Sie nutzen einen veralteten Browser!

Um unsere Website voll funktionsfähig nutzen zu können, sollten Sie eine aktuelle Browserversion installieren. Eine Auflistung von empfohlenen Browserversionen finden Sie gleich hier.



Lot Nr. 13


Giorgio de Chirico *


(Volos, Griechenland 1888–1978 Rom)
Piazza d’Italia, Ende 1940er, signiert; auf der Rückseite signiert, Echtheitserklärung und notarielle Beglaubigung (datiert 1. April 1963), Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm, gerahmt

Das Werk ist bei der Fondazione Giorgio e Isa de Chirico unter der Nr. 016/06/20 OT registriert. Ein Fotozertifikat (vom 22. Oktober 2020) liegt bei.

Zu diesem Werk liegt ein Fotozertifikat von Claudio Bruni Sakraischik, Rom (23. April 1988) vor.

Zu diesem Werk liegt ein vom Künstler signiertes Fotozertifikat vor.

Provenienz:
Finarte, Mailand, 24. März 1988, Los 54
Europäische Privatsammlung

Literatur:
AA. VV., Arte all’incanto. Aste Finarte 1987/1988, Longanesi & C., Mailand 1988, Ausst.-Kat. S. 220

De Chiricos Landschaften sind still, einsam, melancholisch, in ein unwirkliches Licht getaucht und zuweilen beunruhigend, sie geben einem das Gefühl mitten in einem Traum zu sein.
Man kann fast die Stille sehen, es ist eine Stille, die die absolute Bewegungslosigkeit des Bildes fasziniert und gleichzeitig stört und das Unwirkliche und Magische heraufbeschwört. Die Szenen sind klar definiert, die kühleren Töne mit langen, ausgeprägten Schatten füllen die Plätze in der Mitte, auf denen antike Skulpturen stehen, Statuen auf Steinsockeln, die in der Mitte des Platzes zu schweben scheinen und an den Klassizismus erinnern, mit dem der Künstler aufgewachsen ist. Die Schatten sind die Protagonisten, sie projizieren sich auf die ganze Szene, als wären sie auf der Bühne; im Hintergrund, hinter einer roten Backsteinmauer, erscheint eine Dampfmaschine mit einer großen Rauchwolke, die an de Chiricos Reisemotiv aber auch an die Arbeit seines Vaters erinnert.

De Chirico sucht nach jedem winzigen Bereich, der sich der abgelenkten Normalität alltäglicher Wahrnehmungen entzieht - er lauscht der Stille, betrachtet das Unsichtbare, jeder Gegenstand ist reich an Symbolik, und alles dreht sich um eine Abwesenheit. Seine Landschaften sind tatsächlich oft einsam, aber in einigen von ihnen ist es möglich, diejenigen zu sehen, die in diesen metaphysischen Städten leben: Schaufensterpuppen, entmenschlichte Männer, die Dichter, Wahrsager, Philosophen, Archäologen darstellen. In anderen finden wir liegende Gottheiten, kopflose Büsten und zerschmetterte Gliedmaßen. In seinen Gemälden dominiert ein Gefühl der Entfremdung und er evoziert eine schwebende und zeitlose Atmosphäre. Die Komposition ist rein und frei von jeglichen hinzugefügten Elementen.
Seine Städte sind wahre Städte des Denkens, idealisierte Städte, in denen nichts so ist, wie es scheint, und in denen ein Gefühl der Verwirrung durch den Kontrast zwischen der Klarheit der Vision und der Dunkelheit der Elemente, aus der sie sich zusammensetzt, noch verstärkt wird. Seine Bilder sind bedrohlich, ein Gefühl, das durch die trostlose Ruhe ihrer isolierten Stadtlandschaften übertrieben wird, die zugleich vertraut und unheimlich sind.

Die Stadt ist ein wiederkehrendes Motiv für de Chirico. In seinen Städten sind die Räume mit runden, quadratischen, zylindrischen Türmen übersät. Seine Städte sind zeitlos, weit entfernt von den lärmenden Metropolen der Futuristen. Die Einzigartigkeit von de Chiricos Oeuvre ergibt sich aus seinem Widerstand gegen alles, was die Grundlage der modernen Kunst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete. In einer Zeit, in der die Künstler versuchten, den Menschen zu verändern und von der figurativen Malerei zur Abstraktion überzugehen, behielt de Chirico den Kodex der traditionellen Malerei bei und konzentrierte sich auf die Realität. Während sich die Avantgardebewegungen auf die Auflösung traditioneller Formen konzentrierten, verteidigte er das Handwerk des Malers, wobei er das Bild immer als Blickfeld betrachtete.
Für de Chirico wird die Architektur Geometrie und reine Materialität, er führt jene Perspektive erneut ein, die die Grundlage der italienischen Kunstgeschichte war und von der modernen Kunst abgelehnt wurde.

Auf dieser „Piazza d'Italia“, die de Chirico gegen Ende der 1940er Jahre malte, finden sich alle typischen Elemente der metaphysischen Poetik des Malers: der Platz mit seiner Architektur und seinen Arkaden, die Statue der schlafenden Ariadne, die Anwesenheit der beiden miteinander sprechenden Männer, die Mauer, der Turm und der Zug.
Eine Atmosphäre des Geheimnisses und der Erwartung durchdringt den ganzen Raum und verleiht ihm eine kraftvolle, feierliche Stille, die durch den langen Schatten, den die Wand und der Turm, die Statue und die beiden Männer werfen, noch verstärkt wird. Die bogenförmige architektonische Struktur, die in dieser Leinwand die beiden Seiten der Komposition abgrenzt, ist für de Chirico die Metapher der ewigen Gegenwart. Es ist ein Element, das Volles und Leeres, Innen und Außen, Licht und Schatten zusammenführt. Unter der Architektur sticht die schweigende, einsame Statue der schlafenden Ariadne hervor; hinter ihr befindet sich die Mauer, ein weiteres Symbol, das de Chirico sehr am Herzen liegt, hinter der wir einen Zug und die ferne Landschaft erkennen können. Das Mysterium jenseits des Lebens liegt gleich hinter der Mauer, gerade außer Reichweite, neben dem Zug - stellvertretend für Reisen und die Abenteuer des Geistes.

„Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum dritten Male dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann.“

S. Freud, Das Unheimliche, 1919

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it

24.11.2020 - 16:00

Schätzwert:
EUR 140.000,- bis EUR 180.000,-

Giorgio de Chirico *


(Volos, Griechenland 1888–1978 Rom)
Piazza d’Italia, Ende 1940er, signiert; auf der Rückseite signiert, Echtheitserklärung und notarielle Beglaubigung (datiert 1. April 1963), Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm, gerahmt

Das Werk ist bei der Fondazione Giorgio e Isa de Chirico unter der Nr. 016/06/20 OT registriert. Ein Fotozertifikat (vom 22. Oktober 2020) liegt bei.

Zu diesem Werk liegt ein Fotozertifikat von Claudio Bruni Sakraischik, Rom (23. April 1988) vor.

Zu diesem Werk liegt ein vom Künstler signiertes Fotozertifikat vor.

Provenienz:
Finarte, Mailand, 24. März 1988, Los 54
Europäische Privatsammlung

Literatur:
AA. VV., Arte all’incanto. Aste Finarte 1987/1988, Longanesi & C., Mailand 1988, Ausst.-Kat. S. 220

De Chiricos Landschaften sind still, einsam, melancholisch, in ein unwirkliches Licht getaucht und zuweilen beunruhigend, sie geben einem das Gefühl mitten in einem Traum zu sein.
Man kann fast die Stille sehen, es ist eine Stille, die die absolute Bewegungslosigkeit des Bildes fasziniert und gleichzeitig stört und das Unwirkliche und Magische heraufbeschwört. Die Szenen sind klar definiert, die kühleren Töne mit langen, ausgeprägten Schatten füllen die Plätze in der Mitte, auf denen antike Skulpturen stehen, Statuen auf Steinsockeln, die in der Mitte des Platzes zu schweben scheinen und an den Klassizismus erinnern, mit dem der Künstler aufgewachsen ist. Die Schatten sind die Protagonisten, sie projizieren sich auf die ganze Szene, als wären sie auf der Bühne; im Hintergrund, hinter einer roten Backsteinmauer, erscheint eine Dampfmaschine mit einer großen Rauchwolke, die an de Chiricos Reisemotiv aber auch an die Arbeit seines Vaters erinnert.

De Chirico sucht nach jedem winzigen Bereich, der sich der abgelenkten Normalität alltäglicher Wahrnehmungen entzieht - er lauscht der Stille, betrachtet das Unsichtbare, jeder Gegenstand ist reich an Symbolik, und alles dreht sich um eine Abwesenheit. Seine Landschaften sind tatsächlich oft einsam, aber in einigen von ihnen ist es möglich, diejenigen zu sehen, die in diesen metaphysischen Städten leben: Schaufensterpuppen, entmenschlichte Männer, die Dichter, Wahrsager, Philosophen, Archäologen darstellen. In anderen finden wir liegende Gottheiten, kopflose Büsten und zerschmetterte Gliedmaßen. In seinen Gemälden dominiert ein Gefühl der Entfremdung und er evoziert eine schwebende und zeitlose Atmosphäre. Die Komposition ist rein und frei von jeglichen hinzugefügten Elementen.
Seine Städte sind wahre Städte des Denkens, idealisierte Städte, in denen nichts so ist, wie es scheint, und in denen ein Gefühl der Verwirrung durch den Kontrast zwischen der Klarheit der Vision und der Dunkelheit der Elemente, aus der sie sich zusammensetzt, noch verstärkt wird. Seine Bilder sind bedrohlich, ein Gefühl, das durch die trostlose Ruhe ihrer isolierten Stadtlandschaften übertrieben wird, die zugleich vertraut und unheimlich sind.

Die Stadt ist ein wiederkehrendes Motiv für de Chirico. In seinen Städten sind die Räume mit runden, quadratischen, zylindrischen Türmen übersät. Seine Städte sind zeitlos, weit entfernt von den lärmenden Metropolen der Futuristen. Die Einzigartigkeit von de Chiricos Oeuvre ergibt sich aus seinem Widerstand gegen alles, was die Grundlage der modernen Kunst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bildete. In einer Zeit, in der die Künstler versuchten, den Menschen zu verändern und von der figurativen Malerei zur Abstraktion überzugehen, behielt de Chirico den Kodex der traditionellen Malerei bei und konzentrierte sich auf die Realität. Während sich die Avantgardebewegungen auf die Auflösung traditioneller Formen konzentrierten, verteidigte er das Handwerk des Malers, wobei er das Bild immer als Blickfeld betrachtete.
Für de Chirico wird die Architektur Geometrie und reine Materialität, er führt jene Perspektive erneut ein, die die Grundlage der italienischen Kunstgeschichte war und von der modernen Kunst abgelehnt wurde.

Auf dieser „Piazza d'Italia“, die de Chirico gegen Ende der 1940er Jahre malte, finden sich alle typischen Elemente der metaphysischen Poetik des Malers: der Platz mit seiner Architektur und seinen Arkaden, die Statue der schlafenden Ariadne, die Anwesenheit der beiden miteinander sprechenden Männer, die Mauer, der Turm und der Zug.
Eine Atmosphäre des Geheimnisses und der Erwartung durchdringt den ganzen Raum und verleiht ihm eine kraftvolle, feierliche Stille, die durch den langen Schatten, den die Wand und der Turm, die Statue und die beiden Männer werfen, noch verstärkt wird. Die bogenförmige architektonische Struktur, die in dieser Leinwand die beiden Seiten der Komposition abgrenzt, ist für de Chirico die Metapher der ewigen Gegenwart. Es ist ein Element, das Volles und Leeres, Innen und Außen, Licht und Schatten zusammenführt. Unter der Architektur sticht die schweigende, einsame Statue der schlafenden Ariadne hervor; hinter ihr befindet sich die Mauer, ein weiteres Symbol, das de Chirico sehr am Herzen liegt, hinter der wir einen Zug und die ferne Landschaft erkennen können. Das Mysterium jenseits des Lebens liegt gleich hinter der Mauer, gerade außer Reichweite, neben dem Zug - stellvertretend für Reisen und die Abenteuer des Geistes.

„Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum dritten Male dahingeriet. Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann.“

S. Freud, Das Unheimliche, 1919

Experte: Alessandro Rizzi Alessandro Rizzi
+39-02-303 52 41

alessandro.rizzi@dorotheum.it


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Klassische Moderne
Datum: 24.11.2020 - 16:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: online