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Lot Nr. 210


Günther Uecker *


(Wendorf 1930 geb.)
Kopf, 1955/56, signiert Uecker, Nägel auf Holz, 60 x 34 x 38 cm

Dieses Werk ist im Uecker Archiv mit der Nummer GU.56.001 registriert und wird vorgemerkt für die Aufnahme in das entstehende Uecker Werkverzeichnis.

Provenienz:
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen - 1987 direkt von der Familie des Künstlers erworben

Literatur:
Dieter Honisch, Uecker, Werkverzeichnis, Stuttgart 1983,
Nr. 1, S. 169 (mit Abb.)

Ausgestellt:
Wuppertal, Kunst- und Museumsverein, Exotisches und Moderne Kunst, 7.4.26.5.1968, Nr. 41
Hannover, Kestner-Gesellschaft, Günther Uecker, 5.5.-18.6.1972, Nr. 53

Frühwerk von Günther Uecker: Nr. 1 im Werkverzeichnis von Dieter Honisch

„Bei Uecker könnte man von einer Kunst, um die Kunst zu verlassen, sprechen, weil auch Günther Uecker die Kunst nicht als das Ergebnis seiner Arbeit begreift, sondern eher als Handlungsspielraum oder als Rahmenbedingung seiner Existenz.“ (Dieter Honisch, Uecker, (Werkverzeichnis bearbeitet von Harion Haedecke) Stuttgart 1983, No 1, S. 9.)

Ueckers Werke stellen als Ganzes eine Einheit dar. Dabei steht jede Arbeit nicht nur für sich, sondern beinhaltet bereits auch das nächste und darüber hinaus alle vergangenen Werke. So ist jedes Objekt eine Repräsentation seines Œuvres – und zugleich auch nicht. Wer sich mit Günther Uecker auseinandersetzen möchte, kann nicht auf klassische kunsthistorische Analysen zurückgreifen, sondern muss sich seinem komplexen Opus stellen. Die Summe der Werke verharrt in ihrer Form und steht damit dem dynamischen Fortschritt unserer Gesellschaft gegenüber. Das Beharren und Insistieren Ueckers ist ein Handlungsritual, das sich auf das Leben und die Realität bezieht. Die natürliche Wiederholung des Hämmerns und die Verwendung von Nägeln dienen ihm als meditatives Ritual und transformieren seine Theorien in eine gelebte künstlerische Praxis. Der Effekt der Reliefstruktur wird dabei durch das Spiel von Licht und Schatten verstärkt. Seine von ihm als solche bezeichneten „Nagelbilder“ schafft er seit über 50 Jahren. Uecker schlug die Nägel nicht ausschließlich in Leinwände, sondern unter anderem auch in Türrahmen, Stühle, Schuhe, Fernsehgeräte und Schallplattenspieler.

Die im Werkverzeichnis von Dieter Honisch als Nummer 1 angeführte Arbeit „Kopf“ nimmt allein durch Ihre Position in Ueckers Œuvre eine besondere Stellung ein, verweist aber bereits auf die für den Künstler charakteristischen Verwendung handelsüblicher Nägel.

Banale Alltagsgegenstände hat Uecker häufig vernagelt, für dieses Werk wählte er ein außergewöhnliches Medium, einen alten Holzbalken, der nach eigener Auskunft, einer abgerissenen Scheune aus seiner Heimat entstammt. Daraus fertigte Uecker eine Skulptur, eine Frauenbüste, sie stelle seine Schwester Rotraut dar. 1953 verließ Uecker die DDR und übersiedelte nach Westberlin, bereits 1955 begann er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, kehrte jedoch in die Heimat zurück, um seine seine Schwester Rotraut im Jahr 1955 aus Groß Schwansee in den Westen zu holen – im selben Jahr, in dem die Skulptur entstand.

Auf den ersten Blick erinnert die Figur nicht unbedingt an die Darstellung seiner Schwester, sondern sie erlaubt – ausgelöst durch die Auseinandersetzung einiger westlicher Künstler mit afrikanischer Stammeskunst – eine Assoziation an eine deutsche Interpretation indigener Figuren. Darauf deutet insbesondere die Formulierung von Nase und Mund sowie der langgezogene Korpus der Protagonistin hin. Die Figur erinnert in ihrer Darstellung an afrikanische Nagelfetische, bei denen die Figuren ebenfalls mit Nägeln übersät werden. Primär soll der Nagelfetisch vor bösem Zauber oder Krankheiten schützen.

Die Oberfläche der Holzfigur ist allumfassend in gleichmäßigen Abständen mit Nägeln beschlagen. Die daraus resultierende zweite Ebene überdeckt, je nach Blickwinkel, Bereiche der Holzoberfläche. So lässt sich der Kopf in seiner Gesamtheit erst durch die Rotation sowie das Senken und Heben des Kopfes vollständig erfassen.

Schlussendlich bleibt es dem Betrachter offen, in dem Werk Ueckers eine Affinität zur afrikanischen Stammeskunst sehen zu wollen. Intendiert ist diese allerdings nicht.
„Neben Uecker muß man hier besonders an Yves Klein denken, an Newman, Rothko, Ad Reinhardt oder Beuys. Ihre Werke erhalten ihre besondere Kraft nicht allein aus der Form, sondern zudem aus der Intensität, mit der sie für uns alle offen und damit zugänglich für unsere eigenen Empfindungen gehalten werden. Ihre besondere Qualität liegt gerade in dieser visionären Offenheit, in dieser fragenden und von einem starken Glauben getragenen Suche, ihrer Unfähigkeit auch, naheliegende Antworten und fertige Rezepte zu geben.“
(Dieter Honisch, Uecker, (Werkverzeichnis bearbeitet von Harion Haedecke) Stuttgart 1983, No 1, S. 15.)
Unabhängig von der Deutung der Arbeit steht fest, dass es sich bei dem Frühwerk „Kopf“ trotz der charakteristischen Verwendung der handelsüblichen Nägel um eine ganz besondere Arbeit im Œuvre von Günther Uecker handelt.

Video ansehen

Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
+49-211-210 77 47

petra.schaepers@dorotheum.de

25.11.2020 - 16:00

Schätzwert:
EUR 300.000,- bis EUR 400.000,-

Günther Uecker *


(Wendorf 1930 geb.)
Kopf, 1955/56, signiert Uecker, Nägel auf Holz, 60 x 34 x 38 cm

Dieses Werk ist im Uecker Archiv mit der Nummer GU.56.001 registriert und wird vorgemerkt für die Aufnahme in das entstehende Uecker Werkverzeichnis.

Provenienz:
Privatsammlung, Nordrhein-Westfalen - 1987 direkt von der Familie des Künstlers erworben

Literatur:
Dieter Honisch, Uecker, Werkverzeichnis, Stuttgart 1983,
Nr. 1, S. 169 (mit Abb.)

Ausgestellt:
Wuppertal, Kunst- und Museumsverein, Exotisches und Moderne Kunst, 7.4.26.5.1968, Nr. 41
Hannover, Kestner-Gesellschaft, Günther Uecker, 5.5.-18.6.1972, Nr. 53

Frühwerk von Günther Uecker: Nr. 1 im Werkverzeichnis von Dieter Honisch

„Bei Uecker könnte man von einer Kunst, um die Kunst zu verlassen, sprechen, weil auch Günther Uecker die Kunst nicht als das Ergebnis seiner Arbeit begreift, sondern eher als Handlungsspielraum oder als Rahmenbedingung seiner Existenz.“ (Dieter Honisch, Uecker, (Werkverzeichnis bearbeitet von Harion Haedecke) Stuttgart 1983, No 1, S. 9.)

Ueckers Werke stellen als Ganzes eine Einheit dar. Dabei steht jede Arbeit nicht nur für sich, sondern beinhaltet bereits auch das nächste und darüber hinaus alle vergangenen Werke. So ist jedes Objekt eine Repräsentation seines Œuvres – und zugleich auch nicht. Wer sich mit Günther Uecker auseinandersetzen möchte, kann nicht auf klassische kunsthistorische Analysen zurückgreifen, sondern muss sich seinem komplexen Opus stellen. Die Summe der Werke verharrt in ihrer Form und steht damit dem dynamischen Fortschritt unserer Gesellschaft gegenüber. Das Beharren und Insistieren Ueckers ist ein Handlungsritual, das sich auf das Leben und die Realität bezieht. Die natürliche Wiederholung des Hämmerns und die Verwendung von Nägeln dienen ihm als meditatives Ritual und transformieren seine Theorien in eine gelebte künstlerische Praxis. Der Effekt der Reliefstruktur wird dabei durch das Spiel von Licht und Schatten verstärkt. Seine von ihm als solche bezeichneten „Nagelbilder“ schafft er seit über 50 Jahren. Uecker schlug die Nägel nicht ausschließlich in Leinwände, sondern unter anderem auch in Türrahmen, Stühle, Schuhe, Fernsehgeräte und Schallplattenspieler.

Die im Werkverzeichnis von Dieter Honisch als Nummer 1 angeführte Arbeit „Kopf“ nimmt allein durch Ihre Position in Ueckers Œuvre eine besondere Stellung ein, verweist aber bereits auf die für den Künstler charakteristischen Verwendung handelsüblicher Nägel.

Banale Alltagsgegenstände hat Uecker häufig vernagelt, für dieses Werk wählte er ein außergewöhnliches Medium, einen alten Holzbalken, der nach eigener Auskunft, einer abgerissenen Scheune aus seiner Heimat entstammt. Daraus fertigte Uecker eine Skulptur, eine Frauenbüste, sie stelle seine Schwester Rotraut dar. 1953 verließ Uecker die DDR und übersiedelte nach Westberlin, bereits 1955 begann er sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, kehrte jedoch in die Heimat zurück, um seine seine Schwester Rotraut im Jahr 1955 aus Groß Schwansee in den Westen zu holen – im selben Jahr, in dem die Skulptur entstand.

Auf den ersten Blick erinnert die Figur nicht unbedingt an die Darstellung seiner Schwester, sondern sie erlaubt – ausgelöst durch die Auseinandersetzung einiger westlicher Künstler mit afrikanischer Stammeskunst – eine Assoziation an eine deutsche Interpretation indigener Figuren. Darauf deutet insbesondere die Formulierung von Nase und Mund sowie der langgezogene Korpus der Protagonistin hin. Die Figur erinnert in ihrer Darstellung an afrikanische Nagelfetische, bei denen die Figuren ebenfalls mit Nägeln übersät werden. Primär soll der Nagelfetisch vor bösem Zauber oder Krankheiten schützen.

Die Oberfläche der Holzfigur ist allumfassend in gleichmäßigen Abständen mit Nägeln beschlagen. Die daraus resultierende zweite Ebene überdeckt, je nach Blickwinkel, Bereiche der Holzoberfläche. So lässt sich der Kopf in seiner Gesamtheit erst durch die Rotation sowie das Senken und Heben des Kopfes vollständig erfassen.

Schlussendlich bleibt es dem Betrachter offen, in dem Werk Ueckers eine Affinität zur afrikanischen Stammeskunst sehen zu wollen. Intendiert ist diese allerdings nicht.
„Neben Uecker muß man hier besonders an Yves Klein denken, an Newman, Rothko, Ad Reinhardt oder Beuys. Ihre Werke erhalten ihre besondere Kraft nicht allein aus der Form, sondern zudem aus der Intensität, mit der sie für uns alle offen und damit zugänglich für unsere eigenen Empfindungen gehalten werden. Ihre besondere Qualität liegt gerade in dieser visionären Offenheit, in dieser fragenden und von einem starken Glauben getragenen Suche, ihrer Unfähigkeit auch, naheliegende Antworten und fertige Rezepte zu geben.“
(Dieter Honisch, Uecker, (Werkverzeichnis bearbeitet von Harion Haedecke) Stuttgart 1983, No 1, S. 15.)
Unabhängig von der Deutung der Arbeit steht fest, dass es sich bei dem Frühwerk „Kopf“ trotz der charakteristischen Verwendung der handelsüblichen Nägel um eine ganz besondere Arbeit im Œuvre von Günther Uecker handelt.

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Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
+49-211-210 77 47

petra.schaepers@dorotheum.de


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Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 25.11.2020 - 16:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
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