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Lot Nr. 243


Adrian Ghenie *


(Baia Mare, Rumänien 1977 geb.)
Lenins Augen, 2010, rückseitig gewidmet, signiert Ghenie, Öl auf gefundenem Gemälde (Öl auf Leinwand), 90 x 70 cm, gerahmt

Provenienz:
Der Künstler
Privatsammlung, Berlin

Literatur:
Jürg Judin, Hrsg., Adrian Ghenie 19, Berlin 2020, S. 48, Farbabb. S. 49

In neunundneunzig Prozent der Fälle wähle ich ein Fragment aus der Kunstgeschichte, auf das ich antworte.
Aber dann verpacke ich das in ein Thema oder in eine andere Situation, die zeitgemäßer ist.
Adrian Ghenie in: Juerg Judin, Berlin 2020, S. 121

Der Begründer der Sowjetunion Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) ist die erste relevante Hauptfigur in dem Werkkomplex von Adrian Ghenie und nimmt damit eine Schlüsselposition in seinem Oeuvre ein. Die Großmutter des in Rumänien geborenen Künstlers väterlicherseits stammte aus Russland. In seiner Kindheit wurden ihm bereits kommunistische Ideale durch ihre Geschichtenerzählungen, die später auch sein Vater weiterführte, vermittelt. So liegt es auch nahe, dass er die Faszination für Lenin auch in seinen Bildern zur Diskussion stellt. Für das Werk „Lenin’s Eyes“ nutzte Ghenie ein vorgefundenes Gemälde mit einem propagandistischen Portrait Lenins. Es ist ein offizielles Portrait, das nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus ihren Garnisonen in Ostberlin im Jahr 1990 zurückgelassen wurde und schließlich seinen Weg in Ghenies Atelier fand.
Ghenie übermalte das vorgefundene Portrait mit wildem Pinselduktus in weißer Farbe. Lediglich die Augen des kommunistischen Führers sind freigestellt und offensichtlich zu erkennen. Durch diesen Eingriff konzentriert sich der Rezipient ausschließlich auf diese konkrete Partie und versucht den Ausdruck der portraitierten Person ohne Hinweise, wie beispielsweise die markanten Gesichtszüge oder dem charakteristischen Spitzbart Lenins, zu identifizieren. Sein nach rechts gerichteter Blick sticht zwischen den übermalten Bildflächen signifikant hervor. Bewusst wurde hier die Farbe Weiß gewählt, damit keine Couleur vom Wesentlichen, nämlich der Augenpartie, ablenkt. Dabei wirkt sein Blick schon fast sanft und könnte von den Betrachtern ohne den Titel vermutlich nicht als eine der erschreckendsten Figuren der Weltgeschichte eingeordnet werden. (Juerg Judin, Hrsg., Adrian Ghenie – Paintings 2014 – 19, Berlin 2020, S. 48)
Das Werk „Lenin’s Eyes“ bezieht sich darüber hinaus auch auf die Serie „Monumentale Propaganda“ von dem Künstlerkollektiv Komar & Melamid. Diese Formierung war eine Reaktion auf die Zerstörung sozialistisch-realistischer Denkmäler in Russland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989 gaben sich viele Menschen ihrer Wut und ihrem Ärger hin, indem sie öffentlich Denkmäler zerstörten. Auf Einladung von Komar & Melamid schufen mehr als 200 russische und westliche Künstler Projekte zur Erhaltung dieser Denkmäler. Die Berichterstattung über das Projekt verhinderte die fortlaufende Zerstörung von Denkmälern in Russland. Auch die Arbeit von Ghenie greift diese grundlegende Nostalgie auf und lässt Lenins geschichtsträchtige Präsenz hinter einer weißen Fassade verschwinden. Das sogenannte „whitewashing“ des Portraits und dem daraus resultierenden Versuch die Menschen davon abzuhalten, die wahren Tatsachen über eine Situation herauszufinden, lässt sich wesentlich auf den historischen Kontext der Arbeit zurückführen. In Ghenies Werken ist seine Faszination für Geschichte, die von dem Trauma der Diktatur überschattet wird, unmittelbar spürbar. „Lenin’s Eyes“ bleibt die letzte Beschäftigung mit dem Diktator. Die Faszination für die großen Ideologen des 20. Jahrhunderts führte er weiter und malte andere bedeutende Persönlichkeiten wie Vincent Van Gogh, Charles Darwin und Josef Mengele. Dabei interessiert ihn insbesondere die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Erscheinungsbild unter der Verwendung von offiziellen Staatsportraits. Ähnliches kann auch bei dem Werk „Lenin’s Eyes“ festgestellt werden, bei dem der offizielle Charakter des Bildes verloren geht und ein friedvoller schon fast privater Lenin offenbart wird.

Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
+49-211-210 77 47

petra.schaepers@dorotheum.de

25.11.2020 - 16:00

Erzielter Preis: **
EUR 94.050,-
Schätzwert:
EUR 75.000,- bis EUR 90.000,-

Adrian Ghenie *


(Baia Mare, Rumänien 1977 geb.)
Lenins Augen, 2010, rückseitig gewidmet, signiert Ghenie, Öl auf gefundenem Gemälde (Öl auf Leinwand), 90 x 70 cm, gerahmt

Provenienz:
Der Künstler
Privatsammlung, Berlin

Literatur:
Jürg Judin, Hrsg., Adrian Ghenie 19, Berlin 2020, S. 48, Farbabb. S. 49

In neunundneunzig Prozent der Fälle wähle ich ein Fragment aus der Kunstgeschichte, auf das ich antworte.
Aber dann verpacke ich das in ein Thema oder in eine andere Situation, die zeitgemäßer ist.
Adrian Ghenie in: Juerg Judin, Berlin 2020, S. 121

Der Begründer der Sowjetunion Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) ist die erste relevante Hauptfigur in dem Werkkomplex von Adrian Ghenie und nimmt damit eine Schlüsselposition in seinem Oeuvre ein. Die Großmutter des in Rumänien geborenen Künstlers väterlicherseits stammte aus Russland. In seiner Kindheit wurden ihm bereits kommunistische Ideale durch ihre Geschichtenerzählungen, die später auch sein Vater weiterführte, vermittelt. So liegt es auch nahe, dass er die Faszination für Lenin auch in seinen Bildern zur Diskussion stellt. Für das Werk „Lenin’s Eyes“ nutzte Ghenie ein vorgefundenes Gemälde mit einem propagandistischen Portrait Lenins. Es ist ein offizielles Portrait, das nach dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus ihren Garnisonen in Ostberlin im Jahr 1990 zurückgelassen wurde und schließlich seinen Weg in Ghenies Atelier fand.
Ghenie übermalte das vorgefundene Portrait mit wildem Pinselduktus in weißer Farbe. Lediglich die Augen des kommunistischen Führers sind freigestellt und offensichtlich zu erkennen. Durch diesen Eingriff konzentriert sich der Rezipient ausschließlich auf diese konkrete Partie und versucht den Ausdruck der portraitierten Person ohne Hinweise, wie beispielsweise die markanten Gesichtszüge oder dem charakteristischen Spitzbart Lenins, zu identifizieren. Sein nach rechts gerichteter Blick sticht zwischen den übermalten Bildflächen signifikant hervor. Bewusst wurde hier die Farbe Weiß gewählt, damit keine Couleur vom Wesentlichen, nämlich der Augenpartie, ablenkt. Dabei wirkt sein Blick schon fast sanft und könnte von den Betrachtern ohne den Titel vermutlich nicht als eine der erschreckendsten Figuren der Weltgeschichte eingeordnet werden. (Juerg Judin, Hrsg., Adrian Ghenie – Paintings 2014 – 19, Berlin 2020, S. 48)
Das Werk „Lenin’s Eyes“ bezieht sich darüber hinaus auch auf die Serie „Monumentale Propaganda“ von dem Künstlerkollektiv Komar & Melamid. Diese Formierung war eine Reaktion auf die Zerstörung sozialistisch-realistischer Denkmäler in Russland. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989 gaben sich viele Menschen ihrer Wut und ihrem Ärger hin, indem sie öffentlich Denkmäler zerstörten. Auf Einladung von Komar & Melamid schufen mehr als 200 russische und westliche Künstler Projekte zur Erhaltung dieser Denkmäler. Die Berichterstattung über das Projekt verhinderte die fortlaufende Zerstörung von Denkmälern in Russland. Auch die Arbeit von Ghenie greift diese grundlegende Nostalgie auf und lässt Lenins geschichtsträchtige Präsenz hinter einer weißen Fassade verschwinden. Das sogenannte „whitewashing“ des Portraits und dem daraus resultierenden Versuch die Menschen davon abzuhalten, die wahren Tatsachen über eine Situation herauszufinden, lässt sich wesentlich auf den historischen Kontext der Arbeit zurückführen. In Ghenies Werken ist seine Faszination für Geschichte, die von dem Trauma der Diktatur überschattet wird, unmittelbar spürbar. „Lenin’s Eyes“ bleibt die letzte Beschäftigung mit dem Diktator. Die Faszination für die großen Ideologen des 20. Jahrhunderts führte er weiter und malte andere bedeutende Persönlichkeiten wie Vincent Van Gogh, Charles Darwin und Josef Mengele. Dabei interessiert ihn insbesondere die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Erscheinungsbild unter der Verwendung von offiziellen Staatsportraits. Ähnliches kann auch bei dem Werk „Lenin’s Eyes“ festgestellt werden, bei dem der offizielle Charakter des Bildes verloren geht und ein friedvoller schon fast privater Lenin offenbart wird.

Expertin: Dr. Petra Maria Schäpers Dr. Petra Maria Schäpers
+49-211-210 77 47

petra.schaepers@dorotheum.de


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Zeitgenössische Kunst I
Datum: 25.11.2020 - 16:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: online


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

Es können keine Kaufaufträge über Internet mehr abgegeben werden. Die Auktion befindet sich in Vorbereitung bzw. wurde bereits durchgeführt.