Lot Nr. 306


Piero Manzoni *


(Soncino 1933–1963 Mailand)
Achrome, 1959/1960, rückseitig signiert, zusammengenähte Leinwandquadrate, 71 x 53 cm, gerahmt

Provenienz:
Galleria Notizie, Turin (rückseitig Stempel)
Galerie Thelen, Essen
Galerie Ronny Van de Velde, Antwerpen
Sammlung Lenz Schönberg, Salzburg (1987 erworben)
Sotheby’s, London, 10. Februar 2010, Los 23
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Antwerpen, Galerie Ronny Van de Velde, Piero Manzoni, 1987
München, Städtischen Galerie im Lenbachhaus, ZERO. Vision und Bewegung. Werke aus der Sammlung Lenz Schönberg, 1988, Ausst.-Kat. S. 65 mit Abb.
Moskau, Zentrales Künstlerhaus, Sammlung Lenz Schönberg. Eine europäische Bewegung in der bildenden Kunst von 1958 bis heute, 1989
Warschau, Galeria Zacheta, Sammlung Lenz Schönberg. Aus der Stille der Zeit-über die Grenzen von Raum, 28. Februar - 5. April 1992, Ausst.-Kat. S. 133 mit Abb. (rückseitig Aufkleber)
Zagreb, Museum für zeitgenössische Kunst, ZERO. Die europäische Vision-1958 bis heute. Sammlung Lenz Schönberg, 2004, Ausst.-Kat. S. 91 mit Abb.
Salzburg, Museum der Moderne. ZERO. Künstler einer europäischen Bewegung. Sammlung Lenz Schönberg 1956–2006

Literatur:
F. Battino, L. Palazzoli, P. Manzoni, Piero Manzoni Catalogue raisonné, Edizioni di Vanni Scheiwiller, Mailand 1991, S. 353, Nr. 646 mit Abb.
G. Celant, Piero Manzoni, Catalogo Generale 1, Skira, Mailand 2004, Band II, S. 489, Nr. 631 mit Abb.
A. Lenz, G. Lenz und U. Bleicker-Honisch, Epoche zero. Sammlung Lenz Schönberg. Leben in Kunst, Bd. I, Ostfildern 2009, S. 55, Nr. MAN-11 mit Abb.

Manzoni stellt seine Achrome-Serie im Januar 1960 in „La nuova concezione artistica“ in der Galerie Azimut in Mailand vor: „Meine Aufgabenstellung ist es, eine ganz weiße (bzw. farblose, neutrale) Oberfläche außerhalb eines Bildphänomens, ohne einen äußeren Eingriff zu präsentieren; eine weiße Oberfläche, die keine Polarlandschaft darstellt, oder für ein suggestives schönes Material, eine Empfindung oder ein Symbol oder etwas andere steht, eine weiße Oberfläche, die nur eine weiße Oberfläche ist (eine farblose Oberfläche, die eine farblose Oberfläche ist), rein und unverfälscht und sich selbst genügend.“

Das Achrom, buchstäblich „akromatische Oberfläche“, ist ein offener Raum mit unendlich vielen Interpretationsmöglichkeiten; als eine weiße Oberfläche aus Kreide oder Kaolin, ist das Achrom nicht nach einem künstlerischen Kompositionsprinzip im klassischen Sinne entstanden und zeigt keine Manipulation des Materials; die Transformation des Materials basiert auf einem autonomen und autarken Prozess, der sich auf das Eintauchen der Leinwand in flüssiges Kaolin und Klebstoff beschränkt.
Anders als bei Fontana oder Pollock, wo die Geste des Künstlers Teil des Schaffensprozesses ist, wird bei Manzonis Achromen die Schaffenskraft bewusst zurückgehalten, quasi blockiert. Der Künstler lässt das Bild für sich selbst wirken, rein und unverfälscht im Ausdruck.
Manzonis Annäherung an das Achrom änderte sich im Laufe der Jahre und zeugt von einer Veränderung in seiner Kunstauffassung: Weiß galt zunehmend als eine mentalen Tatsache und stand kaum mehr im Bezug zu einem Bildkodex. Die Form ergab sich zunächst durch unterschiedliche künstlerische Techniken und in weiterer Folge aus der Verwendung von Materialien, die ursprünglich in der Kunst fremd waren: von Watte bis Stoff, von expandiertem Polystyrol bis zu Kieseln.

Auf der Bildoberfläche des Achroms verdickt sich das Material mit skulpturaler Wirkung und entfaltet sich in Reliefs, die „keinem formativen Zweck entsprechen, oder dem Objekt als Ausdrucksmittel dienen sollen, vielmehr jedoch beziehen sie keine sichtbaren Komponenten mit ein, wie dies bei fast allen zeitgenössischen Werken, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten, der Fall ist.“
Für Manzoni wird die Falte, die die Oberfläche des Werkes geometrisch trennt, zu einem Zeichen, zu einer Präsenz, die nicht die Geste oder den Schaffensprozess des Künstlers bestätigen soll, sondern zu einer taktilen Präsenz, einer physisch bestimmten, aber unendlichen. So auch die Wahl des geometrischen Zeichens in Form des Gitters, das nicht in Kontinuität mit der bisherigen metaphysischen Forschung gesetzt ist, aber dennoch an die Idee des Kunstwerks als Essenz und Materialität erinnert.

„In den unterschiedlich gefalteten Achromen - ebenso wie in denen mit minimaler Materialität, in denen die Unterteilung durch Überlappung von Teilen der Leinwand oder durch direktes Eingreifen mit sauberen maschinell hergestellten Nähten erreicht wurde - konzentriert sich Manzoni auf eine Art ‚Materialogie‘. Bezugnehmend auf das, was Michael Fried als ‚die minimalen Bedingungen für das Betrachten von etwas als Gemälde‘ bezeichnen würde – die Umwandlung einer Gegenwärtigkeit, die als Ding unter Dingen dargestellt wird, aber sichtbar eine Andersartigkeit ausdrückt. [...]
Die allgemeine Form des Achroms entspricht in den Augen des Betrachters dem rhetorischen Muster des Bildes, aber seine Substanz ist rein; es hat eine undefinierbare physische Präsenz, reduziert auf seine primäre unauffällige Essenz. Das Werk kann also ein Objekt an sich und gleichzeitig eine abstrakte Manifestation des Denkens sein.“
Piero Manzoni: The Idea of the Achrome, in Piero Manzoni. The Twin Paintings, Hauser & Wirth Publications - Fondazione Piero Manzoni, Zürich 2017

Eine einzige, ununterbrochene und kontinuierliche Oberfläche, von der alles Überflüssige und alle interpretativen Möglichkeiten ausgeschlossen sind.
Piero Manzoni

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

27.11.2019 - 18:00

Schätzwert:
EUR 400.000,- bis EUR 600.000,-

Piero Manzoni *


(Soncino 1933–1963 Mailand)
Achrome, 1959/1960, rückseitig signiert, zusammengenähte Leinwandquadrate, 71 x 53 cm, gerahmt

Provenienz:
Galleria Notizie, Turin (rückseitig Stempel)
Galerie Thelen, Essen
Galerie Ronny Van de Velde, Antwerpen
Sammlung Lenz Schönberg, Salzburg (1987 erworben)
Sotheby’s, London, 10. Februar 2010, Los 23
Europäische Privatsammlung

Ausgestellt:
Antwerpen, Galerie Ronny Van de Velde, Piero Manzoni, 1987
München, Städtischen Galerie im Lenbachhaus, ZERO. Vision und Bewegung. Werke aus der Sammlung Lenz Schönberg, 1988, Ausst.-Kat. S. 65 mit Abb.
Moskau, Zentrales Künstlerhaus, Sammlung Lenz Schönberg. Eine europäische Bewegung in der bildenden Kunst von 1958 bis heute, 1989
Warschau, Galeria Zacheta, Sammlung Lenz Schönberg. Aus der Stille der Zeit-über die Grenzen von Raum, 28. Februar - 5. April 1992, Ausst.-Kat. S. 133 mit Abb. (rückseitig Aufkleber)
Zagreb, Museum für zeitgenössische Kunst, ZERO. Die europäische Vision-1958 bis heute. Sammlung Lenz Schönberg, 2004, Ausst.-Kat. S. 91 mit Abb.
Salzburg, Museum der Moderne. ZERO. Künstler einer europäischen Bewegung. Sammlung Lenz Schönberg 1956–2006

Literatur:
F. Battino, L. Palazzoli, P. Manzoni, Piero Manzoni Catalogue raisonné, Edizioni di Vanni Scheiwiller, Mailand 1991, S. 353, Nr. 646 mit Abb.
G. Celant, Piero Manzoni, Catalogo Generale 1, Skira, Mailand 2004, Band II, S. 489, Nr. 631 mit Abb.
A. Lenz, G. Lenz und U. Bleicker-Honisch, Epoche zero. Sammlung Lenz Schönberg. Leben in Kunst, Bd. I, Ostfildern 2009, S. 55, Nr. MAN-11 mit Abb.

Manzoni stellt seine Achrome-Serie im Januar 1960 in „La nuova concezione artistica“ in der Galerie Azimut in Mailand vor: „Meine Aufgabenstellung ist es, eine ganz weiße (bzw. farblose, neutrale) Oberfläche außerhalb eines Bildphänomens, ohne einen äußeren Eingriff zu präsentieren; eine weiße Oberfläche, die keine Polarlandschaft darstellt, oder für ein suggestives schönes Material, eine Empfindung oder ein Symbol oder etwas andere steht, eine weiße Oberfläche, die nur eine weiße Oberfläche ist (eine farblose Oberfläche, die eine farblose Oberfläche ist), rein und unverfälscht und sich selbst genügend.“

Das Achrom, buchstäblich „akromatische Oberfläche“, ist ein offener Raum mit unendlich vielen Interpretationsmöglichkeiten; als eine weiße Oberfläche aus Kreide oder Kaolin, ist das Achrom nicht nach einem künstlerischen Kompositionsprinzip im klassischen Sinne entstanden und zeigt keine Manipulation des Materials; die Transformation des Materials basiert auf einem autonomen und autarken Prozess, der sich auf das Eintauchen der Leinwand in flüssiges Kaolin und Klebstoff beschränkt.
Anders als bei Fontana oder Pollock, wo die Geste des Künstlers Teil des Schaffensprozesses ist, wird bei Manzonis Achromen die Schaffenskraft bewusst zurückgehalten, quasi blockiert. Der Künstler lässt das Bild für sich selbst wirken, rein und unverfälscht im Ausdruck.
Manzonis Annäherung an das Achrom änderte sich im Laufe der Jahre und zeugt von einer Veränderung in seiner Kunstauffassung: Weiß galt zunehmend als eine mentalen Tatsache und stand kaum mehr im Bezug zu einem Bildkodex. Die Form ergab sich zunächst durch unterschiedliche künstlerische Techniken und in weiterer Folge aus der Verwendung von Materialien, die ursprünglich in der Kunst fremd waren: von Watte bis Stoff, von expandiertem Polystyrol bis zu Kieseln.

Auf der Bildoberfläche des Achroms verdickt sich das Material mit skulpturaler Wirkung und entfaltet sich in Reliefs, die „keinem formativen Zweck entsprechen, oder dem Objekt als Ausdrucksmittel dienen sollen, vielmehr jedoch beziehen sie keine sichtbaren Komponenten mit ein, wie dies bei fast allen zeitgenössischen Werken, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten, der Fall ist.“
Für Manzoni wird die Falte, die die Oberfläche des Werkes geometrisch trennt, zu einem Zeichen, zu einer Präsenz, die nicht die Geste oder den Schaffensprozess des Künstlers bestätigen soll, sondern zu einer taktilen Präsenz, einer physisch bestimmten, aber unendlichen. So auch die Wahl des geometrischen Zeichens in Form des Gitters, das nicht in Kontinuität mit der bisherigen metaphysischen Forschung gesetzt ist, aber dennoch an die Idee des Kunstwerks als Essenz und Materialität erinnert.

„In den unterschiedlich gefalteten Achromen - ebenso wie in denen mit minimaler Materialität, in denen die Unterteilung durch Überlappung von Teilen der Leinwand oder durch direktes Eingreifen mit sauberen maschinell hergestellten Nähten erreicht wurde - konzentriert sich Manzoni auf eine Art ‚Materialogie‘. Bezugnehmend auf das, was Michael Fried als ‚die minimalen Bedingungen für das Betrachten von etwas als Gemälde‘ bezeichnen würde – die Umwandlung einer Gegenwärtigkeit, die als Ding unter Dingen dargestellt wird, aber sichtbar eine Andersartigkeit ausdrückt. [...]
Die allgemeine Form des Achroms entspricht in den Augen des Betrachters dem rhetorischen Muster des Bildes, aber seine Substanz ist rein; es hat eine undefinierbare physische Präsenz, reduziert auf seine primäre unauffällige Essenz. Das Werk kann also ein Objekt an sich und gleichzeitig eine abstrakte Manifestation des Denkens sein.“
Piero Manzoni: The Idea of the Achrome, in Piero Manzoni. The Twin Paintings, Hauser & Wirth Publications - Fondazione Piero Manzoni, Zürich 2017

Eine einzige, ununterbrochene und kontinuierliche Oberfläche, von der alles Überflüssige und alle interpretativen Möglichkeiten ausgeschlossen sind.
Piero Manzoni

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 27.11.2019 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 16.11. - 27.11.2019