Lot Nr. 91


Alessandro Turchi, gen. L’Orbetto


(Verona 1578–1649 Rom)
Der Tod der Kleopatra,
Öl auf Leinwand, 132 x 99 cm, gerahmt

Rückseitig Inventarnummer „D. 44“ und Wachssiegel mit Kardinalswappen auf dem Keilrahmen.

Provenienz:
vermutlich Kardinal Luigi Alessandro Omodei (1608–1685) oder Kardinal Luigi Omodei (1657–1706) (lt. Wachssiegel auf dem Keilrahmen);
Kunsthandel Vincenzo Costantini, Rom;
Privatsammlung, Rom, seit 1982

Ausgestellt:
Verona, Museo di Castelvecchio, Alessandro Turchi detto l’Orbetto: 1578–1649, 18. September – 19. Dezember 1999, S. 180f., Kat.-Nr. 52 (als Alessandro Turchi)

Literatur:
M. Pulini, Il naturalismo temperato di Alessandro Turchi, in: Studi di Storia dell’Arte, 1996, Bd. 7, S. 170, S. 192, mit Abb. 32 (als Alessandro Turchi);
D. Scaglietti Kelescian, in: Alessandro Turchi detto l’Orbetto: 1578–1649, Mailand 1999, S. 180f., Kat.-Nr. 52 (als Alessandro Turchi);
C. Michaelides, A New Proposed Attribution for the Saint Cecilia in Dulwich, in: The Art Tribune, Online-Magazin, 2012, www.thearttribune.com/A-New-Proposed-Attribution-for-the.html (als Alessandro Turchi), Zugriff: 17. September 2019

Das vorliegende Gemälde zeigt die von einer Viper gebissene Kleopatra im Todeskampf auf einem goldenen Stuhl sitzend. Sie trägt keine Krone, ist aber kunstvoll frisiert und hat ein Schmuckstück im Haar. Sie trägt Ohrringe mit Perlen, die sie, dem Mythos zufolge, in Essig löste und trank, damit ihre Haut heller wurde.

Der Tod der Kleopatra ist ein dramatisches Thema, und Alessandro Turchi hat es als Gelegenheit aufgegriffen, sich der Darstellung weiblicher Schönheit und Sinnlichkeit zu widmen. Das emotionale Pathos des Gemäldes wird vom tragischen Schicksal der in ihrer Einsamkeit festgehaltenen Kleopatra betont. Sie ist mit ihrem Drama allein, und der Vorhang hinter ihr unterstreicht den intimen, privaten Charakter der Szene. Das Gemälde ist ein Beispiel des dramatischen Stils, und Scaglietti Kelescian datiert das Werk in das Jahr 1640, in dem Alessandro Turchi an mehreren Bildern für den Marchese Gherardini in Verona arbeitete (siehe Literatur).

Eines der eindringlichsten Merkmale des Gemäldes ist der Reichtum seiner Rot-, Blau- und Gelbtöne in Verbindung mit dem Grün des Vorhangs. Die Farbpalette akzentuiert Drama und Gefühl der Komposition und setzt auf die Spannung des Themas. Die Werke Alessandro Turchis zeichnen sich durch ein an Veronese erinnerndes Kolorit aus. Die im vorliegenden Fall zu beobachtende Verwendung von Farbe ist für sein Schaffen kennzeichnend, wie Der Tod der Kleopatra und des Marcus Antonius im Musée du Louvre belegt (siehe Abb. 2). Dieses Werk zeugt vom Ruhm des Künstlers außerhalb Italiens. In der Sammlung Kardinal Richelieus fanden sich einige seiner Bilder, und für den Tod der Kleopatra und des Marcus Antonius erteilte ihm Louis Phélypeaux de La Vrillière den Auftrag für die Galerie des Hôtel de la Vrillière.

Die Behandlung der Draperien verweist auf späte Werke Alessandro Turchis wie auf Die heilige Cäcilia in einer Privatsammlung und vor allem auf Maria Magdalena, ein ebenfalls in einer Privatsammlung aufbewahrtes Bild (siehe Abb. 1). Diese Frauenfiguren haben etwas Feierliches, fast Klassisches, vermitteln aber auch ein Gefühl des Dramatischen. Pulini (siehe Literatur) meint, dass diese heroischen weiblichen „mezze figure“ in ihren Gesten eine emilianische Rhetorik und einen Geschmack aufweisen, wie sie für Guido Reni typisch sind. Der Dialog mit der bolognesischen Kunst hat Alessandro Turchi angeregt: Guido Renis Gemälde Cleopatra (1638/39), welches sich heute im Palazzo Pitti befindet (Inv.-Nr. 270) und einen sehr ähnlichen Zugang erkennen lässt, was die Komposition und deren Anlage angeht, entstand ebenfalls zu dieser Zeit. Eine weitere Quelle Turchis waren Werke aus Guercinos Periode klassizistischer Experimente wie etwa seine Kleopatra, die sich in einer Privatsammlung in Ferrara befindet. Die Werke Alessandro Turchis gründen auf dieser subtilen Synthese der vorherrschenden Momente künstlerischer Entwicklungen des 17. Jahrhunderts.

Alessandro Turchi wurde 1578 in Verona geboren und ließ sich schließlich 1614 in Rom nieder. Während seine frühen Werke an Veronese und manieristische lombardische Traditionen anknüpfen, zeigt sein Spätwerk den Einfluss der Schule von Bologna. 1637 wählte man ihn zum Principe der Accademia di San Luca in Rom, und 1638 wurde er in die Congregazione dei Virtuosi del Pantheon aufgenommen, was auf seine herausragende Stellung in römischen Künstlerkreisen verweist. Er hatte einige bedeutende Auftraggeber wie Kardinal Mazarin, Kardinal Richelieu und den Herzog Maximilian I. von Bayern.

Provenienz:
Möglicherweise wurde das vorliegende Gemälde von Kardinal Luigi Alessandro Omodei (1608–1685), Kardinal Luigi Omodei (1657–1706) oder einem anderen noch nicht identifizierten Kardinal in Auftrag gegeben oder war Teil der Sammlung eines der Genannten (siehe das Siegel mit dem Wappen am Keilrahmen).

Scaglietti Kelescian vermerkt, dass sich das Werk in der Sammlung Colonna in Rom befand und in deren Inventar aus dem Jahr 1679 als „un quadro simile (palmi 5 x 6) con Cleopatra moribonda opera di Alessandro Veronese“ angeführt wird (see Scaglietti Kelescian 1999). Diese Beschreibung im Inventar dürfte sich jedoch auf ein anderes Gemälde beziehen (siehe A. G. De Marchi, in: Galleria Colonna in Roma. Catalogo dei dipinti, hg. von P. Piergiovanni, Rom 2015, S. 112‒115, Kat.-Nr. 85).

22.10.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 150.000,- bis EUR 200.000,-

Alessandro Turchi, gen. L’Orbetto


(Verona 1578–1649 Rom)
Der Tod der Kleopatra,
Öl auf Leinwand, 132 x 99 cm, gerahmt

Rückseitig Inventarnummer „D. 44“ und Wachssiegel mit Kardinalswappen auf dem Keilrahmen.

Provenienz:
vermutlich Kardinal Luigi Alessandro Omodei (1608–1685) oder Kardinal Luigi Omodei (1657–1706) (lt. Wachssiegel auf dem Keilrahmen);
Kunsthandel Vincenzo Costantini, Rom;
Privatsammlung, Rom, seit 1982

Ausgestellt:
Verona, Museo di Castelvecchio, Alessandro Turchi detto l’Orbetto: 1578–1649, 18. September – 19. Dezember 1999, S. 180f., Kat.-Nr. 52 (als Alessandro Turchi)

Literatur:
M. Pulini, Il naturalismo temperato di Alessandro Turchi, in: Studi di Storia dell’Arte, 1996, Bd. 7, S. 170, S. 192, mit Abb. 32 (als Alessandro Turchi);
D. Scaglietti Kelescian, in: Alessandro Turchi detto l’Orbetto: 1578–1649, Mailand 1999, S. 180f., Kat.-Nr. 52 (als Alessandro Turchi);
C. Michaelides, A New Proposed Attribution for the Saint Cecilia in Dulwich, in: The Art Tribune, Online-Magazin, 2012, www.thearttribune.com/A-New-Proposed-Attribution-for-the.html (als Alessandro Turchi), Zugriff: 17. September 2019

Das vorliegende Gemälde zeigt die von einer Viper gebissene Kleopatra im Todeskampf auf einem goldenen Stuhl sitzend. Sie trägt keine Krone, ist aber kunstvoll frisiert und hat ein Schmuckstück im Haar. Sie trägt Ohrringe mit Perlen, die sie, dem Mythos zufolge, in Essig löste und trank, damit ihre Haut heller wurde.

Der Tod der Kleopatra ist ein dramatisches Thema, und Alessandro Turchi hat es als Gelegenheit aufgegriffen, sich der Darstellung weiblicher Schönheit und Sinnlichkeit zu widmen. Das emotionale Pathos des Gemäldes wird vom tragischen Schicksal der in ihrer Einsamkeit festgehaltenen Kleopatra betont. Sie ist mit ihrem Drama allein, und der Vorhang hinter ihr unterstreicht den intimen, privaten Charakter der Szene. Das Gemälde ist ein Beispiel des dramatischen Stils, und Scaglietti Kelescian datiert das Werk in das Jahr 1640, in dem Alessandro Turchi an mehreren Bildern für den Marchese Gherardini in Verona arbeitete (siehe Literatur).

Eines der eindringlichsten Merkmale des Gemäldes ist der Reichtum seiner Rot-, Blau- und Gelbtöne in Verbindung mit dem Grün des Vorhangs. Die Farbpalette akzentuiert Drama und Gefühl der Komposition und setzt auf die Spannung des Themas. Die Werke Alessandro Turchis zeichnen sich durch ein an Veronese erinnerndes Kolorit aus. Die im vorliegenden Fall zu beobachtende Verwendung von Farbe ist für sein Schaffen kennzeichnend, wie Der Tod der Kleopatra und des Marcus Antonius im Musée du Louvre belegt (siehe Abb. 2). Dieses Werk zeugt vom Ruhm des Künstlers außerhalb Italiens. In der Sammlung Kardinal Richelieus fanden sich einige seiner Bilder, und für den Tod der Kleopatra und des Marcus Antonius erteilte ihm Louis Phélypeaux de La Vrillière den Auftrag für die Galerie des Hôtel de la Vrillière.

Die Behandlung der Draperien verweist auf späte Werke Alessandro Turchis wie auf Die heilige Cäcilia in einer Privatsammlung und vor allem auf Maria Magdalena, ein ebenfalls in einer Privatsammlung aufbewahrtes Bild (siehe Abb. 1). Diese Frauenfiguren haben etwas Feierliches, fast Klassisches, vermitteln aber auch ein Gefühl des Dramatischen. Pulini (siehe Literatur) meint, dass diese heroischen weiblichen „mezze figure“ in ihren Gesten eine emilianische Rhetorik und einen Geschmack aufweisen, wie sie für Guido Reni typisch sind. Der Dialog mit der bolognesischen Kunst hat Alessandro Turchi angeregt: Guido Renis Gemälde Cleopatra (1638/39), welches sich heute im Palazzo Pitti befindet (Inv.-Nr. 270) und einen sehr ähnlichen Zugang erkennen lässt, was die Komposition und deren Anlage angeht, entstand ebenfalls zu dieser Zeit. Eine weitere Quelle Turchis waren Werke aus Guercinos Periode klassizistischer Experimente wie etwa seine Kleopatra, die sich in einer Privatsammlung in Ferrara befindet. Die Werke Alessandro Turchis gründen auf dieser subtilen Synthese der vorherrschenden Momente künstlerischer Entwicklungen des 17. Jahrhunderts.

Alessandro Turchi wurde 1578 in Verona geboren und ließ sich schließlich 1614 in Rom nieder. Während seine frühen Werke an Veronese und manieristische lombardische Traditionen anknüpfen, zeigt sein Spätwerk den Einfluss der Schule von Bologna. 1637 wählte man ihn zum Principe der Accademia di San Luca in Rom, und 1638 wurde er in die Congregazione dei Virtuosi del Pantheon aufgenommen, was auf seine herausragende Stellung in römischen Künstlerkreisen verweist. Er hatte einige bedeutende Auftraggeber wie Kardinal Mazarin, Kardinal Richelieu und den Herzog Maximilian I. von Bayern.

Provenienz:
Möglicherweise wurde das vorliegende Gemälde von Kardinal Luigi Alessandro Omodei (1608–1685), Kardinal Luigi Omodei (1657–1706) oder einem anderen noch nicht identifizierten Kardinal in Auftrag gegeben oder war Teil der Sammlung eines der Genannten (siehe das Siegel mit dem Wappen am Keilrahmen).

Scaglietti Kelescian vermerkt, dass sich das Werk in der Sammlung Colonna in Rom befand und in deren Inventar aus dem Jahr 1679 als „un quadro simile (palmi 5 x 6) con Cleopatra moribonda opera di Alessandro Veronese“ angeführt wird (see Scaglietti Kelescian 1999). Diese Beschreibung im Inventar dürfte sich jedoch auf ein anderes Gemälde beziehen (siehe A. G. De Marchi, in: Galleria Colonna in Roma. Catalogo dei dipinti, hg. von P. Piergiovanni, Rom 2015, S. 112‒115, Kat.-Nr. 85).


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+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019