Lot Nr. 199


Pedro Núñez del Valle


(Madrid um 1590–1654/1657)
Hiob erhält Besuch von Elifas, Bildad und Zofar,
Öl auf Leinwand, 235 x 167 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Postiglione, Neapel, 19. Jahrhundert;
europäische Privatsammlung;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Gianni Papi, der die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes vorgeschlagen hat, für seine Hilfe bei der Katalogisierung.

Das Thema der vorliegenden Komposition ist dem Buch Hiob (2, 1‒13) entnommen. Es zeigt den „mit bösartigem Geschwür von der Fußsohle bis zum Scheitel“ geschlagenen Hiob. Wie das Alte Testament berichtet, war dieses Leiden der Höhepunkt einer langen Reihe von Prüfungen im Wettkampf zwischen Gott und dem Teufel. Drei Freunde, Elifas, Bildad und Zofar, die ihn besuchen kommen, sind von Hiobs elender Lage so sehr betroffen, dass sie sieben Tage und sieben Nächte bei ihm bleiben und ihn beweinen. Im Anschluss daran kommt es zu einer langen philosophischen und theologischen Debatte der drei Besucher (Hiob 3‒31). Diese Auseinandersetzung stellt das vorliegende Gemälde dar. Getreu konfrontiert es uns mit dem seine wunden Stellen mit einer Tonscherbe kratzenden Protagonisten, während seine drei Freunde in einer an Giorgiones Drei Philosophen gemahnenden Aufstellung gezeigt werden, wie sie mit ihm Vorstellungen göttlicher Gerechtigkeit diskutieren.

Das Werk weist offensichtliche Ähnlichkeiten mit der Bildsprache Cecco del Caravaggios und dessen Verständnis des caravaggesken Realismus auf. Giani Papi vermutet, dass Francesco Boneri, gen. Cecco del Caravaggio, Caravaggio bei seiner Flucht aus Rom im Sommer 1606 begleitete und mit ihm nach Neapel ging.

Papi zufolge ist das vorliegende Gemälde Pedro Núñez del Valles das bedeutendste bekannte Werk des Künstlers. Über die italienischen Jahre des spanischen Malers wissen wir, abgesehen von seiner offensichtlichen Verbindung zu Cecco del Caravaggio, nur sehr wenig. Dank restauratorischer Anstrengungen ist seine Signatur auf einem Jaël und Sisera genannten Gemälde in der National Gallery of Ireland in Dublin wieder zum Vorschein gekommen (R. Mulcahy, Spanish Paintings in the National Gallery of Ireland, Dublin 1988, S. 58f.); dieses Werk wurde in der Vergangenheit Cecco zugeschrieben (M. Marini, Una „Giaele e Sisara“ di Francesco detto „Cecco del Caravaggio“, in: Antologia di Belle Arti, 19/20, 1981, S. 176–179), bevor es zu einem wesentlichen Bezugspunkt für die Festlegung dieser Periode des spanischen Malers wurde, der dem Realismus Caravaggios sehr eng verbunden war. Das vorliegende Werk ist daher wahrscheinlich in Italien entstanden. Dass sich der Maler in Italien aufhielt und sogar ein Mitglied der Accademia di San Luca war, belegt der Sant’ Orencio von Huesca mit der Inschrift „Petrus Núñez Academicus Romanus“. Angesichts des Umstands, dass dieses Bild vermutlich 1623 entstand und sich stilistisch deutlich von dem Dubliner Gemälde unterscheidet, kann man davon ausgehen, dass sich Pedro Núñez del Valles in diesen Jahren in Italien aufhielt.

Der vorliegende Hiob bietet sich geradezu für einen Vergleich mit anderen Gemälden aus den italienischen Jahren des Meisters und vor allem mit Jaël und Sisera an. Kolorierung und Figurentypen der beiden Gemälde sind einander ähnlich: In beiden Fällen sind die Figuren hieratisch und etwas steif in das Bild gesetzt, und es lassen sich deutliche Parallelen zwischen dem älteren Mann rechts von Hiob und der älteren, eine Rüstung tragenden Figur ganz rechts im Jaël-Bild erkennen. Selbst die Hände des mittleren der drei ins Gespräch vertieften Freunde Hiobs, die an die Malweise Savoldos erinnern, gleichen jenen der toten Sisera im Dubliner Gemälde. Die offensichtlich von Cecco inspirierten savoldesken Hände lassen sich auch sehr gut jenen unbehandschuhten Händen des im Palacio Real in Madrid erhaltenen Bildes Mensch zur Seite stellen, während selbst die Formen des 15. Jahrhunderts aufnehmende Kleidung der drei Besucher und vor allem die roten Stiefel und engen Strumpfhosen des Mannes rechts die Prägung durch Cecco augenfällig machen, wofür auch die ähnliche Gewandung der Soldaten von Francesco Boneris Caduta di Cristo lungo la salita al Calvario in Bratislava ein Beispiel bietet. Die Röhrenfalten des Umhangs der Figur rechts von Hiob zeigen Ähnlichkeiten mit jenen des Gewands der Heiligen Cäcilia im Musée Granet in Aix-en-Provence sowie den Falten des Umhangs und Kleids der Heiligen Margareta in den Descalzas Reales in Madrid.

Gewisse Herbstfarben wie Dunkelbraun- und kalte Grüntöne, welche die Gewänder der beiden Freunde in der Mitte aufweisen, sind für Núñez typische Farben, die auch bei der Kleidung von Jaël im Dubliner Bild auftauchen. Auch die längliche Form der Figuren mit ihren kleinen Köpfen ist für den spanischen Maler als kennzeichnend anzusehen: Man trifft in allen von ihm bekannten Gemälden einschließlich aller hier erwähnten auf diese Besonderheit, und bei der in der Catedrale Nueva in Salamanca erhaltenen Enthauptung von Johannes dem Täufer aus dem Jahr 1631 ist diese Eigentümlichkeit besonders augenfällig (M. Quesada Varela, Una Degollación de San Juan Bautista de Pedro Núñez del Valle, in: Archivo español de arte, 288, 1999, S. 564–573).

Mit dem vorliegenden Bild Hiobs ließ sich Núñez auf ein monumentales Format und eine gebieterische Strenge ein, denen man bis dahin im Werk des Madrider Malers nicht begegnet war. Die Altarbilder, die er nach seiner Rückkehr nach Spanien schuf, wie die 1630 entstandene Anbetung der Könige im Prado in Madrid, haben diese Qualitäten verloren, und die Figuren nehmen typisch iberische Züge an. Ihre abgespannten und schlanken, etwas puppenhaften Züge spiegeln jene großer zeitgenössischer spanischer Skulpturen wider. Das vorliegende Gemälde hingegen behauptet sich als in seinem Geist am meisten italianisierendes Werk des Künstlers: Der unverstellte Realismus, das große Format, die wohlausgewogene Komposition und die in diesem Fall besonders deutliche Beziehung der Figuren zueinander offenbaren in ihrem Zusammenspiel die Nähe zu einem Menschen, der für Pedro Núñez del Valle während seiner prägenden Zeit in Italien der wichtigste Bezugspunkt gewesen sein muss: Cecco del Caravaggio.

22.10.2019 - 18:30

Schätzwert:
EUR 25.000,- bis EUR 30.000,-

Pedro Núñez del Valle


(Madrid um 1590–1654/1657)
Hiob erhält Besuch von Elifas, Bildad und Zofar,
Öl auf Leinwand, 235 x 167 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Postiglione, Neapel, 19. Jahrhundert;
europäische Privatsammlung;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Gianni Papi, der die Zuschreibung des vorliegenden Gemäldes vorgeschlagen hat, für seine Hilfe bei der Katalogisierung.

Das Thema der vorliegenden Komposition ist dem Buch Hiob (2, 1‒13) entnommen. Es zeigt den „mit bösartigem Geschwür von der Fußsohle bis zum Scheitel“ geschlagenen Hiob. Wie das Alte Testament berichtet, war dieses Leiden der Höhepunkt einer langen Reihe von Prüfungen im Wettkampf zwischen Gott und dem Teufel. Drei Freunde, Elifas, Bildad und Zofar, die ihn besuchen kommen, sind von Hiobs elender Lage so sehr betroffen, dass sie sieben Tage und sieben Nächte bei ihm bleiben und ihn beweinen. Im Anschluss daran kommt es zu einer langen philosophischen und theologischen Debatte der drei Besucher (Hiob 3‒31). Diese Auseinandersetzung stellt das vorliegende Gemälde dar. Getreu konfrontiert es uns mit dem seine wunden Stellen mit einer Tonscherbe kratzenden Protagonisten, während seine drei Freunde in einer an Giorgiones Drei Philosophen gemahnenden Aufstellung gezeigt werden, wie sie mit ihm Vorstellungen göttlicher Gerechtigkeit diskutieren.

Das Werk weist offensichtliche Ähnlichkeiten mit der Bildsprache Cecco del Caravaggios und dessen Verständnis des caravaggesken Realismus auf. Giani Papi vermutet, dass Francesco Boneri, gen. Cecco del Caravaggio, Caravaggio bei seiner Flucht aus Rom im Sommer 1606 begleitete und mit ihm nach Neapel ging.

Papi zufolge ist das vorliegende Gemälde Pedro Núñez del Valles das bedeutendste bekannte Werk des Künstlers. Über die italienischen Jahre des spanischen Malers wissen wir, abgesehen von seiner offensichtlichen Verbindung zu Cecco del Caravaggio, nur sehr wenig. Dank restauratorischer Anstrengungen ist seine Signatur auf einem Jaël und Sisera genannten Gemälde in der National Gallery of Ireland in Dublin wieder zum Vorschein gekommen (R. Mulcahy, Spanish Paintings in the National Gallery of Ireland, Dublin 1988, S. 58f.); dieses Werk wurde in der Vergangenheit Cecco zugeschrieben (M. Marini, Una „Giaele e Sisara“ di Francesco detto „Cecco del Caravaggio“, in: Antologia di Belle Arti, 19/20, 1981, S. 176–179), bevor es zu einem wesentlichen Bezugspunkt für die Festlegung dieser Periode des spanischen Malers wurde, der dem Realismus Caravaggios sehr eng verbunden war. Das vorliegende Werk ist daher wahrscheinlich in Italien entstanden. Dass sich der Maler in Italien aufhielt und sogar ein Mitglied der Accademia di San Luca war, belegt der Sant’ Orencio von Huesca mit der Inschrift „Petrus Núñez Academicus Romanus“. Angesichts des Umstands, dass dieses Bild vermutlich 1623 entstand und sich stilistisch deutlich von dem Dubliner Gemälde unterscheidet, kann man davon ausgehen, dass sich Pedro Núñez del Valles in diesen Jahren in Italien aufhielt.

Der vorliegende Hiob bietet sich geradezu für einen Vergleich mit anderen Gemälden aus den italienischen Jahren des Meisters und vor allem mit Jaël und Sisera an. Kolorierung und Figurentypen der beiden Gemälde sind einander ähnlich: In beiden Fällen sind die Figuren hieratisch und etwas steif in das Bild gesetzt, und es lassen sich deutliche Parallelen zwischen dem älteren Mann rechts von Hiob und der älteren, eine Rüstung tragenden Figur ganz rechts im Jaël-Bild erkennen. Selbst die Hände des mittleren der drei ins Gespräch vertieften Freunde Hiobs, die an die Malweise Savoldos erinnern, gleichen jenen der toten Sisera im Dubliner Gemälde. Die offensichtlich von Cecco inspirierten savoldesken Hände lassen sich auch sehr gut jenen unbehandschuhten Händen des im Palacio Real in Madrid erhaltenen Bildes Mensch zur Seite stellen, während selbst die Formen des 15. Jahrhunderts aufnehmende Kleidung der drei Besucher und vor allem die roten Stiefel und engen Strumpfhosen des Mannes rechts die Prägung durch Cecco augenfällig machen, wofür auch die ähnliche Gewandung der Soldaten von Francesco Boneris Caduta di Cristo lungo la salita al Calvario in Bratislava ein Beispiel bietet. Die Röhrenfalten des Umhangs der Figur rechts von Hiob zeigen Ähnlichkeiten mit jenen des Gewands der Heiligen Cäcilia im Musée Granet in Aix-en-Provence sowie den Falten des Umhangs und Kleids der Heiligen Margareta in den Descalzas Reales in Madrid.

Gewisse Herbstfarben wie Dunkelbraun- und kalte Grüntöne, welche die Gewänder der beiden Freunde in der Mitte aufweisen, sind für Núñez typische Farben, die auch bei der Kleidung von Jaël im Dubliner Bild auftauchen. Auch die längliche Form der Figuren mit ihren kleinen Köpfen ist für den spanischen Maler als kennzeichnend anzusehen: Man trifft in allen von ihm bekannten Gemälden einschließlich aller hier erwähnten auf diese Besonderheit, und bei der in der Catedrale Nueva in Salamanca erhaltenen Enthauptung von Johannes dem Täufer aus dem Jahr 1631 ist diese Eigentümlichkeit besonders augenfällig (M. Quesada Varela, Una Degollación de San Juan Bautista de Pedro Núñez del Valle, in: Archivo español de arte, 288, 1999, S. 564–573).

Mit dem vorliegenden Bild Hiobs ließ sich Núñez auf ein monumentales Format und eine gebieterische Strenge ein, denen man bis dahin im Werk des Madrider Malers nicht begegnet war. Die Altarbilder, die er nach seiner Rückkehr nach Spanien schuf, wie die 1630 entstandene Anbetung der Könige im Prado in Madrid, haben diese Qualitäten verloren, und die Figuren nehmen typisch iberische Züge an. Ihre abgespannten und schlanken, etwas puppenhaften Züge spiegeln jene großer zeitgenössischer spanischer Skulpturen wider. Das vorliegende Gemälde hingegen behauptet sich als in seinem Geist am meisten italianisierendes Werk des Künstlers: Der unverstellte Realismus, das große Format, die wohlausgewogene Komposition und die in diesem Fall besonders deutliche Beziehung der Figuren zueinander offenbaren in ihrem Zusammenspiel die Nähe zu einem Menschen, der für Pedro Núñez del Valle während seiner prägenden Zeit in Italien der wichtigste Bezugspunkt gewesen sein muss: Cecco del Caravaggio.


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Auktion: Alte Meister II
Datum: 22.10.2019 - 18:30
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 12.10. - 22.10.2019