Lot Nr. 95


Massimo Stanzione


(Orta di Atella um 1585 – um 1656 Neapel)
Die heilige Agatha,
monogrammiert: EQ. MAX.,
Öl auf Leinwand, 51 x 37 cm, gerahmt

Provenienz:
europäische Privatsammlung

Wir danken Sebastian Schütze, der die Zuschreibung nach Prüfung des vorliegenden Gemäldes im Original bestätigt hat und eine Datierung Mitte der 1640er-Jahre vorschlägt.

Die vorliegende Darstellung der Heiligen Agatha gehört zu einer Gruppe von Bruststücken weiblicher Heiliger, wie sie im Neapel des 17. Jahrhunderts weit verbreitet waren. Beispiele sind etwa Stanziones in einer neapolitanischen Privatsammlung erhaltene Heilige Katharina von Alexandria oder die Heilige Agnes und die Heilige Apollonia im Pio Monte della Misericordia in Neapel (siehe S. Schütze, T. Willette, Massimo Stanzione: L’opera completa, Neapel 1992, S. 214, A59, Abb. 198f.).

Das strahlende Licht, in das die Heilige hier getaucht ist, verstärkt ihre Aura spiritueller Reinheit. Ihre blassen Wangen zeigen eine rosafarbene Rötung, während sie die rechte Hand zur blutenden linken Brust hebt. Zwischen ihren sich öffnenden Fingern ist ganz klar das Monogramm Massimo Stanziones zu erkennen: „EQ. MAX.“ Der Künstler war durch einen päpstlichen Erlass am 14. Mai 1621 geadelt worden, was für die Datierung des Gemäldes den Terminus post quem liefert. Das vorliegende Werk lässt sich mit der Marter der heiligen Agatha in der Sammlung Dupont in Mailand vergleichen. Bemerkenswert ist, dass das letztgenannte Gemälde ein dichtes Impasto zeigt, das stark an das Werk Caravaggios erinnert, und keinen Zweifel an der engen Beziehung des Künstlers zu den Arbeiten Riberas lässt (siehe S. Schütze/T. Willette 1992, S. 18), wohingegen das Licht im vorliegenden Fall deutlich weicher ist, die Pigmentschichten den Fleischtönen einen Elfenbeinschimmer verleihen und das subtile Spiel mit Licht und Schatten die Aufmerksamkeit auf Hals und Schultern lenkt. Die farbliche Orchestrierung ist hier zurückhaltender und dürfte dem Einfluss Simon Vouets und Artemisia Gentileschis geschuldet sein.

Der Wandel von Stanziones Stil erklärt sich aus den beiden Rom-Aufenthalten des Künstlers; der erste fällt in die Jahre 1617 und 1618, der zweite wahrscheinlich in die Zeit von 1625 bis 1630 (siehe De Dominici, Vite de’ pittori, scultori e architetti napoletani, 1742–1745, III, S. 49). In Rom wurde Stanzione von den damals in der Stadt tätigen Bologneser Künstlern, von Annibale Caracci, Giovanni Lanfranco und vor allem von Guido Reni, beeinflusst. Vor allem Reni verdankte Stanzione den zunehmenden Reichtum der Lichtwirkungen seiner Bildlösungen sowie die immer deutlicher sentimentale und weniger dramatische Art seiner Darstellung. Dieser stilistische Wandel sollte ihm den Beinamen „Guido napoletano“ einbringen, den der berühmte flämische Kunsthändler Gaspare Roomer für ihn prägte (siehe De Dominici 1742–1745, S. 58). Das vorliegende Gemälde lässt sich stilistisch mit der Heiligen Agatha im Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona sowie der Heiligen Dorothea in der Sammlung Herlitzka in Buenos Aires vergleichen.

Massimo Stanzione malte in erster Linie Altarbilder und Fresken. Sein bedeutendes Schaffen sowie seine Schüler und Nachahmer machten ihn wohl zum führenden neapolitanischen Maler der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er galt als großer Gegenspieler Jusepe de Riberas, und einen Gutteil der 1630er- und 1640er-Jahre beherrschten er und Ribera die Malerei in Neapel. Stanziones reiche Farbgebung und sein idealisierter Naturalismus prägten zweifellos zahlreiche lokale Künstler und fanden noch in den 1670er-Jahren in den frühen Werken Francesco Solimenas ihren Widerhall.

Eine Reihe wichtiger Künstler wie Agostino Beltrano, Pacecco De Rosa, Francesco Guarino, Giovanni Battista Spinelli und Bernardo Cavallino lernten in der Werkstatt Stanziones; das gilt auch für andere Maler wie Giovanni Ricca und Giuseppe Marullo. Stanziones großformatige Projekte betreffende Dokumente belegen, dass er dafür Helfer und Künstler aus seiner Werkstatt beschäftigte, wie das damals bei Künstlern seines Rangs üblich war.

Das vorliegende Werk ist ein bedeutendes Beispiel für ein kleines, ganz und gar eigenhändig ausgeführtes qualitätvolles Staffeleibild aus seinem Schaffen; es ist in der von ihm üblichen Art mit „EQ. MAX.“ (Eques Maximo) signiert. „Eques“ bezieht sich auf den Titel „Cavaliere“, den ihm Papst Gregor XV. in Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen verlieh.

22.10.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 60.000,- bis EUR 80.000,-

Massimo Stanzione


(Orta di Atella um 1585 – um 1656 Neapel)
Die heilige Agatha,
monogrammiert: EQ. MAX.,
Öl auf Leinwand, 51 x 37 cm, gerahmt

Provenienz:
europäische Privatsammlung

Wir danken Sebastian Schütze, der die Zuschreibung nach Prüfung des vorliegenden Gemäldes im Original bestätigt hat und eine Datierung Mitte der 1640er-Jahre vorschlägt.

Die vorliegende Darstellung der Heiligen Agatha gehört zu einer Gruppe von Bruststücken weiblicher Heiliger, wie sie im Neapel des 17. Jahrhunderts weit verbreitet waren. Beispiele sind etwa Stanziones in einer neapolitanischen Privatsammlung erhaltene Heilige Katharina von Alexandria oder die Heilige Agnes und die Heilige Apollonia im Pio Monte della Misericordia in Neapel (siehe S. Schütze, T. Willette, Massimo Stanzione: L’opera completa, Neapel 1992, S. 214, A59, Abb. 198f.).

Das strahlende Licht, in das die Heilige hier getaucht ist, verstärkt ihre Aura spiritueller Reinheit. Ihre blassen Wangen zeigen eine rosafarbene Rötung, während sie die rechte Hand zur blutenden linken Brust hebt. Zwischen ihren sich öffnenden Fingern ist ganz klar das Monogramm Massimo Stanziones zu erkennen: „EQ. MAX.“ Der Künstler war durch einen päpstlichen Erlass am 14. Mai 1621 geadelt worden, was für die Datierung des Gemäldes den Terminus post quem liefert. Das vorliegende Werk lässt sich mit der Marter der heiligen Agatha in der Sammlung Dupont in Mailand vergleichen. Bemerkenswert ist, dass das letztgenannte Gemälde ein dichtes Impasto zeigt, das stark an das Werk Caravaggios erinnert, und keinen Zweifel an der engen Beziehung des Künstlers zu den Arbeiten Riberas lässt (siehe S. Schütze/T. Willette 1992, S. 18), wohingegen das Licht im vorliegenden Fall deutlich weicher ist, die Pigmentschichten den Fleischtönen einen Elfenbeinschimmer verleihen und das subtile Spiel mit Licht und Schatten die Aufmerksamkeit auf Hals und Schultern lenkt. Die farbliche Orchestrierung ist hier zurückhaltender und dürfte dem Einfluss Simon Vouets und Artemisia Gentileschis geschuldet sein.

Der Wandel von Stanziones Stil erklärt sich aus den beiden Rom-Aufenthalten des Künstlers; der erste fällt in die Jahre 1617 und 1618, der zweite wahrscheinlich in die Zeit von 1625 bis 1630 (siehe De Dominici, Vite de’ pittori, scultori e architetti napoletani, 1742–1745, III, S. 49). In Rom wurde Stanzione von den damals in der Stadt tätigen Bologneser Künstlern, von Annibale Caracci, Giovanni Lanfranco und vor allem von Guido Reni, beeinflusst. Vor allem Reni verdankte Stanzione den zunehmenden Reichtum der Lichtwirkungen seiner Bildlösungen sowie die immer deutlicher sentimentale und weniger dramatische Art seiner Darstellung. Dieser stilistische Wandel sollte ihm den Beinamen „Guido napoletano“ einbringen, den der berühmte flämische Kunsthändler Gaspare Roomer für ihn prägte (siehe De Dominici 1742–1745, S. 58). Das vorliegende Gemälde lässt sich stilistisch mit der Heiligen Agatha im Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona sowie der Heiligen Dorothea in der Sammlung Herlitzka in Buenos Aires vergleichen.

Massimo Stanzione malte in erster Linie Altarbilder und Fresken. Sein bedeutendes Schaffen sowie seine Schüler und Nachahmer machten ihn wohl zum führenden neapolitanischen Maler der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er galt als großer Gegenspieler Jusepe de Riberas, und einen Gutteil der 1630er- und 1640er-Jahre beherrschten er und Ribera die Malerei in Neapel. Stanziones reiche Farbgebung und sein idealisierter Naturalismus prägten zweifellos zahlreiche lokale Künstler und fanden noch in den 1670er-Jahren in den frühen Werken Francesco Solimenas ihren Widerhall.

Eine Reihe wichtiger Künstler wie Agostino Beltrano, Pacecco De Rosa, Francesco Guarino, Giovanni Battista Spinelli und Bernardo Cavallino lernten in der Werkstatt Stanziones; das gilt auch für andere Maler wie Giovanni Ricca und Giuseppe Marullo. Stanziones großformatige Projekte betreffende Dokumente belegen, dass er dafür Helfer und Künstler aus seiner Werkstatt beschäftigte, wie das damals bei Künstlern seines Rangs üblich war.

Das vorliegende Werk ist ein bedeutendes Beispiel für ein kleines, ganz und gar eigenhändig ausgeführtes qualitätvolles Staffeleibild aus seinem Schaffen; es ist in der von ihm üblichen Art mit „EQ. MAX.“ (Eques Maximo) signiert. „Eques“ bezieht sich auf den Titel „Cavaliere“, den ihm Papst Gregor XV. in Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen verlieh.


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Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019