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Lot Nr. 19


Abel Grimmer


(Antwerpen 1570 – nach 1620)
Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern,
Öl auf Holz, 50 x 76 cm, gerahmt

Video: Abel Grimmer

Provenienz:
Privatsammlung, Belgien;
Auktion, de Vuyst, Lokeren, 10. März 2018, Lot 3;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Luuk Pijl, der die Zuschreibung an Abel Grimmer bestätigt hat. Sein Gutachten vom 13. August 2020 liegt diesem Lot bei. Pijl schlägt „eine Entstehungszeit in den 1590er-Jahren als am wahrscheinlichsten“ vor.

Die vorliegende Winterlandschaft ist mit ihren anschaulich gekleideten Figurengruppen und dem verschneiten, sanft-hügeligen Gelände eine wichtige Hinzufügung zum Schaffen Abel Grimmers. Das Bildthema ließ sich bisher nicht genau bestimmen, doch sind die Motive vertraut. Laut Pijl waren sowohl Abel als auch sein Vater, der berühmte Landschaftsmaler Jacob Grimmer, in der Nachfolge des großen Pieter Brueghel des Älteren (1526–1569) tätig. Hier hat Abel Grimmer Figuren aus Brueghels um 1558 entstandener Zeichnung Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor (Privatsammlung; gestochen von Frans Huys und veröffentlicht von Hieronymus Cock, Metropolitan Museum, New York, Inv.-Nr. 26.72.24) und aus seinem um 1565 entstandenen Gemälde Jäger im Schnee (Kunsthistorisches Museum, Wien, Inv.-Nr. 1838) interpretiert.

Pijl schreibt, dass das vorliegende Werk „Grimmers geradlinige Formensprache und naive Figuren mit leuchtenden Farben und stark ausgeprägter Linearität im Verein mit auf geometrischen Formen beruhenden Gebäuden“ ausstellt. Gemeinsam mit seinem Vater Jacob, dessen Werkstatt und Vorlagen Abel 1590 als Erbe übernahm, popularisierte der jüngere Grimmer das Genre der typisch flämischen Landschaft. Aber anders als Grimmers Gemälde Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor (siehe R. de Bertier de Sauvigny, Jacob et Abel Grimmer: Catalogue Raisonné, Brüssel 1991, S. 237, Nr. LXXIV), das Brueghels Kompositionsschema viel näher ist, zeigt das vorliegende Werk eine eigenständige Winterlandschaft. Die ausgedehnte Schneedecke legt sich hier dick über die Landschaft, wobei Gebäude und Figuren ihre Schatten in einer Art und Weise werfen, die frisches Winterlicht evoziert und zudem hilft, die Formen in Grimmers typischer Manier sprechen zu lassen.

Der Jäger im Vordergrund erinnert den Betrachter daran, dass im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine „Kleine Eiszeit“ begann, während der die Temperaturen allgemein um zwei Grad Celsius fielen, wodurch sich die Reifezeit der Feldfrüchte um drei Wochen verkürzte und sich die Nahrungsbeschaffung immer aussichtloser gestaltete. Der Mann mit Kapuze trägt einen toten Fuchs auf seinem Speer, ein Zeichen, dessen sich Brueghel erstmals 1565 bediente, um auf die Nahrungsmittelknappheit anzuspielen – ein schmerzlicher Hinweis auf den Klimawandel während der frühen Neuzeit. Grimmer wiederholt diese Figur in seiner Winterszenerie in den Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel. Umgekehrt tummeln sich gut gekleidete Schlittschuhläufer in modischer Maskierung auf dem nahen Eis. Ob ihre Masken vor der extremen Kälte schützen sollten (wie Generationen später auf Wenceslaus Hollars Stich von 1643 Edelfrau im Winterkleid; Metropolitan Museum, Inv.-Nr. 23.65.35) oder dem Feiern geschuldet waren, beschäftigt die Kunstwissenschaft noch heute.

Die leicht grotesken, grinsenden Masken im vorliegenden Werk setzt Pijl mit jenen in Frans Hogenbergs Druckgrafik Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit von 1559 gleich, deren Bildthema auch Brueghel in seinem Gemälde gleichen Titels behandelte. Augenscheinlich sehr ähnlich gestaltete Masken treten auch auf Brueghels Gemälde der Kinderspiele (Kunsthistorisches Museum, Wien, Inv.-Nr. GG 1017) in Erscheinung. Ebenfalls aus der oben erwähnten Druckgrafik Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor von Frans Huys übernommen, jedoch in Grimmers typischer Weise umgesetzt, sind die beiden weiteren der insgesamt drei Figurengruppen im Vordergrund: zum einen das auf die Schlittschuhläufer zeigende alte Weib in Begleitung einer mit einer Kapuze bekleideten Gestalt; zum anderen die beiden sitzenden Männer in der Mitte, die im Begriff sind, sich die Kufen anzulegen. Spätere Abzüge der Druckgrafik Huys’, zeitgleich mit dem vorliegenden Werk entstanden, trugen die Beschriftung „slibberachticheyt van’s menschen leven“, was wie die eisige Kulisse dieser Tafel auf die Unsicherheit des menschlichen Daseins verweist.

Experte: Damian Brenninkmeyer Damian Brenninkmeyer
+43 1 515 60 403

damian.brenninkmeyer@dorotheum.at

10.11.2020 - 16:00

Schätzwert:
EUR 300.000,- bis EUR 500.000,-

Abel Grimmer


(Antwerpen 1570 – nach 1620)
Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern,
Öl auf Holz, 50 x 76 cm, gerahmt

Video: Abel Grimmer

Provenienz:
Privatsammlung, Belgien;
Auktion, de Vuyst, Lokeren, 10. März 2018, Lot 3;
dort erworben durch den jetzigen Besitzer

Wir danken Luuk Pijl, der die Zuschreibung an Abel Grimmer bestätigt hat. Sein Gutachten vom 13. August 2020 liegt diesem Lot bei. Pijl schlägt „eine Entstehungszeit in den 1590er-Jahren als am wahrscheinlichsten“ vor.

Die vorliegende Winterlandschaft ist mit ihren anschaulich gekleideten Figurengruppen und dem verschneiten, sanft-hügeligen Gelände eine wichtige Hinzufügung zum Schaffen Abel Grimmers. Das Bildthema ließ sich bisher nicht genau bestimmen, doch sind die Motive vertraut. Laut Pijl waren sowohl Abel als auch sein Vater, der berühmte Landschaftsmaler Jacob Grimmer, in der Nachfolge des großen Pieter Brueghel des Älteren (1526–1569) tätig. Hier hat Abel Grimmer Figuren aus Brueghels um 1558 entstandener Zeichnung Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor (Privatsammlung; gestochen von Frans Huys und veröffentlicht von Hieronymus Cock, Metropolitan Museum, New York, Inv.-Nr. 26.72.24) und aus seinem um 1565 entstandenen Gemälde Jäger im Schnee (Kunsthistorisches Museum, Wien, Inv.-Nr. 1838) interpretiert.

Pijl schreibt, dass das vorliegende Werk „Grimmers geradlinige Formensprache und naive Figuren mit leuchtenden Farben und stark ausgeprägter Linearität im Verein mit auf geometrischen Formen beruhenden Gebäuden“ ausstellt. Gemeinsam mit seinem Vater Jacob, dessen Werkstatt und Vorlagen Abel 1590 als Erbe übernahm, popularisierte der jüngere Grimmer das Genre der typisch flämischen Landschaft. Aber anders als Grimmers Gemälde Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor (siehe R. de Bertier de Sauvigny, Jacob et Abel Grimmer: Catalogue Raisonné, Brüssel 1991, S. 237, Nr. LXXIV), das Brueghels Kompositionsschema viel näher ist, zeigt das vorliegende Werk eine eigenständige Winterlandschaft. Die ausgedehnte Schneedecke legt sich hier dick über die Landschaft, wobei Gebäude und Figuren ihre Schatten in einer Art und Weise werfen, die frisches Winterlicht evoziert und zudem hilft, die Formen in Grimmers typischer Manier sprechen zu lassen.

Der Jäger im Vordergrund erinnert den Betrachter daran, dass im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts eine „Kleine Eiszeit“ begann, während der die Temperaturen allgemein um zwei Grad Celsius fielen, wodurch sich die Reifezeit der Feldfrüchte um drei Wochen verkürzte und sich die Nahrungsbeschaffung immer aussichtloser gestaltete. Der Mann mit Kapuze trägt einen toten Fuchs auf seinem Speer, ein Zeichen, dessen sich Brueghel erstmals 1565 bediente, um auf die Nahrungsmittelknappheit anzuspielen – ein schmerzlicher Hinweis auf den Klimawandel während der frühen Neuzeit. Grimmer wiederholt diese Figur in seiner Winterszenerie in den Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel. Umgekehrt tummeln sich gut gekleidete Schlittschuhläufer in modischer Maskierung auf dem nahen Eis. Ob ihre Masken vor der extremen Kälte schützen sollten (wie Generationen später auf Wenceslaus Hollars Stich von 1643 Edelfrau im Winterkleid; Metropolitan Museum, Inv.-Nr. 23.65.35) oder dem Feiern geschuldet waren, beschäftigt die Kunstwissenschaft noch heute.

Die leicht grotesken, grinsenden Masken im vorliegenden Werk setzt Pijl mit jenen in Frans Hogenbergs Druckgrafik Kampf zwischen Karneval und Fastenzeit von 1559 gleich, deren Bildthema auch Brueghel in seinem Gemälde gleichen Titels behandelte. Augenscheinlich sehr ähnlich gestaltete Masken treten auch auf Brueghels Gemälde der Kinderspiele (Kunsthistorisches Museum, Wien, Inv.-Nr. GG 1017) in Erscheinung. Ebenfalls aus der oben erwähnten Druckgrafik Schlittschuhläufer vor dem St.-Georgstor von Frans Huys übernommen, jedoch in Grimmers typischer Weise umgesetzt, sind die beiden weiteren der insgesamt drei Figurengruppen im Vordergrund: zum einen das auf die Schlittschuhläufer zeigende alte Weib in Begleitung einer mit einer Kapuze bekleideten Gestalt; zum anderen die beiden sitzenden Männer in der Mitte, die im Begriff sind, sich die Kufen anzulegen. Spätere Abzüge der Druckgrafik Huys’, zeitgleich mit dem vorliegenden Werk entstanden, trugen die Beschriftung „slibberachticheyt van’s menschen leven“, was wie die eisige Kulisse dieser Tafel auf die Unsicherheit des menschlichen Daseins verweist.

Experte: Damian Brenninkmeyer Damian Brenninkmeyer
+43 1 515 60 403

damian.brenninkmeyer@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
old.masters@dorotheum.at

+43 1 515 60 403
Auktion: Alte Meister
Datum: 10.11.2020 - 16:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 04.11. - 10.11.2020