Lot Nr. 72 -


Benedetto Luti und Werkstatt


(Florenz 1666–1724 Rom)
nach Artemisia Gentileschi
Susanna und die beiden Alten,
Öl auf Leinwand, 170 x 116 cm, gerahmt

Provenienz:
beauftragt durch Benedetto Luti für Johann Alberich Bauer von Heppenstein, Hofbeamter bei Lothar Franz von Schönborn;
Kunsthandel, Deutschland;
europäische Privatsammlung

Literatur:
R. Maffeis, L’importanza di firmarsi Artemisia. Su una „Susanna“ della Gentileschi nella collezione di Benedetto Luti, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, 3, 2017, S. 389–407, Abb. 2

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es ich um die einzige bekannte Kopie eines Bildes auf Leinwand von gleichem Bildinhalt und gleichen Maßen der jungen Artemisia Gentileschi aus dem Jahr 1610, das heute in der Sammlung Graf Schönborn in Schloss Weißenstein bei Pommersfelden aufbewahrt wird.

Das hier besprochene Gemälde ist aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit dem Gemälde nach dem in der Sammlung des Künstlers befindlichen Original, dessen Ausführung der Florentiner Maler Benedetto Luti im Sommer 1714 seiner Werkstatt übergab. Der vielseitig talentierte Luti war nicht nur selbst ein berühmter Maler, sondern auch Kunsthändler, Kenner und Sammler. Damals, am Höhepunkt seiner Laufbahn, war es sein Ziel, in den Ritterstand erhoben zu werden, was sein Mäzen und Schutzherr Lothar Franz von Schönborn, Erzbischof von Mainz, beim Kaiser in Anerkennung seiner künstlerischen Verdienste für ihn erwirken sollte. Luti beschloss daher, dem Erzbischof ein Bild Artemisias zu schenken, wissend, dass sein Mäzen eine Vorliebe für weibliche Aktdarstellungen hatte, solange der Anstand gewahrt blieb.

Aus einer Reihe von Briefen Lutis an Schönborns Hofbeamten Johann Alberich Bauer von Heppenstein (siehe Literatur) geht hervor, dass der Künstler eine Kopie von Artemisias Gemäldes in Auftrag gegeben hatte, um seine Meinung hinsichtlich der Eignung des Werks einzuholen, dessen Original als Geschenk für den Erzbischof bestimmt war. Die Antwort fiel positiv aus, und das Original wurde ins Schloss geschickt, wo es sich noch heute befindet; die Kopie verblieb als Geschenk bei dem Hofbeamten. Luti hingegen empfing 1715 das mit Diamanten besetzte Kreuz als Zeichen der ihm zuteil gewordenen Ehre.

Der Grund, warum Luti beschlossen hatte, vorab eine Kopie des Bildes Susanna und die beiden Alten zu schicken, erklärt der Künstler selbst in den oben erwähnten Briefen: Das Original wäre aufgrund der dicken, steifen Malschichten, was ein Einrollen der Leinwand ohne Beschädigung unmöglich machte, schwierig zu transportieren. Rodolfo Maffeis (siehe Literatur) geht jedoch davon aus, dass sich Luti angesichts der unverhohlenen Erotik der Szene nicht ganz sicher war, den Geschmack seines Mäzens zu treffen; er fürchtete, diesen zu beleidigen. Er hielt es daher für notwendig, zuvor die Zustimmung Heppensteins einzuholen, nicht so sehr wegen Lutis Unsicherheit hinsichtlich der Qualität des Gemäldes, sondern vielmehr wegen der Angemessenheit des Geschenks.

Luti war mit der Ausführung von Kopien nach berühmten Gemälden vertraut. Er vertraute solche Arbeiten seiner Werkstatt an, kam aber von Zeit zu Zeit vorbei, um den Werken eigenhändig den letzten Schliff zu geben und die finalen Arbeiten durchzuführen. Es ist laut Maffeis (siehe Literatur) daher nicht auszuschließen, dass das Gemälde zum Teil unter Mitwirkung Lutis entstanden ist, obwohl dieser in seinen Briefen an Heppenstein angab, dass er es hatte „machen lassen“ [„fatto fare“].

Das vorliegende Gemälde ist eine getreue Nachbildung des Originals und in der Beschreibung der Details überaus sorgfältig ausgeführt, wobei die Farben hier etwas zarter erscheinen. Es unterscheidet sich vom Original nur durch das Fehlen von Signatur und Datierung, die dort auf der Stufe links unten angebracht sind. Merkwürdigerweise gab Luti das Bild der Susanna und den beiden Alten, welches er Schönborn zum Geschenk machen wollte, bei seiner Beschreibung nicht als Werk Artemisias, sondern als Arbeit ihres Vaters Orazio Gentileschis aus; als dessen Werk ist es auch im Inventarverzeichnis des Schlosses von 1719 verzeichnet (siehe Literatur). Raymond Ward Bissel (Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999 S. 10) unternahm den Versuch, die andere Zuschreibung mit dem Argument zu erklären, dass Luti die Malerin Artemisia gar nicht kannte, sondern nur ihren berühmteren Vater, wobei er auch erwog, dass die Signatur damals von einer Malschicht überdeckt war. Maffeis (siehe Literatur) hat beide Vermutungen ausgeschlossen und ist stattdessen der Auffassung, dass Luti selbst die Signatur auf dem Original verborgen hatte – die später dank einer Restaurierung im 19. Jahrhundert wieder auftauchte –, um es als Werk Orazio Gentileschis auszugeben. Die Zuschreibung an eine Künstlerin hätte das Bild in Verbindung mit dem Thema vermutlich noch provokanter gemacht, sodass es als Geschenk für Schönborn gänzlich ungeeignet gewesen wäre.

22.10.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 80.000,- bis EUR 120.000,-

Benedetto Luti und Werkstatt


(Florenz 1666–1724 Rom)
nach Artemisia Gentileschi
Susanna und die beiden Alten,
Öl auf Leinwand, 170 x 116 cm, gerahmt

Provenienz:
beauftragt durch Benedetto Luti für Johann Alberich Bauer von Heppenstein, Hofbeamter bei Lothar Franz von Schönborn;
Kunsthandel, Deutschland;
europäische Privatsammlung

Literatur:
R. Maffeis, L’importanza di firmarsi Artemisia. Su una „Susanna“ della Gentileschi nella collezione di Benedetto Luti, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Instituts in Florenz, 3, 2017, S. 389–407, Abb. 2

Bei dem vorliegenden Gemälde handelt es ich um die einzige bekannte Kopie eines Bildes auf Leinwand von gleichem Bildinhalt und gleichen Maßen der jungen Artemisia Gentileschi aus dem Jahr 1610, das heute in der Sammlung Graf Schönborn in Schloss Weißenstein bei Pommersfelden aufbewahrt wird.

Das hier besprochene Gemälde ist aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit dem Gemälde nach dem in der Sammlung des Künstlers befindlichen Original, dessen Ausführung der Florentiner Maler Benedetto Luti im Sommer 1714 seiner Werkstatt übergab. Der vielseitig talentierte Luti war nicht nur selbst ein berühmter Maler, sondern auch Kunsthändler, Kenner und Sammler. Damals, am Höhepunkt seiner Laufbahn, war es sein Ziel, in den Ritterstand erhoben zu werden, was sein Mäzen und Schutzherr Lothar Franz von Schönborn, Erzbischof von Mainz, beim Kaiser in Anerkennung seiner künstlerischen Verdienste für ihn erwirken sollte. Luti beschloss daher, dem Erzbischof ein Bild Artemisias zu schenken, wissend, dass sein Mäzen eine Vorliebe für weibliche Aktdarstellungen hatte, solange der Anstand gewahrt blieb.

Aus einer Reihe von Briefen Lutis an Schönborns Hofbeamten Johann Alberich Bauer von Heppenstein (siehe Literatur) geht hervor, dass der Künstler eine Kopie von Artemisias Gemäldes in Auftrag gegeben hatte, um seine Meinung hinsichtlich der Eignung des Werks einzuholen, dessen Original als Geschenk für den Erzbischof bestimmt war. Die Antwort fiel positiv aus, und das Original wurde ins Schloss geschickt, wo es sich noch heute befindet; die Kopie verblieb als Geschenk bei dem Hofbeamten. Luti hingegen empfing 1715 das mit Diamanten besetzte Kreuz als Zeichen der ihm zuteil gewordenen Ehre.

Der Grund, warum Luti beschlossen hatte, vorab eine Kopie des Bildes Susanna und die beiden Alten zu schicken, erklärt der Künstler selbst in den oben erwähnten Briefen: Das Original wäre aufgrund der dicken, steifen Malschichten, was ein Einrollen der Leinwand ohne Beschädigung unmöglich machte, schwierig zu transportieren. Rodolfo Maffeis (siehe Literatur) geht jedoch davon aus, dass sich Luti angesichts der unverhohlenen Erotik der Szene nicht ganz sicher war, den Geschmack seines Mäzens zu treffen; er fürchtete, diesen zu beleidigen. Er hielt es daher für notwendig, zuvor die Zustimmung Heppensteins einzuholen, nicht so sehr wegen Lutis Unsicherheit hinsichtlich der Qualität des Gemäldes, sondern vielmehr wegen der Angemessenheit des Geschenks.

Luti war mit der Ausführung von Kopien nach berühmten Gemälden vertraut. Er vertraute solche Arbeiten seiner Werkstatt an, kam aber von Zeit zu Zeit vorbei, um den Werken eigenhändig den letzten Schliff zu geben und die finalen Arbeiten durchzuführen. Es ist laut Maffeis (siehe Literatur) daher nicht auszuschließen, dass das Gemälde zum Teil unter Mitwirkung Lutis entstanden ist, obwohl dieser in seinen Briefen an Heppenstein angab, dass er es hatte „machen lassen“ [„fatto fare“].

Das vorliegende Gemälde ist eine getreue Nachbildung des Originals und in der Beschreibung der Details überaus sorgfältig ausgeführt, wobei die Farben hier etwas zarter erscheinen. Es unterscheidet sich vom Original nur durch das Fehlen von Signatur und Datierung, die dort auf der Stufe links unten angebracht sind. Merkwürdigerweise gab Luti das Bild der Susanna und den beiden Alten, welches er Schönborn zum Geschenk machen wollte, bei seiner Beschreibung nicht als Werk Artemisias, sondern als Arbeit ihres Vaters Orazio Gentileschis aus; als dessen Werk ist es auch im Inventarverzeichnis des Schlosses von 1719 verzeichnet (siehe Literatur). Raymond Ward Bissel (Artemisia Gentileschi and the Authority of Art: Critical Reading and Catalogue Raisonné, University Park 1999 S. 10) unternahm den Versuch, die andere Zuschreibung mit dem Argument zu erklären, dass Luti die Malerin Artemisia gar nicht kannte, sondern nur ihren berühmteren Vater, wobei er auch erwog, dass die Signatur damals von einer Malschicht überdeckt war. Maffeis (siehe Literatur) hat beide Vermutungen ausgeschlossen und ist stattdessen der Auffassung, dass Luti selbst die Signatur auf dem Original verborgen hatte – die später dank einer Restaurierung im 19. Jahrhundert wieder auftauchte –, um es als Werk Orazio Gentileschis auszugeben. Die Zuschreibung an eine Künstlerin hätte das Bild in Verbindung mit dem Thema vermutlich noch provokanter gemacht, sodass es als Geschenk für Schönborn gänzlich ungeeignet gewesen wäre.


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Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019