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Lot Nr. 526


Ferdinand Georg Waldmüller


(Wien 1793–1865 Hinterbrühl)
Das gutmütige Kind (Der Bettler), Öl auf Holz, 66 x 52 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Oscar Löwenstein (1868–1942), Wien/London;
Im Erbgang an seine Witwe Irma Löwenstein (1890–1975), Wien/London;
1938 Zwangsverkauf an Maria Almas Dietrich, München;
Führermuseum Linz, Inv Nr. 100;
1945 Central Collecting Point, München, Inv Nr. 8593;
1949 Oberfinanzdirektion Berlin;
Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland im Deutschen Historischen Museum, Berlin und Von der Heydt-Museum, Wuppertal.
2019 Restitution an die Erben nach Oscar und Irma Löwenstein,
Das Gemälde wird zugunsten der „sight loss charitiy“ der Vision Foundation, UK versteigert.

Ausgestellt:
1859, Akademische Ausstellung, Wien, Nr. 95;
1865, Österreichischer Kunstverein, Wien, Nr. 31 (“Die kleine Almosenspenderin”);
1877, Historische Kunstausstellung Wien, Nr. 2925;
1898, Jubiläumsausstellung Künstlerhaus Wien, Nr. 105 (“Almosen”).

Abgebildet und verzeichnet in:
Bruno Grimschitz, Ferdinand Georg Waldmüller, Salzburg 1957, S. 359, Nr. 900;
Friedrich von Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Hofheim am Taunus 1979, Bd. II, 2, S. 9970, Nr. 140 (falsche Provenienz);
Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller. Leben, Schriften, Werk, Wien 1996, S. 516, Nr. 981.

Künstlerhausetikett 1898, 4150 von Mag. Paul Rachler bestätigt.

In dem Genrebild „Das gutmütige Kind“ gelingt es Ferdinand Georg Waldmüller in einer scheinbar einfachen und alltäglichen Szene die verschiedenen Facetten des menschlichen Mitgefühls auszuloten.
Aus einem sonnenbeschienenen Hauseingang eines einfachen Gehöfts ist eine Mutter mit ihren zwei Kleinkindern herausgetreten. Das jüngere trägt sie im Arm, das ältere, etwa vierjährige Kind macht ein paar Schritte nach vorn und reicht einem alten Bettler, der einen schweren Sack geschultert hat und sich zu ihm herabbeugt, ein Stück Brot. Die Blicke des Kindes und des Bettlers treffen sich und wir Betrachter erhaschen einen intensiven, ganz unverstellten Ausdruck des Mitgefühls in den Zügen des Kindes. Die Wirkung ist umso stärker, als auch das Heim der Gebenden Anzeichen der Einfachheit und Armut trägt: Der Verputz der dicken Hausmauer bröckelt, neben der Tür lässt nur ein kleines Kastenfenster Licht in das dunkle Innere des Hauses, in dem dennoch hinten auf dem Herd der verheißungsvolle Wiederschein des Feuers zu erahnen ist, auf dem etwas in einem Topf köchelt. Mutter und Kinder sind in einfache Hemden und Blauzeug-Schürzen gekleidet und allesamt barfuß. Dennoch erstrahlen ihre Kleider in den Primärfarben Rot, Blau und Gelb, die Waldmüller in seinem Spätwerk häufig als Dreiklang in den Gewändern der einfachen Landbevölkerung des Wienerwaldes einsetzt. Im deutlichen Kontrast dazu stehen die braunen, dumpfen Gewänder des Bettlers.
Neben der Kernszene, die sich zwischen Bettler und Kind abspielt, zieht auch das Gesicht der Mutter unsere Blicke an. Ihre Züge sind weniger eindeutig zu lesen, sie tragen einen mitfühlenden, aber zugleich fragenden Ausdruck. Als Erwachsene scheint sie Hemmungen zu haben, ihr Mitgefühl so unverstellt wie ihr Kind zu zeigen. Ihr scheint bewusst, dass das Stück Brot zwar den akuten Hunger stillt, jedoch keine nachhaltige Hilfe für den Bettler darstellt. Durch sie gelingt es Waldmüller das Thema des Mitgefühls auch über den Einzelfall hinaus auf eine allgemeinere Ebene zu heben.
Das jüngere Geschwisterchen auf dem Arm der Mutter spielt die Szene für sich nach, in dem es ein Stück Brot mit seinen Händen in zwei Hälften bricht. Es wirkt dadurch wie ein Appell an den Betrachter, es ihm gleichzutun. So lässt sich auch der üppige Rosenstock, der rechts aus dem kargen Boden wächst, wie eine abschließende Metapher lesen, dass menschliche Wärme auch unter den härtesten Bedingungen blühen kann.

Das vorliegende Los befand sich bis 1938 in der umfangreichen Sammlung von Irma und Oscar Löwenstein, dem Gründer und Herausgeber der 1893 gegründeten liberal ausgerichteten Zeitung „Neues Wiener Journal“. Ein historisches Foto des Speisezimmers der Löwensteins zeigt „Das gutmütige Kind“ links an der Wand. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde das als „Juden“ verfolgte Ehepaar gezwungen, ihr gesamtes Vermögen bei den Behörden zu melden, worunter sich drei Gemälde aus der Hand Ferdinand Georg Waldmüllers befanden. Vor ihrer Emigration verkaufte das Ehepaar Löwenstein unter Zwang im Sommer 1938 diese drei Werke an die Münchner Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich, von der sie später in den Sonderauftrag Linz - das von Adolf Hitler geplante Führermuseum - übergingen. Dem Ehepaar Löwenstein gelang noch im selben Jahr die Flucht nach Großbritannien, wo Oscar Löwenstein noch während des Krieges verstarb. Nach dem Anschluss 1938 wurden die jüdischen Mitarbeiter und internationalen Korrespondenten des Neuen Wiener Journal entlassen. Die Zeitung erschien unter nationalsozialistischer Kontrolle weiter bis Ende Jänner 1939, als sie mit der Neuen Freien Presse und dem Neuen Wiener Tagblatt zusammengelegt wurde. 2019 konnten die Werke endlich nach langjährigen Leihgaben an Deutsche Bundesmuseen an die Erben nach Oscar und Irma Löwenstein restituiert werden. „Das Weinlesefest“ und „Der Besuch der Großeltern“ wurden bereits im November 2020 im Dorotheum erfolgreich auktioniert, mit dem „gutmütigen Kind“ gelangt nun das dritte im Auftrag der Erben zur Versteigerung. (KN)

Expertin: Mag. Dimitra Reimüller Mag. Dimitra Reimüller
+43-1-515 60-355

19c.paintings@dorotheum.at

07.06.2021 - 16:00

Erzielter Preis: **
EUR 296.100,-
Schätzwert:
EUR 150.000,- bis EUR 200.000,-

Ferdinand Georg Waldmüller


(Wien 1793–1865 Hinterbrühl)
Das gutmütige Kind (Der Bettler), Öl auf Holz, 66 x 52 cm, gerahmt

Provenienz:
Sammlung Oscar Löwenstein (1868–1942), Wien/London;
Im Erbgang an seine Witwe Irma Löwenstein (1890–1975), Wien/London;
1938 Zwangsverkauf an Maria Almas Dietrich, München;
Führermuseum Linz, Inv Nr. 100;
1945 Central Collecting Point, München, Inv Nr. 8593;
1949 Oberfinanzdirektion Berlin;
Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland im Deutschen Historischen Museum, Berlin und Von der Heydt-Museum, Wuppertal.
2019 Restitution an die Erben nach Oscar und Irma Löwenstein,
Das Gemälde wird zugunsten der „sight loss charitiy“ der Vision Foundation, UK versteigert.

Ausgestellt:
1859, Akademische Ausstellung, Wien, Nr. 95;
1865, Österreichischer Kunstverein, Wien, Nr. 31 (“Die kleine Almosenspenderin”);
1877, Historische Kunstausstellung Wien, Nr. 2925;
1898, Jubiläumsausstellung Künstlerhaus Wien, Nr. 105 (“Almosen”).

Abgebildet und verzeichnet in:
Bruno Grimschitz, Ferdinand Georg Waldmüller, Salzburg 1957, S. 359, Nr. 900;
Friedrich von Boetticher, Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Hofheim am Taunus 1979, Bd. II, 2, S. 9970, Nr. 140 (falsche Provenienz);
Rupert Feuchtmüller, Ferdinand Georg Waldmüller. Leben, Schriften, Werk, Wien 1996, S. 516, Nr. 981.

Künstlerhausetikett 1898, 4150 von Mag. Paul Rachler bestätigt.

In dem Genrebild „Das gutmütige Kind“ gelingt es Ferdinand Georg Waldmüller in einer scheinbar einfachen und alltäglichen Szene die verschiedenen Facetten des menschlichen Mitgefühls auszuloten.
Aus einem sonnenbeschienenen Hauseingang eines einfachen Gehöfts ist eine Mutter mit ihren zwei Kleinkindern herausgetreten. Das jüngere trägt sie im Arm, das ältere, etwa vierjährige Kind macht ein paar Schritte nach vorn und reicht einem alten Bettler, der einen schweren Sack geschultert hat und sich zu ihm herabbeugt, ein Stück Brot. Die Blicke des Kindes und des Bettlers treffen sich und wir Betrachter erhaschen einen intensiven, ganz unverstellten Ausdruck des Mitgefühls in den Zügen des Kindes. Die Wirkung ist umso stärker, als auch das Heim der Gebenden Anzeichen der Einfachheit und Armut trägt: Der Verputz der dicken Hausmauer bröckelt, neben der Tür lässt nur ein kleines Kastenfenster Licht in das dunkle Innere des Hauses, in dem dennoch hinten auf dem Herd der verheißungsvolle Wiederschein des Feuers zu erahnen ist, auf dem etwas in einem Topf köchelt. Mutter und Kinder sind in einfache Hemden und Blauzeug-Schürzen gekleidet und allesamt barfuß. Dennoch erstrahlen ihre Kleider in den Primärfarben Rot, Blau und Gelb, die Waldmüller in seinem Spätwerk häufig als Dreiklang in den Gewändern der einfachen Landbevölkerung des Wienerwaldes einsetzt. Im deutlichen Kontrast dazu stehen die braunen, dumpfen Gewänder des Bettlers.
Neben der Kernszene, die sich zwischen Bettler und Kind abspielt, zieht auch das Gesicht der Mutter unsere Blicke an. Ihre Züge sind weniger eindeutig zu lesen, sie tragen einen mitfühlenden, aber zugleich fragenden Ausdruck. Als Erwachsene scheint sie Hemmungen zu haben, ihr Mitgefühl so unverstellt wie ihr Kind zu zeigen. Ihr scheint bewusst, dass das Stück Brot zwar den akuten Hunger stillt, jedoch keine nachhaltige Hilfe für den Bettler darstellt. Durch sie gelingt es Waldmüller das Thema des Mitgefühls auch über den Einzelfall hinaus auf eine allgemeinere Ebene zu heben.
Das jüngere Geschwisterchen auf dem Arm der Mutter spielt die Szene für sich nach, in dem es ein Stück Brot mit seinen Händen in zwei Hälften bricht. Es wirkt dadurch wie ein Appell an den Betrachter, es ihm gleichzutun. So lässt sich auch der üppige Rosenstock, der rechts aus dem kargen Boden wächst, wie eine abschließende Metapher lesen, dass menschliche Wärme auch unter den härtesten Bedingungen blühen kann.

Das vorliegende Los befand sich bis 1938 in der umfangreichen Sammlung von Irma und Oscar Löwenstein, dem Gründer und Herausgeber der 1893 gegründeten liberal ausgerichteten Zeitung „Neues Wiener Journal“. Ein historisches Foto des Speisezimmers der Löwensteins zeigt „Das gutmütige Kind“ links an der Wand. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde das als „Juden“ verfolgte Ehepaar gezwungen, ihr gesamtes Vermögen bei den Behörden zu melden, worunter sich drei Gemälde aus der Hand Ferdinand Georg Waldmüllers befanden. Vor ihrer Emigration verkaufte das Ehepaar Löwenstein unter Zwang im Sommer 1938 diese drei Werke an die Münchner Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich, von der sie später in den Sonderauftrag Linz - das von Adolf Hitler geplante Führermuseum - übergingen. Dem Ehepaar Löwenstein gelang noch im selben Jahr die Flucht nach Großbritannien, wo Oscar Löwenstein noch während des Krieges verstarb. Nach dem Anschluss 1938 wurden die jüdischen Mitarbeiter und internationalen Korrespondenten des Neuen Wiener Journal entlassen. Die Zeitung erschien unter nationalsozialistischer Kontrolle weiter bis Ende Jänner 1939, als sie mit der Neuen Freien Presse und dem Neuen Wiener Tagblatt zusammengelegt wurde. 2019 konnten die Werke endlich nach langjährigen Leihgaben an Deutsche Bundesmuseen an die Erben nach Oscar und Irma Löwenstein restituiert werden. „Das Weinlesefest“ und „Der Besuch der Großeltern“ wurden bereits im November 2020 im Dorotheum erfolgreich auktioniert, mit dem „gutmütigen Kind“ gelangt nun das dritte im Auftrag der Erben zur Versteigerung. (KN)

Expertin: Mag. Dimitra Reimüller Mag. Dimitra Reimüller
+43-1-515 60-355

19c.paintings@dorotheum.at


Käufer Hotline Mo.-Fr.: 09.00 - 18.00
kundendienst@dorotheum.at

+43 1 515 60 200
Auktion: Gemälde des 19. Jahrhunderts
Datum: 07.06.2021 - 16:00
Auktionsort: Wien | Palais Dorotheum
Besichtigung: 29.05. - 07.06.2021


** Kaufpreis inkl. Käufergebühr und Mehrwertsteuer

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