Lot Nr. 312


Piero Dorazio *


(Rom 1927–2005 Perugia)
Ogni tanto, 1957, signiert und datiert; auf der Rückseite signiert, datiert, betitelt und mit Stempel Piero Dorazio, Öl auf Leinwand, 100 x 81 cm, gerahmt

Zu diesem Werk liegt ein vom Künstler signiertes Fotozertifikat vor.

Provenienza
Sammlung Piero Dorazio (Stempel Studio Dorazio, Nr. 371)
Europäische Privatsammlung

Literatur:
M. Volpi Orlandini, Dorazio, Alfieri Edizioni d’Arte, Venedig 1977, Nr. 231

Für mich ist die Farbe ein Werkzeug, kein Ausdrucksmittel - ein Mittel zwischen mir und etwas Anderem.
Ich bin nicht Farbe und ich verkörpere sie nicht so, wie Pollock es tat.

Piero Dorazio

Die Fähigkeit von Linien und Farben, Gefühle auszudrücken und ihre eigene Relevanz zu behaupten, unabhängig davon, welches Objekt sie repräsentieren, sind die zentralen Themen der ästhetischen Forschung des 19. Jahrhunderts. Für die Künstler dieser Zeit ist Farbe nicht mehr nur ein Umriss der Form, sondern ein Transformator der Empfindung und des Ausdruckspotentials.
Piero Dorazio ist zweifellos einer der maßgeblichen Protagonisten dieses Wendepunktes in der Malerei. Der prägende Einfluss des Architekturunterrichts, den der römische Künstler vier Jahre lang erhielt, bevor er sich der Malerei zuwandte, spiegelt sich in seiner gesamten Produktion wider und zeigt sich auch in diesem frühen Werk. In Ogni tanto, 1957, stellt Dorazio den Betrachter vor einen Akt der Befreiung und der künstlerischen Evolution. Farbe steht als Definition von Raum und hebt sich selbst hervor, ohne jemals in dekorative Versuchung zu geraten. 
In all seinen Gemälden wird das kompositorische Schema unterminiert von der Krise der geschlossenen Form, und so ist es die Farbe, die den Raum dynamisch strukturiert. Wie der Kunstkritiker und Historiker Claudio Cerritelli erklärt, „entstehen in der Komposition Spannungsfelder, die dem Gratwandel instabiler Gleichgewichte entsprechen. Das Werk ist eine Lichtpartitur, die dem kontinuierlichen Pulsieren des Raumes folgt, die Farbschwingungen sind Rhythmen, die auf andere Kanäle projiziert werden, ihr dynamischer Fluss offenbart innere Klänge, schräge Resonanzen der Zeichen, Gedankentexturen, die aus der Bilddisziplin herausrutschen.“ Eine Idee, die sein Freund Giuseppe Ungaretti bereits 1966 zum Ausdruck brachte und Dorazios Werke mit folgenden Worten beschrieb: „In den Geweben bzw. seinen Membranen, die einheitlicher Natur sind, fast monochromatisch und auch mit diversen Fäden und Farbstrahlen durchzogen, öffnen sich in dichten Waben Honigzellen und bergen lichtschwangere, lichtbestachelte Pupillen.“

Die Leinwände von Dorazio werden mit dünnen Pinselstrichen ausgeführt, die sich kreuzen und überlappen, wodurch eine Bildtextur entsteht, die unsichtbare Korpuskel von Lichttönen aus ihren Poren filtern lässt.
Diese bildliche Forschung findet in großen Meistern wie Mondrian und Severini Bezugspunkte. Dorazio erbt Mondrians kompositorische Strenge und teilt Severinis Interesse daran, die ephemere Wirkung des Lichts zu erfassen, das durch die Brechung das Sehen ermöglicht und die konsequente Umwandlung von Farbe in Licht bewirkt. „Licht ist - so der Künstler - nicht nur ein physikalisches, sondern auch ein psychisches und biologisches Phänomen, das nichts mit Vernunft zu tun hat und das vielleicht durch Formen der Mutation oder Energieausdehnung in kosmischen Räumen erzeugt wird. Sowohl Licht als auch Halblicht, Schatten und Dunkelheit provozieren bestimmte Geisteszustände. Aus diesem Grund ist Licht ein wesentlicher Bestandteil der Ausdrucksmittel in der bildenden Kunst.“ 
Seine Malerei ist Ausgangspunkt für eine Überarbeitung der klassischen Abstraktion: Dorazios Ansatz ist nicht von dem haptisch-expressiven Typus geprägt, den er für zu weit entfernt hielt, von der kompositorischen Strenge und den rhythmischen Zusammenhängen der „Formen“, die seine Bildforschung charakterisieren.
In der Zeit von Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre eroberte Piero Dorazios Malerei, beeinflusst durch seine Zeit in den USA und durch seinen Kontakt mit den künstlerischen Experimenten von De Kooning, Rothko und Pollock, die Idee der Oberfläche als kontinuierliches Feld. Eine Oberfläche, erfüllt von der autonomen Kraft von Farbe, Raum und Lichtform, die all jene Elemente hervorhob, welche fortan zum unverwechselbaren Merkmal des Dorazio-Stils werden sollten.

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

27.11.2019 - 18:00

Schätzwert:
EUR 90.000,- bis EUR 120.000,-

Piero Dorazio *


(Rom 1927–2005 Perugia)
Ogni tanto, 1957, signiert und datiert; auf der Rückseite signiert, datiert, betitelt und mit Stempel Piero Dorazio, Öl auf Leinwand, 100 x 81 cm, gerahmt

Zu diesem Werk liegt ein vom Künstler signiertes Fotozertifikat vor.

Provenienza
Sammlung Piero Dorazio (Stempel Studio Dorazio, Nr. 371)
Europäische Privatsammlung

Literatur:
M. Volpi Orlandini, Dorazio, Alfieri Edizioni d’Arte, Venedig 1977, Nr. 231

Für mich ist die Farbe ein Werkzeug, kein Ausdrucksmittel - ein Mittel zwischen mir und etwas Anderem.
Ich bin nicht Farbe und ich verkörpere sie nicht so, wie Pollock es tat.

Piero Dorazio

Die Fähigkeit von Linien und Farben, Gefühle auszudrücken und ihre eigene Relevanz zu behaupten, unabhängig davon, welches Objekt sie repräsentieren, sind die zentralen Themen der ästhetischen Forschung des 19. Jahrhunderts. Für die Künstler dieser Zeit ist Farbe nicht mehr nur ein Umriss der Form, sondern ein Transformator der Empfindung und des Ausdruckspotentials.
Piero Dorazio ist zweifellos einer der maßgeblichen Protagonisten dieses Wendepunktes in der Malerei. Der prägende Einfluss des Architekturunterrichts, den der römische Künstler vier Jahre lang erhielt, bevor er sich der Malerei zuwandte, spiegelt sich in seiner gesamten Produktion wider und zeigt sich auch in diesem frühen Werk. In Ogni tanto, 1957, stellt Dorazio den Betrachter vor einen Akt der Befreiung und der künstlerischen Evolution. Farbe steht als Definition von Raum und hebt sich selbst hervor, ohne jemals in dekorative Versuchung zu geraten. 
In all seinen Gemälden wird das kompositorische Schema unterminiert von der Krise der geschlossenen Form, und so ist es die Farbe, die den Raum dynamisch strukturiert. Wie der Kunstkritiker und Historiker Claudio Cerritelli erklärt, „entstehen in der Komposition Spannungsfelder, die dem Gratwandel instabiler Gleichgewichte entsprechen. Das Werk ist eine Lichtpartitur, die dem kontinuierlichen Pulsieren des Raumes folgt, die Farbschwingungen sind Rhythmen, die auf andere Kanäle projiziert werden, ihr dynamischer Fluss offenbart innere Klänge, schräge Resonanzen der Zeichen, Gedankentexturen, die aus der Bilddisziplin herausrutschen.“ Eine Idee, die sein Freund Giuseppe Ungaretti bereits 1966 zum Ausdruck brachte und Dorazios Werke mit folgenden Worten beschrieb: „In den Geweben bzw. seinen Membranen, die einheitlicher Natur sind, fast monochromatisch und auch mit diversen Fäden und Farbstrahlen durchzogen, öffnen sich in dichten Waben Honigzellen und bergen lichtschwangere, lichtbestachelte Pupillen.“

Die Leinwände von Dorazio werden mit dünnen Pinselstrichen ausgeführt, die sich kreuzen und überlappen, wodurch eine Bildtextur entsteht, die unsichtbare Korpuskel von Lichttönen aus ihren Poren filtern lässt.
Diese bildliche Forschung findet in großen Meistern wie Mondrian und Severini Bezugspunkte. Dorazio erbt Mondrians kompositorische Strenge und teilt Severinis Interesse daran, die ephemere Wirkung des Lichts zu erfassen, das durch die Brechung das Sehen ermöglicht und die konsequente Umwandlung von Farbe in Licht bewirkt. „Licht ist - so der Künstler - nicht nur ein physikalisches, sondern auch ein psychisches und biologisches Phänomen, das nichts mit Vernunft zu tun hat und das vielleicht durch Formen der Mutation oder Energieausdehnung in kosmischen Räumen erzeugt wird. Sowohl Licht als auch Halblicht, Schatten und Dunkelheit provozieren bestimmte Geisteszustände. Aus diesem Grund ist Licht ein wesentlicher Bestandteil der Ausdrucksmittel in der bildenden Kunst.“ 
Seine Malerei ist Ausgangspunkt für eine Überarbeitung der klassischen Abstraktion: Dorazios Ansatz ist nicht von dem haptisch-expressiven Typus geprägt, den er für zu weit entfernt hielt, von der kompositorischen Strenge und den rhythmischen Zusammenhängen der „Formen“, die seine Bildforschung charakterisieren.
In der Zeit von Ende der 1950er bis Anfang der 1960er Jahre eroberte Piero Dorazios Malerei, beeinflusst durch seine Zeit in den USA und durch seinen Kontakt mit den künstlerischen Experimenten von De Kooning, Rothko und Pollock, die Idee der Oberfläche als kontinuierliches Feld. Eine Oberfläche, erfüllt von der autonomen Kraft von Farbe, Raum und Lichtform, die all jene Elemente hervorhob, welche fortan zum unverwechselbaren Merkmal des Dorazio-Stils werden sollten.

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+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 27.11.2019 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 16.11. - 27.11.2019