Lot Nr. 5


Egon Schiele


(Tulln 1890–1918 Wien)
Frau mit erhobenen Armen, signiert, datiert Egon Schiele 1914, Gouache, Aquarell, Bleistift auf Papier, 48,5 x 32,3 cm, gerahmt

Kallir D.1539a: Das Werk wird in das in Vorbereitung befindliche Digital Update des Werkverzeichnisses Egon Schiele: The Complete Works aufgenommen.

Vergleiche:
Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works, London, 1998,
D. 1539 – dort die Notiz: Siehe: D.1538. Vergleiche:
D.1613. Studie zu: P. 273; G.6

Provenienz:
Privatsammlung, Wien

Ein Beitrag von Jane Kallir
© Jane Kallir

Egon Schiele
Frau mit erhobenen Armen (Kallir D. 1539a)

Egon Schiele erlebte 1914 eine Reihe wichtiger Übergänge, sowohl beruflich als auch persönlich. In Heinrich Böhler fand er einen wichtigen neuen Gönner, einen Kunstliebhaber, der nicht nur Schieles Werke kaufte, sondern ihn auch als privaten Kunstlehrer engagierte. Als die beiden nebeneinander malten, bezahlte Böhler alle Materialien und Modelle. Heinrichs Cousin, Hans Böhler, ein Künstler von Format, beauftragte Schiele mit einem Ganzkörperporträt seiner Freundin Friederike Maria Beer. Und gegen Ende 1914 fand Schiele mit Guido Arnot einen Wiener Händler, der bereit war, ihm eine Einzelausstellung zu widmen. Mit einem Seufzer der Erleichterung konnte der Künstler seiner Mutter schreiben: „Ich habe die Empfindung, daß ich endlich aus der unsicheren Existenz heraus bin.“

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 brachte für Schiele kaum unmittelbare Auswirkungen: Er hatte einen angeborenen Herzfehler und wurde zunächst vom Militärdienst befreit. Die Hochzeit seiner Lieblingsschwester Gerti im November mit seinem besten Freund, dem Künstler Anton Peschka, hatte eine direktere emotionale Wirkung. Als Schiele selbst darüber nachzudenken begann, sich niederzulassen, entschied er sich leider, dass seine langjährige Partnerin, Wally Neuzil, keine gesellschaftsfähige Ehefrau sein würde. Stattdessen begann der Künstler mit den beiden Schwestern Adele und Edith Harms anzubandeln, die seinem Atelier an der Hietzinger Hauptstraße gegenüber wohnten. Wally fand sich nun in der sicherlich qualvollen Rolle der Anstandsdame.

Schieles Ambivalenz gegenüber der Trennung von Wally, um eine für ihn besser geeignete bürgerliche Ehefrau zu finden, durchdringt einen Großteil des Werkes des Künstlers im Jahre 1914. Im Gegensatz zu den zerbrechlichen Figuren, die seine früheren Zeichnungen und Aquarelle bevölkerten, sind Schieles Akte von 1914 kräftige, ausgewachsene Frauen. Doch während seine früheren Modelle eine spürbare menschliche Präsenz zeigten, neigte der Künstler 1914 dazu, die weibliche Figur vor allem formal zu betrachten. Durch eine Kombination aus emotionaler und stilistischer Distanz sublimierte er gleichzeitig seine eigenen sexuellen Gefühle und entschärfte die erotische Intensität seiner Arbeit.

Die Frau mit erhobenen Armen zeigt die für Schieles Zeichnungen aus dem Jahr 1914 typische Stilisierung auf. Ihr Gesicht ist eine augenlose Maske und dem Subjekt fehlt jede konkrete Identität. Das Werk kann lose auf den späten Frühling oder Frühsommer datiert werden, da es in Beziehung zu mehreren ähnlichen Gouachen (K. D1538, D1539, D. 1540 und D. 1541) und der Kaltnadelradierung Hockende Frau (K. G6) steht. In dieser Zeit waren Schieles Zeichnungen von einer Art Skarifikation geprägt, die hier in den stichartigen Strichen entlang der Rückseite der Figur und in den Falten ihres Hemdes zu sehen ist. Die Schraffierung wird typischerweise von Druckgrafikern verwendet, um Volumen zu anzudeuten, obwohl unklar ist, ob Schieles Verwendung der Technik sich aus seiner Erfahrung mit Kaltnadelradierungen ergibt, oder ob umgekehrt seine zeitgenössischen Zeichnungen seinen Umgang mit Druckgrafik beeinflusst haben.

Schieles unregelmäßige Linienführung hat den paradoxen Effekt, die Plastizität der Frau mit erhobenen Armen zu erhöhen. Die abstrakten Segmente der Chemise suggerieren Volumen, ebenso wie die abgerundeten Konturen der Gliedmaßen der Figur. Mit dem relativ trockenen Medium der Gouache umrandet Schiele die Hauptformen mit einer leichten braunen Unterglasur, der er kräftige Akzente in Rot und Grün überlagert. Die Farbe, die das Haar der Frau definiert, wird subtil manipuliert und geritzt, um eine greifbare Substanz hervorzurufen.

Das auffällige Volumen bei Frau mit erhobenen Armen steht in scharfem Kontrast zur durchschlagend zweidimensionalen Behandlung der Bildebene. Die Figur ist wie ein Schmetterling gegen das flache Blatt gedrückt, und die Signaturposition erzeugt ein bewusstes Gefühl der räumlichen Versetzung. Obwohl das Modell wahrscheinlich auf einer niedrigen Matratze hockte, betrachtete Schiele sie von oben und unterschrieb das Blatt entsprechend vertikal. Anstatt einen realen Raum zu besetzen, befindet sich die Frau mit erhobenen Armen in einem von Schiele geschaffenen künstlerischen Bereich. Die Spannung zwischen konventionellem Realismus und diesem in sich geschlossenen künstlerischen Bereich war das ästhetische Gegenstück zu einem anhaltenden persönlichen Konflikt zwischen Gesellschaft und Selbst.

Schiele würde diesen Konflikt in den verbleibenden Jahren seines kurzen Lebens schrittweise lösen. Im Jahre 1915 wurde er zum österreichischen Heer eingezogen und kurz vor seiner Einberufung heiratete er seine bürgerliche Nachbarin Edith Harms. Das Experimentieren mit der abstrakten Form der Frau mit erhobenen Armen wich allmählich einer ruhigeren und realistischeren Darstellung. Schieles Spätwerk kann außerordentlich schön sein, ist allerdings dabei auch weniger bahnbrechend.

Expertin: Mag. Elke Königseder Mag. Elke Königseder
+43-1-515 60-358

elke.koenigseder@dorotheum.at

26.11.2019 - 17:00

Schätzwert:
EUR 900.000,- bis EUR 1.600.000,-

Egon Schiele


(Tulln 1890–1918 Wien)
Frau mit erhobenen Armen, signiert, datiert Egon Schiele 1914, Gouache, Aquarell, Bleistift auf Papier, 48,5 x 32,3 cm, gerahmt

Kallir D.1539a: Das Werk wird in das in Vorbereitung befindliche Digital Update des Werkverzeichnisses Egon Schiele: The Complete Works aufgenommen.

Vergleiche:
Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works, London, 1998,
D. 1539 – dort die Notiz: Siehe: D.1538. Vergleiche:
D.1613. Studie zu: P. 273; G.6

Provenienz:
Privatsammlung, Wien

Ein Beitrag von Jane Kallir
© Jane Kallir

Egon Schiele
Frau mit erhobenen Armen (Kallir D. 1539a)

Egon Schiele erlebte 1914 eine Reihe wichtiger Übergänge, sowohl beruflich als auch persönlich. In Heinrich Böhler fand er einen wichtigen neuen Gönner, einen Kunstliebhaber, der nicht nur Schieles Werke kaufte, sondern ihn auch als privaten Kunstlehrer engagierte. Als die beiden nebeneinander malten, bezahlte Böhler alle Materialien und Modelle. Heinrichs Cousin, Hans Böhler, ein Künstler von Format, beauftragte Schiele mit einem Ganzkörperporträt seiner Freundin Friederike Maria Beer. Und gegen Ende 1914 fand Schiele mit Guido Arnot einen Wiener Händler, der bereit war, ihm eine Einzelausstellung zu widmen. Mit einem Seufzer der Erleichterung konnte der Künstler seiner Mutter schreiben: „Ich habe die Empfindung, daß ich endlich aus der unsicheren Existenz heraus bin.“

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 brachte für Schiele kaum unmittelbare Auswirkungen: Er hatte einen angeborenen Herzfehler und wurde zunächst vom Militärdienst befreit. Die Hochzeit seiner Lieblingsschwester Gerti im November mit seinem besten Freund, dem Künstler Anton Peschka, hatte eine direktere emotionale Wirkung. Als Schiele selbst darüber nachzudenken begann, sich niederzulassen, entschied er sich leider, dass seine langjährige Partnerin, Wally Neuzil, keine gesellschaftsfähige Ehefrau sein würde. Stattdessen begann der Künstler mit den beiden Schwestern Adele und Edith Harms anzubandeln, die seinem Atelier an der Hietzinger Hauptstraße gegenüber wohnten. Wally fand sich nun in der sicherlich qualvollen Rolle der Anstandsdame.

Schieles Ambivalenz gegenüber der Trennung von Wally, um eine für ihn besser geeignete bürgerliche Ehefrau zu finden, durchdringt einen Großteil des Werkes des Künstlers im Jahre 1914. Im Gegensatz zu den zerbrechlichen Figuren, die seine früheren Zeichnungen und Aquarelle bevölkerten, sind Schieles Akte von 1914 kräftige, ausgewachsene Frauen. Doch während seine früheren Modelle eine spürbare menschliche Präsenz zeigten, neigte der Künstler 1914 dazu, die weibliche Figur vor allem formal zu betrachten. Durch eine Kombination aus emotionaler und stilistischer Distanz sublimierte er gleichzeitig seine eigenen sexuellen Gefühle und entschärfte die erotische Intensität seiner Arbeit.

Die Frau mit erhobenen Armen zeigt die für Schieles Zeichnungen aus dem Jahr 1914 typische Stilisierung auf. Ihr Gesicht ist eine augenlose Maske und dem Subjekt fehlt jede konkrete Identität. Das Werk kann lose auf den späten Frühling oder Frühsommer datiert werden, da es in Beziehung zu mehreren ähnlichen Gouachen (K. D1538, D1539, D. 1540 und D. 1541) und der Kaltnadelradierung Hockende Frau (K. G6) steht. In dieser Zeit waren Schieles Zeichnungen von einer Art Skarifikation geprägt, die hier in den stichartigen Strichen entlang der Rückseite der Figur und in den Falten ihres Hemdes zu sehen ist. Die Schraffierung wird typischerweise von Druckgrafikern verwendet, um Volumen zu anzudeuten, obwohl unklar ist, ob Schieles Verwendung der Technik sich aus seiner Erfahrung mit Kaltnadelradierungen ergibt, oder ob umgekehrt seine zeitgenössischen Zeichnungen seinen Umgang mit Druckgrafik beeinflusst haben.

Schieles unregelmäßige Linienführung hat den paradoxen Effekt, die Plastizität der Frau mit erhobenen Armen zu erhöhen. Die abstrakten Segmente der Chemise suggerieren Volumen, ebenso wie die abgerundeten Konturen der Gliedmaßen der Figur. Mit dem relativ trockenen Medium der Gouache umrandet Schiele die Hauptformen mit einer leichten braunen Unterglasur, der er kräftige Akzente in Rot und Grün überlagert. Die Farbe, die das Haar der Frau definiert, wird subtil manipuliert und geritzt, um eine greifbare Substanz hervorzurufen.

Das auffällige Volumen bei Frau mit erhobenen Armen steht in scharfem Kontrast zur durchschlagend zweidimensionalen Behandlung der Bildebene. Die Figur ist wie ein Schmetterling gegen das flache Blatt gedrückt, und die Signaturposition erzeugt ein bewusstes Gefühl der räumlichen Versetzung. Obwohl das Modell wahrscheinlich auf einer niedrigen Matratze hockte, betrachtete Schiele sie von oben und unterschrieb das Blatt entsprechend vertikal. Anstatt einen realen Raum zu besetzen, befindet sich die Frau mit erhobenen Armen in einem von Schiele geschaffenen künstlerischen Bereich. Die Spannung zwischen konventionellem Realismus und diesem in sich geschlossenen künstlerischen Bereich war das ästhetische Gegenstück zu einem anhaltenden persönlichen Konflikt zwischen Gesellschaft und Selbst.

Schiele würde diesen Konflikt in den verbleibenden Jahren seines kurzen Lebens schrittweise lösen. Im Jahre 1915 wurde er zum österreichischen Heer eingezogen und kurz vor seiner Einberufung heiratete er seine bürgerliche Nachbarin Edith Harms. Das Experimentieren mit der abstrakten Form der Frau mit erhobenen Armen wich allmählich einer ruhigeren und realistischeren Darstellung. Schieles Spätwerk kann außerordentlich schön sein, ist allerdings dabei auch weniger bahnbrechend.

Expertin: Mag. Elke Königseder Mag. Elke Königseder
+43-1-515 60-358

elke.koenigseder@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Klassische Moderne
Datum: 26.11.2019 - 17:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 16.11. - 26.11.2019