Lot Nr. 114


Luca Carlevarijs


(Udine 1663–1730 Venedig)
Ansicht des Markusplatzes in Venedig mit Blick über die Piazzetta nach Norden zum Campanile, um 1695–1698,
Öl auf Leinwand, 144,5 x 213 cm, gerahmt

Provenienz:
vermutlich beauftragt durch Stefano Conti;
Privatsammlung, England, bis um 1970;
europäische Privatsammlung;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Bożena Anna Kowalcyzk, die die Zuschreibung vorgeschlagen hat, für ihre Hilfe bei der Katalogisierung des Lots.

Carlevarijs wurde 1663 in Udine geboren und kam 1679 nach Venedig. 1690 scheint er im venezianischen Verzeichnis der Künstler- und Handwerkerkorporationen, der Fraglia, auf (I. Favaro, L’arte dei pittori in Venezia e i suoi statuti, Florenz 1975, S. 217). Er hielt sich damals seiner Ausbildung wegen entweder in Rom oder in der Toskana auf.

Die ersten Carlevarijs zugeschriebenen Werke sind zwei biblische Szenen in der Kirche San Pantalon in Venedig ‒ Josef wird von seinen Brüdern verkauft und Moses schlägt Wasser aus dem Felsen ‒ und die drei großen Landschaften, die er gegen Ende des 17. Jahrhunderts für den Palazzo Zenobio schuf, die Residenz seiner Hauptförderer in der Pfarre Angelo Raffaele, wo sie heute noch zu sehen sind (A. Rizzi, Luca Carlevarijs, Venedig 1967, S. 23f., 95, Abb. 9‒16).

Seine mathematischen Studien und seine Auseinandersetzung mit Architektur weckten Carlevarijs’ Interesse an der Vedutenmalerei als eigenes Genre, das sich, Gaspar van Wittel, gen. Vanvitelli (1652/1653–1736), folgend, die Erkenntnisse der Optik und die Gesetze der Perspektive zunutze machte. 1703 veröffentlichte Carlevarijs eine Sammlung von 103 Ansichten ‒ in der endgültigen Ausgabe waren es 104 ‒, die er selbst gezeichnet, perspektivisch bearbeitet und gestochen hatte. Das Werk wurde von Giovanni Battista Finazzi gedruckt und erschien unter dem Titel Fabriche, e vedute di Venetia. Die Ansichten dienten nicht nur ihm als kompositorische Grundlage seiner Arbeiten, sondern wurden auch zu einem unverzichtbaren Repertoire für die Vedutisten des 18. Jahrhunderts, zum Vorbild und zur Inspirationsquelle Canalettos, Bellottos und Francesco Guardis.

Carlevarijs wurde zu einem gefeierten Vedutenmaler und spezialisierte sich auf historische Szenen und Darstellungen von Festlichkeiten ‒ eine Tradition, die der Augsburger Maler Joseph Heintz der Jüngere (um 1600‒1678) nach Venedig gebracht hatte und von Bildungsreisenden und Diplomaten der Gesandtschaften verschiedener Länder in Venedig verbreitet wurde. Die beeindruckenden Hintergründe venezianischer Architektur, die detaillierten festlichen Szenen und die farbigen, dem Leben nachempfundenen Figuren ‒ Charakteristika, denen man in allen seinen Werken begegnet ‒ zeugen von Carlevarijs’ Beobachtungsgabe, die ihm seinen Erfolg sicherte.

Carlevarijs’ erstes datiertes Werk ist Der Empfang des französischen Gesandten De Charmont im Dogenpalast, Venedig, das sich heute in einer Privatsammlung befindet (D. Succi, L’inedito ‚ingresso di un Ambasciatore di Francia in Palazzo Ducale‘ di Luca Carlevarijs: nuovi interrogativi sui rapporti tra van Wittel e le origini del vedutismo a Venezia, in: Galleria Salamon, Ausstellungskatalog, Mailand 1991, S. 5). Die für das Jahr 1706 belegten Aufträge des Adeligen Stefano Conti aus Lucca sind Der Molo mit der Bibliothek und der Zecca gegen die Punta della Dogana und Santa Maria della Salute, Venedig, heute im Museo Nazionale di Palazzo Mansi in Lucca, und die in einer Privatsammlung aufbewahrte Insel von San Giorgio Maggiore (siehe P. Betti, La collezione di Stefano Conti: un Lazzarini e due Carlevarijs ritrovati, in: Antichità Viva, XXXVII, 1997, S. 28–43).

Das vorliegende Werk wurde fast gleichzeitig mit zwei Pendants entdeckt, die beide auf der Rückseite der Leinwand signiert sind und in das Jahr 1700 datieren. Die beiden Arbeiten ‒ Capriccio mit Herkules Farnese und Capriccio mit Ponte di Rialto ‒ werden in der Eremitage in Sankt Petersburg verwahrt (siehe I. Artemieva, in: Venezia e San Pietroburgo. Artisti Principi e Mercanti, Ausstellungskatalog, hg. von I. Artemieva und A. Craievich, Venedig 2018, S. 23 und 170f., Nr. 1–15 und 1–16: „[...] e una città di marmo compressa tra anguste rive, e quella prospettiva Nevskij altrimenti Canal Grande“). Die beiden Capriccios bieten das erste gesicherte Datum in diesem Werkkomplex.

Bożena Anna Kowalcyzk hat eine Datierung des vorliegenden Werks um 1695‒1698 vorgeschlagen, meint also, dass es früher als die Gemälde in der Eremitage entstand. Dieses Datum deckt sich mit Gaspar van Wittels Besuch von Venedig im Jahr 1695. Vanvitelli schuf „moderne“ Stadtansichten und konzipierte mehrerer Standardkompositionen. Seine berühmteste Ansicht von Venedig, Der Molo und der Dogenpalast vom Bacino di San Marco aus, Museo del Prado, Madrid, trägt das Datum 1697 (G. Briganti, Gaspar van Wittel e l’origine della veduta settecentesca, überarbeitete Neuausgabe von L. Laureati and L. Trezzani, Mailand 1996, S. 240, Nr. 287). In Venedig sind mehrere Gemälde in der Sammlung Giorgio Bergonzi dokumentiert (L. Mattioli Rossi, Collezionismo e mercato dei vedutisti nella Venezia del Settecento, in: Ricerche di storia dell’arte, 11, 1980, S. 80).

Die vorliegende Komposition umfasst beeindruckende Bauwerke, die wie Theaterkulissen angelegt sind: Links sehen wir die nach Plänen Jacopo Sansovinos errichtete Bibliothek, rechts den Dogenpalast. Sie ist ein typisches Beispiel für Carlevarijs’ Malweise als Vedutist; die Leinwand weist bereits das sich auf 2 zu 3 belaufende Verhältnis von Höhe zu Breite auf, dessen sich der Künstler in seinen späteren Arbeiten bedienen würde. Das Gemälde könnte ihm als Vorlage für den Druck Die Piazza San Marco gegen den Glockenturm hin für Fabriche, e vedute di Venetia (Nr. 46) (siehe Abb. 1) gedient haben.

Das vorliegende Werk könnte das von Stefano Conti in Auftrag gegebene dritte, bisher nicht identifizierte Gemälde sein (F. Zava Boccazzi, I veneti della Galleria Conti, in: Saggi e Memorie di Storia dell’Arte, 17, 1990, S. 144).

Die Darstellung der Bauwerke im vorliegenden Fall scheint spätere perspektivische Lösungen des Künstlers vorwegzunehmen, zu denen er mithilfe einer Camera obscura gelangte. Nicht weniger bemerkenswert ist die bereits zu beobachtende Sorgfalt in der Darstellung von Details. Der Einsatz leuchtender Grautöne und die Betonung des Torre dell’Orologio im Hintergrund belegen das für Carlevarijs kennzeichnende Gespür für Atmosphäre. Der eigentümliche Himmel erinnert an Werke Pieter Muliers (1637‒1701), dem man den Namen „Cavaliere Pietro Tempesta“ gegeben haben soll und der 1687 nach Venedig kam. Der helle Himmel m Horizont mit seinen duftigen weißen Wolken konstrastiert mit den dunklen grauen Wolken im Vordergrund. Die Figuren zeigen dieselbe Technik und denselben Pinselstrich wie die anderer Werke, zum Beispiel der beiden Capriccios in der Eremitage. Der Aufbau der Figuren ist das Ergebnis einer Synthese verschiedener visueller Einflüsse, deren Bandbreite von den Bamboccianti, einer Gruppe von im 17. Jahrhundert in Rom tätigen Genremalern, über Jacques Callot und Jacob de Heusch bis zu Johann Eismann reicht.

Bożena Anna Kowalczyk betrachtet die Löwenstatue, das Symbol des Evangelisten Markus, auf der Säule rechts als eine Art Signatur.

22.10.2019 - 17:00

Erzielter Preis: **
EUR 155.800,-
Schätzwert:
EUR 150.000,- bis EUR 200.000,-

Luca Carlevarijs


(Udine 1663–1730 Venedig)
Ansicht des Markusplatzes in Venedig mit Blick über die Piazzetta nach Norden zum Campanile, um 1695–1698,
Öl auf Leinwand, 144,5 x 213 cm, gerahmt

Provenienz:
vermutlich beauftragt durch Stefano Conti;
Privatsammlung, England, bis um 1970;
europäische Privatsammlung;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Bożena Anna Kowalcyzk, die die Zuschreibung vorgeschlagen hat, für ihre Hilfe bei der Katalogisierung des Lots.

Carlevarijs wurde 1663 in Udine geboren und kam 1679 nach Venedig. 1690 scheint er im venezianischen Verzeichnis der Künstler- und Handwerkerkorporationen, der Fraglia, auf (I. Favaro, L’arte dei pittori in Venezia e i suoi statuti, Florenz 1975, S. 217). Er hielt sich damals seiner Ausbildung wegen entweder in Rom oder in der Toskana auf.

Die ersten Carlevarijs zugeschriebenen Werke sind zwei biblische Szenen in der Kirche San Pantalon in Venedig ‒ Josef wird von seinen Brüdern verkauft und Moses schlägt Wasser aus dem Felsen ‒ und die drei großen Landschaften, die er gegen Ende des 17. Jahrhunderts für den Palazzo Zenobio schuf, die Residenz seiner Hauptförderer in der Pfarre Angelo Raffaele, wo sie heute noch zu sehen sind (A. Rizzi, Luca Carlevarijs, Venedig 1967, S. 23f., 95, Abb. 9‒16).

Seine mathematischen Studien und seine Auseinandersetzung mit Architektur weckten Carlevarijs’ Interesse an der Vedutenmalerei als eigenes Genre, das sich, Gaspar van Wittel, gen. Vanvitelli (1652/1653–1736), folgend, die Erkenntnisse der Optik und die Gesetze der Perspektive zunutze machte. 1703 veröffentlichte Carlevarijs eine Sammlung von 103 Ansichten ‒ in der endgültigen Ausgabe waren es 104 ‒, die er selbst gezeichnet, perspektivisch bearbeitet und gestochen hatte. Das Werk wurde von Giovanni Battista Finazzi gedruckt und erschien unter dem Titel Fabriche, e vedute di Venetia. Die Ansichten dienten nicht nur ihm als kompositorische Grundlage seiner Arbeiten, sondern wurden auch zu einem unverzichtbaren Repertoire für die Vedutisten des 18. Jahrhunderts, zum Vorbild und zur Inspirationsquelle Canalettos, Bellottos und Francesco Guardis.

Carlevarijs wurde zu einem gefeierten Vedutenmaler und spezialisierte sich auf historische Szenen und Darstellungen von Festlichkeiten ‒ eine Tradition, die der Augsburger Maler Joseph Heintz der Jüngere (um 1600‒1678) nach Venedig gebracht hatte und von Bildungsreisenden und Diplomaten der Gesandtschaften verschiedener Länder in Venedig verbreitet wurde. Die beeindruckenden Hintergründe venezianischer Architektur, die detaillierten festlichen Szenen und die farbigen, dem Leben nachempfundenen Figuren ‒ Charakteristika, denen man in allen seinen Werken begegnet ‒ zeugen von Carlevarijs’ Beobachtungsgabe, die ihm seinen Erfolg sicherte.

Carlevarijs’ erstes datiertes Werk ist Der Empfang des französischen Gesandten De Charmont im Dogenpalast, Venedig, das sich heute in einer Privatsammlung befindet (D. Succi, L’inedito ‚ingresso di un Ambasciatore di Francia in Palazzo Ducale‘ di Luca Carlevarijs: nuovi interrogativi sui rapporti tra van Wittel e le origini del vedutismo a Venezia, in: Galleria Salamon, Ausstellungskatalog, Mailand 1991, S. 5). Die für das Jahr 1706 belegten Aufträge des Adeligen Stefano Conti aus Lucca sind Der Molo mit der Bibliothek und der Zecca gegen die Punta della Dogana und Santa Maria della Salute, Venedig, heute im Museo Nazionale di Palazzo Mansi in Lucca, und die in einer Privatsammlung aufbewahrte Insel von San Giorgio Maggiore (siehe P. Betti, La collezione di Stefano Conti: un Lazzarini e due Carlevarijs ritrovati, in: Antichità Viva, XXXVII, 1997, S. 28–43).

Das vorliegende Werk wurde fast gleichzeitig mit zwei Pendants entdeckt, die beide auf der Rückseite der Leinwand signiert sind und in das Jahr 1700 datieren. Die beiden Arbeiten ‒ Capriccio mit Herkules Farnese und Capriccio mit Ponte di Rialto ‒ werden in der Eremitage in Sankt Petersburg verwahrt (siehe I. Artemieva, in: Venezia e San Pietroburgo. Artisti Principi e Mercanti, Ausstellungskatalog, hg. von I. Artemieva und A. Craievich, Venedig 2018, S. 23 und 170f., Nr. 1–15 und 1–16: „[...] e una città di marmo compressa tra anguste rive, e quella prospettiva Nevskij altrimenti Canal Grande“). Die beiden Capriccios bieten das erste gesicherte Datum in diesem Werkkomplex.

Bożena Anna Kowalcyzk hat eine Datierung des vorliegenden Werks um 1695‒1698 vorgeschlagen, meint also, dass es früher als die Gemälde in der Eremitage entstand. Dieses Datum deckt sich mit Gaspar van Wittels Besuch von Venedig im Jahr 1695. Vanvitelli schuf „moderne“ Stadtansichten und konzipierte mehrerer Standardkompositionen. Seine berühmteste Ansicht von Venedig, Der Molo und der Dogenpalast vom Bacino di San Marco aus, Museo del Prado, Madrid, trägt das Datum 1697 (G. Briganti, Gaspar van Wittel e l’origine della veduta settecentesca, überarbeitete Neuausgabe von L. Laureati and L. Trezzani, Mailand 1996, S. 240, Nr. 287). In Venedig sind mehrere Gemälde in der Sammlung Giorgio Bergonzi dokumentiert (L. Mattioli Rossi, Collezionismo e mercato dei vedutisti nella Venezia del Settecento, in: Ricerche di storia dell’arte, 11, 1980, S. 80).

Die vorliegende Komposition umfasst beeindruckende Bauwerke, die wie Theaterkulissen angelegt sind: Links sehen wir die nach Plänen Jacopo Sansovinos errichtete Bibliothek, rechts den Dogenpalast. Sie ist ein typisches Beispiel für Carlevarijs’ Malweise als Vedutist; die Leinwand weist bereits das sich auf 2 zu 3 belaufende Verhältnis von Höhe zu Breite auf, dessen sich der Künstler in seinen späteren Arbeiten bedienen würde. Das Gemälde könnte ihm als Vorlage für den Druck Die Piazza San Marco gegen den Glockenturm hin für Fabriche, e vedute di Venetia (Nr. 46) (siehe Abb. 1) gedient haben.

Das vorliegende Werk könnte das von Stefano Conti in Auftrag gegebene dritte, bisher nicht identifizierte Gemälde sein (F. Zava Boccazzi, I veneti della Galleria Conti, in: Saggi e Memorie di Storia dell’Arte, 17, 1990, S. 144).

Die Darstellung der Bauwerke im vorliegenden Fall scheint spätere perspektivische Lösungen des Künstlers vorwegzunehmen, zu denen er mithilfe einer Camera obscura gelangte. Nicht weniger bemerkenswert ist die bereits zu beobachtende Sorgfalt in der Darstellung von Details. Der Einsatz leuchtender Grautöne und die Betonung des Torre dell’Orologio im Hintergrund belegen das für Carlevarijs kennzeichnende Gespür für Atmosphäre. Der eigentümliche Himmel erinnert an Werke Pieter Muliers (1637‒1701), dem man den Namen „Cavaliere Pietro Tempesta“ gegeben haben soll und der 1687 nach Venedig kam. Der helle Himmel m Horizont mit seinen duftigen weißen Wolken konstrastiert mit den dunklen grauen Wolken im Vordergrund. Die Figuren zeigen dieselbe Technik und denselben Pinselstrich wie die anderer Werke, zum Beispiel der beiden Capriccios in der Eremitage. Der Aufbau der Figuren ist das Ergebnis einer Synthese verschiedener visueller Einflüsse, deren Bandbreite von den Bamboccianti, einer Gruppe von im 17. Jahrhundert in Rom tätigen Genremalern, über Jacques Callot und Jacob de Heusch bis zu Johann Eismann reicht.

Bożena Anna Kowalczyk betrachtet die Löwenstatue, das Symbol des Evangelisten Markus, auf der Säule rechts als eine Art Signatur.


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old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister I
Datum: 22.10.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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