Lot Nr. 315


Lucio Fontana *


(Rosario di Santa Fe, Argentinien 1899–1968 Comabbio)
Ritratto femminile, 1953, auf der Rückseite signiert, datiert, rohe Terrakotta, 34 x 28 x 26 cm

Provenienz:
A.N.P.I (Associazione Nazionale Partigiani D’Italia), Savona

Literatur:
E. Crispolti, Lucio Fontana. Catalogo ragionato di sculture, dipinti, ambientazioni, Skira, Mailand 2006, Band I, S. 299, Nr. 53 SC 4 mit Abb.

Lucio Fontana schenkte 1955 sein Werk „Ritratto femminile“ aus dem Jahre 1953 der antifaschistischen Vereinigung ANPI von Savona, anlässlich des zehnten Jahrestages der Befreiung Italiens. 
Die Terrakotta wurde vermutlich in Albisola, in der Mazzotti-Fabrik, hergestellt. Diese Fabrik war seit 1906 in Betrieb und der Künstler besuchte sie seit 1936.
Zu dieser Zeit schufen viele Künstler in den Fabriken in Albisola ihre Werke, da diese eine lange Tradition in der Keramikproduktion hatten. 
In der Sommersaison, die seit der Futuristenzeit ein anregendes Umfeld für die künstlerische Produktion darstellte, besuchten jedes Jahr viele Künstler die ligurische Stadt.
Seit den 1950er Jahren trafen sich Fontana, Asger Jorn, Aligi Sassu, Enrico Baj, Corneille, Sebastiano Matta, Wifredo Lam und viele andere in Albisola, um ihre Werke zu schaffen und auszustellen.
Während des Zweiten Weltkriegs waren die Stadt Savona und die umliegenden Gebiete zum Schauplatz eines großen Volkswiderstands geworden. Die Stadt erhielt eine Goldmedaille für militärische Tapferkeit für ihren wichtigen Beitrag zum Partisanenkampf und noch immer ist die Erinnerung an diese Zeit hier lebendig.
Es war üblich, dass jene Künstler, die die Ideale der ANPI teilten, ein Werk als Zeichen der Solidarität spendeten. Fontanas Frauenkopf ist in jeder Hinsicht genau der Beitrag, mit dem der Künstler die Werte dieser Organisation, die auch die seinen waren, verwirklicht hat.

Indem er sich zum Bildhauer und nicht zum Keramikkünstler erklärt, versteht sich Fontana als Künstler, der über das schlichte Handwerk hinausgeht und sich dadurch von jeglichen Kompromissen in Materie und Form befreit.
Nach Abschluss seiner Ausbildung an der Brera Kunstakademie Anfang der 1930er Jahre wandte sich Fontana von der klassischen Lehre Wildts ab und begann mit neuen Materialien wie Gips und vor allem Terrakotta zu experimentieren. Die Duktilität der letzteren machte sie zum geeignetsten Mittel, um kreative Spannungen auszudrücken und die Unterscheidung zwischen Malerei und Skulptur aufzuheben.
Die menschliche, weibliche Figur war ein wiederkehrendes Thema im Werk des Künstlers aus seinen ersten Gipsskulpturen. Erst 1937 begann die Schaffung von großen Büsten und nervösen Frauenfiguren einen bedeutenden Teil seiner Keramikproduktion zu belegen.
Fontanas Büsten lehnen sowohl die idealisierende Rhetorik der offiziellen Porträts als auch den Bezug zu Modellen der antiken Skulptur ab. Die Körper treten schwer aus dem Material hervor, durchbrechen die Grenzen der Form, um sich frei auszudehnen; das Volumen wird beweglich gemacht, bis hin zur Projektion in dynamischer Kontinuität mit ihrer Umgebung.

Dieser rastlose und anspruchsvolle Bildhauer hat vielleicht in diesem wertvollen Material
das beste Mittel für sich gefunden, um seine Idee zu verwirklichen, die Malerei und Skulptur in ihren ursprünglichen Absichten zu verschmelzen.
Das Material wird mit einem Maximum an Ausdrucksfreiheit im Raum platziert.
Attilio Podestà

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

27.11.2019 - 18:00

Schätzwert:
EUR 50.000,- bis EUR 70.000,-

Lucio Fontana *


(Rosario di Santa Fe, Argentinien 1899–1968 Comabbio)
Ritratto femminile, 1953, auf der Rückseite signiert, datiert, rohe Terrakotta, 34 x 28 x 26 cm

Provenienz:
A.N.P.I (Associazione Nazionale Partigiani D’Italia), Savona

Literatur:
E. Crispolti, Lucio Fontana. Catalogo ragionato di sculture, dipinti, ambientazioni, Skira, Mailand 2006, Band I, S. 299, Nr. 53 SC 4 mit Abb.

Lucio Fontana schenkte 1955 sein Werk „Ritratto femminile“ aus dem Jahre 1953 der antifaschistischen Vereinigung ANPI von Savona, anlässlich des zehnten Jahrestages der Befreiung Italiens. 
Die Terrakotta wurde vermutlich in Albisola, in der Mazzotti-Fabrik, hergestellt. Diese Fabrik war seit 1906 in Betrieb und der Künstler besuchte sie seit 1936.
Zu dieser Zeit schufen viele Künstler in den Fabriken in Albisola ihre Werke, da diese eine lange Tradition in der Keramikproduktion hatten. 
In der Sommersaison, die seit der Futuristenzeit ein anregendes Umfeld für die künstlerische Produktion darstellte, besuchten jedes Jahr viele Künstler die ligurische Stadt.
Seit den 1950er Jahren trafen sich Fontana, Asger Jorn, Aligi Sassu, Enrico Baj, Corneille, Sebastiano Matta, Wifredo Lam und viele andere in Albisola, um ihre Werke zu schaffen und auszustellen.
Während des Zweiten Weltkriegs waren die Stadt Savona und die umliegenden Gebiete zum Schauplatz eines großen Volkswiderstands geworden. Die Stadt erhielt eine Goldmedaille für militärische Tapferkeit für ihren wichtigen Beitrag zum Partisanenkampf und noch immer ist die Erinnerung an diese Zeit hier lebendig.
Es war üblich, dass jene Künstler, die die Ideale der ANPI teilten, ein Werk als Zeichen der Solidarität spendeten. Fontanas Frauenkopf ist in jeder Hinsicht genau der Beitrag, mit dem der Künstler die Werte dieser Organisation, die auch die seinen waren, verwirklicht hat.

Indem er sich zum Bildhauer und nicht zum Keramikkünstler erklärt, versteht sich Fontana als Künstler, der über das schlichte Handwerk hinausgeht und sich dadurch von jeglichen Kompromissen in Materie und Form befreit.
Nach Abschluss seiner Ausbildung an der Brera Kunstakademie Anfang der 1930er Jahre wandte sich Fontana von der klassischen Lehre Wildts ab und begann mit neuen Materialien wie Gips und vor allem Terrakotta zu experimentieren. Die Duktilität der letzteren machte sie zum geeignetsten Mittel, um kreative Spannungen auszudrücken und die Unterscheidung zwischen Malerei und Skulptur aufzuheben.
Die menschliche, weibliche Figur war ein wiederkehrendes Thema im Werk des Künstlers aus seinen ersten Gipsskulpturen. Erst 1937 begann die Schaffung von großen Büsten und nervösen Frauenfiguren einen bedeutenden Teil seiner Keramikproduktion zu belegen.
Fontanas Büsten lehnen sowohl die idealisierende Rhetorik der offiziellen Porträts als auch den Bezug zu Modellen der antiken Skulptur ab. Die Körper treten schwer aus dem Material hervor, durchbrechen die Grenzen der Form, um sich frei auszudehnen; das Volumen wird beweglich gemacht, bis hin zur Projektion in dynamischer Kontinuität mit ihrer Umgebung.

Dieser rastlose und anspruchsvolle Bildhauer hat vielleicht in diesem wertvollen Material
das beste Mittel für sich gefunden, um seine Idee zu verwirklichen, die Malerei und Skulptur in ihren ursprünglichen Absichten zu verschmelzen.
Das Material wird mit einem Maximum an Ausdrucksfreiheit im Raum platziert.
Attilio Podestà

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 27.11.2019 - 18:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 16.11. - 27.11.2019