golia dipinto in tela alta palmi 9. larga 6.½ incirca (di mano d’Artemisia Gentileschi) senza cornice“ (siehe S. Danesi Squarzina, La Collezione Giustiniani, Mailand 2003, Bd. I, S. 289, Nr. 68);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Principe Andrea Giustiniani, 1667, ASR, Giustiniani, b. 16, f. 639v: „n. 68. Un quadro con una figura intiera di David, che tiene la Testa del Gigante Golia dipinto in tela alto palmi 9. largo 6 ½ in circa di mano d’Artemisia Gentileschi con cornice“ (siehe ebd., Bd. II, S. 57, Nr. 162);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Benedetto Giustiniani, 1793, ASR, Giustiniani, b. 133, f. ?: „173. Altro soprapporto di palmi 7.10. per alto rappresentante Davidde, Scuola di Michel’Angelo Caravaggio di buona mano, con Cornice come sopra“ (siehe ebd., Bd. II, S. 301, Nr. 173)

Vermutliche Literatur:
L. Salerno, The Picture Gallery of Vincenzo Giustiniani II: The Inventory: Part I, in: The Burlington Magazine, 1960, Bd. 102, Nr. 684, S. 96, Nr. 68;
R. Ward Bissel, Artemisia Gentileschi: A New Documented Chronology, in: The Art Bulletin, 1968, Bd. 50, Nr. 1, S. 165 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
C. Klemm, Joachim von Sandrart: Kunstwerke und Lebenslauf, Berlin 1986, S. 61;
M. D. Garrard, Artemisia Gentileschi: The Image of the Female Hero in Italian Baroque, Princeton 1989, S. 65f., S. 109, S. 503, Anm. 108 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
R. Ward Bissell, Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999, S. 362, Kat.-Nr. L-22 und S. 362, Kat.-Nr. L-23 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
R. Contini, Ritagli giustinianei, in: Caravaggio e i Giustiniani. Toccar con mano una collezione del Seicento, hg. von S. Danesi Squarzina, Ausstellungskatalog, Mailand 2001, S. 65f. (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
Y. Primarosa, Appendice II. Artemisia Gentileschi nelle collezioni europée (1612–1723), in: Artemisia Gentileschi, storia di una passione, hg. von R. Contini, F. Solinas, Ausstellungskatalog, Mailand 2011, S. 273;
D. Lutz, Artemisia Gentileschi: Leben und Werk, Stuttgart 2011, S. 108, S. 117 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis)

Literatur:
F. Solinas, in: Artemisia: la musa Clio e gli anni napoletani, Ausstellungskatalog, Pisa 2013, S. 46–49, Kat.-Nr. 4 (als Artemisia Gentileschi);
N. Spinosa, Grazia e tenerezza „in posa“. Bernardo Cavallino e il suo tempo: 1616–1656, Rom 2013, S. 47, Anm. 49, S. 62, Abb. 47 (als Artemisia Gentileschi);
J. M. Locker, Artemisia Gentileschi: the Language of Painting, London 2015, S. 167, ohne Abb. (als Artemisia Gentileschi);
N. Spinosa, Artemisia e Napoli, in: Artemisia Gentileschi e il suo tempo, Ausstellungskatalog, Rom 2016, S. 55, ohne Abb.;
R. Lattuada, Unknown Paintings by Artemisia in Naples, and New Points Regarding Her Daily Life and Bottega, in: Artemisia Gentileschi in a Changing Light, London/Turnhout 2017, S. 193, S. 194f., Abb. 14, 15 (als Artemisia Gentileschi)

Ausgestellt:
Pisa, Palazzo Blu, Artemisia: la musa Clio e gli anni napoletani, 23. März – 30. Juni 2013, S. 46–49, Kat.-Nr. 4 (als Artemisia Gentileschi)

Artemisias David ist ein dunkelhaariger Jüngling, der dem Betrachter geradewegs ins Gesicht blickt und ihm das abgetrennte Haupt des gewalttätigen Riesen der Philister entgegenstreckt. David ist am Fuß einer Säule sitzend dargestellt, möglicherweise die Kulisse eines kirchlichen Bauwerks, als Zeichen der Rechtfertigung seines Tötungsakts. David scheint mit dem Betrachter in einen Dialog zu treten, während er mit der Rechten den gigantischen Schädel Goliaths aufhebt, der auf der Stirn von einem Stein getroffen wurde, abgeschossen mit der Schleuder, die unten liegt ist. Der Hirtenjunge tritt durch die meisterhafte und bühnengerechte Inszenierung von Licht und Schatten nahezu statuenhaft hervor. Der dunkle Hintergrund vermittelt eine dramatische Atmosphäre. Die Darstellung des Riesenkopfes und des juwelenbesetzten Schwertgriffs tragen eine technische Fertigkeit zur Schau, die das Ausschöpfen der Grau- und Brauntöne unterstreicht.

Eine frühere Komposition, die Artemisia angeregt haben mag, ist der David Domenico Fettis in der Dresdener Gemäldegalerie (siehe Abb. 2). Von diesem Werk scheint Artemisia die Grundhaltung, die gebirgige Landschaft, die Platzierung von Goliaths Haupt und Davids Art der Kleidung übernommen zu haben. Entweder kannte Artemisia das Original Fettis, das 1614/1615 entstanden war, oder eine von mehreren Kopien (siehe E. Safarik, Fetti, Mailand 1990, S. 44–47, Kat.-Nr. 7).

Das vorliegende Gemälde verrät eine Affinität sowohl zum internationalen Caravaggismus des David von Nicolas Régnier (1588 – um 1667) im Musée des Beaux-Arts in Dijon (siehe Abb. 1) als auch zum David des Barockmalers Giovanni Lanfranco in der Fondazione Roberto Longhi, Florenz (siehe Abb. 3).

Gewalt ist ein Thema, mit dem sich Artemisia immer wieder auseinandersetzte: Blutrünstige Darstellungen, häufig brutale, der Antike oder Religionsgeschichte entnommene Episoden, ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. Das vorliegende Beispiel reiht sich neben Bilder wie die berühmte Judith mit dem Haupt des Holofernes im Museo di Capodimonte in Neapel (Inv.-Nr. Q378), Judith mit Abra in den Uffizien (Inv.-Nr. 1912 n. 398), Medea in einer Privatsammlung und Jaël und Sisera in Budapest (Inv.-Nr. 75.11). Obschon die von Agostino Tassi 1611 verübte Vergewaltigung eine Erklärung für diese Bilder der Gewalt sein mag, ist auch in Betracht zu ziehen, dass die damaligen Auftraggeber der Malerin Bildthemen dieser Art besonders schätzten.

Provenienz:

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es sich höchstwahrscheinlich um das von Joachim von Sandrart (1606–1688) 1631 in Artemisias Atelier in Neapel gesehene und beschriebene Bild: „Nicht weniger Lob hat verdienet die tugendsame Artemisia Gentilesca, die mir, als ich ihr von ihrem Vatter, dem hochberühmten Horatio Gentilesco, meinem sonderbaren lieben Freund, einen Gruß gebracht, ihre schönen Kunstgemälde gezeigt und unter anderen einen sehr zierlichen David, Lebensgröße, der das abscheuliche Haupt des ungeheuren Goliaths in Händen hält, so neben vielen anderen Werken von ihrer Hand sehr vernünftig gemacht war“ (siehe Dokumentation).

Ein Gemälde desselben Themas mit identischen Maßen und gleichem Darstellungsinhalt wird später im Inventar vom Februar/März 1638 des Marchese Vincenzo Giustiniani (1564–1637) beschrieben.

Sandrart war ab 1632 Kustos der Sammlung Giustinani, als er in den Palast der Familie in Rom einzog (siehe S. Ebert-Schifferer, „Naturalezza e ‘maniera antica“. Joachim von Sandrart disegnatore dall’Antico, in: Caravaggio e I Giustiniani. Toccar con mano una collezione del Seicento, hg. von S. Danesi Squarzina, Ausstellungskatalog, Mailand 2001, S. 57).

Vermutlich reiste Sandrart nach Neapel, um Gemälde für die Sammlung der römischen Aristokraten zu erwerben: Tatsächlich zog bereits Klemm 1986 in Erwägung (siehe Literatur), dass das Bild, das Sandrart in Artemisias Atelier gesehen hatte, jenes war, das in der Sammlung des Marchese Vincenzo Giustiniani dokumentiert ist. Diese Vermutung wird von der Beschreibung des Gemäldes im Inventar des Marcheses bekräftigt: „Un quadro con una figura intiegra di David che tiene la testa del gigante Golia dipinto in tela alta palmi 9. larga 6.½ incirca [di mano d’Artemisia Gentileschi“ [Ein Gemälde mit einem ganzfigurigen David, der den Kopf des Riesen Goliath in Händen hält, gemalt auf Leinwand, Höhe 9 Palmi, Breite circa 6½ (von der Hand Artemisia Gentileschis].

Man kennt zumindest ein weiteres Bild Artemisias des David mit dem Haupt Goliaths (siehe G. Papi, Un David e Golia di Artemisia Gentileschi, in: Nuovi Studi. Rivista di Arte Antica e Moderna, 1996, I, S. 157–160). Es unterscheidet sich jedoch von dem vorliegenden Gemälde insofern, als der Kopf des Riesen auf dem Boden zu Davids Füßen platziert wurde und nicht, wie auf dem vorliegenden Bild, von David hochgehalten wird. Zudem war ein Gemälde in der Sammlung von Karl I. dokumentiert (siehe R. Ward Bissel, Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999, S. 361f., Kat.-Nr. L-21); ein weiteres wird im Inventar des Don Ferdinando d’Afflitto, Prinz von Scanno, Neapel, vom 29. April 1700 erwähnt (siehe Lattuada 2017, S. 193).

Das Gemälde in der Sammlung des Marchese Vincenzo Giustiniani war danach in den Inventarverzeichnissen des Principe Andrea Giustiniani (1667) und des Benedetto Giustiniani (1793) verzeichnet. Vincenzo Giustiniani (1759-1826) verkaufte ab 1804 einen Großteil seiner Sammlung, sodass das Gemälde wohl in diesem Zeitraum die Sammlung Giustiniani verließ.

22.10.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 400.000,- bis EUR 600.000,-

Artemisia Gentileschi


(Rom 1593–1654 Neapel)
David mit dem Haupt Goliaths,
Öl auf Leinwand, 203,5 x 152 cm, gerahmt

Provenienz:
vermutlich Werkstatt Artemisia Gentileschis, Neapel, 1631;
vermutlich Sammlung Marchese Vincenzo Giustiniani, Rom, 1638;
vermutlich Sammlung Principe Andrea Giustiniani, Rom, 1667;
vermutlich Sammlung Bendetto Giustiniani, Rom, 1793;
vermutlich Auktion, Finarte, Mailand, 11. Juni 2002, Lot 447 (als „Cesare Fracanzano zugeschrieben“, mit den Maßen 205 x 150 cm);
Privatsammlung, Neapel, 2013;
Privatsammlung, Mailand, 2013;
europäische Privatsammlung

Dokumentation:
Vermutlich das von Joachim von Sandrart anlässlich seines Besuchs 1631 im Atelier Artemisia Gentileschis in Neapel beschriebene Gemälde: „Nicht weniger Lob hat verdienet die tugendsame Artemisia Gentilesca, die mir, als ich ihr von ihrem Vatter, dem hochberühmten Horatio Gentilesco, meinem sonderbaren lieben Freund, einen Gruß gebracht, ihre schönen Kunstgemälde gezeigt und unter anderen einen sehr zierlichen David, Lebensgröße, der das abscheuliche Haupt des ungeheuren Goliaths in Händen hält, so neben vielen anderen Werken von ihrer Hand sehr vernünftig gemacht war“ (siehe J. von Sandrart, Teutsche Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey-Kunste, Nürnberg 1675–1679, hg. von A. L. Peltzer, München 1925, S. 290);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Marchese Vincenzo Giustiniani, 1638, ASR, Giustiniani, b. 16, f. 845v und f. 846r: „Un quadro con una figura intiegra di David che tiene la testa del gigante Golia dipinto in tela alta palmi 9. larga 6.½ incirca (di mano d’Artemisia Gentileschi) senza cornice“ (siehe S. Danesi Squarzina, La Collezione Giustiniani, Mailand 2003, Bd. I, S. 289, Nr. 68);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Principe Andrea Giustiniani, 1667, ASR, Giustiniani, b. 16, f. 639v: „n. 68. Un quadro con una figura intiera di David, che tiene la Testa del Gigante Golia dipinto in tela alto palmi 9. largo 6 ½ in circa di mano d’Artemisia Gentileschi con cornice“ (siehe ebd., Bd. II, S. 57, Nr. 162);
vermutlich das erwähnte Gemälde im posthum erstellten Inventar des Benedetto Giustiniani, 1793, ASR, Giustiniani, b. 133, f. ?: „173. Altro soprapporto di palmi 7.10. per alto rappresentante Davidde, Scuola di Michel’Angelo Caravaggio di buona mano, con Cornice come sopra“ (siehe ebd., Bd. II, S. 301, Nr. 173)

Vermutliche Literatur:
L. Salerno, The Picture Gallery of Vincenzo Giustiniani II: The Inventory: Part I, in: The Burlington Magazine, 1960, Bd. 102, Nr. 684, S. 96, Nr. 68;
R. Ward Bissel, Artemisia Gentileschi: A New Documented Chronology, in: The Art Bulletin, 1968, Bd. 50, Nr. 1, S. 165 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
C. Klemm, Joachim von Sandrart: Kunstwerke und Lebenslauf, Berlin 1986, S. 61;
M. D. Garrard, Artemisia Gentileschi: The Image of the Female Hero in Italian Baroque, Princeton 1989, S. 65f., S. 109, S. 503, Anm. 108 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
R. Ward Bissell, Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999, S. 362, Kat.-Nr. L-22 und S. 362, Kat.-Nr. L-23 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
R. Contini, Ritagli giustinianei, in: Caravaggio e i Giustiniani. Toccar con mano una collezione del Seicento, hg. von S. Danesi Squarzina, Ausstellungskatalog, Mailand 2001, S. 65f. (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis);
Y. Primarosa, Appendice II. Artemisia Gentileschi nelle collezioni europée (1612–1723), in: Artemisia Gentileschi, storia di una passione, hg. von R. Contini, F. Solinas, Ausstellungskatalog, Mailand 2011, S. 273;
D. Lutz, Artemisia Gentileschi: Leben und Werk, Stuttgart 2011, S. 108, S. 117 (ein verlorenes Werk Artemisia Gentileschis)

Literatur:
F. Solinas, in: Artemisia: la musa Clio e gli anni napoletani, Ausstellungskatalog, Pisa 2013, S. 46–49, Kat.-Nr. 4 (als Artemisia Gentileschi);
N. Spinosa, Grazia e tenerezza „in posa“. Bernardo Cavallino e il suo tempo: 1616–1656, Rom 2013, S. 47, Anm. 49, S. 62, Abb. 47 (als Artemisia Gentileschi);
J. M. Locker, Artemisia Gentileschi: the Language of Painting, London 2015, S. 167, ohne Abb. (als Artemisia Gentileschi);
N. Spinosa, Artemisia e Napoli, in: Artemisia Gentileschi e il suo tempo, Ausstellungskatalog, Rom 2016, S. 55, ohne Abb.;
R. Lattuada, Unknown Paintings by Artemisia in Naples, and New Points Regarding Her Daily Life and Bottega, in: Artemisia Gentileschi in a Changing Light, London/Turnhout 2017, S. 193, S. 194f., Abb. 14, 15 (als Artemisia Gentileschi)

Ausgestellt:
Pisa, Palazzo Blu, Artemisia: la musa Clio e gli anni napoletani, 23. März – 30. Juni 2013, S. 46–49, Kat.-Nr. 4 (als Artemisia Gentileschi)

Artemisias David ist ein dunkelhaariger Jüngling, der dem Betrachter geradewegs ins Gesicht blickt und ihm das abgetrennte Haupt des gewalttätigen Riesen der Philister entgegenstreckt. David ist am Fuß einer Säule sitzend dargestellt, möglicherweise die Kulisse eines kirchlichen Bauwerks, als Zeichen der Rechtfertigung seines Tötungsakts. David scheint mit dem Betrachter in einen Dialog zu treten, während er mit der Rechten den gigantischen Schädel Goliaths aufhebt, der auf der Stirn von einem Stein getroffen wurde, abgeschossen mit der Schleuder, die unten liegt ist. Der Hirtenjunge tritt durch die meisterhafte und bühnengerechte Inszenierung von Licht und Schatten nahezu statuenhaft hervor. Der dunkle Hintergrund vermittelt eine dramatische Atmosphäre. Die Darstellung des Riesenkopfes und des juwelenbesetzten Schwertgriffs tragen eine technische Fertigkeit zur Schau, die das Ausschöpfen der Grau- und Brauntöne unterstreicht.

Eine frühere Komposition, die Artemisia angeregt haben mag, ist der David Domenico Fettis in der Dresdener Gemäldegalerie (siehe Abb. 2). Von diesem Werk scheint Artemisia die Grundhaltung, die gebirgige Landschaft, die Platzierung von Goliaths Haupt und Davids Art der Kleidung übernommen zu haben. Entweder kannte Artemisia das Original Fettis, das 1614/1615 entstanden war, oder eine von mehreren Kopien (siehe E. Safarik, Fetti, Mailand 1990, S. 44–47, Kat.-Nr. 7).

Das vorliegende Gemälde verrät eine Affinität sowohl zum internationalen Caravaggismus des David von Nicolas Régnier (1588 – um 1667) im Musée des Beaux-Arts in Dijon (siehe Abb. 1) als auch zum David des Barockmalers Giovanni Lanfranco in der Fondazione Roberto Longhi, Florenz (siehe Abb. 3).

Gewalt ist ein Thema, mit dem sich Artemisia immer wieder auseinandersetzte: Blutrünstige Darstellungen, häufig brutale, der Antike oder Religionsgeschichte entnommene Episoden, ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Schaffen. Das vorliegende Beispiel reiht sich neben Bilder wie die berühmte Judith mit dem Haupt des Holofernes im Museo di Capodimonte in Neapel (Inv.-Nr. Q378), Judith mit Abra in den Uffizien (Inv.-Nr. 1912 n. 398), Medea in einer Privatsammlung und Jaël und Sisera in Budapest (Inv.-Nr. 75.11). Obschon die von Agostino Tassi 1611 verübte Vergewaltigung eine Erklärung für diese Bilder der Gewalt sein mag, ist auch in Betracht zu ziehen, dass die damaligen Auftraggeber der Malerin Bildthemen dieser Art besonders schätzten.

Provenienz:

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es sich höchstwahrscheinlich um das von Joachim von Sandrart (1606–1688) 1631 in Artemisias Atelier in Neapel gesehene und beschriebene Bild: „Nicht weniger Lob hat verdienet die tugendsame Artemisia Gentilesca, die mir, als ich ihr von ihrem Vatter, dem hochberühmten Horatio Gentilesco, meinem sonderbaren lieben Freund, einen Gruß gebracht, ihre schönen Kunstgemälde gezeigt und unter anderen einen sehr zierlichen David, Lebensgröße, der das abscheuliche Haupt des ungeheuren Goliaths in Händen hält, so neben vielen anderen Werken von ihrer Hand sehr vernünftig gemacht war“ (siehe Dokumentation).

Ein Gemälde desselben Themas mit identischen Maßen und gleichem Darstellungsinhalt wird später im Inventar vom Februar/März 1638 des Marchese Vincenzo Giustiniani (1564–1637) beschrieben.

Sandrart war ab 1632 Kustos der Sammlung Giustinani, als er in den Palast der Familie in Rom einzog (siehe S. Ebert-Schifferer, „Naturalezza e ‘maniera antica“. Joachim von Sandrart disegnatore dall’Antico, in: Caravaggio e I Giustiniani. Toccar con mano una collezione del Seicento, hg. von S. Danesi Squarzina, Ausstellungskatalog, Mailand 2001, S. 57).

Vermutlich reiste Sandrart nach Neapel, um Gemälde für die Sammlung der römischen Aristokraten zu erwerben: Tatsächlich zog bereits Klemm 1986 in Erwägung (siehe Literatur), dass das Bild, das Sandrart in Artemisias Atelier gesehen hatte, jenes war, das in der Sammlung des Marchese Vincenzo Giustiniani dokumentiert ist. Diese Vermutung wird von der Beschreibung des Gemäldes im Inventar des Marcheses bekräftigt: „Un quadro con una figura intiegra di David che tiene la testa del gigante Golia dipinto in tela alta palmi 9. larga 6.½ incirca [di mano d’Artemisia Gentileschi“ [Ein Gemälde mit einem ganzfigurigen David, der den Kopf des Riesen Goliath in Händen hält, gemalt auf Leinwand, Höhe 9 Palmi, Breite circa 6½ (von der Hand Artemisia Gentileschis].

Man kennt zumindest ein weiteres Bild Artemisias des David mit dem Haupt Goliaths (siehe G. Papi, Un David e Golia di Artemisia Gentileschi, in: Nuovi Studi. Rivista di Arte Antica e Moderna, 1996, I, S. 157–160). Es unterscheidet sich jedoch von dem vorliegenden Gemälde insofern, als der Kopf des Riesen auf dem Boden zu Davids Füßen platziert wurde und nicht, wie auf dem vorliegenden Bild, von David hochgehalten wird. Zudem war ein Gemälde in der Sammlung von Karl I. dokumentiert (siehe R. Ward Bissel, Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999, S. 361f., Kat.-Nr. L-21); ein weiteres wird im Inventar des Don Ferdinando d’Afflitto, Prinz von Scanno, Neapel, vom 29. April 1700 erwähnt (siehe Lattuada 2017, S. 193).

Das Gemälde in der Sammlung des Marchese Vincenzo Giustiniani war danach in den Inventarverzeichnissen des Principe Andrea Giustiniani (1667) und des Benedetto Giustiniani (1793) verzeichnet. Vincenzo Giustiniani (1759-1826) verkaufte ab 1804 einen Großteil seiner Sammlung, sodass das Gemälde wohl in diesem Zeitraum die Sammlung Giustiniani verließ.


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Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019