Lot Nr. 104


Maestro degli Armenti


(tätig in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts)
Kinder beim Spiel mit zwei Katzen und einer Maus,
Öl auf Leinwand, 145,5 x 195 cm, gerahmt

Provenienz:
europäische Privatsammlung

Wir danken Gianni Papi, der die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes auf Grundlage einer hochaufgelösten Digitalfotografie vorgeschlagen hat, für seine Hilfe bei der Katalogisierung des Lots.

Das vorliegende Werk ist ein wichtiges Beispiel für das Schaffen dieses noch nicht identifizierten Künstlers, dem Papi den Notnamen „Maestro degli Armenti“, „Meister der Herden“, gegeben hat (siehe G. Papi, Il Maestro di Baranello, fra Salini e Napoli, in: Bulletin de l’association des historiens de l’Art italien, 17, 2011, S. 10–23).

Das Œuvre des Künstlers hat sich aus dem umfassenden vormals Tommaso Salini zugeschriebenen Werkkomplex herauslösen lassen. Auch Franco Paliaga hat versucht, die ehedem mit Salini verbundenen unterschiedlichen Handschriften zu identifizieren (siehe F. Paliaga, Sui dipinti di genere con animali vivi attribuiti a Tommaso Salini, in: P. Carofano, Atti delle Giornate di Studi sul Caravaggismo e il Naturalismo nella Toscana del Seicento, Pontedera 2009, S. 117–144). Seine Untersuchungen konzentrierten sich auf Werke mit der vorliegenden Komposition ähnlichen Lösungen, deren Schöpfer er als „Pseudo-Salini“ bezeichnete.

In einem 2011 erschienenen Aufsatz, der die unter dem Namen Salini zusammengefassten unterschiedlichen künstlerischen Identitäten voneinander zu trennen versuchte, widmete sich Papi vor allem verschiedene Figuren darstellenden Bildern sowohl religiösen als auch weltlichen Inhalts, die er alle einem bestimmten Meister zuordnete, den er auf der Grundlage von Vergleichen mit der im Museo di Baranello aufbewahrten Ecce-Homo-Darstellung, nach der die Gruppe benannt ist, als „Meister von Baranello“ identifizierte. Bei dieser Gelegenheit setzte er sich auch mit dem Salini zugeschriebenen Komplex von Werken auseinander und gruppierte diesen neu; einige Arbeiten ordnete er dem sogenannten „Meister des Almosens der heiligen Lucia“ zu (der stilistisch Azzolino sehr nahesteht und daher wahrscheinlich ein Neapolitaner war). Eine spätere, 2016 vorgelegte Studie Papis differenzierte die Salini-Gruppe noch weiter, was mit der Identifizierung eines „Meisters der Lampronti-Geißelung“ einherging (siehe G. Papi, Il Maestro della Flagellazione Lampronti, in Entro l’aria bruna d’una camera rinchiusa. Scritti su Caravaggio e l’ambiente caravaggesco, Neapel 2016, S. 211–227).

In seinem 2011 erschienenen Artikel erwähnte Papi auch kurz eine Reihe von Gemälden, die Bauern und Hirten mit Tieren darstellen (diese Gruppe pastoraler Bilder war genau jene, zu der sich Paliaga zwei Jahre zuvor geäußert hatte). Da man der Ansicht war, dass sich hinter der Bezeichnung „Pseudo-Salini“ nicht nur eine künstlerische Handschrift verbarg, wurde der Notname „Meister der Herden“ geprägt. Dieser Name ist vor allem einem Gemälde geschuldet, das einen Hirten mit Schafen und Ziegen zeigt, welches von Viktoria Markova als Werk Salinis publiziert worden war (siehe V. Markova, Alcune nuove proposte per Tommaso Salini, in: Paragone, 475, 1989, S. 26–41).

Stilistisch gesehen stellen diese Werkgruppen noch immer ein komplexes Problem dar, das aktuelle Studien erst zu lösen im Begriff sind. Es bleibt wahrscheinlich, dass sich innerhalb der dem „Meister der Herden“ zugeschriebenen Werkgruppe (von denen Paliaga die meisten als Werke des „Pseudo-Salini“ vorgestellt hat) mehrere Handschriften ausmachen lassen. Zudem dürfte die Produktion dieser Werke eine beträchtliche, mehr als eine Generation von Malern umspannende Zeit in Anspruch genommen haben. Da Salini 1625 starb, liegt auf der Hand, dass nicht alle diese Werke früher entstanden sein können.

Das hier besprochene Bild gehört zu einer Untergruppe des dem „Meister der Herden“ zugeschriebenen umfassenderen Werkkomplexes. Die Gruppe umfasst Genrebilder, die vor allem meist mit Haustieren spielende Kinder zeigen. Beispielhaft für diese Serie sind die Werke Köchin mit Kupfergeräten, einem kleinen Mädchen und einem angeketteten Affen, die sich 1967 im Besitz der Lasson Gallery in London befand, Landsmann einem Affen einen Spiegel vorhaltend (Privatsammlung) sowie drei weitere Gemälde, die sich dem Thema Kastanien-aus-dem-Feuer-Holen widmen: Eines, Mit einem Affen, einer Katze und einer Gans spielende Kinder (auch als Kastanien-aus-dem-Feuer-Holen bezeichnet), wurde seinerzeit von Colnaghi angeboten; eines der beiden anderen kam bei Christie’s in New York zur Versteigerung (26. Jänner 2011, Lot 157, als „Salini zugeschrieben“).

Laut Papi zählt das zur Diskussion stehende Gemälde zu den qualitätsvollsten der Gruppe; stilistisch ist es den spielenden Kindern und Jugendlichen gewidmeten Arbeiten verbunden. Das gilt ‒ aufgrund der offensichtlichen Entsprechungen in der Darstellung der Gewänder und Physiognomien der Figuren ‒ besonders für das Werk Mit einer Katze und einer Maus spielende Kinder in der Sammlung Drury-Lowe, Locko Park, das Markova 1989 als Leistung Salinis publizierte (siehe Markova 1989, S. 26–41). Dem vorliegenden Werk stehen auch zwei weitere Gemälde nahe: Schere, Stein, Papier spielende Jugendliche (Privatsammlung) und Karten spielende Jugendliche mit zwei Hunden und einem großen Bäckerkorb, ein Bild, das am 3. Dezember 2008 bei Christie’s in London als aus dem Kreis Tommaso Salinis stammend versteigert wurde. Das vorliegende Gemälde, eines der bedeutendsten dieser Werke, dürfte Mitte des 17. Jahrhunderts oder etwas später entstanden sein.

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 125.300,-
Schätzwert:
EUR 80.000,- bis EUR 120.000,-

Maestro degli Armenti


(tätig in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts)
Kinder beim Spiel mit zwei Katzen und einer Maus,
Öl auf Leinwand, 145,5 x 195 cm, gerahmt

Provenienz:
europäische Privatsammlung

Wir danken Gianni Papi, der die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes auf Grundlage einer hochaufgelösten Digitalfotografie vorgeschlagen hat, für seine Hilfe bei der Katalogisierung des Lots.

Das vorliegende Werk ist ein wichtiges Beispiel für das Schaffen dieses noch nicht identifizierten Künstlers, dem Papi den Notnamen „Maestro degli Armenti“, „Meister der Herden“, gegeben hat (siehe G. Papi, Il Maestro di Baranello, fra Salini e Napoli, in: Bulletin de l’association des historiens de l’Art italien, 17, 2011, S. 10–23).

Das Œuvre des Künstlers hat sich aus dem umfassenden vormals Tommaso Salini zugeschriebenen Werkkomplex herauslösen lassen. Auch Franco Paliaga hat versucht, die ehedem mit Salini verbundenen unterschiedlichen Handschriften zu identifizieren (siehe F. Paliaga, Sui dipinti di genere con animali vivi attribuiti a Tommaso Salini, in: P. Carofano, Atti delle Giornate di Studi sul Caravaggismo e il Naturalismo nella Toscana del Seicento, Pontedera 2009, S. 117–144). Seine Untersuchungen konzentrierten sich auf Werke mit der vorliegenden Komposition ähnlichen Lösungen, deren Schöpfer er als „Pseudo-Salini“ bezeichnete.

In einem 2011 erschienenen Aufsatz, der die unter dem Namen Salini zusammengefassten unterschiedlichen künstlerischen Identitäten voneinander zu trennen versuchte, widmete sich Papi vor allem verschiedene Figuren darstellenden Bildern sowohl religiösen als auch weltlichen Inhalts, die er alle einem bestimmten Meister zuordnete, den er auf der Grundlage von Vergleichen mit der im Museo di Baranello aufbewahrten Ecce-Homo-Darstellung, nach der die Gruppe benannt ist, als „Meister von Baranello“ identifizierte. Bei dieser Gelegenheit setzte er sich auch mit dem Salini zugeschriebenen Komplex von Werken auseinander und gruppierte diesen neu; einige Arbeiten ordnete er dem sogenannten „Meister des Almosens der heiligen Lucia“ zu (der stilistisch Azzolino sehr nahesteht und daher wahrscheinlich ein Neapolitaner war). Eine spätere, 2016 vorgelegte Studie Papis differenzierte die Salini-Gruppe noch weiter, was mit der Identifizierung eines „Meisters der Lampronti-Geißelung“ einherging (siehe G. Papi, Il Maestro della Flagellazione Lampronti, in Entro l’aria bruna d’una camera rinchiusa. Scritti su Caravaggio e l’ambiente caravaggesco, Neapel 2016, S. 211–227).

In seinem 2011 erschienenen Artikel erwähnte Papi auch kurz eine Reihe von Gemälden, die Bauern und Hirten mit Tieren darstellen (diese Gruppe pastoraler Bilder war genau jene, zu der sich Paliaga zwei Jahre zuvor geäußert hatte). Da man der Ansicht war, dass sich hinter der Bezeichnung „Pseudo-Salini“ nicht nur eine künstlerische Handschrift verbarg, wurde der Notname „Meister der Herden“ geprägt. Dieser Name ist vor allem einem Gemälde geschuldet, das einen Hirten mit Schafen und Ziegen zeigt, welches von Viktoria Markova als Werk Salinis publiziert worden war (siehe V. Markova, Alcune nuove proposte per Tommaso Salini, in: Paragone, 475, 1989, S. 26–41).

Stilistisch gesehen stellen diese Werkgruppen noch immer ein komplexes Problem dar, das aktuelle Studien erst zu lösen im Begriff sind. Es bleibt wahrscheinlich, dass sich innerhalb der dem „Meister der Herden“ zugeschriebenen Werkgruppe (von denen Paliaga die meisten als Werke des „Pseudo-Salini“ vorgestellt hat) mehrere Handschriften ausmachen lassen. Zudem dürfte die Produktion dieser Werke eine beträchtliche, mehr als eine Generation von Malern umspannende Zeit in Anspruch genommen haben. Da Salini 1625 starb, liegt auf der Hand, dass nicht alle diese Werke früher entstanden sein können.

Das hier besprochene Bild gehört zu einer Untergruppe des dem „Meister der Herden“ zugeschriebenen umfassenderen Werkkomplexes. Die Gruppe umfasst Genrebilder, die vor allem meist mit Haustieren spielende Kinder zeigen. Beispielhaft für diese Serie sind die Werke Köchin mit Kupfergeräten, einem kleinen Mädchen und einem angeketteten Affen, die sich 1967 im Besitz der Lasson Gallery in London befand, Landsmann einem Affen einen Spiegel vorhaltend (Privatsammlung) sowie drei weitere Gemälde, die sich dem Thema Kastanien-aus-dem-Feuer-Holen widmen: Eines, Mit einem Affen, einer Katze und einer Gans spielende Kinder (auch als Kastanien-aus-dem-Feuer-Holen bezeichnet), wurde seinerzeit von Colnaghi angeboten; eines der beiden anderen kam bei Christie’s in New York zur Versteigerung (26. Jänner 2011, Lot 157, als „Salini zugeschrieben“).

Laut Papi zählt das zur Diskussion stehende Gemälde zu den qualitätsvollsten der Gruppe; stilistisch ist es den spielenden Kindern und Jugendlichen gewidmeten Arbeiten verbunden. Das gilt ‒ aufgrund der offensichtlichen Entsprechungen in der Darstellung der Gewänder und Physiognomien der Figuren ‒ besonders für das Werk Mit einer Katze und einer Maus spielende Kinder in der Sammlung Drury-Lowe, Locko Park, das Markova 1989 als Leistung Salinis publizierte (siehe Markova 1989, S. 26–41). Dem vorliegenden Werk stehen auch zwei weitere Gemälde nahe: Schere, Stein, Papier spielende Jugendliche (Privatsammlung) und Karten spielende Jugendliche mit zwei Hunden und einem großen Bäckerkorb, ein Bild, das am 3. Dezember 2008 bei Christie’s in London als aus dem Kreis Tommaso Salinis stammend versteigert wurde. Das vorliegende Gemälde, eines der bedeutendsten dieser Werke, dürfte Mitte des 17. Jahrhunderts oder etwas später entstanden sein.


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

Es können keine Kaufaufträge über Internet mehr abgegeben werden. Die Auktion befindet sich in Vorbereitung bzw. wurde bereits durchgeführt.